Drei Jahre Ibiza: Der Fluch der braunen Couch - FALTER.morgen #328

Versendet am 17.05.2022

Drei Jahre nach Ibiza nimmt der FPÖ-Chef wieder auf dem Möbelstück Platz, das für ihn (und die halbe Republik) zum Schleudersitz wurde >> Sexismus? Rassismus? Ein Rapper, ein Popkritiker und das Perfide an der Cancel-Culture >> Vögel der Woche: Flamingo und Pelikan 

Wetterkritik: Das Wetter legt heute ein stürmisches Intermezzo ein. Regenschauer, Windböen bis zu 60 km/h und Temperatur zwischen 17 und 24 Grad. Auch das erste Sommergewitter des Jahres könnte es geben. Also fahren Sie lieber Ihre Markise ein.


Guten Morgen!

Wissen Sie noch, wo Sie waren, als … jetzt glauben Sie wahrscheinlich, dass ich auf ein traumatisches Ereignis weltbewegender Dimension anspiele: Etwas wie 9/11, den tragischen Unfall von Lady Di oder den Wahlsieg von Donald Trump. So hoch will ich zwar nicht hinaus (es ist ja auch noch ziemlich früh am Morgen), sondern bloß auf etwas, das eher in Kategorie „weltbewegend in Österreich“ fällt – aber dennoch so traumatisch war, dass sich vermutlich die meisten daran erinnern, wie sie davon erfahren haben.

Also: Wissen Sie noch, wo Sie waren, als sie das Ibiza-Video gesehen haben? Heinz-Christian Strache – wie man so schön sagt, weltbekannt in Österreich –, wie er vor der angeblichen Nichte eines russischen Oligarchen in einer spanischen Ferienvilla den großen Macker gibt: Die Krone säubern, Trinkwasser privatisieren, Bauaufträge verteilen, zack, zack, zack …

Heute ist es genau drei Jahre her, dass die Aufnahmen veröffentlicht wurden. Und man möchte meinen, dass sich die Beteiligten am Jahrestag schamrot und bei heruntergelassenen Jalousien in der Wohnung einsperren würden. Aber das Gegenteil ist der Fall – um eine Puls 24-Dokumentation, für die Strache nach Ibiza zurückgekehrt ist, aber auch um die weitreichenden Folgen der Affäre geht es gleich.

Außerdem: Klaus Nüchtern hat heute gleich zwei Auftritt im FALTER.morgen – in seiner Eigenschaft als Kulturredakteur beschäftigt er sich mit dem Wirbel um den Rapper Yung Hurn (Sexismus-Vorwürfe) bei den Wiener Festwochen und den Popkritiker Karl Bruckmaier (Rassismus-Vorwürfe) beim Donaufestival und dem Denunziatorischen an der Cancel Culture. Und als Vogelwart fragt er sich, was Gott sich bei der Erschaffung von Pelikanen und Flamingos gedacht hat.

Einen schönen Tag wünscht

Martin Staudinger


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FILMLAND UKRAINE

Retrospektive im METRO Kinokulturhaus
12. Bis 31. Mai 2022

Seit über zwei Monaten herrscht nun Krieg in Europa, vor unseren Augen wird ein Land zerstört. 16 starke aktuelle Werke stellen im Rahmen dieser Retrospektive das Filmland Ukraine vor und liefern das lebendige Gegenbild einer facettenreichen, wirkmächtigen und spannenden Kinematografie.

Rückkehr auf den Schleudersitz

Was Heinz-Christian Strache am dritten Jahrestag von Ibiza in der braunen Couch macht, die ihm zum Verhängnis wurde - und warum dem Möbel eigentlich ein Platz im Haus der Geschichte gebühren würde.

Diese Couch: Undefinierbares Braun, knautschige Pölster, gelbe Zierkissen, verlängerter Seitenteil – könnte aus jedem Möbelhaus stammen, könnte in jedem Wohnzimmer stehen. Aber auf ihr wurde, wie es so schön heißt, österreichische Geschichte geschrieben (wobei man besser sagen sollte: mit zeitweise einigermaßen schwerer Zunge gesprochen).

Die Öffentlichkeit sieht die Couch zum ersten Mal am 17. Mai 2019: An diesem Freitag um 17 Uhr stellen die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel das Ibiza-Video online (hier ein Link zur ersten Geschichte im FALTER, der an den Recherchen beteiligt war). Und eines ist sofort klar: Hier offenbart sich ein Skandalon, das die österreichische Politik gehörig durcheinanderwirbeln wird. Was zu diesem Zeitpunkt aber keineswegs absehbar ist: Das ungeheure Ausmaß der Konsequenzen, die dieser Enthüllung folgen werden.

Mai 2019: Heinz-Christian Strache auf der Couch, die für ihn zum Schleudersitz wurde © Spiegel, SZ

Drei Jahre danach lässt das aber bereits einordnen. Ibiza hält, was seine politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen betrifft, einem Vergleich mit den großen Skandalen der Zweiten Republik wie AKH (Korruption im Bauwesen), Waldheim (Verdrängung der Nazi-Zeit) und Groër (sexueller Missbrauch durch Geistliche) durchaus Stand – zumal die Wirkung weit über Österreich hinaus geht.

Wikipedia braucht jedenfalls ziemlich viel Platz, um die Verwerfungen und Facetten der Affäre aufzulisten, die erst mit Verzögerungswirkung entstanden und vielfach bereits wieder fast in Vergessenheit geraten sind: Beispielsweise der Umstand, dass die 300.000 Chatnachrichten von Thomas Schmid, dem Generalsekretär im ÖVP-Finanzministerium, nur infolge der Ermittlungen gegen Strache sichergestellt wurden – was zu einer ganzen Reihe von Ibiza-Sub-Affären und -Enthüllungen führte (mehr darüber erwartet Sie heute Abend in einem Maily von Florian Klenk – falls Sie noch kein kostenloses Abo haben, einfach hier klicken): Unter anderem wurden dadurch die mutmaßlich korrupten Methoden bei der Erstellung von  Meinungsumfragen und der Vergabe von Inserate ruchbar, die letztlich zum Rücktritt von Sebastian Kurz führten. Womit wiederum nicht nur dem österreichischen, sondern auch dem europäischen Neokonservativismus (oder sollte man doch sagen: Rechtspopulismus?) einer seiner wichtigsten Hoffnungsträger abhanden kam.

Aber nicht nur das, was geschehen ist, lässt sich inzwischen bewerten, sondern auch das, was glücklicherweise nicht der Fall war. Kaum auszudenken beispielsweise, was eine Koalition mit FPÖ-Beteiligung in den beiden großen Krisen der vergangenen zwei Jahre bedeutet hätte: Coronaleugner und Putinversteher auf der Regierungsbank nämlich. Die Vermutung, dass uns da einige erspart geblieben ist, dürfte durchaus zulässig sein.

Eines ist aber besonders bemerkenswert an der ganzen Causa: Wie armselig sie eigentlich begonnen hat. Und damit kommen wir wieder zur Couch.

Mai 2022: Strache lässt sich für Puls 24 nochmals auf der Couch nieder © Puls 24

Für die Puls 24-Dokumentation „Herr Strache fährt nach Ibiza“ die heute um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird, ist der ehemaligen FPÖ-Chef doch tatsächlich in die Ferienvilla auf Ibiza zurückgekehrt, in der die Videofalle des Detektivs Julian Hessenthaler zuschnappte – und hat dort ein Interview gegeben. Eine gewisse Erschütterung, wie leicht er sich von Hessenthaler und einer falschen Oligarchennichte mit (angeblich) 300 Millionen Euro Vermögen und (tatsächlich) schmutzigen Zehennägeln hereinlegen hat lassen, ist ihm durchaus anzumerken; Genugtuung darüber, dass er seine Version der Ereignisse erzählen kann, ebenfalls (wobei die Qualität der Doku zu einem guten Teil darin liegt, dass ihm Hessenthaler in einem Interview aus der Haft, die er derzeit wegen Drogenhandel verbüßt, immer wieder Konter gibt).

Und während er redet, sitzt Strache die meiste Zeit auf der Couch, die nicht nur für ihn zum Schleudersitz geworden ist, sondern auch für ein gutes Dutzend Amts- und Würdenträger von Sebastian Kurz abwärts, und man denkt sich: eigentlich müsste dieses Möbelstück inzwischen nicht mehr in dieser Budget-Ferienvilla auf Ibiza stehen, sondern im Haus der Geschichte.

Radwegoffensive 2022: Die Stadt Wien baut in den kommenden Jahren das Radverkehrsnetz massiv aus. Alleine in diesem Jahr entstehen über 17 Kilometer verbesserte, neue Infrastruktur fürs Radfahren. Für dich & fürs Klima. #radliebewien

Infos zum Radfahren in Wien, den neuen Radwegen in der Stadt und einen kostenlosen Routenplaner gibt's auf www.fahrradwien.at

Klaus Nüchtern

Wenn Denunziation zur harten Währung wird

Der Rapper Yung Hurn, der Popkritiker Karl Bruckmaier und die Unkultur der Cancel-Forderung.

Dem viel zu früh verstorbenen Medienmenschen und Menschenfreund Roger Willemsen verdanken wir die Überlieferung des Ausspruchs eines Vorgesetzten, der den Umstand, dass Nachtwächter Willemsen seinen Dienst in bunten Socken versah, mit den Worten „Das gehört verschwunden“ kommentierte. Als lakonisch-gallige Artikulation individueller Missbilligung verfügt der Satz fraglos über einen gewissen Charme, allerdings scheint er mittlerweile im mentalen Mainstream angekommen zu sein: Kaum ein Tag vergeht, ohne dass jemand lautstark die Auffassung vertritt, dass irgendwer oder irgendetwas abgesagt, ausgeladen, boykottiert, entfernt, entlassen, gecancelt oder gekündigt gehörte.

Yung Hurn bei der Eröffnung der Wiener Festwochen am Samstag © APA/Georg Hochmuth

Vergangene Woche betraf dies den Auftritt des der Frauenfeindlichkeit geziehenen Rappers Yung Hurn beim Eröffnungsevent der Wiener Festwochen sowie einen Beitrag zur Geschichte des „Blackfacing“ des deutschen Popkritikers Karl Bruckmaier im Rahmen des Donaufestivals, der von „Aktivisten“ als „rassistisch“ gebrandmarkt worden war. Yung Hurn begeisterte auf dem Rathausplatz Tausende euphorisierter junger Frauen (was den Sexismus-Vorwurf nicht widerlegt); der inkriminierte Essay wurde aus dem nur noch online verfügbaren Reader des Donaufestivals entfernt (was den Rassismus-Vorwurf nicht bestätigt).  

Bevor man die beiden Interventionsversuche über den gleichen Kamm der „Cancel Culture“ schert, sollte man freilich auch einmal darüber nachdenken, in welchem Milieu und Kontext diese stattgefunden haben: ein bombastisch-populistisches, mit dem „Leider-geil“-Effekt kokettierendes Spektakel auf der einen und ein an der Schnittstelle von Pop und Diskurs angesiedeltes, sorgfältig konzipiertes Special-Interest-Festival auf der anderen Seite.

Wäre das Konzert abgesagt worden, hätte Yung Hurn vielleicht eine finanzielle Einbuße erlitten, aber an Reputation eher gewonnen. Im Falle des skandalisierten Donaufestivals verhält es sich genau andersrum: Autor Bruckmaier und Festivalleiter Thomas Edlinger sehen sich nicht nur persönlich verunglimpft, sondern auch noch dem Vorwurf ausgesetzt, den Ruf des Donaufestivals nachhaltig beschädigt zu haben.

Das Perfide daran ist, dass dies tatsächlich der Fall sein könnte, und zwar völlig unabhängig davon, ob an den erhobenen Vorwürfen auch nur irgendetwas dran ist. Das in den asozialen Medien vollzogene Standgericht sieht keine Verhandlung und kein Anhörungsrecht vor. Dafür stellt die vorauseilende Denunziation, die sich als anti-rassistischer Aktivismus tarnt, zumindest aufmerksamkeitsökonomische, womöglich sogar handfest pekuniäre Gewinne: Vielleicht wird demnächst ja der Posten eines Festivalleiters frei?   

PS: Den Wirbel um Yung Hurn hat übrigens auch mein Kollege Matthias Dusini unter dem Titel Die Kunst des Säuberns in seinem gestrigen FALTER.maily kommentiert, das sie hier finden.

Soraya Pechtl

Wären Stadtspaziergänge im Frühsommer nicht am schönsten (der Konjunktiv erklärt sich gleich)? Stellen Sie sich vor: Sie schlendern im Schatten einer Häuserzeile an kleinen Läden vorbei und lugen in die Auslagen der Geschäfte. Wunderbar, stünden da nicht plötzlich Bauzaun und Container mitten auf dem Trottoir. Ein blauer Pfeil, der in eine vollkommen andere Richtung deutet, in die man eigentlich gehen wollte, macht klar: Hier geht’s nicht weiter.

Gefühlt werden Baumaterialien bevorzugt auf Gehsteigen und Radwegen abgestellt. Mit Glück können Sie einfach die Straßenseite wechseln. Mit Pech müssen Sie gleich einen Schlenker um ein oder zwei Häuserblocks machen.

Willkommen im Baustellen-Sommer: Absperrung im 15. Bezirk © FALTER/PECHTL

Warum ist das so? 

Generell gilt: Bauherren brauchen eine Genehmigung, wenn ihre Arbeiten den Straßenverkehr beeinträchtigen. Voraussetzung dafür ist, dass „die Beeinträchtigung nicht wesentlich ist oder wenn es möglich ist, für die Aufrechterhaltung der Sicherheit, Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs in anderer Weise zu sorgen.”

Und wer vergibt diese Bewilligung? In Wien entscheidet darüber die MA 46 in Abstimmung mit den jeweiligen Bezirksvorstehungen, Interessenvertretern (etwa der Wirtschaftskammer) und der Landespolizeidirektion Wien. Ob bei Bauarbeiten Gehsteige blockiert werden, hänge stark vom Bezirk ab, sagt Judith Wittrich, Raumplanerin bei der Arbeiterkammer. „Manche Bezirksvorsteher sagen: ‚Das gibt es bei mir gar nicht'.”

Wie ist das in Ihrem Bezirk? Ärgern Sie sich auch regelmäßig über blockierte Gehwege? Oder haben Sie Beispiele, wo Bauherren andere Lösungen gefunden haben, ihre Container abzustellen? Schicken Sie uns eine kurze Mail mit Ihren Erfahrungen (gerne mit Bildern) an morgen@falter.at.


Wir fangen gleich mit einem Positivbeispiel an: Bei der Baustelle zum U-Bahn-Kreuz U2xU4 bei der Station Pilgramgasse starten demnächst Grabungsarbeiten an der Rechten Wienzeile. Damit Öffi-Fahrer und Fahrerinnen weiterhin über den südlichen Eingang zur U4-Station Pilgramgasse kommen, wird eine temporäre Fußgängerbrücke bei der Sonnenhofgasse errichtet.

Bis die Brücke steht, kommt es allerdings zu Verkehrs-Einschränkungen:

Von Freitag, 20. Mai, bis Montag, 23. Mai 2022, hält die U4 in der Station Pilgramgasse nur am Bahnsteig Richtung Hütteldorf.

Die Wiener Linien empfehlen auf die nächstgelegenen Stationen der U4 (Kettenbrückengasse oder Margaretengürtel) oder die Buslinien 12A, 13A, 14A, 57A, 59A auszuweichen.

Scheuba fragt nach… bei Florian Klenk

Florian Scheuba berichtet in der aktuellen Folge über die „Entbastifizierung“ unserer Bundesregierung und sein Lieblingsdokument des Jahres. Mit Florian Klenk spricht er über „aggressive Zahlungen an wichtige Entscheidungsträger“, Einschüchterungsklagen und das Geheimnis des „Wahrheits-Liquids“ in Straches Sushi-Reis.

Wie viele Wildbäche fließen durch Wien?

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Auflösung von gestern: Das Wort Beserlpark leitet sich von den früher schlecht gepflegten und daher struppigen Bäumen in einer Parkanlage am Franz-Josefs-Kai ab. Mit Bediensteten des Stadtgartenamts oder einer von einer Verballhornung des Adjektivs „böse“ hat es nichts zu tun.

Lisa Kiss

Konzert

Stell dir vor, Radiohead spielen in der Stadt - und es gibt noch Karten. Ganz so ist es zwar nicht, aber mit Sänger Thom Yorke und Gitarrist Jonny Greenwood spielen heute immerhin zwei zentrale Mitglieder der Britrocker in Wien, mit ihrer neuen Nebenbeschäftigung The Smile. Dieser Tage erscheint das Album „A Light for Attracting Attention”, dem fünf erfreulich facettenreiche Singles vorausgeschickt wurden. (Sebastian Fasthuber)

Gasometer, 20.00

Sam Thompson: Der Junge, der mit den Wölfen spricht

Silas tut sich nicht nur schwer damit, sich zu wehren, sondern überhaupt ein Wort über die Lippen zu bringen. Eines Tages trifft er auf dem Heimweg einen Wolf, der sich einen Reißnagel in die Pfote getreten hat, und gerät in eine parallele Welt, in der Tiere sprechen können. Dem Wolf sind Füchse gefolgt, die von Silas verlangen, ihnen zu zeigen, wohin der Wolf verschwunden ist. Silas versteht nicht, was sie von ihm wollen, und wird von einer Füchsin gebissen.

Was wie eine Ermutigungsgeschichte gegen Mobbing beginnt, weitet sich rasch zu einer politischen Parabel aus, die an George Orwells „Farm der Tiere" von 1945 denken lässt. Die Füchse haben mit menschlichen Abfällen eine unterirdische Stadt errichtet, oder dies vielmehr die Wölfe tun lassen. Von den Menschen haben sie auch sprechen gelernt, aber wie diese verwenden sie die Macht der Sprache nicht nur zum Guten. (Kirstin Breitenfellner)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus Nüchtern

Was hat sich Gott dabei gedacht?

Flamingo und Pelikan 

In der Schöpfungsgeschichte kommt der Mensch bekanntlich erst am sechsten Tag dran. Einen davor hatte Gott verfügt, dass sich „das Wasser mit webenden vnd lebendigen Thieren [errege] / vnd mit Geuogel / das auff Erden vnter der Feste des Himels fleuget.“ Wie genau und in welcher Reihenfolge das vonstatten ging, darüber schweigt sich die Genesis aus. Namentlich genannt werden nur „grosse Walfische“; alles, was kleiner ist, läuft eben unter „allerley Thier“ im Wasser und „allerley gefidderts Geuogel“ in der Luft. 

Dass sich Gott den Menschen bis zum Schluss aufgehoben und dann auch noch als Herrscher eingesetzt hat „vber die Fisch im Meer / vnd vber die Vogel vnter dem Himel / vnd vber das Vieh / vnd vber die gantzen Erde / vnd vber alles Gewürm das auff Erden kreucht“, hat dann das Krone-der-Schöpfung-Missverständnis in die Welt gesetzt. 

Tatsächlich hat sich Gott für uns Menschen einfach nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit genommen. Vom Schöpfen schon rechtschaffen erschöpft wollte er sich nicht mehr in Details verlieren und sprach: „Wir machen da einfach Mund.“ Okay, da sind die Lippen mal schmäler, mal breiter, mal heller, mal dünkler, aber im Großen und Ganzen ist es ein Standardmodell. Man kann sich zwischen Grön- und Feuerland, zwischen der Hudson Bay und dem Ochotskischen Meer an Menschen aussuchen, was beziehungsweise wen man will, allzu groß werden die Differenzen nicht ausfallen: Mund bleibt Mund. Beim „gefiddert Geuogel“ hingegen gibt es doch eklatante Unterschiede, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Der sieht bei einer Schwalbe, einem Kernbeißer, einem Specht oder einem Fichtenkreuzschnabel schon sehr anders aus, von Pelikan oder Flamingo einmal ganz zu schweigen. 

Flamingo: Was war zuerst da, der Schnabel oder der Rest? © FALTER/Nüchtern

Oder eben grade nicht. Der FaVoWa hat nämlich unlängst das schöne Montenegro bereist und erlaubt sich diesmal einen Ausflug nicht nur über die Stadt-, sondern über die Landesgrenzen hinweg. Auf Gottes erste Skizzenblätter zu Pelikan und Flamingo hätte man schon gerne ein Auge geworfen. Was war zuerst da, der Schnabel oder der Rest? „Form follows function“ oder „What the fuck“? 

In der ganzen Vogelwelt wird man kaum zwei so ambivalente Arten finden. Sind sie schön oder hässlich? Elegant oder bizarr? Verspielt oder funktional? Oder alles zusammen? Wie lange hat es gedauert, einen flugfähigen Pelikan zu entwickeln oder einen Flamingo, der nicht umkippt? Und warum hat der das Knie verkehrt herum? Hatte Gott die entsprechende biotechnologische Vision – Transportflugzeug und Löffelbagger – bereits im Auge? Oder hat er sich  einfach überlegt, wie er die lebenden, webenden und schwebenden Tiere, die er grad erst ins Wasser getan hat, wieder rauskriegt? Die Schnäbel sind jedenfalls Spezialkonstruktionen, mithilfe derer der Krauskopfpelikan am Shkodrasee täglich über ein Kilo Fisch vertilgt (ein Zehntel seines eigenen Körpergewichts) und der Rosaflamingo in der Saline von Ulcinj Plankton aus dem Wasser filtert. 

Bei zwei so idiosynkratischen Kreaturen konnte es natürlich nicht ausbleiben, dass literarischer Unfug mit diesen getrieben wird. So lassen Lewis Carroll und dessen kongenialer Illustrator John Tenniel Alice im Wunderland einen Flamingo als Crocketschläger missbrauchen (mit einem Igel als Kugel!), während Carla und Vilhelm Hansen in ihrem Kindercomicklassiker dem Bären „Petzi“ (im dänischen Original:  „Rasmus Klump“), Pelle hinzugesellt haben, einen Pelikan, in dessen Schnabel sich stets findet, was gerade gebraucht wird. 

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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