Warum so viele Kinder an RSV erkranken - FALTER.maily #972

Daniela Krenn
Versendet am 11.12.2022

"Mein Säugling hat auf 39 Grad raufgefiebert", schreibt Martina aus Graz vor ein paar Tagen. Im Krankenhaus sei niemand erreichbar gewesen und das Gesundheitstelefon habe ihr nahegelegt, nicht dorthin zu fahren. Sie wisse zwar, dass das Krankenhaus am Limit sei. "Aber der Punkt ist der, dass man eigentlich mit so einer bedrohlichen Situation alleine ist und nicht mehr ins Krankenhaus fahren kann." 

Was Martina passiert, das machen gerade viele Eltern durch. Seit einigen Wochen stecken sich vor allem viele Kleinkinder mit RSV, dem Respiratorischen Synzytial Virus an. Bei Erwachsenen verläuft die Atemwegserkrankung meist harmlos, für Kleinkinder unter einem Jahr kann sie aber gefährlich sein. Woran man RSV erkennt: Husten, schnelles Atmen, Trinkprobleme, Fieber. 

Die Kinderstationen sind deshalb stark ausgelastet. Das waren sie bereits vor der RSV-Welle, den Spitälern fehlt Personal. Auf der Klinik Donaustadt liegen Mitte der Woche 19 Kleinkinder mit RSV, eines mit Influenza, eines mit Covid. Fünf Betten sind noch frei. In den anderen Wiener Krankenhäuser sind die Zahlen ähnlich. Und der Trend der Neuinfektionen geht derzeit rapide nach oben, wie auch das Zentrum für Virologie an der Uni Wien bestätigt

RSV ist kein unbekanntes Virus, auch vor Corona erkrankten immer wieder Erwachsene und Kleinkinder daran. Hängen die vielen RSV-Fälle mit Corona zusammen? Einige Kinderärzt:innen sind sich sicher: Kinder, die während Corona geboren wurden und aufwuchsen, haben eine Art Immunschuld, ein versäumtes Training des Immunsystems. Aber stimmt das auch?

Fest steht: Die Maßnahmen in den vergangenen zwei Jahren haben Atemwegsinfektionen nahezu vollständig verhindert. Aber: Das Immunsystem muss nicht trainiert werden, schreibt Friedemann Weber vom Institut für Virologie an der Universität Gießen. Den Begriff "Immuntraining" gäbe es zwar, aber er bedeute in der Wissenschaft etwas anderes. Immuntraining ist, wenn eine Impfung "auch jenseits der gewünschten spezifischen Immunität eine gewisse Schutzwirkung hat." Besser passt der Begriff "Immun-Update". Das ist es, was der Körper nach einer Infektion erhält.

Fast alle Kleinkinder stecken sich ein-, zwei- oder dreimal mit dem RS-Virus an. Dass gerade jetzt so viele gleichzeitig erkranken, liegt daran, dass jene Kinder, die am Beginn und während der Pandemie geboren wurden, erst jetzt zum ersten Mal mit dem Virus in Berührung kommen. Isabella Eckerle vom Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen erklärt es dem Wissenschaftsmagazin "Quarks" anschaulich: Es sei in etwa so, als würden zwei Jahre keine Kinder eingeschult werden und dann plötzlich drei Jahrgänge gleichzeitig in die Schule wollen.

Jede Ansteckung mit einem Virus ist eine Herausforderung für den Körper. Am besten wäre es, Infektionen zu verhindern, schreibt der Immunologe Anthony J. Leonardi. Der US-Amerikaner forscht an T-Zellen. Das sind jene Zellen, die im Körper Viren identifizieren, erkennen und abtöten beziehungsweise zur Antikörperbildung anregen. Infektionen zu verhindern ist natürlich schwer möglich. Und derzeit sind wir nicht nur von RS-Viren, sondern auch von Covid und Influenza umgeben. Um schwere Infektionen bei Kindern zu vermeiden, bräuchte es eine Impfung, so Leonardi.

Das Pharmazie-Unternehmen Pfizer hat am 1. November von ersten Ergebnissen ihres Impfstoffes für Schwangere berichtet. Bei über 80 Prozent der Kinder mit geimpften Müttern konnten die Forschenden nach der Geburt keine schweren RSV-Verläufe beobachten. Der Impfstoff soll noch bis Ende dieses Jahres zugelassen werden.

Übrigens: Die Maske kann sinnvoll sein, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Oder einfach zu Hause bleiben, wenn man krank ist.

Falls Ihr Kind fiebert, hustet oder stark verschleimt ist: In Wien haben neben der Klinik einige Kinderpraxen auch am Wochenende geöffnet. Die aktuelle Liste finden Sie hier.

Außerdem sind diese beiden Adressen Anlaufstelle am Wochenende: Das Kindermedizinische Zentrum im Augarten (Pazmanitengasse 12 im zweiten Bezirk) und das Kinderambulatorium Margareten (Siebenbrunnenfeldgasse 7 im fünften Bezirk). 

Martinas Baby geht es übrigens wieder gut, schreibt sie.

Bleiben Sie gesund und haben Sie noch einen schönen Sonntag, 

Ihre Daniela Krenn


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