Zu Silvester wird's scheppern - FALTER.maily #978

Lukas Matzinger
Versendet am 18.12.2022

Ich komme langsam in ein Alter, in dem ich mich vor Silvesterfeiern fürchte. "Guten Rutsch" habe ich nie verstanden, WhatsApp-Kettenbriefe sind die Pest, und Rauchfangkehrer waren doch nur rußschwarze Talismänner des Monopolkapitalismus.

Gegen Lärm habe ich allerdings nichts einzuwenden, seit fast 1000 Jahren zünden Menschen am Altjahrestag Rauchfeuer, im Mittelalter schlugen sie Töpfe und Trommeln, um den bösen Jahresgeistern Angst einzujagen. Aber der bevorstehende 31.12.2022 kündigt sich außergewöhnlich laut an.

Vor einem Jahr nahmen Jugendliche den Reumannplatz auseinander, sprengten Metallmistkübeln mit Böllern, zerschlugen Schaufenster und übergossen Christbäume mit Benzin. Die Knallereien zu Halloween verstanden Beteiligte dann in Tik-Tok-Bekenntnissen als leichten Vorgeschmack auf das kommende Silvester.

Die Polizei hat den Gruß aus der Küche schon bekommen:

8. November: Am Ottakringer Gutraterplatz verkauft ein 14-Jähriger illegale Böller. Die Polizei findet in seiner Wohnung über 2.000 Stück.

12. November: Im Bahnhof Floridsdorf versucht ein 16-Jähriger hektisch seinen Rucksack im Waggon zu verstauen. Der Zug kam aus Tschechien, der Rucksack voller Knaller, die wenigsten davon hätte er besitzen dürfen.

17. November: Wegen "Erfahrungen der vergangenen Jahre" bläst das Stadtpolizeikommando Floridsdorf zum Anti-Pyro-Schwerpunkt. Teils in Zivilkleidung und mit Schnellrichtern bestreifen sie den Bezirk.

26. November: Polizisten suchen in der U-Bahn-Station Krieau nach Drogendealern und finden zwei Jugendliche mit 680 Stück Pyrotechnik, darunter 480 illegale Doppelblitzknaller.

6. Dezember: Ein 26-jähriger Rumäne wird bei der U-Bahn-Station Kagraner Platz angesichts der Polizeikontrolle nervös, in seiner Einkaufstasche finden die Beamten 32 Kilogramm illegale Pyrotechnik.

14. Dezember: Die Polizei erwischt am Maria-Restituta-Platz beim Handelskai zwei 15-Jährige beim Straßenverkauf von Böllern. Ihr Gesamtsortiment händigen sie den Beamten später aus: 1350 Schuss.

Teils waren das Zufallsfunde, wie sehr sich Wien wirklich aufmagaziniert hat, werden wir in zwei Wochen wissen. Auch halbstarke Jugendliche hatten zwischen Seuche, Krieg, Geldnot und Klimawandel ein beschissenes Jahr, offenbar wollen die es tuschen hören. Schreckhafte mögen die Bezirke 10, 11, 16, 20, 21, 22 meiden.

Ihr Lukas Matzinger

Am Ende ein bisschen friedvolle Musik, die Sie vielleicht nicht auf dem Schirm hatten: Von der "Hongkonger Madonna" Faye Wong (die unüberhörbar die Cocteau Twins zu Rate gezogen hat.) Von der wenig produktiven Londoner Indie-Band mit dem wenig merkbaren Namen Flotation Toy Warning. Und vom israelischen Songwriter Eviatar Banai, bevor er sich auf religiöse Texte festlegte.

Mehr für die zart Besaiteten: Im FALTER-Radio hören Sie aktuell in zwei Teilen, wie FALTER-Herausgeber Armin Thurnher und Kronen-Zeitung Journalist Claus Pandi über den Einfluss von Lyrik auf ihre Leben sprechen. Hier finden Sie den ersten, hier den zweiten Teil.

Wie wohltuend – und wichtig für die mentale Gesundheit – es sein kann, sich zwischenzeitlich von Handy, Laptop und Tablet loszusagen, erklärt der Autor Johann Hari im Gespräch mit Katharina Kropshofer. Was Hari übrigens auch sagt: Wer sich immer noch für Multitasking-fähig hält, täuscht sich selbst. Tun wir mehrere Dinge gleichzeitig, machen wir sie schlechter. Also immer alles schön der Reihe nach!

Biografie einer TV-Legende

FALTER-Redakteurin Stefanie Panzenböck veröffentlicht mit Die Spira die erste Biografie über Elizabeth Toni Spira.

Die legendäre TV-Journalistin hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der Bevölkerung lieb war. Die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie dokumentiert über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher:innen und gewährt dunkle Einblicke in die Wiener Seele.

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