"Genosse Rampensau" steigt in den Ring - FALTER.maily #988

Nina Horaczek
Versendet am 12.01.2023

Seit heute ist es offiziell: Andreas Babler, Bürgermeister von Traiskirchen, startet einen Vorzugsstimmenwahlkampf bei der niederösterreichischen Landtagswahl. Er habe sich diese Kandidatur schon länger überlegt, sagt Babler zum FALTER. Denn sein Antreten auf dem letzten Listenplatz der SPÖ hat auch eine wichtige symbolische Bedeutung.

Seit Langem ist Babler Star der Linken in der österreichischen Sozialdemokratie. Als Bürgermeister einer Stadt mit dem größten Flüchtlingsquartier des Landes stellt Babler sich konsequent auf die Seite geflüchteter Menschen – und fährt damit Wahlerfolge ein, von denen die SPÖ auf Bundesebene nicht einmal träumen kann. 2015 wählten 71,53 Prozent der Traiskirchnerinnen und Traiskirchner Babler zum Bürgermeister.

"Genosse Rampensau" nannte der FALTER Babler 2015 in einem Portrait. Damals, im Flüchtlingssommer 2015, als im völlig überfüllten Flüchtlingslager menschenunwürdige Bedingungen herrschten, gelang es Babler, die mediale Bühne geschickt zu nützen, um die damalige Innenministerin und jetzige niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) in die Verantwortung zu nehmen, ohne auch nur in einer Nuance gegen die geflüchteten Menschen zu kampagnisieren. Asylwerber seien "Menschen, denen es dreckig geht. Selbst wenn es Wirtschaftsflüchtlinge sind, heißt das auch, dass sie jahrzehntelang ausgebeutet wurden durch den reichen Westen", sagte er damals.

Babler selbst ist ein klassisches Arbeiterkind. Der Ausdruck Proletarier ist für den gelernten Maschinenschlosser, der früher als Akkordarbeiter bei Vöslauer Mineralwasser abfüllte, kein Schimpfwort, sondern eine Lebenseinstellung. Der Sozialdemokrat, der mit 15 Jahren bei der Sozialistischen Jugend andockte, pflegt gerne das Image des roten Revoluzzers. Die Weine aus seinem Anbau heißen "Commandante" und "Underdog". Den letzten Platz auf der roten Wahlliste habe er sich bewusst ausgesucht, sagt Babler. "Ich möchte nämlich Politik von unten und einen Underdog-Wahlkampf machen."

In seiner 20.000 Einwohnerinnen- und Einwohnergemeinde Traiskirchen hat sich Babler eine Art knallrotes Bullerbü geschaffen. Hier zeigt er im Kleinen, wie er sich sozialdemokratische Politik im Großen wünscht. Für die Menschen in Traiskirchen gib es kostenloses Biogemüse, angebaut von Menschen aus dem Flüchtlingscamp. Zusätzlich ließ Babler in der ganzen Stadt alte Obstsorten pflanzen, jedes Jahr werden für die Babys der Stadt "Lebensbäume" gepflanzt. Es gibt den "Guten Laden", einen Sozialmarkt, der so schick aussieht, dass sich niemand, der wenig Geld hat, schämen muss, dort einkaufen zu gehen, und vieles mehr. Ein eigenes Ehrenamtsteam begleitet ältere und gebrechliche Menschen zum Arzt oder auf Spaziergänge und vieles mehr.

"Mit meinem Vorzugsstimmenwahlkampf möchte ich auch gegenüber meiner Partei ein Zeichen setzen, dass man eine Wahlbewegung von unten aufbauen kann", sagt Babler im Gespräch mit dem FALTER. Bis zum Wahltermin am 29. Jänner will er mit einer "Tupperware-Politik", wie er es nennt, Wählerinnen und Wähler für die SPÖ gewinnen: "Ich möchte gerne Privatpersonen in Niederösterreich, die mich einladen und zumindest zwanzig Personen zusammentrommeln, für ein politisches Gespräch besuchen."

Ihre Nina Horaczek

...von Andreas Babler können Sie diese Sendung im FALTER-TV mit Raimund Löw zum Thema Wahlrecht nachsehen. Babler sprach sich damals für einen leichteren Zugang zum Wahlrecht aus, wenige später zog die Wiener SPÖ nach und forderte den schnelleren Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft.

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