Einen Krieg kann man nicht überwintern - FALTER.maily #993

Eva Konzett
Versendet am 18.01.2023

Das deutsche Erdgas- und Erdölunternehmen Wintershall Dea und die österreichische OMV haben einiges gemeinsam: Fossile Rohstoffe als Betätigungsfeld, die Affinität für Russland, Bohrungen mit dem russischen Gasmonopolisten Gazprom im Juschno-Russkoje-Feld in Westsibirien.

Geteilt haben sich Wintershall und die OMV mit Rainer Seele außerdem den Konzernchef, wenn auch nacheinander.

Die OMV warb Rainer Seele 2015 von Wintershall ab.

In einem Punkt aber unterscheiden sich die beiden Unternehmen. Gestern am späten Abend hat Wintershall Dea bekannt gegeben, sich gänzlich aus dem Russlandgeschäft zurückzuziehen. Die deutsche Konzernmutter BASF muss dafür 7,3 Milliarden Euro abschreiben. "Russlands Angriffskrieg ist nicht vereinbar mit unseren Werten", gab Wintershall Dea bekannt (und ließ damit ein bisschen offen, wie die Frage denn die vergangenen zehn Monate beantwortet wurde). 

Entscheidender dürfte das russische Präsidialdekret 943 gewesen sein, das Wladimir Putin kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember 2022, unterfertigte. Es verpflichtet Gazprom, Rohstoffe von seinen Partnern Wintershall Dea und OMV zu einem gedeckelten Preis zu beziehen.

Wintershall Dea spricht von einer de facto Enteignung. Und geht.

Die OMV, die ebenfalls betroffen ist, bleibt. Mit 24,99 Prozent ist sie weiterhin am Feld Juschno-Russkoje beteiligt. Nur eine "Kernregion", das ist Russland nicht mehr. Und investieren will man auch nicht weiter. Die OMV hat allerdings die Russland-Aktiva bereits mehr oder weniger abgeschrieben.

Die OMV ist nicht das einzige österreichische Unternehmen, das den Rückzug aus dem russischen Markt hinausschiebt. Laut Daten der privaten Kyiv School of Economics sind zwei Drittel der österreichischen Unternehmen weiterhin in Russland aktiv, trotz des Angriffskriegs auf die Ukraine.

Dabei trifft der (freiwillige) Rückzug westlicher Unternehmen die russische Wirtschaft besonders stark. "1100 multinationale Firmen, die Russland verlassen haben, haben 35 Prozent der Jobs im Land geschaffen. Die sind jetzt weg", sagte der amerikanische Ökonom Jeffrey Sonnenfeld von der Universität Yale schon im August gegenüber dem Profil. Dazu kommen schmerzhafte Embargos auf High-Tech-Komponenten.

Der Automobilsektor jedenfalls, eigens von Wladimir Putin erdacht und gefördert, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu drosseln, liegt am Boden. 300.000 Menschen waren hier einmal beschäftigt, weitere 3,5 Millionen in der Zulieferindustrie. Mehrmals hob der Flieger von der Autostadt Kaluga nach Deutschland ab. Im Direktflug.

Heute tut sich die russische Polizei schwer, ihre Fahrzeugflotte zu halten. Ausrangierte Autos können nicht ersetzt werden, die russischen Neuwagen sind technisch zu schlecht, um sich in die Flotte zu integrieren. BMW hat seine Fabriken geschlossen. Ford und Mercedes Benz sind gegangen. Nur Volkswagen hat sein Werk in Kaluga eingemottet und behält sich eine endgültige Entscheidung offen. 

Es ist ein Rückzug "light", eine Wette darauf, dass sich die Dinge in Russland bald bessern könnten (oder ein Sieg Russlands Fakten in der Ukraine schafft).

Auch der österreichische Feuerwehrausrüster Rosenbauer hat sein Russland-Geschäft eingestellt, den Markt aber nicht verlassen.

Andere machen einfach weiter. Der zur Raiffeisenfamilie gehörende Agrarkonzern Agrana ist noch in Serpuchow, die Raiffeisen Bank überall (sie muss jetzt per Gesetz günstige Kreditmodalitäten für Soldaten und Söldner in der Ukraine aufsetzen), auch das Unternehmen Backaldrin, das die Kornspitzmischung produziert, tut das immer noch. 

Wenig Gespür zeigen auch die angehängten Lobbyorganisationen. So wollte die WKO-Außenstelle in Moskau Ende Jänner noch ein geselliges Langlaufen für "alle österreichischen Firmen mit eigener Präsenz oder geschäftlichem Interesse" in Russland im Sport- und Erholungspark Odintsovo organisieren, zwecks der Netzwerke. Das Event wurde aufgrund der großen öffentlichen Kritik abgesagt.

Natürlich wissen diese Unternehmen, dass man einen Krieg nicht überwintern kann. Sie wissen wohl auch, dass der richtige Zeitpunkt zu gehen, schon verstrichen ist.

Außer man hat von Anfang an darauf gesetzt, irgendwann als Einziger übrig zu bleiben.

Ich wünsche Ihnen einen guten Abend

Ihre Eva Konzett


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