Erinnerung an Karl Pfeifer - FALTER.maily #984

Armin Thurnher
Versendet am 08.01.2023

Das Schlimmste, das einem vor und nach dem Tod passieren kann, ist, mit dem Nachsatz "-legende" verknüpft zu werden. Neuerdings sterben die Legenden wie die Fliegen. Das ist umso peinlicher, als Legenden erst nach dem Tod von Personen entstehen und jene post mortem dauerhaft rühmen sollten, bei denen man sich nun schon ante mortem durch die Vergabe des Prädikats "Legende" anbiedern möchte. Die Ausdrucksarmut der Öffentlichkeit korrespondiert offenbar auf perverse Weise mit dem Reichtum der besitzenden Klassen. Je reicher diese werden, desto schneller verarmt die öffentliche Rede. So gehen sie denn dahin, die Radio-, die Katechismus-, und die Fußballlegenden.

Karl Pfeifer ist gestorben, ohne dass ihm jemand die "Legende" angehängt hätte. Sein Widerstand war stets handfest, nicht legendär, seine Geschichte war ein unangenehmes Ausrufezeichen, seine Präsenz ein lästiges Mahnmal. Karl Pfeifer, der jüdische Journalist, flüchtete als Kind vor den Nazis nach Palästina, wuchs in Israel auf, kämpfte in der Eliteabteilung der dortigen Armee, kehrte später nach Österreich zurück, beobachtete, berichtete und kommentierte mit scharfem Blick, wo Furchtbares aus dem noch fruchtbaren Schoß kroch.

Nach den Waldheimjahren und in den Haiderjahren am Ende des vergangenen Jahrtausends kamen auch unsereinem in diesem Land solche Gefahren zu Bewusstsein. Karl Pfeifer wurde von der Renaissance der Rechten nicht überrascht. Er hatte es gewusst. Die Rechte brauchte er nicht kommen sehen, sie war immer da. Aber Karl Pfeifer blieb kampfeslustig.

In den 1980er und 1990er-Jahren schrieb er das eine oder andere im FALTER.

Stets betrat er die Redaktionsräume sehr aufrecht (er war nicht sehr groß). Es war, als wolle er mit seiner Körperhaltung seine Unbeugsamkeit hervorheben. Ein Büschel üppigen Brusthaars ragte keck aus dem Hemd und unterstrich das noch. „Wollt ihr das bringen“, fragte er insistierend, „es wäre wichtig, mein Lieber“, wohl wissend, dass die Themen einer Stadtzeitung begrenzt waren, dass wir aber, ihm zugeneigt, stets bereit waren, etwas zu bringen, wenn es irgendwie ging.

Sein Kampf gegen die österreichischen und ungarischen Nazis und Postnazis hatte eine biografische Beglaubigung. Kein Zweifel bestand an der Echtheit, an der Berechtigung seiner Empörung. Karl vibrierte davon. Er hatte erlebt, worum es geht. Er hatte Humor, aber hier verstand er keinen Spaß. Sein "Mein Lieber" hatte nicht nur etwas Festes, sondern den mahnenden Ton, sich ja nicht zu arrangieren. Nebenbei dienten seine Redaktionsbesuche augenzwinkernd dem Zweck, die aktuelle Ausgabe des FALTER abzuholen, auf die er als ständiger Mitarbeiter einen Anspruch hatte.

Vergangene Woche ist Karl Pfeifer im Alter von 94 Jahren in Wien gestorben. In meinem nächsten FALTER-Kommentar folgt eine ausführlichere Würdigung.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche,

Ihr Armin Thurnher

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Stefanie Panzenböck schrieb die im Falter Verlag erschienene Biografie der außergewöhnlichen Journalistin Elizabeth "Toni" Spira. Ihr Mann, der Schauspieler Hermann Schmid, hat sie nicht lange überlebt. Lesen Sie hier Panzenböcks Nachruf auf einen stillen Großen.

Die Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten feiert ihren 4. Jahrestag. Das wird mit einer Jubiläumsfeier am 19. Jänner 2023 im Cinema Paradiso St. Pölten gefeiert.

Ab 17:30 Uhr mit Begrüßung durch das Rektorat, einer Filmvorführung „THE GAME. Spiel zwischen Leben und Tod“ und einem Talk mit der Filmemacherin – alles bei freiem Eintritt. Wichtig: Bitte um Anmeldung.

Mehr Informationen zur Bertha von Suttner Privatuniversität und den drei profilbildenden Studienbereichen Psychotherapie, Soziales und Inklusion finden Sie hier.


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