Voodoo und Karma - FALTER.maily #967

Gerhard Stöger
Versendet am 05.12.2022

Darf ich Sie heute zu einem Ausflug in meine Jugend einladen? Ich möchte Ihnen von jugendlichem Übermut erzählen, von schlechtem Karma und davon, wie der Musiker Voodoo Jürgens dieses Karma vergangenen Freitag wieder ins Lot gebracht hat.

Die Geschichte spielt in Feldkirchen in Kärnten. Mit Klagenfurt und Villach bildet diese Kleinstadt ein geografisches Dreieck; das nächstbeste der flächendeckend verbauten lokalen Großgewässer ist der Ossiacher See, und auf dem Weg von Klagenfurt zum Weltcup-Skiort Bad Kleinkirchheim liegt Feldkirchen auf halber Strecke. Einer der drei leiwandsten österreichischen Kicker der vergangenen Jahre kommt aus dieser Gegend, Martin Hinteregger (Gemeinde Sirnitz), der Beachvolleyball-Großevent-Zampano Hannes Jagerhofer ebenfalls (Stadt Feldkirchen), außerdem Ex-Landeshauptmann Gerhard Dörfler (Gemeinde Himmelberg).

Politisch entspricht der Bezirk ziemlich genau Ihrem vorurteilserfüllten Bild von Österreichs südlichstem Bundesland: Mit knapp über 39 Prozent der Stimmen hätte Alexander Van der Bellen bei der diesjährigen Bundespräsidentschaftswahl in eine Stichwahl müssen – die stramm-rechte Kameradschaft lag bei knapp über 50 Prozent.

Hier bin ich aufgewachsen; hier habe ich bei Buch/Papier Breschan meine ersten Schallplatten gekauft; hier war ich in der Sporthauptschule, habe an der Hak maturiert und im Diakoniewerk Zivildienst gemacht; hier war ich unglücklich verliebt, und als ich endlich glücklich verliebt war, wurde mir hier das Herz gebrochen.

Beinahe wäre ich in Feldkirchen als Teenager auch kurz zum Kulturarbeiter geworden. Anfang der 90er-Jahre legte sich die Gemeinde nämlich einen "City-Manager" zu, er sollte helfen, das Städtchen einmal kräftig durchzulüften. Teil der Bestrebungen war ein Mehr an Kultur, veranstaltet im Amthof, einem historischen Gebäude, das gerade erst vor dem Abriss gerettet worden war.

Mein Deutschlehrer – guter Typ – hatte mich zum Wochenend-Diskussionskreis des Kulturvereins Freie Akademie Feldkirchen (kurz: FAF) eingeladen. Frisch konstituiert, sollte er seine Vorstellungen präzisieren, und ich Möchtegern-Grunge-Boy sah die historische Chance, mit Geld der Stadt Punkkonzerte und DJ-Nächte Wirklichkeit werden zu lassen.

Schnell war allerdings klar, dass das allgemeine Interesse der FAF eher Kabarett, lokalen Dichterlesungen, Aquarell-Ausstellungen und Harfenkonzerten galt denn Krach, Krawall und jugendkultureller Ausschweifung. Also zog ich mich ins Schmollwinkerl zurück. Mein FAF-Ausweis (Mitgliedsnummer J 019) blieb mit dem gerechten Zorn spätpubertärer Verachtung ungenutzt und der Amthof auch bei Eltern-Besuchen im Erwachsenenalter ein gemiedener Ort. Kurze Kränkung, lange Wirkung.

Dann aber begab es sich, dass der wunderbare Dialekt-Songwriter Voodoo Jürgens die Tour zu seinem neuen Album "Wie die Nocht noch jung wor" am 2. Dezember just im Amthof Feldkirchen eröffnen sollte. Das perfekte Angebot zur Karma-Korrektur! Nach einer Anreise in der wie eh und je gemächlich vor sich hin zuckelnden Südbahn absolvierte ich am Freitag also erstmals einen Homeoffice-Tag in meinem einstigen Jugendzimmer, standesgemäß durch Schneeschaufeln unterbrochen.

Dann erlebte ich Jahrzehnte danach doch noch ein leiwandes Konzert in meiner alten Heimat: Die Akustik in dem für elektrisch verstärkte Musik ungeeigneten überdachten Innenhof war zwar schwierig, die Stimmung im knapp 300 Personen fassenden und gut gefüllten Raum aber ausgezeichnet. Die Unterhaltung mit dem netten Veranstalter ließ den Teenager in mir schließlich auch den einstigen Unsympathler von City-Manager vergessen.

Das hochtrabende "Freie Akademie Feldkirchen" hat der Trägerverein längst gegen den ungleich zugänglicheren Namen "Kultur Forum Amthof" getauscht; rund 60 Veranstaltungen im Jahr locken insgesamt etwa 6000 Gäste an; sogar für ein Breakdance-Festival ist inzwischen Platz; 2023 stehen die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen des Kulturvereins an.

Der Amthof und ich, wir sind nun wieder versöhnt – und mit guter Akustik schaue ich mir Voodoo Jürgens & die Ansa Panier am 7. Dezember im Wiener Konzerthaus an. Vielleicht kommen Sie ja auch?

Ihr Gerhard Stöger

Anzeige

CORSAGE - Jetzt bei WatchAUT

Mit CORSAGE gelingt Marie Kreutzer die Neuerfindung der „Sissi” mit der fabelhaften Vicky Krieps in der Hauptrolle: Sisi als eigenwillige, widerständige Frau, die sich gegen die in sie gesetzten Erwartungen stellt.

Nominiert für den Europäischen Filmpreis 2022 für: Bester Film, Beste Regie, Beste Darstellerin.

Jetzt bei WatchAUT streamen


Aus dem Falter

Voodoo Jürgens ist nicht nur Musiker, sondern neuerdings auch Schauspieler. Entsprechend dicht gefüllt ist sein Terminkalender. Zum Glück habe ich bereits Anfang Oktober um ein Interview zum neuen Album angefragt, im Zeitraum bis Ende November fand sich nämlich nur ein möglicher Termin dafür. Das Ergebnis unseres Gesprächs finden Sie in der aktuellen FALTER:WOCHE.


Ein Tipp

Voodoo Jürgens knüpft ästhetisch zwar an die Tradition des 70er-Jahre-Austropop an, nach konkreten historischen Bezugsgrößen sucht man bei ihm aber vergeblich. Durchaus nicht ganz fremd sind seinem Werk freilich zwei obskure Wiener Schallplatten, die vor rund 50 Jahren entstanden sind: "Singende klingende Unterwelt" (später unter dem Titel "Dirnen- und Ganovenlieder" neu aufgelegt) sowie "Strich- und Häf’nlieder". Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpfen darauf jeweils in die Rolle von Personen aus dem Milieu und geben entsprechende Songs zum Besten. 1996 wurden diese Platten als Doppel-CD neu aufgelegt.


Im Gedenken

Auch "Eh klar" macht sich in Voodoo Jürgens’ Nähe gut im Plattenregal. Der am Sonntag verstorbene Schauspieler Karl Merkatz hat seine Paraderolle als Edmund "Mundl" Sackbauer auf dieser 1977 erschienenen LP auch in singender Form eingenommen, das Ergebnis zählt zu den hübscheren Raritäten des Austropop. Hören Sie im Gedenken an Merkatz die etwas andere Herzlichkeit "I bin schiach und du bist schiach", geschrieben von Georg Danzer (die Trinkerode "Heislratz, soll i di beißen" hat bislang leider noch niemand ins Netz gestellt).


Letzte Chance

Dies ist Ihre letzte Chance bei "Hilfe, Geschenke!", der FALTER-Spendentombola zugunsten des Integrationshauses, mitzumachen. Zusammengefasst spendet man dabei für einen guten Zweck und gewinnt mit ein bisschen Glück eines von 193 richtig schönen Geschenken. Alle Infos und alle Preise finden Sie hier. Zögern Sie nicht, morgen ist der letzte Tag der Aktion!


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.maily-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!