Maria Theresias Gold und Rumäniens Bürde - FALTER.maily #976

Eva Konzett
Versendet am 15.12.2022

Vor ein paar Tagen hat mir Facebook eine Erinnerung von Ende November 2013 in die Timeline gespült. Ein bitterkalter Wintertag in Rumänien, das Apuseni-Gebirge in Siebenbürgen, eine Lehmstraße die Serpentinen hinauf. Immer noch eine Kurve hinauf.

In den Morgenstunden war dann das Holz im Ofen ausgebrannt. Wir erwachten mit Eisrosen am Fenster und klammen Zehen. Mit einem Freund recherchierte ich über eine geplante Goldmine in dem Bergdorf Roșia Montană. Eigentlich recherchierten wir über den Widerstand des Dorfes dagegen. Die Dorfbewohner wollten sich ihren Berg nicht nehmen lassen. Sie wollten ihn nicht mit giftigem Zyandid malträtieren, nicht die Stollen verschütten, die ihre Vorfahren hunderte von Jahren zuvor in den Fels getrieben hatten. Sie fürchteten das schlammig-toxische Rückhaltebecken der neuen Mine. Ein solcher See hatte ganz in der Nähe ein ganzes Dorf unter sich begraben, von Geamăna blieb nur das geschindelte Dach des alten Kirchturms. Das obere Drittel.

Wir saßen auf der Eckbank eines Dorfbewohners, in der Pfanne brutzelte Bauchspeck. Volle Schnapsgläser vor den Männern, leere vor den Frauen. Sonst werden die Kinder blind. Der Totengräber kam vorbei. Er grub in diesen Tagen die Verstorbenen zur Umbettung im Tal aus. Denn auch die Kirchen, die Friedhöfe und die Pfarrwiesen sollten weichen vor dem Projekt. Die Dorfbewohner nannten ihn "Das Pferd", warum, das konnte keiner sagen. Das "Pferd" war gebückt, trug eine Schiebermütze und konnte meterweit spucken.

All die Stuben in denen wir eng saßen. An den Türstöcken hauten wir uns die Köpfe an. In ein jedes Haus wurden wir eingelassen, an dessen Gatter wir klopften. Der Besuch beim Dorflehrer, ein Spaziergang in der Nacht im Wald. Er hatte Angst vor den Spionen im Ort. Bei jedem Abschied bekamen wir ein Goodie-Bag: selbstgemachte trockene Hartwurst fürs Brot, selbstgemachte weiche Wurst für die Knödel. Marmeladen. Kompotte. Wir haben alles bei der Rückfahrt nach Bukarest aufgegessen.

"In Österreich würde es das nicht geben, hätte es das nie gegeben", sagte der quartiergebende Dorfbewohner Sorin, während er Speck und Ei auf den Tellern verteilte. Er zitierte Maria Theresia, unter deren Herrschaft hier das Goldwaschen begonnen hatte. Niemand im Dorf wehrte sich gegen den Goldabbau an sich, der die Landschaft seit Jahrhunderten prägt. Fast jeder dagegen, wie Entscheidungen getroffen wurden. 

Die Behörden hatten die Genehmigung erteilt, ohne eine Umweltprüfung zu machen, die Lizenz zur Ausbeutung der Silber- und Goldvorkommen des Gebiets Roșia Montană, Kreis Alba, wurde zwischen der Nationalen Agentur für Mineralvorkommen und der Nationalen Gesellschaft für Kupfer, Gold und Eisen Minbest AG abgeschlossen. Sie trägt die Nummer 47/1999, der Regierungserlass trägt die Nummer 458/1999. Durchgeboxt wurde alles gegen den Widerstand der rumänischen Akademie der Wissenschaften, der nationalen Architektenkammer, die das nationale Erbe in Gefahr sah, gegen den Widerstand der Umweltorganisationen. Auf rechtlichem Treibsand. Gegen den Widerstand der Dorfbewohner wie Sorin. Aus reinem Eigennutz am Allgemeinwohl vorbei.

In Österreich würde es das nicht geben, dieser Satz des unerschütterlichen Vertrauens in Rechtmäßigkeit, er kam mir am 8. Dezember 2022 in den Sinn. Da hat Österreich den Schengen-Beitritt Rumäniens blockiert. Gegen den Widerstand der anderen EU-Mitglieder. Ohne empirische Grundlage. Ohne berechtigten Einwand. Die österreichische Regierung hat einfach ihr innenpolitisches Klein-Klein über das große ganze Europa gestellt. 

Gerne hätte ich Sorin gefragt, was er dazu sagt. Ich habe versucht, ihn anzurufen. Aber die Nummer geht nicht mehr. 

Das Goldminenprojekt in Roșia Montană wurde bis dato nicht umgesetzt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend

Ihre Eva Konzett


Aus dem Falter

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