Wie hältst Du's mit der Impfpflicht? Eine Debatte - FALTER.morgen #243

Versendet am 18.01.2022

Eine FALTER-Debatte über die umstrittenste Maßnahme der Pandemiebekämpfung >> Ganz Wien bekommt das Parkpickerl. Ganz Wien? Nein. Ein Grätzel im 14. Bezirk ist davon ausgenommen und gar nicht glücklich darüber >> Vogel der Woche: Der Gimpel

Wetterkritik: Der gestrige Sturm ist zwar vorbei, es bleibt aber trotzdem ungemütlich –windig und kalt bei 3 bis 5 Grad.


Guten Morgen,

hat Sie der Sturm gestern auch ordentlich durchgeschüttelt? Uns schon: Zeitweise waren wir nicht einmal sicher, dass wir Ihnen heute den FALTER.morgen schicken können, weil ein Stromausfall die gesamte Produktion lahmgelegt hat. In diesen finsteren Stunden erinnerten sich altgediente Redakteurinnen und Redakteure regelrecht nostalgisch an die Zeiten, als der FALTER noch im Kartoffeldruckverfahren hergestellt wurde, und man einfach bei Kerzenlicht weiterschnitzen konnte.

Weil wir es gestern so schwer hatten, mache ich es mir jetzt leicht und leite mit einem journalistischen Einserschmäh vom Sturm zu unserem eigentlichen Tagesthema über.

Für schwere Turbulenzen sorgt auch die Impfpflicht, die uns jetzt ins Haus steht. Man muss beileibe kein Coronaleugner sein, um sich zu fragen, ob das gescheit ist oder nicht – Zweifel daran hegen nämlich auch Leute, die weit über jeden Schwurblerverdacht erhaben sind. Und irgendwie scheint auch die Regierung selbst nicht ganz so überzeugt von dieser Maßnahme zu sein, wie sie behauptet. Zumindest lässt sie sich eine Hintertüre offen: Das Gesetz, das am Donnerstag den Nationalrat passieren soll, kann jederzeit wieder aufgehoben werden, wenn es die Infektionslage erlaubt oder eine neue Variante auftaucht, gegen die gängige Impfstoffe nicht mehr wirken.

Die Kolleginnen und Kollegen vom FALTER haben die Einführung der Impfpflicht jedenfalls zum Anlass genommen, Befürworter, Skeptiker und Gegner um ihre Meinung zu fragen. Einige können Sie heute schon im FALTER.morgen lesen, die restlichen gibt’s in der kommenden Ausgabe morgen früh bzw. für Abonnenten schon ab 17 Uhr auf unserer Website.

Hier und heute beschreibt mein Kollege Florian Kappelsberger noch, wie sich ein Grätzel im 14. Bezirk dagegen zur Wehr setzt, dass es von der Parkpickerlpflicht ausgenommen ist. Und unser Vogelwart Klaus Nüchtern stellt ihnen diesmal den Gimpel vor.

Einen schönen Tag wünscht

Martin Staudinger

PS: Wenn Sie in der Rubrik „Das ist meine Stadt" über sich und Ihr Wiener Leben erzählen möchten oder jemanden kennen, der/die das gerne tun würde, dann schreiben Sie uns unter morgen@falter.at – wir schicken Ihnen den Fragebogen zu.


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Wie hältst Du's mit der Impfpflicht?

Befürworter, Skeptiker und Gegner über die jüngste Maßnahme der Pandemiebekämpfung.

von Nina Horaczek , Eva Konzett , Josef Redl & Florian Kappelsberger

Keine Maßnahme in der Pandemiebekämpfung ist umstrittener. Die einen sehen in der Impfpflicht einen zu drastischen Eingriff in die persönliche Freiheit, andere eine Ultima Ratio, ein beherztes staatliches Vorgehen. Dritte kritisieren, dass der sich aufbauenden Omikron-Wand ein gesetzlicher Schnellschuss auch nicht mehr entgegenstellen kann. Noch ein Argument: Die Impfpflicht stärke den sozialen Frieden, weil sie den Druck herausnimmt und den Staat zum Sündenbock macht. Gerade für prononcierte Impfgegner eine gesichtswahrende Lösung.

Das Gesetz, das mag kommen. Die Diskussion darüber wird aber weitergehen. Der FALTER hat 22 Personen aus verschiedenen Bereichen um ihre Meinung gebeten – vier von ihnen gibt es hier, den Rest im gedruckten Heft.

„Ungeimpfte sollen bezahlen“

STEPHAN SCHULMEISTER, ÖKONOM

Mit dem Impfpflichtgesetz und den damit verbundenen Geldstrafen treibt der Staat zahlreiche Impfverweigerer in die Arme der FPÖ. „Unbelehrbare“ können laut dem neuesten Gesetzesentwurf sogar mit maximal 14.400 Euro pro Jahr bestraft werden. Das wäre vermeidbar. Wieso lässt man Ungeimpfte nicht einen Prozentpunkt mehr zur Krankenversicherung zahlen, also 4,87 Prozent statt derzeit 3,87? Wer lediglich 1.500 Euro verdient, muss pro Monat um 15 Euro mehr zahlen, Bestverdiener höchstens um 56 Euro mehr. Damit würde ein ökonomischer Anreiz zum Impfen geschaffen, aber nicht als Strafe, sondern als finanzieller Ausgleich dafür, dass Ungeimpfte höhere Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Statt enormer Verwaltungskosten brächte diese Strategie zusätzlich 330 Mill. Euro für das Gesundheitssystem.

Das einzig relevante Gegenargument: In der sozialen Krankenversicherung werden Beiträge grundsätzlich nicht nach dem Krankheitsrisiko differenziert. Aber: Wer durch Rauchen oder übermäßiges Essen höhere Kosten verursacht, steckt damit niemand anderen an.


„Eine Pandemie ist keine Privatsache“

CHRISTIANE DRUML, VORSITZENDE DER BIOETHIKKOMMISSION

Durch die Impfung werden schwerwiegende Krankheitsverläufe und Ansteckungen vermieden, der Nutzen für die Gesundheit der Bevölkerung ist groß. Alle Möglichkeiten für eine höhere Durchimpfungsrate sind jedoch ausgeschöpft.

Daher sieht die Bioethikkommission eine allgemeine gesetzliche Impfpflicht als „ultima ratio“ und als verhältnismäßige Maßnahme zur Bekämpfung und Überwindung der Pandemie. Die Impfpflicht betrifft jede und jeden Einzelnen gleichermaßen und trägt dazu bei, das Gesundheitssystem nachhaltig zu entlasten und wiederholt notwendige Einschränkungen in die Freiheit aller in Zukunft zu begrenzen.


 „Es gäbe Alternativen“

MARTIN SPRENGER, PUBLIC HEALTH EXPERTE

Es gäbe Alternativen zur Impfpflicht. Dazu zähle ich alle Maßnahmen, die Spitäler entlasten, zum Beispiel eine neue Virusvariante, die im Vergleich zu Delta die Intensivbelastung um den Faktor fünf reduziert, attraktivere Rahmenbedingungen für die Pflege, der frühzeitige Einsatz von wirksamen Medikamenten außerhalb von Spitälern, ein engmaschiges Monitoring von in Quarantäne befindlichen Personen mit erhöhtem Risiko, die Vermeidung von Superspreader-Events, viel Bewegung im Freien und hohe Impfquoten mit neuen angepassten Impfstoffen in den Risikogruppen.


„Keine Pflicht für Kinder und Jugend“

INGRID ZECHMEISTER-KOSS, GESUNDHEITSÖKONOMIN

Ein zentrales Argument für die Impfpflicht ist die Gefahr einer Überlastung der Intensivstationen. Aus den vorhandenen Daten lässt sich nicht ableiten, dass mit Covid infizierte Kinder und Jugendliche zu dieser Überlastung beitragen. Dafür ist bei männlichen Jugendlichen das Risiko einer Herzmuskelentzündung nach einer Impfung höher als bei Erwachsenen. Auch ist eine Drittimpfung für diese Altersgruppe noch gar nicht zugelassen. Deshalb ist es richtig, dass Kinder und Jugendliche unter 18, anders als ursprünglich geplant, nun von der Impfpflicht ausgenommen sind. Für diese Altersgruppe braucht es nämlich eine individuelle informierte Entscheidung auf Basis einer guten, ausgewogenen Beratung statt einer Impfpflicht.

von Florian Kappelsberger

Parkplatzangst

Ein Grätzel in der Nähe des Bahnhofs Wien-Hadersdorf im 14. Bezirk ist von der Pickerlpflicht ausgenommen, die ab 1. März in allen Bezirken gilt. Jetzt fürchten Anrainer einen Ansturm von Pendlern.

Was für eine beschauliche Nachbarschaft: In Hadersdorf-Weidlingau im 14. Bezirk reihen sich ergrauende Bauten aus den 1960er und 70er-Jahren an neue Einfamilienhäuser, in denen junge Paare mit Kindern wohnen. Mit der Ruhe hier könnte es allerdings schon bald vorbei sein: Anrainer fürchten, dass die schmalen Straßen ab März massenhaft von Pendlern zugeparkt werden könnten.

Grund: Das Parkpickerl, das ab 1. März in ganz Wien eingeführt wird. Genauer: Die Ausnahmen davon, die das Rathaus für dünn besiedelte Gebiete vorsieht – darunter auch für ein kleines Areal zwischen der Mauerbachstraße und dem Fluss, nur wenige Minuten vom Bahnhof Wien-Hadersdorf entfernt.

Ab hier kein Pickerl: Beginn der Ausnahmezone nahe dem Bahnhof Wien-Hadersdorf (das Verkehrsschild ist noch abgedeckt) © FALTER/Kappelsberger

Zahlreiche Pendler nutzen den Bahnhof als Park-and-Ride-Basis: Sie lassen ihre Autos hier stehen und fahren mit der S-Bahn in die Stadt. Schon jetzt sind die Stellflächen an der Haltestelle knapp. Das führt dazu, dass vermehrt auf die umliegenden Wohngebiete ausgewichen wird. Nun befürchten die Anrainer, dass sich diese Tendenz verstärkt, wenn ab März rund um den Bahnhof das Pickerl gilt – wer keines hat, ist fast gezwungen, sein Fahrzeug im einzigen Grätzel abzustellen, in dem man kostenlos parken darf.

Es ist schlicht und einfach skurril“, sagt eine Anrainerin, die den FALTER.morgen auf diese Regelung aufmerksam gemacht hat. Dass hier kein Parkpickerl gilt, ist nämlich darauf zurückzuführen, dass das Gebiet dem wenig besiedelten Wolfersberg zugeschlagen wurde – von dem es aber durch einen Park und den Mauerbach getrennt ist.

Eine Nachfrage bei Bezirksvorsteherin Michaela Schüchner (SPÖ) schafft etwas Klarheit: Bereits vor Ankündigung der Pickerlpflicht durch die Stadt Wien hatte der Bezirk begonnen, ein neues Verkehrskonzept zu erarbeiten, das insbesondere die Parksituation regeln soll. Das betrifft sowohl das besagte Gebiet um den Bahnhof, als auch den Wolfersberg. Daher werde das ganze Areal bis auf weiteres von der Parkraumbewachung ausgenommen, heißt es aus dem Büro von Schüchner.

Die Befürchtungen der Anwohner hält die Bezirksvorstehung aber für unbegründet. Zwar sei ein gewisser „Verdrängungseffekt“ zu erwarten, dieser werde sich aber in Grenzen halten. Stattdessen würden die meisten Pendler angesichts der nahezu flächendeckenden Gebührenpflicht auf das Auto verzichten oder schlicht andere Parkplätze anfahren.

Es scheint also fast, als würden sich Stadt und Bezirk mit ihren Projekten gegenseitig auf die Füße treten. Ob die sehr optimistische Einschätzung der Bezirksvorstehung standhält, wird sich ab 1. März zeigen. Einige Nachbarn, die vorab nicht von der Änderung informiert worden waren, planen indes eine Unterschriften-Liste, um dagegen zu protestieren, dass in ihrem Grätzel kein Parkpickerl kommt.

von Soraya Pechtl

Die Oberstufenschüler des Gymnasiums Rahlgasse in Mariahilf streiken. Sie wollen heute um 11:15 Uhr den Unterricht geschlossen verlassen, um gegen die Pläne des Bildungsministers Martin Polaschek zu protestieren, die mündliche Matura dieses Jahr wieder verpflichtend abzuhalten. Ein klares Nein zur geplanten Durchseuchung von Kindern und Jugendlichen", fordert Mati Randow, Mitinitiator und Schulsprecher in der Rahlgasse.

In den vergangenen zwei Jahren war die Teilnahme an der mündlichen Matura freiwillig, da die Maturanten pandemiebedingt den Großteil des Schuljahrs im Fernunterricht verbrachten. Wer nicht antrat, bekam die Note aus dem Jahreszeugnis.

Die Schüler seien auch in diesem Jahr komplett überfordert, fühlen sich nicht vorbereitet und leiden unter enormer psychischer Belastung", sagt Flora Prantl, Vorsitzende der SPÖ-Vorfeldorganisation Aktion kritischer SchülerInnen (AKS), die gemeinsam mit Schulsprecherinnen und Schulsprechern zu den heutigen Warnstreiks aufgerufen hat.

Über 100 Schulen aus ganz Österreich sollen sich heute am Protest beteiligen. Für den Fall, dass die Bundesregierung den Forderungen nicht nachkommt, drohen die AKS und Schulsprecher kommende Woche mit einem weiteren bundesweiten Streik.  


Die Bezirksvorstehung in Margareten will das verstaubte Image" der Verwaltung aufpolieren. Wie? Mit einem ausgefeilten Corporate Design, das Moderne und Tradition" gleichermaßen wie Nachbarschaft und Zugehörigkeit" verkörpert. Ganz schön hohe Ansprüche an eine Grafik. Aber wie heißt es doch so schön? Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.  

Der Fünfer steht symbolisch für den frischen Wind in Margareten – alles klar? © Stadt Wien

Und wenn Ihnen die Bildsprache nicht reicht, bekommen Sie via Aussendung eine Interpretation mitgeliefert: Die Blume verschmilzt harmonisch mit dem Fünfer, der symbolisch für den frischen Wind steht, welcher seit Amtsantritt von Bezirksvorsteherin Silvia Jankovic durch die Bezirkspolitik weht.” Das Rechteck steht für die Inklusion aller”, die Blume würdigt die Arbeit jener, die Margareten lebenswerter" gemacht haben. 

Ganz schön viel Wind um eine Grafik. 

50 Jahre im Dienst der Menschlichkeit

Reinhard Dörflinger, langjähriger Präsident von „Ärzte ohne Grenzen“, spricht in der aktuellen Ausgabe mit Robert Misik im Bruno Kreisky Forum über Werte und Erfahrungen des humanitären Engagements. 


Thaddäus Podgorski über Novak Djokovic und Karl Schranz

In der 666. Jubiläumsausgabe unseres Podcasts ist über die Parallelen zwischen dem Fall von Novak Djokovic und Karl Schranz zu hören: Der ehemalige ORF-General und Ex-Sportchef Thaddäus Podgorski erinnert sich, wie Österreich 1972 gegen den Ausschluss des Schistars Karl Schranz von den Olympischen Spielen in Sapporo den Aufstand probte – und bezeichnet das heute als ein Bubenstück“. Das Interview hören Sie ebenfalls unter falter.at/radio.

Thaddäus Podgorski © FALTER/Löw

Vor 45 Jahren hat Armin Thurnher den FALTER mitbegründet und jahrzehntelang als Chefredakteur geleitet. Heute ist er Herausgeber, schreibt eine tägliche Seuchenkolumne und versorgt den FALTER.morgen jede Woche mit einem Freitagsrezept – und vieles mehr. Ö1 hat Thurnhers Schaffen in einem umfassenden Porträt gewürdigt. Die Sendung können Sie noch bis Sonntag in der ORF-Radiothek nachhören.

In welchem Jahr wurde der Grundstein für Schloss Schönbrunn gelegt?

1. 1623

2. 1695

3. 1732

Auflösung von gestern: Hietzing ist mit 1.429 Personen pro Quadratkilometer der am dünnsten besiedelte Bezirk in Wien (nicht die Donaustadt oder Leopoldstadt). Quelle: Statistik Austria, Stadt Wien

ausgewählt von Lisa Kiss

Vor knapp 30 Jahren in Linz gegründet, sind Texta Pioniere der österreichischen HipHop-Kultur. Losgegangen war es 1993 zu fünft, unterwegs hat sich der Rapper Skero irgendwann verabschiedet, um eine Solokarriere zu verfolgen; der frühe Tod von Harald „Huckey“ Renner schien 2018 das endgültige Ende von der Gruppe zu bedeuten. Doch Flip, Laima und DJ Dan haben das Buch Texta noch nicht geschlossen: Im Herbst 2021 brachten sie das neue Album „Mehr oder weniger“ heraus, jetzt stellen sie es live vor. (Gerhard Stöger)

Radiokulturhaus, Großer Sendesaal, 20.00

Thomas Tidholm: Die Eisreise

In Schweden zählen Thomas und Anna-Clara Tidholm zu den lebenden Kinderbuch-Klassikern. Mit „Die Eisreise" legt das in der Einsamkeit Nordschwedens lebende Paar ein reich bebildertes Erstleser-Buch über die Imaginationskraft vor.

Ida, Jock und Max steigen an einem Wintertag auf eine Eisscholle, treiben davon und gelangen bis ins Eismeer, wo die Kinder aussteigen. Sie finden eine alte Hütte, wo es einen Ofen, Holz und Fischbällchenkonserven gibt. Dort entdecken sie auch das Tagebuch einer Polarexpedition. Als die drei im Frühling die abenteuerliche Rückreise schaffen, kommen sie justament am heimischen Bootssteg wieder an. Unrealistisch? Na und! Wer hat sich nicht schon vorgestellt, auf den Spuren von Forschern wie Fridtjof Nansen und Ernest Shackleton zu reisen, denen das Buch gewidmet ist? (Kirstin Breitenfellner)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Röter wird’s nimmer: 

Der Gimpel

Zunächst bin ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ja noch die Lösung des Mordfalls von letzter Woche – quasi: CSI Hinterhof – schuldig. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass es sich nur um den „Indizienbeweis“ eines Laien handelt. Zur Erinnerung: Ein Greifvogel – der Begriff „Raubvogel“ gilt als politisch nicht korrekt, weil „Raub“ eine kriminelle Handlunfg bezeichnet, Greifvögel (die aus dieser Perspektive eigentlich „Raubmördervögel“ heißen müssten) aber nur ihrer artendeterminierten Nahrungsbeschaffung nachgehen – saß auf einer soeben geschlagenen Taube, ich hatte ihn quasi post flagranti ertappt. Meine Erstassoziation war „Turmfalke“, weil dieser in meiner Hood „gleich um's Eck“, im Dachboden eines Hauses in der Schiffamtsgasse, residiert. 

Der Gimpel, für den FaVoWa der seltenste Allerweltsvogel der Stadt © FALTER/Nüchtern

Es ist allerdings so, dass eine Felsentaube im Durchschnitt um rund fünfzig Prozent schwerer ist als ein Turmfalke, und es daher  nicht sehr wahrscheinlich scheint, dass ein solcher sein Opfer – wie geschehen – in wenigen Sekunden über mehrere Meter hinweg zu transportieren, geschweige denn über eine drei Meter hohe Hofmauer hinweg „auszufliegen“ vermag. Bestärkt wurde meine Skepsis durch den Hinweis auf Wikipedia, dass die für den Turmfalken zuweilen gebrauchte Bezeichnung „Taubensperber“ irreführend sei, weil nämlich, ganz genau, Tauben eigentlich zu schwer sind, um in dessen typisches Beuteschema zu passen. Es dürfte sich beim Täter also tatsächlich um einen Sperber handeln (den ich hier vorstellen werde, sobald es mir gelungen ist, ein brauchbares Foto zu schießen).

And Now for Something Completely Different. Vergangenen Sonntag unternahm der FaVoWa angesichts des sonnigen und (am Nachmittag noch) windschwachen Wetters eine kleine Radexpedition von Haslau an der Donau nach Regelsbrunn. Die erhofften Greifvogelsichtungen (Seeadler!) erfüllten sich nicht, unter den Wasservögeln konnte er neben den endemischen Stockenten und Kormoranen immerhin aber ein Paar Schellenten entdecken, die man aufgrund ihrer spezifischen Kopfform und ihres auffälligen Zügelflecks ganz gut identifizieren kann. 

Als eigentliche „Entdeckung“ des Tages aber erwies sich eine Gruppe von kleinen,  aufgrund ihrer Farbe und kompakten Gestalt allerdings recht auffälligen Vögel, die im Englischen nicht grundlos als „Bullfinches“ bezeichnet werden. Es handelt sich also um eine Finkenart,  über die in dem sehr knappen gehaltenen Eintrag „Finken“ in der „Kritik der Vögel“ von Jürgen und Thomas Roth zu lesen ist: „Bei dem einen meinst, er ist ein Kardinal. Oder Probst, mit rotem Gewand. Der flötet wie ein dicker Flötist.“ 

Das Rot des männlichen Gimpels (das Weibchen ist von einem allenfalls rötlich überhauchten Grau) entspricht in seiner CMYK-Zusammensetzung zwar durchaus nicht exakt dem Kardinalrot (sondern enthält höhere Yellow- und geringere Cyan-Anteile), der gesetzt-klerikale Habitus aber ist sehr gut nachvollziehbar, weswegen der Gimpel auch als „Dompfaff“ bezeichnet wird. Für den FaVoWa, der weder über Garten noch Balkon verfügt, ist er der seltenste Allerweltsvogel der Stadt. Dass er bei der „Stunde der Wintervögel“ 2022 immerhin auf Platz 17 und so noch vor  Schwanzmeise, Saatkrähe und Elster zu liegen kam, ist ihm ein Rätsel.  

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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Produktion: Julia Allinger
FALTER
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