Schuld und Sühne - FALTER.maily #995

Gerhard Stöger
Versendet am 20.01.2023

Heute vor einer Woche ist die Teichtmeister-Bombe geplatzt. Für die interessierte Öffentlichkeit war es ein Schock: Ein beliebter Schauspieler kommt vor Gericht, weil er über einen langen Zeitraum zehntausende Dateien mit Darstellungen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gehortet hatte. Anders die Reaktion in Teilen der Wiener Theater-, Film- und Medienwelt. Die Überraschung galt da eher dem Umstand, dass das Gerücht als Tatsache öffentlich wurde.

Wer hat wann was gewusst? Wer hätte wann was wissen müssen? Wer hätte wann welche Fragen stellen und wer wann welche Schritte setzen sollen? Darüber wird seitdem intensiv diskutiert. Offensichtlich ist, dass den Lügen und Verleumdungen des prominenten Kollegen nur allzu gern geglaubt wurde: Seine Exfreundin führe einen Rachefeldzug, sagte der Burgtheater-, Film- und TV-Mime; an den Vorwürfen, er horte Bilder mit Abbildungen sexueller Gewalt an Kindern, sei nichts dran.

In Kenntnis des Akts behandelt Florian Klenk diese extrem emotionale Thematik im aktuellen FALTER in wohltuend ruhiger Sachlichkeit. Eine Verurteilung zu einer unbedingten Haftstrafe dürfte Teichtmeister erspart bleiben, da er sich den Behörden gegenüber äußerst kooperativ verhalten habe, so die Einschätzung der Strafrechtler. Es werde wohl eine Verurteilung auf Bewährung geben, "bedingt" also.

Das ist die strafrechtliche Seite. Es gibt aber auch eine moralisch-ethische. Teichtmeisters langjährige Kokainsucht wird als Erklärung für seine andere Sucht genannt, jener nach Missbrauchsdarstellungen Wehrloser? Gerade so, als sei nicht hinlänglich bekannt, dass Kokain die Arschloch-Ego-Droge schlechthin ist – entscheide ich mich ausgerechnet zum Konsum dieser Substanz, entscheide ich mich eben auch für Empathiebeschädigung und die Betonung meiner nicht so guten Seiten.

Dann ist da das erste Statement von Florian Teichtmeisters Anwalt Michael Rami. Durch psychologische Behandlung sei es dem Schauspieler "gelungen, seine seelischen Probleme aufzuarbeiten, die ihn zum Besitz der besagten Dateien gebracht hatten", erklärte er dem ORF vor einer Woche, so relativierend und abstrahierend wie möglich. Teichtmeister, so Rami weiters, sei ein "rein digitales Vergehen" vorzuwerfen, er habe also "keinerlei strafbare Handlungen gegen Menschen gesetzt". Sollen die ausgebeuteten, missbrauchten und gequälten Kinder und Jugendlichen aufatmen, weil der Konsument eh nicht selbst Hand angelegt hat? Es wäre schön, würden Juristen ihre Worte beim öffentlichen Ausdeutschen von Verfahren behutsamer wählen.

Strafrechtliche Sanktionen sollten nicht nur der Besserung des Individuums dienen, sondern auch eine Signalwirkung für die Gesellschaft sowie die Opfer haben. Welches Signal wäre in dieser Causa wichtig?

Teichtmeister, der sich geläutert gibt, könnte zeigen, dass er die Reue ernst meint und uns nicht nur die Rolle des zerknirscht Geläuterten vorspielt. Man kann sein Vermögen zwar rechtlich nicht beschlagnahmen und die Opfer sind in seinem Fall unbekannt, einen "Schadenersatz" wird also niemand bekommen. Aber der Schauspieler könnte sein Vermögen an Kinderschutzeinrichtungen übergeben.

Ließe sich eine solche karitative Bußgeldzahlung in derartigen Fällen nicht generell rechtlich verankern? Auf dass die Signalwirkung folgende sei: An derartigen Bildern aufgeilen? Kannste schon machen. Musste halt nur damit rechnen, dass auch dein Leben schwer beeinträchtigt wird, so wie jenes der jungen Menschen auf diesen Bildern, wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Nur dass du dafür, anders als diese Menschen, selbst die Verantwortung trägst.

Momentan ist vor allem der Film "Corsage" gestraft, Österreichs Kandidat für einen Auslands-Oscar. Eine feministische Arbeit, die mit dem Kitsch-Bild von Kaiserin Sisi bricht und die infolge des Skandals von diversen Kinos aus dem Programm genommen wurde, weil der Skandalmann darin mitwirkt.

Die Chronologie der Ereignisse zeigt, dass Marie Kreutzer, die Regisseurin von "Corsage", zum Zeitpunkt der Dreharbeiten eigentlich nichts von den Vorwürfen gegen Teichtmeister wissen konnte. Hätte sie das – oder auch von Anschuldigungen gegen andere an diesem Film mitwirkende Schauspieler – doch getan und nicht adäquat darauf reagiert, wäre der Film tatsächlich irreparabel beschädigt. Hat sie das nicht, wird er zum Opfer einer zeitgeistigen Sensibilität, während der durch seine Taten für diese Entwicklung Verantwortliche offenbar ein glimpfliches Gerichtsurteil erwarten darf.

Seltsam, findet

Ihr Gerhard Stöger

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