Misstöne - FALTER.maily #997

Lina Paulitsch
Versendet am 23.01.2023

Vergangene Woche lief mein Telefon heiß. Nachdem ich einen Artikel über einen übergriffigen Musikschuldirektor im Weinviertel geschrieben hatte, erreichte mich eine Flut von Anrufen und E-Mails. Es ging darin um Machtmissbrauch in unterschiedlichen Spielarten. Und darum, dass es für Betroffene quasi unmöglich sei, sich bei Behörden zu beschweren.

Mich beschlich sehr bald ein Gefühl der Verzweiflung. Ihre letzte Hoffnung seien die Medien, schrieben die Menschen, sie vertrauten auf die Kraft der Öffentlichkeit. Aber wie berichten über all diese Direktoren, die hier belastet werden?

So einfach ist das nicht. Das Medienrecht sieht einen starken Schutz des Beschuldigten vor, sofern dieser keine Person des öffentlichen Interesses ist. Ein Musikschuldirektor in Niederösterreich entspricht diesem Kriterium aus unserer Wiener Perspektive nicht. Im FALTER wurden daher sämtliche Beschuldigte anonymisiert. Auch deren Heimatorte und die zuständigen Bürgermeister müssen wir verschleiern.

Es geht hier auch nicht um Namen, sondern um ein System. Viele Schilderungen an verschiedenen Schulen gleichen sich bis ins letzte Detail. Über das Kontrollversagen im niederösterreichischen Musikschulwesen und über die politischen Rahmenbedingungen (Spoiler: dubios) lesen Sie hier.

Fünf Aussagen von Betroffenen, die nicht in den Text eingeflossen sind, möchte ich hier kurz zitieren. 

1. Gemeinde im Weinviertel

„Vor fünf Jahren wurden Kollegen aus der Schule ,motiviert', sich um die Leitung zu bewerben, damit sich auch der Sohn des Direktors bewerben kann und man diese Stelle nicht öffentlich ausschreiben muss. Und, welche Überraschung, der Sohn gewann das Hearing als bester Bewerber und ist seither der neue Direktor.“

2. Gemeinde südlich von Wien

„Ein Musikschulleiter, der bereits von zwei Gemeinden entlassen wurde, hat in der Musikschule, in der er jetzt unterrichtet, kurz nach Antritt einen dortigen Lehrer entlassen und sich dessen Stunden genommen. Eine Lehrerin, die sich weigerte, mit ihm ein Verhältnis einzugehen, wurde von ihm aufgefordert zu kündigen.“

3. Gemeinde im Industrieviertel

„Der Direktor sagte zu mir: ,Ich habe einen neuen Schlafsack, magst du dich zu mir reinkuscheln?' Er war mein Lehrer, ich war 16. Einmal brachte er mich mit dem Auto nachhause, rutschte immer näher, küsste meine Hand und strich mir übers Gesicht."

4. Gemeinde nördlich von Wien

„Der Direktor hat immer wieder seine guten Beziehungen zu einem der ranghöchsten Politiker in Österreich betont und so war klar, dass man in Niederösterreich schwer einen neuen Job findet, wenn man in Ungnade fällt. Niemals zuvor wurde ich so entwürdigend behandelt und möchte das auch nie wieder erleben.“

5. Gemeinde nördlich von Wien

„Es herrschte ein extrem frauenfeindliches Arbeitsklima. Besonders schwer fiel mir die Entscheidung zu kündigen damals, da ich dadurch mit zwei kleinen Kindern ohne Aussicht auf einen neuen Job arbeitslos war. Ich kann vollen Ernstes versichern, es war die schlimmste Zeit meines Lebens.”

Ihre Lina Paulitsch

Falls Sie sich fragen, was das Medienrecht zur Causa rund um den pädokriminellen Schauspieler Florian Teichtmeister sagt, empfehle ich diesen Text von Anneliese Rohrer. Vorab: Bis zum Geständnis Teichtmeisters durften Medien seinen Namen nicht nennen. Grund ist hierfür, dass das Vergehen nicht mit der öffentlichen Bekanntheit – also seiner Arbeit als Schauspieler – in Zusammenhang steht. Auch eine zweite Causa sexueller Übergriffe, die branchenintern seit vielen Monaten diskutiert wird, darf vom FALTER nicht öffentlich gemacht werden. Das Medienrecht schützt so die Anonymität – auch bei Vorwürfen und Ermittlungen – bekannter Personen. Den Bericht zur Causa Teichtmeister des FALTER lesen Sie hier.

In einer Diskussionssendung auf ORF III kommt erstmals Marie Kreutzer zu Wort, Regisseurin des Films "Corsage". In der Sisi-Adaption spielt Florian Teichtmeister den Kaiser Franz Josef. Ob der Film für den Auslandsoscar nominiert wird, entscheidet die Academy am 24.1.

Meinem Kollegen Michael Omasta gefällt der neue Film "Babylon" nicht. Warum, das erklärt er in diesem Text in der FALTER-Woche. Zumindest der Text ist ein paar Minuten Lesezeit wert!

Theater Drachengasse
POLAR von Sokola//Spreter
Jurypreis Nachwuchswettbewerb 2022
23., 25. – 28., 31.1. und 1. – 4.2.2023, 19:30 Uhr

Eine Strafkolonie auf einem Gletscher, fernab der Zivilisation. Eine Zelle, drei Gefangene: Warren, Salty, Sid. Sie wagen die Flucht, um als freie, selbstbestimmte Menschen in die Wirklichkeit zurückzufinden: Am Ende der Wüste aus Eis soll ein Schatz vergraben sein.

POLAR ist ein Ausbruchsversuch, die vielleicht wirklich letzte Expedition. Was bringt uns Erlösung: die Liebe, die Gewalt, das Geld?


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