Beckett und Albatros - FALTER.maily #959

Eva Konzett
Versendet am 25.11.2022

Es war ein fressendes Albatros-Kücken in seinem Nest, das die Briten vor fünf Jahren dazu brachte, das Plastiksackerl wegzulassen. Ein gräuliches tschilpendes Vogelbaby. Von einer Kamera eingefangen in einem entscheidenden Moment: Gerade wolle ihm die Vogelmutter einen Plastikfetzen in den gierig geöffneten Schnabel stecken. 

Keiner der unzähligen wissenschaftlichen Reports, keine alarmierende Statistik über Mikroplastik in den Ozeanen, keiner der längst bekannten Fakten über die Naturzerstörung im Allgemeinen und jene der Weltmeere im Speziellen hatte eine ähnliche Wirkung wie ein 2017 in der BBC-Naturdokureihe "Blue Planet" gezeigtes unnützes Stück Kunststoff in der Kückengurgel. 

Erst ging danach der Verbrauch von Plastiksackerln in Großbritannien drastisch zurück. Dann legte die Regierung 2018 noch eine Sondersteuer drauf. Und verbannte Mikroplastik aus Kosmetika.

Das Beispiel hat die deutsch-britische Historikerin Andrea Wulf in einem Interview mit der Hamburger "Zeit" als Beispiel für die Wirkmacht romantischer Ideen gebracht. Demnach versuchen "die Romantiker im Grunde die Dinge nicht nur durch ­Wissenschaft, sondern auch durch Einbildungskraft und Gefühl zu erklären", sagt sie.

Wulf muss es wissen. Sie hat eben das Buch "Fabelhafte Rebellen" vorgelegt. Die Historikerin folgt darin den Spuren der Brüder Schlegel, Schelling, Tiecks, Goethes und Schillers in den letzten Tagen des 18. Jahrhunderts in dem Kaff Jena in Thüringen. Jene Zeit, in denen eben diese "fabelhaften Rebellen" (unter den Argusaugen des väterlichen Freundes Goethe), angetrieben von den Ideen der Französischen Revolution, eine Denke entwickeln, die das Ich in den Mittelpunkt stellt. 

Die Französische Revolution hatte das Heilsversprechen vom Jenseits ins Diesseits gehievt, die Jenaer Gruppe baute eine Philosophie des Individuums drum herum. Und sie warnten davor, die Natur zu mechanisieren, zu verdingen, durch die aufkommende Industrialisierung untertan und dann kaputtzumachen.

"Dieser allerarmseligste Mechanismus, (...) verhindert, dass die Menschen nicht mehr das Herz haben, die Kunst, den Himmel und die Natur als etwas Göttliches anzusehen", hatte etwa Ludwig Tieck gemahnt.

Die Denker der Romantik versammelten sich also in Jena, die Bilder zur neuen Bewegung lieferte unter anderem Caspar David Friedrich im rund 170 Kilometer entfernten Dresden. Seine Ölmalerei "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" (1819/1820) gilt als Ikone der Romantik.

Den irischen Schriftsteller Samuel Beckett hat das Gemälde in der Nachkriegszeit zu seinem Theaterstück "Warten auf Godot" inspiriert. Längst ist das Drama Literaturkanon. Es zeigt das sinnlose Warten ohne Aussicht auf Erlösung.

Vor wenigen Tagen ging im ägyptischen Küstenort Scharm El-Scheich wieder eine Weltklimakonferenz mit bescheidenden Ergebnissen über die Bühne.

Womit wir wieder beim Albatroskücken sind.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende!

Ihre Eva Konzett


Gute Argumente

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