Erinnerung an Kurt Kalb - FALTER.maily #996

Armin Thurnher
Versendet am 22.01.2023

Wenn mich die Nachricht vom Tode eines Freundes oder mir geistig nahestehenden Menschen erreicht, versuche ich meinen Schmerz zu bändigen, indem ich ihn in die Form von Hexametern bringe, also in jenes Versmaß, in dem Homer seine Epen schrieb, und dessen Kenntnis bei uns zumindest bei vielen Generationen vor meiner durch die Übersetzung des Johann Heinrich Voß verbreitet war. Ich hoffe, es gelingt mir manchmal, in dieser Form Gefühle auszudrücken, wie ich es in einem prosaischen Nachruf vielleicht nicht immer angemessen schaffe.

Ist der erste Augenblick versäumt, fällt mir die Sache schwerer.

Es kann dann länger dauern; andererseits möchte man den teuren Toten nicht ungewürdigt dahingehen lassen. Es ist eine besondere Schuld, nach dem Tod wenigstens öffentlich zu sagen, was die Scham des Lebendigseins vielleicht im Leben verhindert hat.

Nach dieser langen Einleitung werden Sie vielleicht verstehen, dass ich doch in einem Medium des FALTER an den im Dezember 2022 verstorbenen Kurt Kalb erinnern möchte, der manchen noch als charismatischer, die Wiener Szene der 80er-Jahre prägender Wirt in Erinnerung ist. Das nach ihm benannte Oswald und Kalb, das Café Alt Wien, das Café Salzgries seligen Andenkens und nicht zuletzt das Café Engländer sind Gründungen, Neugründungen oder zumindest Ergebnisse von Anregungen dieses Mannes, der als Kunsthändler die Generation der Aktionisten vertrat, aber auch selbst Teil der verfemten Wiener Avantgarde war, sodass ihm Oswald Wiener in seinem Großtext "Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman" den Satz widmete: "Die edle Oberflächlichkeit verzichtet auf Ausführung."

Kalb verzichtete aber nicht ganz; in seinen Lokalen galt Lokalverbot für Michael Jeannée und Jörg Haider, aus politischen Gründen. Diese Lokale waren so etwas wie soziale Skulpturen, in denen sich verschiedene Schichten auf eine Weise mischten, die das heute gebräuchliche Wort Blase komplett verfehlen würde.

Ich bin ihm persönlich zu Dank für viele Abende verpflichtet, voller rauschhafter Gespräche an der Theke, voller Überschwang und Enthusiasmus. Kalb sprach lieber im Stehen als im Sitzen. Er war ein großer Erzähler, aber er bedurfte geneigter Zuhörer, um in Schwung zu kommen. Transkribieren ließ sich dieser Schwung kaum. Kalb behauptete, an einem großen österreichischen Lexikon zu arbeiten, es beinhalte nicht nur berühmte Personen, sondern auch unbekannte, vielleicht überhaupt nur ihm bekannte Leute. Daraus fabulierte er auf Anfrage unbegrenzt, wobei er behauptete, zu zitieren. Man hörte zu und lernte.

Durch seine Vermittlung kam der FALTER übrigens zu den Redaktionsräumen im Wiener Textilviertel, die er immer noch benützt. Ein letztes Gespräch führte ich mit ihm für einen Band, den Gerald Matt herausgab. Es endete geisterhaft. Kalb hatte zuvor wenig Lust gehabt, sich über sein Leben zu äußern, ließ sich aber breitschlagen. Das Gespräch wurde großartig, meiner Erinnerung nach zumindest. Wir redeten zwei Stunden lang. Als ich das Band abhören wollte, war es leer. Es hätte einer von Kurtis Practical Jokes sein können.

Adieu, Kurt Kalb. Das geschuldete Gedicht bekommst du noch, versprochen.

Ihr Armin Thurnher

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