"Objektivität" - FALTER.maily #994

Katharina Kropshofer
Versendet am 19.01.2023

Vor ein paar Tagen kam ich ins Gespräch mit einem Klimawissenschaftler. Wir sprachen darüber, dass wir unserer Arbeit mit einem ähnlichen Vorwurf konfrontiert sind: Die Arbeit in Klimawissenschaft und Klimajournalismus wird oft als aktivistisch betitelt, vermutlich als Versuch, um sie zu delegitimieren.

Wir kamen schnell auf die Gegenfrage: Ist man auch Aktivist:in, wenn man über eine menschliche Asylpolitik, den Gewinn eines Unternehmens schreibt? Und andersherum: Sollte man, wenn man über Korruption schreibt, nicht auch dafür sein, dass diese bekämpft wird? 

Umgelegt auf die Klimakrise bedeutet das: Wer als Journalist:in die erschreckenden Fakten über die Klimakrise anerkennt, sieht es zumeist auch als Verpflichtung, ihr journalistisch gerecht zu werden – sprich: sie quantitativ und qualitativ besser einzuordnen. Das fordern viele, unter anderem der ehemalige Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau

Aber zurück zur Wissenschaft: Der Forscher versuchte zu erklären, wieso er und 50 Kolleg:innen vergangene Woche am Praterstern standen, um sich mit der Letzten Generation zu solidarisieren (mein Kollege Benedikt Narodoslawsky hat in der dieswöchigen FALTER-Ausgabe einen fantastischen Artikel dazu geschrieben).

Zuvor stützen die Forschenden bereits die Faktenlage rund um Forderungen der Letzten Generation, etwa Tempo 100 auf der Autobahn. Es gibt mehr als genug wissenschaftliche Evidenz darüber, dass das ein einfacher Weg wäre, um Emissionen einzusparen – in einem Sektor, der ohnehin das Problemkind in Österreichs Klimabilanz ist. Sich aber hinzustellen und zu sagen: Wir unterstützen nicht nur die Forderungen, sondern auch die Methoden - das war neu. Macht es die Arbeit der Leute weniger akkurat oder wichtig? 

Die Auswahl der Forschungsfrage oder eines journalistischen Themas ist immer normativ, entscheidend ist in beiden Sparten, welche Methoden man wählt, wie sehr man sich der Qualität verschreibt. Fragen zur Werturteilsfreiheit sind nicht neu, wie Leonhard Dobusch, Professor an der Uni Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des Momentum Instituts, hier gut zusammenfasst.

Es war etwa der Sozialdemokrat Otto Bauer, der in den 1930er-Jahren dem Soziologen Paul Lazarsfeld riet, Marienthal und das Thema Arbeitslosigkeit zu beleuchten. Es entstand die wohl berühmteste Studie über Langzeitarbeitslosigkeit. Sein Kollege, der Soziologe Max Weber, hatte zuvor schon in "Die Objektivität" geschrieben, dass Wissenschaftler:innen durchaus aktivistisch motiviert sein dürfen – "sie sollten nur deshalb nicht gleich die wissenschaftlichen Erkenntniskriterien über Bord werfen." 

Nicht nur zu forschen, sondern das generierte Wissen auch weiterzugeben – im Grunde ist diese "Third Mission" sogar Teil ihres Berufs. Geben Forscher:innen also, indem sie sich auf die Straße stellen, zu, dass diese Third Mission in Sachen Klimakrise nicht gelungen ist? Weil zu wenige Leute über die wahren Ausmaße Bescheid wissen? Die aktuelle Nachrichtenlage lässt die Schuldigen woanders vermuten: Große Unternehmen, die lange um die Ausmaße der Krise wussten und das vertuschten; oder immer noch versuchen, sich von Emissionen "frei zu kaufen"

Ich glaube, es gibt einen anderen Grund, wieso sich viele Wissenschaftler:innen bisher selten klar hinter Aktivist:innen standen: Zu groß ist die Angst, dass Leute ihnen ihre Arbeit, die seit Post-Truth-Bewegungen und Trumpismus ohnehin bedroht ist, absprechen. So sagte mir ein Virologe einst, er wünschte, er hätte während Pandemiezeiten nie eine Policy-Empfehlung abgegeben, hätte nur die wissenschaftlichen Fakten geliefert und die Empfehlungen der Politik überlassen - doch die Leute sehnten sich nach Einordnungen.

"Pure Fakten", die keinen Zweifel zulassen – nur gibt es die so nicht. Was nicht heißt, dass wissenschaftliche Erkenntnisfindung mit ihren Methoden nicht das beste Vehikel ist, das sich die Menschheit bisher ausgedacht hat, um die Welt zu beschreiben. Und dass gerade bei der Klimakrise viel Konsensus herrscht – eine Summe an verschiedenen Menschen mit verschiedenen biases, die trotzdem zum gleichen Ergebnis kommt

Was viel wichtiger als ein Bekennen zu einer "Objektivität", die es so nicht gibt, ist: Die transparente Kennzeichnung von Interessenkonflikten. Und das machen Wissenschaftler:innen unter quasi jedem Papier, das sie produzieren.

Ihre Katharina Kropshofer

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