Ein Uniseminar wird zur Gedenktafel - FALTER.maily #991

Nina Horaczek
Versendet am 16.01.2023

Vor Kurzem schickte Gesundheits- und Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) eine Einladung zur Enthüllung einer Gedenktafel am 23. Jänner aus. Mit dieser Tafel soll an die Opfer der NS-Militärjustiz erinnert werden. Viele ihrer Todesurteile schrieb die Wehrmacht im damaligen "Kriegsministerium", dem Ministerium am Stubenring, in dem heute das Arbeits-, Digitalisierungs-, Gesundheits- und Sozialministerium ihren Sitz haben.

Da fiel mir eine kleine Gruppe Studentinnen und Studenten ein, deren Seminararbeit an der Uni Wien vor vielen Jahren eine Keimzelle zur Veränderung von Österreichs Vergangenheitspolitik war. Und der wir indirekt diese neue Gedenktafel verdanken.

Im Wintersemester 1998/99 beschäftigten sich die vier Studierenden Maria Fritsche, Hannes Metzler, Thomas Walter und Nina Horowitz in einem Seminar des Politologen und Nationalsozialismus-Experten Walter Manoschek an der Universität Wien mit dem damals wissenschaftlich nicht aufgearbeiteten Thema österreichische Wehrmachtsdeserteure.

Fritsche ist heute Professorin für Geschichte in Norwegen, Metzler Büroleiter des grünen Landesrats Daniel Zadra in Vorarlberg, Walter wurde Richter in Feldkirch und Horowitz hat es ganz woanders hin verschlagen: Sie ist Journalistin und bekannt als Gestalterin der "Liebesg’schichten und Heiratssachen" im ORF.

Als Studenten fragten sie aber damals bei Justizminister Nikolaus Michalek nach, ob die Urteile der NS-Militärjustiz noch rechtskräftig und die verurteilten Deserteure oder "Wehrkraftzersetzer" daher vorbestraft seien. Sie brachten die Grünen dazu, parlamentarische Anfragen zum Thema Wehrmachtsdeserteure zu stellen.

Daraus entwickelte sich erstmals eine öffentliche Debatte um das Thema. Schließlich führte eine Gruppe junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um den Politologen Manoschek ein Forschungsprojekt zu den österreichischen Opfern der NS-Militärjustiz durch.

Rund um diese Forschungsgruppe entstand dann 2002 das Personenkomitee "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz". Hier wurde der Wehrmachtsdeserteur und Widerstandskämpfer Richard Wadani zu einer prägenden Person. Das Personenkomitee konnte, auf parlamentarischer Ebene besonders unterstützt von den Grünen, aber auch mit Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern wie Elfriede Jelinek oder Josef Hader, durchsetzen, dass Deserteure der Wehrmacht 2005 offiziell als Opfer des NS-Regimes anerkannt und rehabilitiert wurden. Es war auch treibende Kraft dahinter, dass seit Oktober 2014 auf dem Wiener Ballhausplatz ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz steht.

Mit der Gedenktafel auf dem Regierungsgebäude am Stubenring, die Ende Jänner enthüllt wird, schafft die Republik einen weiteren Erinnerungsort. Von hier aus baute das NS-Regime einst die Wehrmachtsjustiz in Österreich auf und richteten mehrere Gerichte ein. Hier unterzeichneten die Kommandanten die Todesurteile.

25 Jahre nachdem vier Studentinnen und Studenten sich dieses Themas in einem Uniseminar annahmen, wird nun endlich eine Gedenktafel dieses historische Unrecht sichtbar machen.

Ihre Nina Horaczek

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