Hungerstreik im Parlament - FALTER.maily #982

Nina Horaczek
Versendet am 22.12.2022

Im November 1990 gab es ungewöhnlichen Besuch im Parlament. Damals besetzte kleine Gruppe mit ihren Rollstühlen die Säulenhalle des Hohen Hauses und trat im Herzen der Demokratie in den Hungerstreik. Ihre Forderungen: Ein bundesweit einheitliches Pflegegeld sowie das Ende von Großheimen, in die Menschen mit körperlichen und intellektuellen Behinderungen damals noch zu oft abgeschoben wurden. Der Protest war erfolgreich. Der Behindertenrechtsbewegung gelang es damals, Veränderungen durchzusetzen.

Daran musste ich denken, als ich vergangenen Sonntag bei der #YesWeCare-Demonstration auf dem Wiener Ring direkt vor dem Parlament stand. Wieder sind es Betroffene und deren Eltern, die öffentlich für die Rechte von Menschen mit Behinderung kämpfen.

Mit dieser stillen Kundgebung sollte darauf aufmerksam gemacht werden, wie sehr Österreich beim Thema Inklusion, dem Recht und den Möglichkeiten auf gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung nachhinkt, und das besonders im Bildungsbereich.

Kurz darauf bin ich durch Zufall über diese Teleobjektiv-Reportage aus dem Jahr 1983 gestolpert. Schon damals zeigte diese Sendung des berühmten Journalisten Claus Gatterer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie Inklusion von Kindern mit intellektueller Behinderung im Schulsystem funktionieren kann. Denn in Italien, wo der damalige Journalist Herbert Prock für diesen Beitrag drehte, werden Kinder mit und ohne intellektuelle Behinderung seit 1977 gemeinsam unterrichtet.

Vierzig Jahre später frieren in Österreich einige wenige tausend Menschen an einem kalten Winterabend auf der Ringstraße und halten Kerzen in die Höhe, um daran zu erinnern, dass Kinder mit Behinderung ein Recht auf Bildung haben.

Die Sorge von Eltern von Kindern mit intellektueller Beeinträchtigung ist nicht abstrakt: Alleine in der Sonderschule Herchenhahngasse im 21. Bezirk stellten die Eltern von 46 Schülerinnen und Schülern bereits im Oktober Anträge auf Gewährung eines 10., 11. oder 12. Schuljahres für ihre Kinder an die Bildungsdirektion Wien. "Bis jetzt haben wir keine einzige Antwort bekommen", sagt Elternvertreter Jürgen Schamberger.

Vergangenes Schuljahr wurde in Wien etwa hundert Teenagern mit intellektueller Behinderung ein weiteres Schuljahr nicht genehmigt. Dabei steht diesen Jugendlichen laut UN-Behindertenrechtskonvention ein diskriminierungsfreier Zugang zu Bildung zu.

Vor wenigen Tagen berichtete der barrierefreie Nachrichtendienst Bizeps, dass Österreich im August Besuch von den Vereinten Nationen erhält. Der zuständige UN-Fachausschuss wird überprüfen, wie weit Österreich bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ist. Wenn die Bundesregierung hier nicht rasch konkrete Maßnahmen setzt, wird das Ergebnis für unser Land ziemlich peinlich sein.

Ihre Nina Horaczek

Wieso wir in Österreich dringend mehr Inklusion benötigen, erklärte Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor wenigen Tagen in diesem Video. Das Staatsoberhaupt lud auch heuer wieder Menschen mit Behinderung zum Weihnachtsfest in die Präsidentschaftskanzlei. Falls Sie die Ruhe der Feiertage für ein historisches Fernsehdokument nützen wollen, empfehle ich Ihnen diesen "Club 2" aus dem Jahr 1983, in dem Moderatorin Freda Meißner-Blau mit ihren Gästen über die "Endstation Sonderschule" diskutierte.

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Biografie einer TV-Legende

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Die legendäre TV-Journalistin hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der Bevölkerung lieb war. Die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie dokumentiert über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher:innen und gewährt dunkle Einblicke in die Wiener Seele.

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