So eine Schule würde Pippi Langstrumpf gefallen - FALTER.maily #957

Nina Horaczek
Versendet am 23.11.2022

„Ich heiße Severin, bin 15 Jahre alt und habe Förderbedarf in Mathe, Physik und Chemie“, erzählt der Schüler ganz selbstbewusst vor der gesamten Schulklasse. Wenn Sie heute den neuen Falter aufschlagen, finden Sie auf Seite 40 (oder hier auf falter.at) einen Artikel von mir über Eltern, die für das Recht auf Bildung für ihre Kinder kämpfen. Es sind Teenager mit Trisomie 21, Autismus, Entwicklungsverzögerung und ähnlichen intellektuellen Beeinträchtigungen. Sie und ihre Eltern fordern, dass Jugendliche mit intellektueller Behinderung länger in die Schule gehen dürfen.

Ich wollte wissen, ob und wie Inklusion in der Oberstufe funktionieren kann. Also bin ich nach Salzburg gefahren, genauer gesagt nach Gröding in das Montessori Oberstufenrealgymnasium der Diakonie. Dort wird das, was im Rest Österreichs als unmöglich gilt, seit über einem Jahrzehnt praktiziert. Diese Schule wurde aus einer Not geboren, die Eltern von Kindern mit Behinderung bis heute kennen. Ein evangelischer Pfarrer wurde Vater eines Sohnes mit Trisomie 21 und konnte für den Buben keinen Kindergartenplatz finden. Also gründete er selbst einen Kindergarten und dann eine Volksschule, eine Mittelschule und seit 2011 darf die Schule als Schulversuch auch Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) in der Oberstufe unterrichten.

Seitdem sitzen in der Integrationsklasse auch sechs Teenager mit intellektueller Beeinträchtigung. Die Schülerinnen und Schüler lernen in allen Nebenfächern gemeinsam. Die Jugendlichen mit SPF werden von einer Inklusionslehrkraft unterstützt, die immer in der Klasse ist. Die Fachlehrer bringen der Klasse den Lernstoff auf unterschiedlichen Levels näher, wovon auch die Jugendlichen, die keine Behinderung haben, profitieren. In den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch werden die Jugendlichen mit SPF extra unterrichtet und auf den Pflichtschulabschluss vorbereitet. Die Schularbeiten schreiben alle in der Klasse gemeinsam, die I-Schülerinnen und -Schüler eben auf ihrem Niveau.

„Wir legen den Fokus nicht auf das, was nicht geht, sondern schauen, welche Potentiale in den Jugendlichen stecken, die wir fördern können“, sagt Schuldirektor Franz Greisberger. Nach der 7. Klasse geht es für die einen Richtung Matura, die anderen machen den Pflichtschulabschluss, beginnen eine Lehre oder finden einen Job in der Privatwirtschaft. Eine Absolventin ist sogar Studentin an der Pädagogischen Hochschule Salzburg, die ein inklusives Hochschulprogramm für Menschen mit Beeinträchtigung hat.

Auch in Wien gibt es so eine besondere Schule: Das evangelische Realgymnasium Donaustadt. Dort können Kinder mit intellektueller Beeinträchtigung von der 1. bis zur 7. Klasse Gymnasium mitlernen. „Und wenn wir wie jeden Juni zu unseren meeresbiologischen Tagen nach Kroatien fahren, kommen natürlich alle mit, auch die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf“, sagt Inklusionslehrer Dominik Alturban. Die SPF-Schülerinnen und Schüler haben zusätzlich jedes Jahr Berufspraktika, um erste Schritte in Richtung Berufsleben zu probieren.

Auch in der Donaustadt ist es völlig normal, dass Jugendliche auf unterschiedlichen Niveaus gemeinsam unterrichtet werden. Hier war bis vor kurzem sogar ein Teenager mit Autismus Schulsprecher.

Der einzige Haken an diesen schönen Schulgeschichten: In Salzburg ist aus Ressourcengründen nur alle drei Jahre eine solche I-Klasse möglich, im evangelischen Gymnasium in Wien gibt es für jedes Schuljahr genau sechs Plätze – für den gesamten Großraum Wien und Umgebung. Beide Schulen zeigen vor, dass Inklusion auch im Teenageralter möglich ist. Man muss es nur wollen – und als Gesellschaft bereit sein, solche Schulen zu finanzieren.

Nina Horaczek

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Nicht hier am Abend im FALTER.maily, sondern in der Früh im FALTER.morgen schreibt unsere Kollegin Soraya Pechtl. Mit diesem Newsletter starten fünfmal die Woche 40.000 Menschen in den Tag. Pechtl veröffentlicht dort Recherchen über prekär Beschäftigte, über die Skandale in Altersheimen oder über die Werbedeals der Stadt Wien. Das finden nicht nur wir außergewöhnlich, sondern auch die Caritas - sie verlieh Pechtl gestern Abend den Leopold-Ungar-Preis. Wir gratulieren herzlich! (Soraya freut sich sicherlich am meisten, wenn Sie den FALTER.morgen hier abonnieren.)

Gestern hatten wir es schon angekündigt, nun ist es in unserem Falter Radio online - die Kontroverse zwischen dem Direktor des Leopold Museums, Hans-Peter Wipplinger, und Aktivist Florian Wagner von der Letzten Generation mit den Falter-Redakteuren Matthias Dusini und Daniela Krenn. Zuvor hatten Klimaaktivisten - unter anderem Wagner - Öl über das Schutzglas von Gustav Klimts "Tod und Leben" geschüttet. Anschlag oder Inszenierung? Hier reinhören.

Freunde kurviger Formen lieben unser Stella Set: Pfeffer-, Salz- und Chilimühle. Das Leben kann nicht würzig genug sein!

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