Cancelt lieber die Royals als die EU! - FALTER.maily #985

Tessa Szyszkowitz
Versendet am 09.01.2023

Für die Briten begann dieses Jahr recht unterhaltsam. Es geht schon wieder um den "War of the Windsors", den Krieg zwischen den britischen Königskindern. Prinz Harry präsentiert in seiner Biografie "Reserve" (engl. Originalfassung: "Spare") am 10. Jänner pikante Details: Zur Hochzeit seines Bruders William erschien er mit Frostbeulen auf seinem Penis; der erste Sex fand mit 17 hinter einem Pub statt. Zudem: Sein Vater Charles habe ihn nach dem Tod seiner Mutter Diana nicht einmal umarmt; sein Bruder hätte ihn 2019 in der Küche geschubst; und zu der Nazi-Uniform, die er 2005 zu einem Faschingsfest angezogen hat, sollen ihm William und Schwägerin Catherine geraten haben. Sie hätten sich dabei königlich amüsiert.

Im Unvereinigten Königreich ist deshalb jetzt nicht etwa Thronfolger William unten durch. Vielmehr verteufeln die konservativen Briten Prinz Harry und seine Frau Meghan. Laut dem "Royal Family Favourability Tracker" des Umfrageinstituts "YouGov" rangiert Harry bei minus 26 Prozent Popularität im Vergleich zu König Charles – der liegt bei plus 35 Prozent. Thronfolger William rangiert sogar bei plus 62.

In Europa blickt man auf den royalen Rebellen Harry mit mehr Sympathie als auf der Brexitinsel. Ganz zu schweigen von Amerika, wo Meghan als Kämpferin gegen Rassismus und Sexismus einen leichteren Stand hat als in der verknöcherten britischen Monarchie. Jämmerlich ist bei all dem Spektakel die Tatsache, dass die Windsors längst nicht mehr um die Macht im Königreich, sondern bloß um die beste Platzierung in den Medien kämpfen. Die Briten hätten lieber die Windsors als die EU abschaffen sollen. Denn die Royals sind auf Netflix erfolgreicher als in der Realität.

Die EU dagegen ist in Wirklichkeit besser als ihr Ruf. Im Vergleich zum britischen Königshaus hatte die Europäische Union 2023 einen guten Start ins Jahr 2023. Mit Kroatien ist der 20. Mitgliedstaat Teil der Euro- und Schengenzone geworden. Der Euro ist nicht nur aus den Ländern, die ihn haben, nicht mehr wegzudenken. Die europäische Währung spielt längst auch eine wichtige Rolle im globalen Finanzgefüge. 

Sicher, die EU steht auch heuer wieder vor enormen Problemen. Italiens neue Rechtsregierung unter Giorgia Meloni muss schauen, dass sie nicht aus besagter Eurozone kippt. Die Österreicher haben sich blamiert, weil sie zwar Kroatien in Schengen wollten, die Rumänen aber nicht. Der vorweihnachtliche Korruptionsskandal um Bestechungsgelder aus Katar ist in Brüssel auch noch nicht ausgestanden. 

Doch die EU geht erstaunlich geeint in dieses neue Jahr. 2023 wird in keinem G7- oder G20-Staat gewählt. Der Fokus kann deshalb in diesem Jahr darauf liegen, die Krisen von 2022 in den Griff zu bekommen. Der Krieg, den der russische Präsident Wladimir Putin über Europa gebracht hat, bleibt auch in diesem Jahr die größte Herausforderung. 

Nicht ausschließlich im negativen Sinne. Putins Krieg befördert in der EU die Wende weg von – russischem – Gas und Öl zu einer nachhaltigen Energiepolitik. Erst einmal gibt es genug Gas in den Speichern, die Sorge gilt bereits dem nächsten Winter. Wirtschaftspolitisch muss die Union 2023 außerdem darauf reagieren, dass die USA ab jetzt grüne Technologie wie Elektroautos hoch subventioniert. Da ist es hilfreich, dass die Schweden gerade für sechs Monate den EU-Vorsitz übernommen haben. In Schweden werden E-Autos schon seit 2006 gefördert. Die EU wird über höhere staatliche Beihilfen nachdenken, damit europäische Anbieter nicht vom Markt verdrängt werden.

Schweden wird außerdem gerade Mitglied in der NATO. Eine NATO-Erweiterung hätte man in Europa vor dem 24. Februar 2022 kaum bejubelt. Die Stärkung des transatlantischen Bündnisses ist eine direkte Folge von Putins Krieg. Die Türkei und Ungarn sträuben sich noch gegen die Ratifizierung von Schwedens und Finnlands Aufnahme. Sie werden die Skandinavier aber nicht von einem Beitritt abhalten. 

Im Herbst 2023 soll dann in Polen gewählt werden. Donald Tusks Bürgerkoalition Koalicja Obywatelska (KO) ist im Aufwind. Die liberale und EU-freundliche Opposition in Warschau hat derzeit gute Chancen, endlich die rechtskonservative PiS zu entmachten. Der ehemalige EU-Ratspräsident Tusk könnte Polen wieder dorthin führen, wo das Land hingehört: mitten in die europäische Politik. 

Durch den Krieg in seinem Nachbarland Ukraine hat Polen noch größeres Gewicht in der EU-Politik bekommen. Deshalb ist es doppelt wichtig, dass die EU der Ukraine auch 2023 mit aller Kraft hilft. Die Einheit der EU bei Flüchtlingshilfe, finanzieller und militärischer Unterstützung für die Ukraine sowie bei den Sanktionen gegen Russland ist nicht nur wichtig für die Ukraine. Sie ist auch entscheidend für die EU.

Ihre Tessa Szyszkowitz

347 Millionen EU-Bürger haben den Euro und die Schengenzone. Kroatien ist seit 1.1. 2023 der 20. Mitgliedstaat. In der Eurozone ist die – derzeit hohe - Inflation bei Verbraucherpreisen im Dezember 2022 auf 9,2 % zurückgegangen.

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