Theater des Schreckens - FALTER.maily #992

Florian Klenk
Versendet am 17.01.2023

Gestern habe ich mit Michael Rami telefoniert und mich mit ihm über die öffentlichen Reaktionen im Fall des Burgschauspielers und Sexualstraftäters Florian Teichtmeister unterhalten. Rami wurde vorgeworfen, dass er einen Sexualstraftäter vertritt. So als ob er die Tat und die nicht die Rechte des Angeklagten verteidigen würde.

Rami ist neben Philipp Wolm der Anwalt des Schauspielers und er wirkte extrem irritiert. Die Art und Weise, wie die durch Social Media geprägte sofortistische Öffentlichkeit (von links bis rechts) den Fall des geständigen Täters diskutiert, erinnert nicht nur ihn an den mittelalterlichen Marktplatz. Der Delinquent, so die Fantasien, soll nicht nur hart bestraft werden, sondern sofort und öffentlich. Auf die Strafe muss auch die soziale Ächtung folgen. Die Spuren des Täters, in diesem Fall seine Filme, sollen verschwinden.

Ich gestehe: Diese archaischen Reaktionen hege ich auch. Und Sie, liebe Leser:innen? Auch ich dachte mir in einer ersten Reaktion: "Keine Gnade, sperrt ihn ein." Als Rechtspraktikant am Bezirksgericht habe ich in den Neunzigern einmal eine Abbildung von einem unmündigen Opfer sexueller Gewalt gesehen. Das Foto ging mir lange nicht aus dem Kopf. Die Wut über das Verbrechen, die Empathie mit den sexuell gedemütigten Kindern, sie kanalisiert sich in der Fantasie, wonach eine harte Strafe ein Verbrechen ungeschehen mache.

Die öffentliche Hinrichtung, etwa das Verbrennen oder Vierteilen, war im Mittelalter (anders als in modernen Terrorregimen) daher kein Akt der Abschreckung, sondern ein Ritual, um das Böse symbolisch zum Verschwinden zu bringen, es "in Rauch aufgehen zu lassen". Die Gesellschaft reinigte sich selbst. Nachzulesen ist das alles in Richard von Dülmens exzellenter Studie Theater des Schreckens.

Diese Fantasien sind nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch und archaisch. Und da wir die Schattenseiten unserer eigenen Natur kennen, unsere dünne zivilisatorische Firnis, haben wir uns den Luxus eines rechtsstaatlichen Verfahrens geleistet. Der Rechtsstaat, sagen die Rechtsphilosophen, hat ja Antwortcharakter. Er ist die Antwort auf die Erkenntnis, dass auch wir im ersten Reflex zur Rachsucht und Irrationalität neigen, wenn wir grausame Verbrechen sehen. Rechtsstaat heißt daher: Gönnen wir uns eine Reflexionsphase, wägen wir die Dinge ab, reagieren wir angemessen und wirkungsvoll, auch im Interesse der Betroffenen.

Deshalb kennt unser Strafrechtssystem für Menschen wie Teichtmeister wirkmächtigere Sanktionen als die Hinrichtung. In seinem Fall, das wird die Überraschung für die Öffentlichkeit und die Politik sein, wird die Sanktion nicht einmal in einer Haftstrafe bestehen, sondern in einer vergleichsweise milden Bewährungsstrafe mit strengen Auflagen. Warum ist das so? Weil es den Betroffenen, aber auch der Gesellschaft besser nützt.

Ich konnte mir die Akten im Fall Teichtmeister ansehen (hier gehts zum Text), die Eingaben und Argumente seiner Verteidigung. Meine Erkenntnis aus der Lektüre: die Strafverteidigung in seinem Sexualstrafverfahren besteht eben nicht darin, die Taten zu leugnen, die Opfer ins Lächerliche zu ziehen oder die Sache mit sogenannter "Himpathy" zu relativieren, also mit Verständnis für die Welt männlichen Täter. Im Gegenteil.

Teichtmeister hat, nachdem ihn seine Lebensgefährtin anzeigte, mit seinen Verteidigern von Beginn an mit den Behörden kooperiert. Er hat seine Datenträger und Drogen rausgerückt, seine Passwörter genannt, er hat Therapien begonnen, er nimmt Psychopharmaka. Er hat auch nicht sein Handy gelöscht, wie zunächst kolportiert wurde.

Er ist offenbar nicht nur seit 15 Jahren schwer kokainsüchtig, sondern auch süchtig geworden nach immer brutaleren Bildern von sexuell gedemütigten Kindern. Gegen diese Neigung hilft nicht Dunkelhaft und Isolation, sondern engmaschige psychiatrische und psychologische Betreuung. Und die nimmt Teichtmeister seit eineinhalb Jahren in Anspruch.

Darf er weiter Theater spielen? Soll er sich applaudieren lassen? Nein. Auch aus Respekt vor seinen Kolleg:innen, die ihn auf der Bühne berühren, küssen oder umarmen müssen. Aus Respekt vor Kindern, die am Set stehen. Das Burgtheater hätte sich daher schon im Herbst 2021, als die Sache aufflog, den Akt vorlegen lassen oder Teichtmeister suspendieren müssen. Denn schon Anfang August 2021, so zeigen die bisher unveröffentlichten Polizeiakten, die wir im FALTER zitieren, hat Teichtmeister alles gestanden. Aber nur gegenüber den Behörden. Seinen Arbeitgeber hat er falsch informiert.

Das ist das Recht des Beschuldigten, er muss sich nicht selbst öffentlich belasten. Es ist aber auch das Recht des Arbeitgebers zu sagen: "Akteneinsicht oder Du bist beurlaubt!". Dass Kušej das nicht getan hat, sondern Teichtmeister ausgerechnet die Rolle eines Mannes gab, der Pornochats schrieb, ist ein schwerer Fehler.

Teichtmeister hat offenbar gehofft, dass sein Fall mit einer therapeutischen Auflage "diversionell" erledigt wird, ohne öffentliches Verfahren. Aber auch das geht in einem modernen Rechtsstaat nicht. Rechtsprechung braucht Öffentlichkeit. Wir alle sollen sehen, wie Recht geschöpft und wie Sanktionen ausgestaltet werden. Die Justiz ist bei dieser Arbeit moderner, als wir glauben. 

Wir sollten als Publikum den Rechtsfindungsprozess nicht durch "Hang him high!"-Geschrei stören, sondern wir müssen zuhören, worin die Ursachen seiner Straftat liegen. Die Öffentlichkeit muss danach noch etwas akzeptieren: Wenn die Strafe getilgt ist, dann ist der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Man darf Teichtmeister dann die Taten nicht mehr vorwerfen, auch das schreibt das Gesetz vor. Die Gesellschaft soll sich mit einem, der sich aus der Gesellschaft entfernt hat, wieder "versöhnen". Re-Sozialisierung ist das Ziel des modernen Strafrechts, nicht ewige Ächtung.

Ihr Florian Klenk

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