Enteignet Egon! - FALTER.maily #980

Florian Klenk
Versendet am 20.12.2022

Entschuldigung, aber das Maily wird heute ein bisschen länger. Es ist mein Letztes in diesem Jahr und ich habe jetzt mehr Zeit zum Schreiben, weil mein Twitter-Account für einige Zeit ruht. Es soll um Egon gehen, so nennt Twitter den Twitter-Boss Elon Musk.

Vielleicht ist der Tesla-Chef ja nicht nur ein großer "Irritainer", sondern der Avatar von "Time Well Spent", einer Initiative, die uns zu einem intelligenteren Gebrauch von Sozialen Medien anhalten will. Vielleicht meinte er es nur gut mit uns, als er vergangene Woche die Accounts einer Gruppe renommierter Investigativreporter sperrte. Vielleicht wollte er uns ja nur zeigen, wie missbrauchsanfällig die globale Infrastruktur der sozialen Medien ist.

Nicht nur Twitter mit seinen 250 Millionen Nutzern, sondern auch Telegram (700 Millionen) oder Meta (drei Milliarden Nutzer) sind einem kleinen, intransparent agierenden Kreis von Entscheidern unterworfen, die letztlich nach Gutdünken entscheiden, wer rausfliegt und wer bleibt. Das ist nicht neu. Und spätestens seit dem Film "Social Dilemma" oder den Studien von Shoshana Zuboff wissen wir, wie diese Plattformen unsere Verhaltenssucht ausnutzen.

Die Vulnerabilität dieser Welt-Infrastruktur muss uns aber Sorgen machen. Wer darf dort verbannt werden und wer darf bleiben? Wer wird, obwohl nicht verbannt, unsichtbar gemacht? Wer kann sich Sichtbarkeit ("blauer Haken") erkaufen und was kauft man damit dazu, und wer verliert sie aufgrund von Tweets, die Musk für geschäftsschädigend hält?

Musk, der einen großen Teil seines Teams feuerte, irrlichtert bei all diesen Fragen. Erstmals können wir das live sehen. Mal will er bedingungslos "free speech", dann verbannt er Journalisten, denen er "Doxing" ankreidet, also das Leaken privater Information.

Musk verbrennt mit seinen Irritationen derzeit nicht nur sehr viel Geld und den Kredit bei seinen Investoren (der Economist schätzt, dass die Verluste Twitters von 221 Millionen auf vier Milliarden steigen werden), er hält uns dabei auch beiläufig den Spiegel vor.

Eitelkeit, Vernetzungssehnsucht, Unterhaltung, Zorn, Geltungs- und Anerkennungslust und, ja, Macht: Das sind die Zutaten, die Twitter so verlockend machen. Twitter ist eine Psychodroge, von der auch Musk zu viel einwirft. Der gelangweilte Mensch, egal ob reich oder arm, sucht eben nicht nur Unterhaltung, sondern Erregung durch Austausch mit anderen (wer es genauer wissen will, lese dieses Buch). Wie kaum ein anderes Medium zeigt Twitter, wie aggressiv, aber auch verwundbar der Homo sapiens sein kann. Es lebt von dieser Erkenntnis, beutet sie aus.

Twitter schiebt den Vorhang der Zivilisation beiseite und wir sehen, wie wir auch sind: gehässig und fragil zugleich. Der kleinste Fake-Account kann auf Twitter moralische Instanzen, wissenschaftliche Kapazunder oder journalistische Leitgestirne "challengen", aber eben auch nachhaltig beschädigen oder einfach nur kränken.

Was war die Twitter-Idee von Biz Stone und Jack Dorsey anno 2006? Es sollte ein Mikro-Nachrichtendienst sein, der jedem offen stand, auch den iranischen Dissidenten. Er wurde für Journalisten eine der wichtigsten Informations- und Distributions-Plattformen. 2009, als Armin Wolf auf rund 5000 Follower stolz war, war die Aufbruchstimmung enorm, die wenigen Zweifler, etwa Armin Thurnher, galten als grantige, technologiefeindliche Säcke. Das Gegenteil ist wahr.

Es war so bezaubernd schön: Twitter war das Medium, in dem sich jene, die früher nicht gehört wurden, mit Hashtags zu Konnektiven vernetzen konnten. Von der #metoo-Bewegung bis zum Arabischen Frühling, von den burmesischen Mönchen bis zur Generation Greta. Aber es vernetzen sich dort halt auch jene, die daran glauben, dass Herbert Kickl oder Nina Proll die besseren Virologen sind. Oder dass Donald Trump die Wahl gestohlen wurde.

Es ist dort ein Phänomen zu beobachten, das die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in dieser exzellenten Rede "soziale Zensur" nennt. Twitter ist der Ort, an dem einen der eigene politische "Tribe" zum Schweigen verpflichtet, weil die Wahrheit unangenehm ist. Twitter ist aber auch der digitale Schulhof, in dem das große Arschloch den kleinen Streber mobben kann – vor einem applaudierenden (oder noch schlimmer: schweigenden) Millionenpublikum.

Spätestens die Pandemie hat uns gezeigt, dass wir Medienleute, aber auch viele Wissenschafter der Plattform nicht gewachsen waren. Während wir gewöhnt waren, unsere Recherchen und Erkenntnisse in unseren Foren autoritativ darzulegen, zwingt Twitter uns zur schnellen Pointe und Polemik. Auf Dauer macht uns das kaputt. Denn irgendwann schärft die Angst, willkürlich Opfer einer Polemik oder eines Shitstorms zu werden, die Schere im Kopf.

2022 ist das Jahr, in dem Musk uns all das noch einmal so richtig vor Augen führt. Im besten Fall führt das zu zwei Kurskorrekturen. Erstens müssen Wissenschafter, Medienleute und verantwortungsvolle Entscheidungsträger ihre Twitterauftritte grundsätzlich überdenken. Debatten sind in einem algorithmisch gesteuerten Reizmedium kaum noch möglich, sie beschädigen die Marke, wie der Medienwissenschafter Stephan Weichert erforscht hat.

Journalisten, die sich öffentlich auf Social Media kloppen, tragen nicht zur Transparenz bei, sondern unterhalten ein Publikum, das sich langsam, aber doch abwendet. Zu stark ist Twitter von Propagandisten, Sektierern und Trollen durchseucht, die keine Diskussion wollen, sondern deren Zerstörung durch Krawall. Und manchmal sind die Propagandisten, Sektierer und Trolle auch wir selbst und merken es nicht einmal. Einen vorzüglichen Podcast dazu finden Sie übrigens hier.

Das führt zum zweiten Problem: der Rolle der Politik. Schon der so dringend notwendige Gedanke an ein öffentlich-rechtlich organisiertes soziales Netzwerk, das die Schwächen des Menschen nicht ausbeutet, sondern ihn davor schützt, das Rechtsschutz bietet vor Hass und Hetze, scheint den meisten utopisch. Doch warum eigentlich?

Ist es tatsächlich ein Naturgesetz, dass eine Plattform wie Twitter einem einzigen "Irritator" gehören kann, statt sie nach transparenten Regeln als gemeinschaftlich organisierte Infrastruktur zu betreiben, eingebettet in ein demokratisches Regelwerk, kontrolliert von ordentlichen Gerichten und einer nach rechtsstaatlichen Rahmen ausgerichteten Content-Moderation? Würden wir auch unser Gesundheitssystem oder unsere Gerichte an Musk verkaufen? In diesem Sinne: Enteignet Egon!

Ihr Florian Klenk

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