Kickls Militärkluft - FALTER.maily #987

Barbara Tóth
Versendet am 11.01.2023

Kennen Sie den Streisand-Effekt? Im Journalismus kann er eintreten, wenn man über ein Thema berichtet und es damit größer macht, als es das vielleicht verdient hätte. Seit Jahrzehnten wird der Streisand-Effekt im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die FPÖ kontrovers diskutiert.

Hilft man Jörg Haider, Heinz-Christian Strache und jetzt Herbert Kickl nicht, wenn man ihnen Kommentare, Cover und Geschichten widmet? Ich tue mir schwer mit dieser Argumentation. Weil nicht zu berichten, ist auch keine Option. Schon gar nicht, wenn die FPÖ – so wie derzeit in Umfragen – wieder einmal am Weg zur stärksten Kraft Österreichs ist.

Ich finde es deshalb wichtig, Ihnen etwas über die neueste Plakat-Kampagne Kickls zu erzählen. Sie zeigt ihn mit entschlossenem Blick, in einer Armee-grünen Jacke mit einem merkwürdig verdrehten rot-weiß-roten Abzeichen, daneben der Schriftzug "Festung Österreich" und etwas kleiner dazu "Asyl-Stopp".

Das neue Kickl-Plakat, gesehen in Purbach am Neusiedler See. Foto: Barbara Tóth

Ich bin vergangenes Wochenende in Niederösterreich und im Burgenland an mehr als einem dieser Plakate vorbeigefahren und fand sie sehr verstörend. Zum einen, weil sich Kickl ganz offensichtlich beim Styling von der lässigen Army-Kluft des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj inspirieren hat lassen. Zum anderen – und das wiegt schwerer – weil es scheint, als versuchte Kickl damit das österreichische Bundesheer zu vereinnahmen.

Denn für Laien könnte Kickls Jacke mit dem Austro-Abzeichen schnell mal nach Bundesheer-Kleidung aussehen. Gemeinsam mit dem Schlagwort "Festung" und "Asyl" gibt sie Kickl die Aura des tapferen Feldherren, der unser Land gegen die Fremden verteidigt.

Diese Assoziation ist natürlich gewollt. Kickl, der seinen Dienst beim Militär als Einjährig-Freiwilliger bei den Gebirgsjägern in Kärnten absolviert hat, weiß genau, was er tut. Er weiß auch, dass er nie eine echte Uniform tragen dürfte. Deshalb greift er auf eine gängige Outdoorjacke in Oliv zurück, auf die die Kreativabteilung der FPÖ besagtes rot-weiß-rot Abzeichen draufmontiert hat. Die Streifen sind vertikal und nicht horizontal angeordnet. Eigentlich stünde das für Peru.

Ein Rechtspopulist, der sich als Militär verkleidet. Lässt man das einfach so stehen? Sollte sich das Bundesheer gegen eine solche parteipolitische Vereinnahmung nicht wehren? Ich finde das sehr problematisch. Als ich dazu den Sprecher des österreichischen Bundesheeres via twitter fragte, machte er mich lächerlich. Das sei doch nur eine stinknormale Jacke, den Kontext dazu wollte er einfach nicht wahrhaben.

Ihre Barbara Tóth

Und so ging es weiter: Nachdem ich auf Twitter Kickls Plakat thematisiert hatte und den Heeressprecher um eine Reaktion gebeten hatte, ging die Sache viral. Sofort rückten mehrere Abgeordnete der FPÖ zur Verteidigung ihres Chefs aus. FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker drehte sogar ein kleines Video zur Causa, und wie so oft, wenn die FPÖ kampagnisiert, schrieb die rechtslastige Online-Plattform Exxpress eine Geschichte. Gegenseitig aufeinander zu verweisen bringt nämlich Klicks und Traffic. "Wie jetzt, darf man jetzt keine olivfarbenen Jacken mehr tragen?" "Will da jemand das Bundesheer schlecht reden?", tönte es da. Um die eigentliche Frage, nämlich Kickls paramilitärischer Anmassung, ging es FPÖ, Exxpress & Co natürlich nicht. Stattdessen versuchten sie, mich einzuschüchtern und betrieben Whataboutism.

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