Das Klimajahr 2022 - FALTER.maily #983

Katharina Kropshofer
Versendet am 23.12.2022

Vielleicht sind Sie Jahresrückblicke schon leid. Ich – und viele weitere Kolleg:innen – genießen die Jahresendzeit allein deswegen, weil in der Woche zwischen Weihnachten und Silvester nicht allzu viel passiert, die Welt (selbst die Politik in diesem Land!) ausnahmsweise ein wenig zur Ruhe kommt.

Also Zeit und Muse für ein Resümee – in diesem Fall über das Klimajahr 2022.

  • November: Im ägyptischen Scharm El-Scheich einigten sich die Staaten zwar nicht darauf, Öl und Gas explizit zu verbannen, dafür auf einen Entschädigungsfonds. Länder des globalen Nordens zahlen ein, ärmere Länder können das Geld für bereits entstandene Schäden durch die Klimakrise verwenden. Ich finde das Ergebnis enttäuschend und trotzdem revolutionär.

  • Dezember: Zu Beginn dieser Woche dann noch ein zweiter Erfolg – mit einem "aber": Auf der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal wurde beschlossen, 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Organisationen wie Greenpeace hadern mit Formulierungen wie die Erlaubnis einer "nachhaltigen Nutzung". Ein nachhaltig bewirtschafteter Fichtenwald erreicht aber zum Beispiel nie den ökologischen Wert eines streng geschützten Gebiets. Was die Beschlüsse im Detail bedeuten, beschreiben mein Kollege Benedikt Narodoslawsky und ich in zwei Artikeln.

  • Das ganze Jahr begleitete uns der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, mit Blick auf den Winter kam ein Berg an Sorgen: Geht sich das aus mit den Gasreserven? Und auch ein Funken Hoffnung: Ist das endlich der Anstoß für die Energiewende, die wir so dringend brauchen? Jein. Während Regierungen nach Katar oder Saudi Arabien reisten, um sich Ölreserven zu sichern, neue LNG-Terminals für Flüssiggas gebaut wurden, beschloss Österreich auch lange notwendige Gesetze. Das Erneuerbaren Ausbau Gesetz etwa. Und in der USA könnte die Klimaökonomie durch den beschlossenen Inflation Reduction Act explodieren.

  • Zum Schluss noch das große Bahö: Klimaaktivist:innen, die zu radikaleren Methoden greifen, Tomatensuppe auf Glasscheiben vor Gemälden schmissen, sich auf Straßen oder Dirigentenpulte klebten. Vieles davon kann man kritisch sehen – ich tue das auch – aber eines haben die Aktivist:innen der Letzten Generation und Just Stop Oil meiner Meinung nach geschafft: Die Überwindung der Bewusstseinsschranke.

Noch nie wurden Klimaaktivist:innen so oft in Talk Shows geladen, noch nie so viel über das Thema geschrieben und geredet – oft nur über die Aktionen selbst, aber zunehmend auch über die Inhalte. Auch in der FALTER-Redaktion diskutierten wir wöchentlich über die Sinnhaftigkeit der Aktionen und auch über das, was eigentlich passieren müsste. So wie zuletzt: Aktivist:innen, die sich ""Tyre Extinguishers" nennen, ließen Reifen von Wiener SUVs die Luft aus.

Die Frage, die dahinter steht: Kann und soll man Individuen für Dinge verantwortlich machen, wenn es eigentlich die Aufgabe des Staates wäre, seine Bürger:innen vor den Schäden und Folgen der Klimakrise zu schützen?

In einer Welt, die ökologisches Verhalten weder finanziell noch zeitlich, am ehesten noch moralisch belohnt, ist es schwierig, das "Richtige" zu tun. Soll ich auf die Flugreise zu meiner nicht-per-Zug-erreichbaren Familie verzichten, obwohl die fossile Industrie weiterhin sogenannte Carbon Bombs plant, also weiter Ölfelder etc. erschließt, die den Fußabdruck dieser Reise um das Tausendfache übersteigen?

Darf ich veganes Bio-Essen predigen, im Wissen, dass es für viele Leute unleistbar ist - auch, weil weiterhin zahlreiche Subventionen in tierischen Produkten stecken? Und soll ich angesichts der steigenden Weltpopulation aufs Kinderkriegen verzichten, im Wissen, dass ein Österreicher 7,2 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr verursacht, ein Senegalese beispielsweise nur 0,6?

Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir SUVs aus der Innenstadt verbannen, den Verzehr tierischer Produkte massiv reduzieren. Trotzdem wünsche ich mir, dass wir weniger über individuelle Schuld als über die Inaktivität der Politik sprechen, über Ölkonzerne, die in einem Krisenjahr wie diesem massive Gewinne gemacht haben, über die Autoindustrie, die sich so selbstverständlich in unser Leben geschlichen hat, dass die kleinsten Kinder nicht auskommen, mit Ferraris und Range Rovers zu spielen. Denn die, die an vorderster Front des Klimaschutzes stehen, haben das Gefühl, nie genug zu tun. Ein großer Teil des Rests macht sich wohl kaum Gedanken darüber.

Ich wünsche Ihnen erholsame Feiertage. Auf dass sich die Bewusstseinsschranke 2023 noch weiter aufweicht!

Ihre Katharina Kropshofer


Empfehlungen

Hier eine Sammlung meiner Lieblingsartikel zum Thema:

- Die ZEIT hat fünf Tierarten zusammengetragen, denen es besser geht, als Sie denken. Ich wusste zuvor etwa nicht, dass der Spatz bedrohter ist als das Rotkehlchen. Er findet in den glatten Fassaden der neuen Gebäude keine Nistplätze mehr. 

- An Weihnachten wird viel gestritten, das Klimathema ist hier sicher keine Ausnahme. Der Spiegel hat Argumente gesammelt, mit denen Sie sich gegen gängige Mythen des reaktionären Onkels wappnen können.

- Österreich ist Europameister im Bodenversiegeln. Wieso das ein so großes Problem ist? Laura Anninger und Lukas Bayer haben das für die Plattform relevant kompakt zusammengefasst.

- Und mein Lieblingsklimatext dieses Jahres stammt von David Wallace-Wells. Vielleicht sagt Ihnen der Name was: Vor ein paar Jahren schrieb er ein Buch namens "The Uninhabitable Earth", die unbewohnbare Erde. Man braucht viel Mut, um es zu Ende zu lesen. Und nun, ein paar Jahre später, ist Wallace-Wells "optimistischer": Obwohl wir noch lange nicht im sicheren Bereich sind, steuern wir zumindest nicht mehr auf das "worst case scenario", auf die Apokalypse zu. Das bedeutet immer noch eine drastisch andere Welt, mir hat es trotzdem Hoffnung gegeben.


Aus dem Falter

Hier noch ein paar Empfehlungen aus den eigenen Rängen: Diese Woche schafft es Lukas Matzinger etwa, die Geschichte der Stadt Wien anhand eines Gebäudes zu erzählen: Dem Stephansdom.

Und falls Sie es noch nicht gelesen haben: Meine Kollegin Lina Paulitsch hat einen Missbrauchsskandal an einer niederösterreichischen Musikschule aufgedeckt, der große Wellen schlägt. Hier der erste Text, und das, was seitdem geschehen ist.


Was für die Ohren

Und falls Sie so wie ich während der Weihnachtszeit viel spazieren gehen, noch ein bisschen Proviant für die Ohren:

Kategorie "mit Technik kenn ich mich nicht so gut aus": The Daily, der tagesaktuelle Podcast der New York Times, hat auf humorvolle Weise zusammengefasst, was die neue KI-Anwendung Chat GPT wirklich kann – und was nicht.

Kategorie "zu Weihnachten schau ich am liebsten Rom Coms": Decoder Ring stellt sich die Frage, wieso der Film "Email für Dich" (Sie wissen schon, der mit Tom Hanks und Meg Ryan, die eine kleine Buchhandlung in New York führt) nur in einem kleinen Zeitfenster funktioniert hat.

Kategorie "Nerds und stolz darauf": Radiolab wagt einen Blick in unser chaotisches Inneres, unser Verdauungssystem.

Kategorie "ich verschenke nur Bücher": Der New Yorker Fiction Podcast, am besten die Folge, in der die fantastische Ottessa Moshfegh eine Kurzgeschichte der großartigen Sheila Heti liest.


Noch ein Tipp

Für die letzte Folge der ersten Staffel von "Klenk +Reiter" haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht: Folge 12 wurde im Dezember 2022 im ausverkauften Wiener Stadtsaal aufgenommen. Dr. Christian Reiter und FALTER-Chefredakteur Florian Klenk haben auf der Bühne Platz genommen und die besten Fälle aus Staffel 1 Revue passieren lassen. Musikalisch begleitet wurden sie – ebenfalls live – vom Liedermacher Ernst Molden. Hier gehts zur Folge!


Rutschen Sie gut!

Das FALTER.maily verabschiedet sich in eine kurze Winterpause. Danke, dass Sie mit uns durch dieses abwechslungsreiche Jahr gegangen sind. Danke für Ihre E-Mails, Nachrichten und Anregungen. Sie lesen am Sonntag, den 8. Jänner, wieder von uns. Bis dahin: Erholsame Feiertage und guten Rutsch!


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