Fühle ich mich eigentlich schlecht genug? - FALTER.maily #989

Klaus Nüchtern
Versendet am 13.01.2023

Ich fürchte, ich laboriere an Apokalypse-Reaktanz. Zum Glück an einer milden, sozial recht verträglichen Form. Keine Angst, ich werde mir jetzt nicht „zum Fleiß" ein Schnitzel vom Vollspaltbodenschwein bestellen und, nein, ich werde mir auch keinen SUV zulegen und einen „Fuck You, Greta!"-Aufkleber auf den Heckspoiler picken. Aber wenn sich die Rinnsale der Niedergangsnarrative zu einem reißenden Strom des großen Bachruntergehens verdichten, reagiere ich mit vorsichtig zuversichtlichem Trotz: „Das schau’ ich mir einmal an!"

Offenbar muss man ein solches Verhalten nicht als bockige Realitätsverweigerung deuten. Auf Wikipedia findet sich immerhin eine Definition, die in eine andere Richtung weist: „Reaktanz" sei, so kann man dort lesen, „die Motivation zur Wiederherstellung eingeengter oder eliminierter Freiheitsspielräume". Was soll man anstreben, wenn nicht das?

Ich besitze eine Jahreskarte, aber kein Auto, habe meine Flugreisen auf ein Minimum reduziert (2022: Wien – Podgorica – Wien) und verzichte auf Vollbäder, weil mein Boiler die ohnehin nicht hergibt. Wenn ich mich jetzt auch noch in Boomer-Selbsthass ergehe und meine Finger auf irgendeine Fahrbahn klebe (Obacht, die Oberfläche muss trocken sein!), schmiert der Planet doch keine Sekunde später ab.

Im jüngsten „Roman" des britischen Schriftstellers Martin Amis (eine Besprechung erscheint im nächsten FALTER) finden sich – so eitel und verschwatzt der über weite Strecken auch ist –, doch auch einige kluge und bedenkenswerte Beobachtungen. Zum Beispiel diese: „Die Vorstellung, dass mürrischer Pessimismus ein Zeichen tiefen Ernstes ist, hat zur Entstehung eines […] Widerstands gegen das Affirmative und zur konkurrierenden Anziehung seines Gegenteils beigetragen – dem Snobismus nämlich, dass es einem immer noch schlechter geht."

Es gehört „in Zeiten wie diesen" – wann haben zuletzt eigentlich andere geherrscht? – allerdings zum guten Ton, sich mies zu fühlen. Wer auf die meist ohnedies nur rhetorisch gemeinte Frage „Wie geht’s?" mit „Du, eigentlich ausgezeichnet!" antwortet, gilt entweder als Zyniker oder als Autist. Depressionsimperative aber sind eine Zumutung, die man zurückweisen darf.

Nehmen wir zum Beispiel die Rede von der „Krise der Kultur". Es ist gewiss schlimm für Kulturschaffende, wenn sie auf einmal vor halbleeren Häusern spielen müssen oder überhaupt um ihre Auftrittsmöglichkeiten gebracht werden. Wir können dem allerdings leicht gegensteuern, indem wir einfach wieder öfter außer Haus und ins Konzert, ins Kino, ins Theater oder ins Museum gehen, anstatt mit unserer Fernseh-Couch zu verwachsen.

Ich jedenfalls habe auf Netflix schon länger nichts mehr gefunden, was über professionell gemachtes Entertainment oder teuer produzierte Konvention hinausginge. Natürlich ist nicht alles toll, bloß weil’s im Kino läuft. Superhelden-Filme, 3D-Phantasy-Spektakel oder angehipsterte Biopics über Prinzessinnen gehen mir am A**** vorbei, und obgleich ich bis zum Abwinken asinophil bin, kann ich in die allgemeine Begeisterung über Jerzy Skolimowskis preisgekrönten und allgemein akklamierten Film „EO" nicht teilen. Ich kenne einige Menschen, die ihn sich nicht angesehen haben, weil sie Angst hatten, dann die vollen 88 Minuten durchflennen zu müssen. Als reuelose Kinoheulsuse kann ich allerdings versichern, dass diese Gefahr nicht gegeben ist. Und das spricht aus meiner Sicht eher gegen den Film.

Im Vergleich zu Robert Bressons Meisterwerk „Au hasard Balthazar", das Michael Haneke zu seinen zwei „Götterfilmen" zählt (der andere ist Andrej Tarkovskijs „Der Spiegel"), verströmt „EO" in seiner visuell und akustisch übersteuerten Überwältigungsästhetik und seiner allzu platten Botschaft doch ein ziemlich hohles Pathos. Der entschieden aufregendere und ungleich erschütterndere aktuelle Eselfilm ist Martin McDonaghs „The Banshees of Insherin" – mit der Eselin Jenny in der Rolle der Jenny und einem überragenden Colin Farrell in jener des gutmütigen, aber auf heillose Weise aus seiner naturgegebenen Nettigkeit gerissenen Pádraig.

Gewiss, dieser buchstäblich heillose Film über die grausamen Folgen einer aufgekündigten Männerfreundschaft enthält einige hochkomische Szenen und Dialoge – ich sage nur: Beichtstuhl! –, aber warum Farrell als „Bester Schauspieler" in einer „Komödie" (!) ausgezeichnet wurde, wissen allenfalls die Mitglieder der Golden Globe-Jury, die ganz offenkundig alle mächtig einen an der Waffel haben.

Ihr Klaus Nüchtern

Alle zehn Jahre nominiert die britische Zeitschrift Sight and Sound auf Grundlage einer Umfrage unter Kritiker:innen „The Greatest Films of All Time". Hatte 2012 Hitchcocks „Vertigo" nach einem halben Jahrhundert (!) Orson Welles „Citizen Kane" von Platz eins verdrängt, so kam es 2022 zu einer echten Überraschung. Zum besten Film aller Zeiten gewählt wurde: „Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles", das 201 Minuten lange Drama der belgischen Regisseurin Chantal Akerman. Dahinter unverändert: „Vertigo" vor „Citzien Kane". Aufsteiger des Jahrzehnts ist übrigens der Film einer weiteren Regisseurin. Hatte es bis dahin keine einzige Frau unter die Top Ten geschafft, so sind es nunmehr zwei: Claire Denis rückte mit „Beau Travail" von Platz 78 auf Platz 7 vor.

Bestenlisten sind natürlich immer Anlass für narzisstische Erregung: Man ist erfreut oder empört, weil sich die eigenen Favoriten (nicht) unter den Top-Gereihten befinden. In meinem Fall ist zunächst einmal Beschämung angesagt, weil just die beiden Filme von Frauen die einzigen unter den Top Ten sind, die ich nicht kenne. Ich gelobe Besserung und werde diese Scharte auswetzen. Ansonsten: Befriedigung darüber, dass es Ozu Yasujirō, dessen Filme ich freilich kaum auseinanderhalten kann, auf Platz 4 („Tokyo Story") und Platz 21 („Late Spring") geschafft hat. Robert Bresson hätte ich freilich viel weiter vorne gesehen als auf Platz 25, und statt „Au Hasard Balthazar" hätte ich wohl „Mouchette" gewählt. Utterly, totally and completely inacceptable hingegen ist es, dass Buster Keaton mit seinem Jahrhundertfilm „Sherlock Jr." (1924) hinter Charlie Chaplin und – ex aequo mit Godard („Le Mépris"), Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin") und Billy Wilder („The Apartment") – weit abgeschlagen auf Platz 54 zu liegen kommt.

Sowieso in der Krise steckt das Theater. But does it? Die Volkstheater-Produktion „humanistää!", eine Ernst Jandl-Collage-Performance unter der Regie von Claudia Bauer, hat immerhin drei Nestroys sowie eine Einladung zum Berliner Theatertreffen abgeräumt und wurde von der New York Times als „A breathtaking theatrical immersion in Jandl’s playful linguistic cosmos" gewürdigt. Die Vorstellung am kommenden Sonntag ist bereits ausverkauft, die Nächste findet am 12. Februar statt. Diesmal muss ich es schaffen!

Zur Erinnerung: Jenseits von Couchpotatoetum besteht wieder / noch immer die Möglichkeit, die eigenen vier Wände zu verlassen und sich in der Menge dem Wirbel zu überlassen, der auf einer Bühne veranstaltet wird. Eine Ahnung davon, wie beglückend das sein kann, vermittelt ein kurzer Live-Mitschnitt des Shibusha Shirazu Orchestra beim Festival von Glastonbury im Jahr 2002.

Eine Cover-Version des Shibusha Shirazu-Schlachtrosses „Nadaam" (siehe und höre oben) findet sich auf der CD „The Mighty Roll" auf meinem Label Handsemmel Records. Bei dieser Draufgabe im Rahmen eines Live-Auftrittes des Handsemmel Workestra, der im Sommer 2018 im Porgy & Bess über die Bühne ging, durfte auch ich einige Töne auf dem Tenor-Saxofon beisteuern.

Biografie einer TV-Legende

FALTER-Redakteurin Stefanie Panzenböck veröffentlicht mit Die Spira die erste Biografie über Elizabeth Toni Spira.

Die legendäre TV-Journalistin hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der Bevölkerung lieb war. Die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie dokumentiert über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher:innen und gewährt dunkle Einblicke in die Wiener Seele.

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