Mein Jahr mit Jan - FALTER.maily #979

Klaus Nüchtern
Versendet am 19.12.2022

„Ich hasse Silvester, da saufen auch die Amateure", beschied Harald Juhnke einst der Welt in einem zeitlosen Bonmot. Es gibt vieles, was einem an Silvester oder auch Weihnachten auf die Nerven gehen kann. Zusammenrottungen von anstrengend gutgelaunten Menschen zum Beispiel, die blöde Mützen tragen und grausliche, übelriechende Getränke zu sich nehmen. Aber man kann es eigentlich auch ganz gut vermeiden – vorausgesetzt, man macht einen großen Bogen um die Wiener Innenstadt.

Der Wiener Schriftsteller Robert Menasse deklariert sich in einem ausführlichen Interview, das ich mit ihm geführt habe, und das in der letzten FALTER-Ausgabe des Jahres erscheint – genau, die mit „Best of Böse" –, als feierfreudig. An Silvester findet er gut, dass man etwas abschließen, das Jahre Revue passieren lassen kann.

Es ist noch etwas Zeit bis zu Silvester, aber nachdem dies mein letztes Maily in diesem Jahr ist, will ich es hier auch so halten. Wobei die Rückschau ebenso subjektiv wie selektiv ausfallen und auf eine ereignisgeschichtlich seriöse Zusammenfassung von 2022 verzichten wird – und zwar vorsätzlich und reuelos.

Ein vielbeachtetes Ereignis von kontrovers beurteilter Bedeutsamkeit soll dennoch genannt werden. Am 27. Oktober machten Öko-Aktivisten, die mit ihren symbolischen Attacken auf berühmte Kunstgemälde für Aufsehen sorgten, Station in Den Haag. Zwei Männer, die altersmäßig eher der vorletzten als der „Last Generation" angehörten, sorgten im Mauritshuis für eine jämmerlich clowneske (okay: eigentlich ein Pleonasmus) Performance: Während der eine der beiden seinen kahlen Kopf an das Schutzglas von Jan Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" pickte, schüttete ihm der andere eine Dose Schältomaten in den Kragen. Das gezwitscherte Video wurde 11,7 Millionen mal abgerufen.

Ich muss gestehen, dass ich die auf diesem festgehaltenen Rufe aus dem Off – „obszön!", „Sie sollten sich schämen!" – gut nachvollziehen kann. „Etwas Schönes und Unbezahlbares" (die Worte des Mannes im „Just Stop Oil"-T-Shirt) auf diese Weise angegriffen zu sehen, ruft Empörung hervor, zumal die Besucher:innen des Mauritshuis im ersten Moment ja gar nicht wissen konnten, dass eine tatsächliche Beschädigung nicht stattgefunden hatte. Wenige Monate zuvor hatte ich viele Stunden meines Urlaubs in den großartigen Kunstmuseen von Amsterdam, Antwerpen, Brüssel, Gent und eben auch im Mauritshuis verbracht, wo neben Vermeers ikonischem und merchandisemäßig gnadenlos ausgeschlachtetem „Mädchen" die kaum minder beeindruckende „Ansicht von Delft" zu sehen ist. Von Vermeer existieren heute gerade einmal 35 Gemälde mit gesicherter Zuschreibung. Fast alle sind in öffentlichen Museen ausgestellt – darunter auch dem KHM Wien, wo „Die Malkunst" zu bewundern ist.

Jan Vermeer, der manchen heute als der herausragende Maler des sogenannten „Goldenen Zeitalters" gilt , war fraglos eine singuläre Figur: Mit nur 43 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben, hinterließ er seiner Frau und den elf gemeinsamen Kindern, die zu diesem Zeitpunkt noch am Leben waren, nichts als einen Berg Schulden. Als Unternehmer seiner selbst war er – im Unterschied zu Zeitgenossen wir Rubens oder Rembrandt – eine ziemliche Fehlbesetzung, sein Output bescheiden. Repräsentative Gemälde von Wachen, Garden, Bürgern und Würdenträgern gibt es nicht, stattdessen junge Frauen, die Milch ausschenken, Briefe schreiben oder irgendwelche Instrumente spielen.

Ergriffene Kunstkontemplation hat in Zeiten, in denen der Weltuntergang vor der Tür steht, einen schweren Stand und wird gerne als elitär-eskapistische Vergnügung pensionierter Studienräte denunziert. Als Antidot gegen dergleichen Ressentiments sei die Polit-Reportage „Vermeer in Bosnia" des US-Publizisten Lawrence Weschler zur Lektüre empfohlen. Weschler war Mitte der 1990er-Jahr nach Den Haag gereist, um dort die Anhörung des später zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Kriegsverbrechers Duško Tadić vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal zu verfolgen. Als dessen Präsident fungierte zu der Zeit der italienische Jurist Antonio Cassese. Als Weschler Cassese die Frage stellt, wie er die tagtägliche Auseinandersetzung mit all den Gräueltaten ertragen könne, ohne selbst verrrückt zu werden, antwortet Cassese mit einem Lächeln: „Ach, wissen Sie, ich gehe einfach, so oft es geht, rüber ins Mauritshuis und verbringe dort ein bisschen Zeit mit den Vermeers.“

Ihr Klaus Nüchtern

Obdach- und wohnungslose Menschen gehören gerade in den Wintermonaten zu einer besonders vulnerablen Gruppe.

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Wer immer sich für den historischen Kontext interessiert, in dem die Gemälde Vermeers entstanden sind, dem sei das grandiose Buch „Vermeers Hut" von Timothy Brook empfohlen, in dem der kanadische Historiker Details aus den Gemälden des großen Sohnes aus Delft in akribischen realienkundlichen Recherchen nachgeht.

Claire Keegans schlanke Weihnachtsgeschichte aus der Winterkälte der Thatcher-Ära „Kleine Dinge wie diese" stand auf der Shortlist des Booker Prize 2022 und wurde sehr zurecht auch im deutschsprachigen Feuilleton euphorisch aufgenommen.

Die US-Sängerin Cécile McLorin Salvant (mit französisch-guadeloupischen Wurzeln) hat mit „Ghost Song" heuer ein nichts weniger als sensationelles Album abgeliefert. Kate Bush und Bert Brecht unter einen Hut zu bringen, ohne dass das peinlich wäre: Muss man/frau erst mal hinkriegen!

Dass Museumsbesuche kostspielig und ein Hobby für Bildungseliten wären, wird zwar immer wieder insinuiert, ist aber Unfug. Die Jahreskarte für das Kunsthistorische Museum kostet € 49,- Mit drei Besuchen hat sie sich amortisiert. Im Österreichischen Filmmuseum läuft noch bis Jänner eine kleine Retrospektive des Dokumentarfilmers Arne Sukksdorff, dessen Natur-Filme absolut hinreißend sind, und der als erster schwedischer Regisseur mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Auch das wäre ein schöner Anlass, um eine Jahres- (€ 15,-) oder gar eine Jahrespartnermitgliedschaft (€ 25,-) zu verschenken. Ich mach das dann mal.


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