Über Anastasia - FALTER.maily #1031

Nina Brnada
Versendet am 03.03.2023

Ich möchte Ihnen von einer jungen Frau erzählen, neben der ich vor einigen Wochen viele Stunden im Bus auf der Fahrt durch die Ukraine verbracht habe. Am frühen Abend stieg sie in Riwne ein, einer Stadt, knapp 330 Kilometer westlich von Kiew gelegen. Die ganze Nacht war sie meine Sitznachbarin und Gesprächspartnerin, unsere Wege trennten sich erst in den frühen Morgenstunden bei einem Cappuccino am Warschauer Busbahnhof. 

Ich möchte sie hier Anastasia nennen. Das, was sie erzählt, ist für sie nicht unheikel, denn es rührt an Themen, die aus vielen Gründen für die ukrainische Gesellschaft schmerzhaft sind und wohl auch deshalb zuweilen noch ein gewisses Tabu darstellen. 

Anastasia stammt aus Luhansk, einer Stadt in der Ostukraine, die 2014 von Russland eingenommen worden war. Damals war sie 14 Jahre alt, ihre Eltern schickten sie sogleich nach Charkiw in ein Internat, das Mädchen sollte in Freiheit lernen und leben können. Mutter, Vater und die jüngeren Geschwister aber blieben auf ihrem Bauernhof, der sich aus russischer Sicht nicht mehr auf dem Gebiet der Ukraine befand, sondern in der selbst proklamierten "Volksrepublik Lugansk", ein Pseudostaat von Moskaus Gnaden. Alles Ukrainische wurde dort verbannt, die ukrainische Hrywnja musste dem russischen Rubel weichen. 

In den Ferien besuchte Anastasia ihre Familie immer wieder, das war möglich, zuletzt 2019. Dann kam die Pandemie und schließlich, am 24. Februar 2022, die Invasion. 

Die Eltern leben nach wie vor dort, wo Wladimir Putin mittlerweile Neurussland verortet. Sie wollen auch nicht weg, sagt Anastasia, sie könnten nicht ihr gesamtes Leben hinter sich lassen.

Die 24-jährige Germanistin hingegen baut sich mit ihrem Freund, ebenfalls einem Binnenvertriebener aus dem Donbass, eine Existenz in der freien Ukraine auf. Die beiden leben bei seinen Eltern, sparen auf ein eigenes Auto und denken schon über ein Baby nach. 

Der Vater des Freundes ist Militär bei der ukrainischen Armee. Anastasia sagt, sie denke manchmal nach, wie es wäre, wenn ihr Vater einberufen werden würde, um unter russischer Flagge zu kämpfen – dann stünden sich womöglich ihr Vater und der ihres Freundes gegenüber. Alleine die theoretische Möglichkeit dieses Szenarios bereite ihr schlaflose Nächte.

Anastasia ist hin und hergerissen. Sie fühle sich zwar als Ukrainerin und nicht als Russin, sie sagt, in ihren Adern fließe "ukrainisches Blut". Gleichzeitig fragt sie sich, was dieser Krieg – und für sie dauert er seit nahezu einem Jahrzehnt an – mit ihrer Identität und der ihrer Familie, ja der gesamten Ukraine, anstellen wird. 

Sie wuchs zweisprachig auf und spürt, wie sehr alles Russische in der Ukraine zusehends unter Druck gerät – und somit auch ein Teil von ihr. 

Nicht nur, dass russischsprachige Bücher aussortiert werden, dass Tolstoi zu Toilettenpapier recycelt wird. Ukrainerinnen und Ukrainer, gerade aus dem Osten des Landes, sind oftmals ausschließlich russischsprachig. Etliche von ihnen verwenden die Sprache weiterhin problemlos, viele wechseln aber freiwillig – als Reaktion auf Putins Aggression – ins Ukrainische. Das verstehe Anastasia, sagt sie, aber da sei noch mehr – ein gewisser Druck, sich zu bekennen. Ostukrainische Freunde, die zu Flüchtlingen geworden sind, erzählen ihr, wie sie im westukrainischen Lemberg zurechtgewiesen würden, "richtig" zu sprechen. 

Anastasia hadert. Wer, wenn nicht sie versteht die Bitterkeit über die russische Aggression, schließlich ist sie eines ihrer ersten Opfer. Und dennoch: Sie will nicht, dass vieles von dem, was ihr lieb und teuer ist, verteufelt wird: "Es geht um den Wert meiner Kindheit."

Ihre Nina Brnada


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Heute empfiehlt Narodoslawsky zum Beispiel dieses Video eines Kugelfisches - er erschafft ein fantastisches Kunstwerk am Meeresboden, um paarungswillige Weibchen zu beeindrucken. "Eigentlich unfassbar", meint der Kollege, und wir stimmen zu. Die heutige Ausgabe können Sie hier nachlesen.


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