Wien, Welthauptstadt der Platzangst - FALTER.maily #961

Klaus Nüchtern
Versendet am 28.11.2022

Man darf und soll das Ranking der angeblich lebenswertesten Städte auf diesem havarierten Planeten, auf dem Wien zuletzt wieder einmal auf Platz eins zu liegen kam, schon hinterfragen und sich skeptisch zeigen, weil: Für wen noch mal genau? Andererseits: Vor die Wahl zwischen Wuhan, Wuxi, Wuhu, Wuppertal und Wien gestellt, könnte man sich eventuell schon für Wien entscheiden. Ganz ehrlich: Ich würde. Weswegen ich meine Augen aber keineswegs vor den Schattenseiten der Stadt verschließen möchte.

Jetzt, wo die allsommerliche Verbaustellisierung der Stadt allmählich zurückgeht, wird die Freude über die wiedergewonnene fußgängerische oder velizopidäre Freiheit durch den jahreszeitlich Adventmarkstarmaggedon sofort wieder getrübt. Wie Sie dennoch "punschlos glücklich" durch die christlkindlkontaminierte Wiener Innenstadt gelangen, haben meine Kolleg:innen gemeinsam mit FALTER-Illustrator Oliver Hofmann in dem wunderbaren Parcours "Grinch, ärgere dich nicht!" auf spielerische Weise dargestellt.

In Georg Kreislers leidlich lustigem Lied "Wien ohne Wiener" heißt es unter anderem: "Wie schön wäre Wien ohne Wiener/ Ein Gewinn für den Fremdenverkehr / Die Autos ständen stumm / Des Riesenrad fallet um / Und die lauschigen Gassen wärn leer…" Diese vielleicht verlockende Vorstellung geht freilich an der Realität vorbei, da die "Fremden" durchaus nicht alle mit der Bahn oder dem Fahrrad anreisen; vollends unsinnig aber ist die implizite Unterstellung, dass das Riesenrad ausschließlich von Einheimischen frequentiert würde.

"Wie schön wäre Wien ohne Touristen" denke ich mir insbesondere im Advent, wenn ich mich wieder einmal dazu habe hinreißen lassen, über den Graben oder den Kohlmarkt zu gehen. Aber zugegeben, ich verdiene mein Geld nicht im Handel oder Fremdenverkehr, und wenn ich mich hier über den Overtourism echauffiere, der Wien circa die Hälfte des Jahres in seinen Klauen hat, ist das schon deswegen ein bissl bigott, weil ich selbst der klassische Städtetourist bin, der sich in Amsterdam, Brüssel, Cottbus (haha), Danzig oder Erfurt (kein Witz) rumtreibt und dort den Einheimischen möglicherweise auf den Wecker geht.

Ich bleibe aber allerdings nirgends länger als ein paar Tage, und bin dann durchaus froh, wieder "daheim" zu sein. Was mich allenfalls ein bissl deprimiert, ist der Anlass zu der neiderfüllten Frage: "Warum hat Wien nicht das, was alle anderen Städte haben?" Warum gibt es in Wien keine Plätze? Und was ist mit dem Stephansplatz, dem Schweden- oder dem Karlsplatz? Meine Red’! Das sind Namen von U-Bahnstationen, aber doch keine Plätze.

Was in Wien "Platz" heißt, ist tatsächlich: Verkehrsknotenpunkt, Fremdenverkehrsverdichtungspassage, Kommerz-Cluster oder Autoabstellzone. Sobald sich irgendwo in der Stadt Freiflächen auftun, die das Ausmaß herrschaftlicher Wohnzimmer überschreiten, werden sie ansatzlos zugeparkt oder mit Punschhütten zugestellt. Es herrscht eine regelrechte Agoraphobie viennoise. Diese ist nicht neu. "In jüngster Zeit", so schrieb der Wiener Camillo Sitte (1843–1903),"ist eine eigene nervöse Krankheit konstatiert worden: die 'Platzscheu'. Zahlreiche Menschen sollen darunter leiden, d.h. stets eine gewisse Scheu, ein Unbehagen empfinden, wenn sie über einen großen leeren Platz gehen sollen."

Sitte war ein Pionier und Theoretiker der modernen Stadtplanung. In seinem Hauptwerk "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen" (1889), das seinerzeit internationale Beachtung fand und aus dem auch das obige Zitat stammt, setzt er sich vor allem mit der Größe, Gestalt und Gestaltung von Plätzen und deren Wirkung auf die Menschen auseinander. Eine ästhetisch stimmige und befriedigende Platz-Lösung hängt Sitte zufolge nicht nur vom Grundriss ab (quadratische Plätze etwa sähen "nicht besonders gut aus"), sondern vor allem von der Dimension und Lage der sie umgebenden Gebäude und der in sie einmündenden Straßen zusammen.

Am modernen Städtebau, der sich nur am Rechteck-, Radial- oder Dreiecksystem orientiere, ließ Sitte kaum ein gutes Haar, weil dieser ausschließlich technischen und keinen künstlerischen Kriterien folge: "Das Ziel, welches bei allen dreien ausschließlich ins Auge gefaßt wird, ist die Regulierung des Straßennetzes." Auch wenn Sittes Ansatz als "romantisierend" kritisiert wurde, erscheint er heute durchaus wieder aktuell. Das absolute Primat der Regulierung des Straßennetzes (zu dem auch die Parkraumbewirtschaftung zu zählen ist), sorgt etwa dafür, dass einer der schönsten unter den innerstädtischen Plätzen Wiens, Am Hof, vor allem als Parkplatz genutzt – und im Advent natürlich mit den endemischen Saisonalscheußlichkeiten besetzt wird.

Das jüngste Beispiel für die Phantasielosigkeit einer nahezu ausschließlich an den Bedürfnissen der Autofahrer orientierten Stadtplanung ist die Neugestaltung des Neuen Marktes. Noch 2003 als autofreier Platz geplant, wird der bereits im Mittelalter gegründete Neue Markt nun durch die an dieser Stelle errichtete Tiefgarage bestimmt und präsentiert sich als "autofreundliches Durcheinander". Wo Abluftinseln und sonstige Beton gewordene Tiefgaragenextensionen noch Platz lassen, hat man dem wiennotorischen Horror vacui wacker entgegengearbeitet: Karge Bäumlein wurden in wuchtige Betonkubaturen versenkt, weitere Alibiflora lässt sich in kiesbeschütteten, metallarmierten Grillageschifferlinseln kontemplieren.

Von seinen Dimensionen und seiner Anlage her wäre der Neue Markt – mit dem frühklassizistischen Donnerbrunnen im Zentrum – wohl die schönste innerstädtische Bühne, die zum Verweilen und Flanieren, zum Sehen und Gesehenwerden einlüde. Diese Chance ist vorsätzlich und gründlich vergeigt worden. Die Wiener Platzangst sie scheint heute wieder heftiger den je um sich zu greifen.

Ihr Klaus Nüchtern

Anzeige

Volksoper Wien: „Die Dreigroschenoper“

Der größte Theatererfolg der Geschichte neu interpretiert.

Das gab es noch nie: eine Frau als Mackie Messer! Sona MacDonald spielt den Gangsterboss im Werk von Brecht und Weill.

Das junge Team um Regisseur Maurice Lenhard hat sich vorgenommen, dem Evergreen „Dreigroschenoper“ noch einmal neu auf den Zahn zu fühlen. Freuen Sie sich auf beste Unterhaltung, nachdenklich machende Momente und einige wohltuende Überraschungen.

Zu mehr Informationen und vor allem Karten kommen Sie hier.


Irrsinn Individualverkehr

Den Freiheitsfetisch PKW hat der große französische Komik-Choreograf Jacques Tati in seinem letzten abendfüllenden Spielfilm "Trafic" (1971) gewohnt elegant auf die Schaufel genommen


Stilvoll mit Öffis

Darüber, ob Learjet, Yacht, Sportcabrio oder eine fette Harley als Metonymie mobiler Coolness zu gelten habe, kann man sich streiten. Wie man öffentliche Verkehrsmittel auf geradezu dandyhafte Weise nutzt, führt Adriano Celentano hier vor.


Le son de Paris

Apropos cool. Das Modern Jazz Quartet ist so etwas wie die Stecktuchfraktion des Cool Jazz. Eine Version ihrer klingenden Hommage an den Place Vendôme können Sie hier nachhören.


Theorie des Platzes

Ein Reprint der 4. Auflage von Camillo Sittes Klassiker "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen" ist im Birkhäuser Verlag erschienen.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!