Eine Lobeshymne aufs Universum - FALTER.maily #971

Katharina Kropshofer
Versendet am 09.12.2022

"Stimmt es wirklich, dass du Ameisen zählen gehst?" Meine kleine Cousine bringt diesen Satz kaum zu Ende, ohne davor in schallendes Gelächter auszubrechen. Ameisen zählen – wozu soll das denn bitte gut sein? 

Schon öfters musste ich rechtfertigen, wieso ich freiwillig durch irgendein Unterholz kriechen und biologische Vielfalt erfassen wollte, lateinische Namen von irgendwelchen Tieren oder Pflanzen auswendig lernte. Ich hatte nicht nur das Glück, im Biologiestudium zahlreiche Exkursionen mitmachen zu können, sondern auch sehr naturnah aufzuwachsen. Ich züchtete Schnecken, legte Raupen in einen Behälter, darüber die obligatorische Alufolie mit Luftlöchern gespannt. Und konnte so beobachten, welche Blätter sie besonders gerne fressen. Am nächsten Tag ging es wieder in die Freiheit.

Doch eine Frage beschäftigt mich heute: Wieso fand meine Cousine, die die Familie genau wie mich auf den Berg und in den Wald schleppte, das Ameisenzählen komisch? Wie bringt man Menschen dazu, sich für die Welt der Insekten und Moose, der Pilze und Vögel zu interessieren? Und wann hören wir damit auf, die unendlich komplizierten Namen von Dinosauriern mit einer Leichtigkeit auswendig zu lernen? 

Das hier ist ein Plädoyer für gute Naturvermittlung. Meine lief jeden Dienstag um 20:15 auf ORF2 und war der Grund, wieso ich einmal die Woche länger als sonst wach bleiben durfte: Seit  29. September 1987 entführt uns die Universum-Redaktion in andere Welten, erzählt von der Migration von Vögeln, den Wesen, die in Urozeanen herumschwammen, der verrückten und unfassbaren Welt der Pilze (für Universum History, das immer donnerstags lief, galt der Schlaf-Deal leider nicht). 

Naturdokumentationen gab es freilich schon davor, vor allem die britische BBC ist bis heute ungeschlagen. Ohne sie würden die meisten vermutlich nicht wissen, welche außerirdischen Tänze Paradiesvögel in Papua Neuguinea aufführen, um ihre Partnerinnen zu beeindrucken; wie schnell Echsen rennen können, wenn es ums Ganze geht; und wie unglaublich berührend und erschütternd die Folgen der Klimakrise sein können - besonders wenn sie Walrosse trifft.

Apropos Klimakrise: Seit den Anfängen des Naturfilms hat sich in unserer Umwelt einiges verändert. Selbst Sir David Attenborough, der den britischen Titeln seine unverkennbare Stimme leiht, bereut, in den Dokumentationen nicht schon früher über die Negativfolgen gesprochen zu haben. Er dachte immer: Solange man die Faszination der Leute weckt, wollen sie das, was sie rund um sich finden, auch schützen. Doch die Klimakrise und das Artensterben schritten voran, vor ein paar Jahren änderte auch Attenborough seine Taktik, begann, auch die Folgen unserer Lebensweise zu beleuchten. 2020 fasste er das in "A Life on our Planet" in einer Art Zeitzeugnis zusammen, betont aber stets auch die Resilienz von Ökosystemen, also die Fähigkeit, sich wieder zu regenerieren, wenn man sie entsprechend schützt oder in Ruhe lässt. 

Ich glaube, wir brauchen beides: Die frühe Berührung mit der natürlichen Welt, die sich bis ins Erwachsenenalter ziehen kann - schauen Sie etwa einer Hummel beim Pollenflug zu, wie es auch der Insektenforscher Dave Goulson im FALTER-Interview empfiehlt; oder lesen Sie ein Buch aus der Naturkunden-Reihe, die mein Kollege Klaus Nüchtern diese Woche porträtiert hat.

Wir brauchen aber auch die harte Konfrontation mit dem Stand der Welt. 

Seit Mittwoch diskutieren Entscheidungsträger bei der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal darüber, wie wir das Artensterben in den Griff bekommen. Die Zahlen, die dieser Biodiversitätskrise zugrunde liegen, sind eigentlich nicht wirklich begreifbar: Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben, alle fünf Minuten stirbt eine Art aus. Diese Rate ist tausend Mal höher als zu einer Zeit ohne menschliche Aktivität.

Wieso ich trotz allem glaube, dass gute Naturvermittlung eine wahnsinnig wichtige Rolle spielt? Um die Vielfalt zu erhalten, muss man sie erstmal benennen können, ein Bild davon haben, wie viel von ihr überhaupt (noch) da ist. Oder wie es die Ikone des Naturschutzes, Jane Goodall, meinem Kollegen Benedikt Narodoslawsky und mir erklärte: "Wir können es (die Biodiversität, Anm.) uns wie einen großen, lebenden, wunderschönen Wandteppich vorstellen: Jedes Mal, wenn eine kleine Pflanze oder ein kleines Tier ausstirbt, ziehen wir einen Faden aus diesem Wandteppich. Und wenn wir zu viele Fäden entfernen, wird aus dem Wandteppich ein Fetzen."

Wir täten gut daran, möglichst viel dieses Wandteppichs zu erhalten, weil wir von intakten Ökosystemen abhängig sind. Und natürlich auch, weil die natürliche Welt unglaublich viel Faszination und Freude auslösen kann.

Haben Sie ein schönes Wochenende - vielleicht geht sich ja ein Ausflug ins Grüne oder zumindest ein Fernsehabend mit David aus!

Ihre Katharina Kropshofer

Wenn Sie die Zusammenhänge zwischen Klima- und Biodiversitätskrise besser verstehen wollen, lege ich Ihnen diesen Text ans Herz. Oder Sie abonnieren den FALTER.natur-Newsletter, wo Sie jede Woche Neues zu diesen Themen vermittelt bekommen.

Apropos Natur: Ist eine Kuhweide eigentlich ein wertvolles Ökosystem? Gar nicht so einfach zu beantworten. Die Alpen, die wir von Wanderungen oder zumindest aus der Werbung kennen, muten ziemlich natürlich an. Eigentlich sind sie aber nur wenige Jahrhunderte alte Kulturlandschaften - deswegen aber nicht unbedingt weniger schützenswert.

Ohne den Tritt der Hufe würde die Landschaft nämlich in kürzester Zeit wieder verbuschen, wertvolle Gräser- oder Insektenarten, die an diese Wiesen angepasst sind, verschwinden. Der komplexen Frage "Kuhmilch, ja oder nein" habe ich mich in der dieswöchigen FALTER-Ausgabe gemeinsam mit drei Kolleginnen gewidmet. Auch weil die Tiroler Landwirtschaftskammer eine Meinung vertrat, aufgrund derer viele Leute den Kopf schüttelten.

In der neuen Folge von "Klenk+Reiter" geht es um den Tod des Asylwerbers Marcus Omofuma. Florian Klenk hat den Fall damals für den FALTER journalistisch begleitet, der Gerichtsmediziner Dr. Christian Reiter ein umstrittenes Gutachten über die Todesursache des Mannes erstellt. Im Podcast sprechen die beiden erstmals öffentlich über diese Zeit, das Urteil gegen die Polizisten, und was sich seither bei der Exekutive verändert hat. Hier gehts zu ganzen Folge!

Haben Sie sich schon mal gefragt, wie Korruption funktioniert? Also ganz konkret und hands-on? Dann drehen Sie sich diese Episode von "Scheuba fragt nach..." auf! Peter Hochegger, verurteilter Lobbyist und zentrale Figur in der Buwog-Affäre, erzählt darin völlig unverblümt, wie das geht. Man lernt nie aus!

Im FALTER-Radio diskutieren die Psychologin Beate Wimmer-Puchinger ("Gesund aus der Krise"), der Drogenkoordinator der Stadt Wien, Ewald Lochner, der Rechtsanwalt und Vertreter der Eltern der ermordeten Leonie, Florian Höllwarth, die Stadträtin Judith Pühringer (Grüne) sowie FALTER-Journalist Lukas Matzinger und Moderator Raimund Löw über die "Stadtpark-Kinder": Drogen und psychische Erkrankungen zeigen ein alarmierendes Bild von Jugendlichen, die abstürzen. Über Problemstellungen und mögliche Auswege.


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