Warum ein Massaker in Beirut Wiens Justiz beschäftigt - FALTER.morgen #330

Versendet am 19.05.2022

Warum ein vor 37 Jahren begangenes Massaker in Beirut die Wiener Justiz beschäftigt – und noch immer nicht gesühnt ist >> Auszeichnungen für FALTER-Leute >> Gipfeltreffen: Der Südtiroler Bauernbund auf Bobo-Besuch >> Der Fassadenleser findet eine ziemlich deutsche Kirche am Mexikoplatz

Wetterkritik: Temperaturen auf Achterbahnfahrt: Gestern Abend kühlte es am Stadtrand auf gerade mal 4 Grad ab. Heute werden es untertags wieder bis zu 26 Grad – eine Differenz von 20 Grad innerhalb weniger Stunden.


Guten Morgen!

Es war eine der erstaunlichsten Geschichten, über die ich im Laufe meines Journalistenlebens gestolpert bin: Im Jahr 1985 fand im Libanon ein Raubüberfall statt, der so brutal war, das er als „Bourj Hammoud Massaker“ in die Annalen des Landes einging. Fünf Menschen wurden dabei erschossen, ein Juwelier und seine vier Angestellten.

Die mutmaßlichen Täter waren rasch gefunden, schafften es allerdings, unterzutauchen und sich zu verstecken. Bis ihnen die Angehörigen der Ermordeten mehr als 30 Jahre später auf die Spur kamen, und sie fanden: Unter falschen Namen, als honorige Geschäftsleute – und zwar mitten in Wien.

Vor Gericht mussten sie sich dafür bislang aber nicht verantworten. Warum das so ist, und was die Hinterbliebenen jetzt unternehmen wollen, erzähle ich Ihnen gleich.

Außerdem: Der Südtiroler Bauernbund war auf Besuch bei uns Bobos, meine Kollegin Soraya Pechtl beschreibt das Gipfeltreffen. Und die hochgeschätzte Cathrin Kahlweit, Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, hat die Feier der „Journalistinnen des Jahres“, bei der auch fünf FALTER-Leute gewürdigt wurden, zum Anlass für eine Grundsatzrede genommen. Die wichtigste Passagen möchten wir Ihnen nicht vorenthalten.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Martin Staudinger


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Ungesühnt

Ein brutaler Raubüberfall in Beirut, eine Spur nach Wien – und eine 37 Jahre dauernde Jagd, die noch immer nicht zu Ende ist.

Am 28. März 1985 betreten drei Brüder das Geschäft von Hrant Kurkdjian in Beirut – nennen wir sie Alem, Sarkis und Vasgen (medienrechtlich wäre es ein Problem, sie mit ihren echten Namen zu identifizieren). Die jungen Männer wollen den Juwelier ausrauben und tun das mit äußerster Brutalität. Nach wenige Minuten sind Kurkdjian und seine vier Angestellten tot, die Täter flüchten mit Gold, Diamanten und Bargeld im Wert von 20 Millionen libanesischen Pfund (auf heutige Kaufkraft umgerechnet mehr als 2,8 Millionen Euro).

Die Opfer: Die Ermordung des Juweliers Hrant Kurkdjian und seiner vier Angestellten ist seit 37 Jahren ungesühnt © themassacrefiles.com

Das Trio wird in der Folge zwar rasch geschnappt, legen unterschiedliche Geständnisse ab und gehen ins Gefängnis. Eine Gerichtsverhandlung findet im Chaos des libanesischen Bürgerkriegs vorerst aber nicht statt. Zwei Jahre später verschwinden sie unter ungeklärten Umständen aus der Haft und tauchen unter. Weitere neun Jahre später werden sie vor einem Militärgericht in Abwesenheit als Mörder verurteilt – zunächst zum Tod, dann zu lebenslanger Freiheitsstrafe.

Weiterhin sind sie aber nicht aufzufinden. Erst 2015 bekommt die Tochter des Juweliers – sie hat die Suche nach Gerechtigkeit nie aufgegeben – durch einen Zufall Hinweise darauf, wo sich Alem, Sarkis und Vasgen aufhalten könnten: In Wien, wo einer von ihnen sogar ein Juweliergeschäft in guter Lage betreibt.

Vertreten durch den Rechtsanwalt Norbert Haslhofer schließen sich 15 Hinterbliebene des Bourj-Hammoud-Massakers daraufhin zusammen, um die Täter dingfest zu machen (eine Darstellung des Falles aus ihrer Sicht finden Sie hier). Nach schwierigen Privatrecherchen und langwierigen Polizeiermittlungen steht fest, dass sich Alem, Sarkis und Vasgen tatsächlich eine neue Existenz in Österreich aufgebaut haben. 2017 eröffnet die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen fünffachem Mord und schwerem Raub.

Die mutmaßliche Täter: Alem, Sarkis und Vasgen (Namen von der Redaktion geändert) tauchten unter und bauten sich unter falschem Namen in Wien eine neue Existenz auf © themassacrefiles.com

Endlich scheint es möglich, die mutmaßlichen Täter – die inzwischen österreichische Staatsbürger sind – vor Gericht zu stellen und den Fall aufzuklären. Aber auch diese Hoffnung erfüllt sich vorerst nicht. Einer der drei, Sarkis, ist inzwischen verstorben; ein zweiter, Vasgen, widerruft sein ursprüngliches Geständnis. Herauszufinden, welche Rolle sie bei der Tat konkret gespielt haben, erweist sich aber als schwierig. Es gibt keine unmittelbaren; Ermittler und Staatsanwälte in Beirut sind inzwischen pensioniert; die Justiz im Libanon ist korrupt und unzuverlässig; Kriege und Katastrophen sorgen zusätzlich für Verzögerungen.

Inzwischen stellt sich heraus, dass die Vorwürfe gegen einen weiteren Verdächtigen verjährt sind. Vasgen war zum Zeitpunkt des Verbrechens unter 21, also ein „junger Erwachsener“. Da 20 Jahre nach der angeblichen Tat noch kein Verfahren gegen ihn in Gang gekommen ist und auch keine sonstigen Vergehen aktenkundig sind, wird das Verfahren gegen ihn eingestellt. Und Alem, der älteste Bruder, hat im Libanon zwar den Raub, aber nie eine Beteiligung an den Morden zugegeben.

Und währenddessen wartet die Staatsanwaltschaft Wien erst auf die Ergebnisse eines Rechtshilfeansuchens, dann auf Originalunterlagen und zuletzt – bislang vergebens – auf deren Übersetzung. Dem Vernehmen nach will der beauftragte Dolmetsch seinen Laptop mit allen Dateien verloren haben und von vorne beginnen müssen.

Jetzt ist den Angehörigen der Geduldsfaden gerissen: Sie haben eine Petition an Justizministerin Alma Zadić und Innenminister Gerald Karner gestartet. Darin fordern sie, Vasgen und Alem an den Libanon auszuliefern.

Nach Recherchen von FALTER.morgen ist ein erster Schritt dazu bereits erfolgt. Die MA 35 hat Alem die Staatsbürgerschaft entzogen. Begründung: Er habe diese unter falscher Identität beantragt und sowohl das Verfahren, als auch das Urteil gegen ihn im Libanon verschwiegen. Einsprüche beim Höchstgericht, den er gegen diese Entscheidung erhoben hat, wurde „aufschiebende Wirkung“ zuerkannt. Gleiches dürfte für seinen Bruder Vasgen gelten.

Für die Angehörigen der Mordopfer heißt es also nach mehr als 37 Jahren erneut: weiterwarten.

Augenblick! Straßenfotografie in Wien

Begeben Sie sich auf eine fotografische Entdeckungsreise durch die sich rasant veränderte Großstadt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute.

Der 448 starke Bildband zur Ausstellung ist online erhältlich.

Die Ausstellung können Sie jetzt im Wien Museum MUSA neben dem Rathaus besuchen.

„Redliche public intellectuals

Auszeichnungen für FALTER-Leute und eine Grundsatzrede von SZ-Korrespondentin Cathrin Kahlweit.

Es darf gejubelt werden: Am Dienstag wurden in Wien die Journalistinnen und Journalisten des Jahres geehrt – und dabei landeten FALTER-Leute den vordersten Plätzen.

Florian Klenk wurde als „Journalist des Jahres 2021“ und „Chefredakteur des Jahres 2021“ ausgezeichnet, Heribert Corn als „Fotojournalist des Jahres“, Lukas Matzinger als „Local Hero - Wien“, Melisa Erkurt als „Kolumnistin des Jahres“, und Nina Horaczek belegte Platz drei im Ressort „Investigativjournalist:in des Jahres“.

Klenk und ZiB2-Anchor Armin Wolf (seine Ehrung als „Journalist des Jahre 2020“ war der Pandemie zum Opfer gefallen und wurde heuer nachgeholt) nahmen die Feier zum Anlass, das Ende der parteipolitischen Einmischung in die Autonomie der Justiz, des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks und – über Inseratenvergaben – auch jene der privaten Medien zu fordern.

Armin Wolf, Florian Klenk und Lukas Matzinger bei der Preisverleihung © APA/Hans Punz

Die Laudatio hielt Cathrin Kahlweit, Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung. In ihrer Rede auf Klenk und Wolf hob sie die Wichtigkeit von „public intellectuals“ für das Funktionieren der Demokratie hervor. Im Folgenden einige Auszüge daraus:


„Der public intellectual ist eine Gattung, die zuerst in den USA beschrieben wurde. Und die USA sind auch ein gutes Beispiel für all das, worum es geht: um Demokratie und Teilhabe.

Politische Bildung steht dort nicht hoch im Kurs, Bildung generell ist regionalisiert, privatisiert und christianisiert. Das Sendungsbewusstsein vieler Protagonisten ist dort stärker ausgebildet als ihre Demut vor demokratischen Prozessen.

In einer defekten Demokratie wie den USA ist auch die Kultur des Hinterfragens, der Redlichkeit, der Toleranz auf dem Rückzug. (…) Der Sturm auf das Capitol, die Polizeigewalt gegen Schwarze, der zunehmend fundamentalistisch agierende Supreme Court – sie alle sind Vorboten einer drohenden Katastrophe. Umso wichtiger sind Aufklärer im Kant’schen Sinne, die Anschauung und Denken zu intellektueller Redlichkeit verbinden. (…)

Es läge mir fern, die ideologische Verwahrlosung in den USA mit den politischen Auseinandersetzung in Österreich zu vergleichen. Hier wird das politische Personal vor allem nach Kriterien wie Loyalität und Regionalität ausgesucht – auch wenn die Rolle von Geld, das politischen Einfluss kauft, nach noch nicht ausreichend untersucht ist.

Aber auch hier gilt, dass die zunehmend komplizierte Weltenlage erklärt werden muss.

In den vergangenen Jahren ist in Österreich vieles aufgebrochen, was unter Sprachlosigkeit, Bequemlichkeit, „Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht“ begraben war. Das ist gut so.

Und es ist wahrscheinlich ganz normal, dass eine Gesellschaft eine Weile braucht, um die Einblicke in eine Realität zu verdauen, die nicht mehr so hübsch anzusehen und so gemütlich ist wie die scheinbar friedliche, den Status Quo zementierenden Konsensdemokratie der letzten Jahrzehnte.

Ich nenne das „Österreichs politische 68er“.

Da werden plötzlich viele Brüche sichtbar, Unrecht wird sichtbar. Und Wut entsteht auf die, die das Unrecht sichtbar machen. Umso mehr braucht es auch hier redliche public intellectuals, die diese Brüche ausleuchten, den Prozess kritisch – und konstruktiv – begleiten.

Und ja, das dürfen, das müssen sogar manchmal Journalisten sein. Weil sie nämlich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, zum sauberen Denken, zum Faktenchecken, zum Beide-Seiten-Hören erzogen sind, und weil sie ihre eigene Meinung nicht automatisch mit der richtigen Meinung verwechseln. Die könnte nämlich schon am nächste Tag auf dem Sender oder im Blatt von einem anderen, klugen Kollegen vertreten werden.“

„Selbst dem berühmten Inländer Stroh-Rum fehlen 20 Prozent auf 100 und Ausländer-Rum sollte man – wenn es nach dem Willen einiger einschlägig bekannter Politiker geht – nach Schließen aller möglichen Routen gar nicht erst in den Mund nehmen.“

Harry Bergmann räsoniert in seiner aktuellen Kolumne über das nordkoreanische Ergebnis für Karl Nehammer am ÖVP-Parteitag.

Soraya Pechtl

Gipfeltreffen im Flachland

Der Südtiroler Bauernbund war auf Besuch beim FALTER – und diskutierte spannende eineinhalb Stunden über Fragen, die von der Klimakrise über Konsumpolitik bis hin zu Sexismus im Bauernkalender reichten.

Ungewöhnlichen Besuch hatten wir gestern in der FALTER-Redaktion. Im „Roten Salon” - dem Sitzungszimmer, in dem wir bei niedrigen Inzidenzen das Blatt besprechen - nahm gestern Siegfried Rinner, Direktor des Südtiroler Bauernbunds und sechs weitere hochrangige Mitglieder der Interessenvertretung Platz, um sich mit den Bobo-Redakteuren der Wiener Wochenzeitung über Landwirtschaft zu unterhalten. 

Knapp eineinhalb Stunden dauerte das Gespräch mit FALTER-Chefredakteur Florian Klenk und Politik-Chefin Eva Konzett, in dem es um große Fragen ging: Welche Rollen spielen Bauern bei der Bewältigung der Klimakrise? Wie kommen wir weg von der Vorstellung, dass Fleisch billig sein muss? Ist profitable Landwirtschaft im Spannungsfeld von mächtigen Supermärkten und schnäppchenjagenden Konsumenten überhaupt noch möglich? Müsste die Politik nicht längst eingreifen? Und, last but not least, über den sexistischen Bauernkalender (bzw. das Frauenbild, das damit projiziert wird).

Der Südtiroler Bauernbund zu Besuch beim Falter: Gipfeltreffen im Redaktionssitzungszimmer © FALTER/Klenk

Letzteres kam aufgrund der Debatte über den Jungbauernkalender zur Sprache, den der österreichische Bauernbund jährlich ausgibt. Das Druckwerk hatte zuletzt für Aufsehen gesorgt, weil sein langjähriger Gestalter Norbert Totschnig zum neuen ÖVP-Landwirtschaftsminister ernannt wurde.

Ein Bild einer halbnackten Frau, die in der 2016er-Ausgabe zwischen Schweinen auf einem Vollspaltenboden posierend abgelichtet wurde, warf die Frage auf, warum solche sexistischen Kalender überhaupt noch gemacht werden:

Bauernbund: Es kommt gut an.

Klenk: Aber ist es auch gut? Oder ist dieses Frauenbild der Grund, warum keine Frau mehr auf einen Bauernhof will?

Bauernbund (witzelnd): Es gibt auch eine Edition mit Männern.

Einwurf eines Mitglieds: Aber die ist nicht so beliebt. 

Bauernbund: Wir haben jedenfalls lange über einen Südtiroler Jungbauernkalender diskutiert. Uns schlussendlich aber dagegen entschieden.

Sie sehen also: Wir hatten zwar unsere Meinungsverschiedenheiten, aber auf viele Dinge konnten wir uns auch einigen: 

  • Die Bauern sitzen zwischen allen Stühlen: Die Politik fördert nach wie vor industrielle Landwirtschaft, Umweltschützer bekritteln mangelndes Tierwohl und Konsumenten wollen für artgerechte Haltung kaum mehr bezahlen. Die Sorgen der Landwirte gehen dabei oft unter. 

  • Die landwirtschaftliche Versorgung muss sich ändern - hin zu mehr Regionalität und Tierwohl. 

  • Und es braucht eine höhere Wertschöpfung (sprich: höhere Preise) für qualitativ hochwertige Lebensmittel. 

Am Ende haben wir nicht nur Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht, sondern auch Wein und Bücher.

Was ist faul im Staate Österreich?

© Screenshot Löw

Was bringt der ÖVP-Korruptionsausschuss wirklich?, fragt Raimund Löw in der aktuellen Folge unseres Podcasts. Es debattieren Neos-Nationalratsabgeordnete Stephanie Krisper, Süddeutsche-Korrespondentin Cathrin Kahlweit, Kurier-Online-Chefredakteur Richard Grasl und FALTER-Politikchefin Eva Konzett.

Liebling im Volkstheater

Das Volkstheater war in den vergangenen Jahren mit Problemen konfrontiert: unklares Profil, mürbe Baustruktur, schwindendes Publikum. Diesen Herausforderungen versuchten die jeweiligen Direktorinnen und Direktoren zu begegnen, eine kleinere Maßnahme war die Eröffnung der Roten Bar im Jahr 2005.

Eine doch etwas wilde Trink-Gelegenheit im düster-bombastisch angelegten Theaterpausenraum im ersten Stock. Unsichtbarkeit von außen und eine doch eher lässige Führung des Lokals verhinderten allerdings nachhaltigen Erfolg.

Nun wurde das Volkstheater renoviert, und auch die Problemstellung „Lokal“ kam wieder aufs Tapet. Diesmal schien man die Sache aber etwas ernster zu nehmen: Erdgeschoß statt erster Stock, eigener Eingang statt Hintertreppe, Komplettsortiment statt nur Spritzer und Flaschenbier und sogar Gastgarten statt G’stetten. Wow.

Die gesamte Lokalkritik von Florian Holzer lesen Sie hier.

Heiß wird's am kommenden Wochenende zwar wohl nicht, die Badesaison hat aber trotzdem schon begonnen. Wir schicken Sie deshalb in den kommenden Wochen mit Hilfe des wunderbaren, im FALTER-Verlag erschienen Buches „Wildbadeplätze“ zu den schönsten Naturgewässern im Osten Österreichs.

Heute: Donau-Oder-Kanal

Wenn man im klaren Wasser des 1,2 Kilometer langen und bis zu 150 Meter breiten Naturidylls seine Schwimmrunden dreht, kann man sich kaum vorstellen, dass das Gewässer aus der Kriegszeit stammt. Im Jahre 1939 wurde mit dem Bau des Donau-Oder-Kanals (DOK) begonnen. Das Ziel war, die Donau mit der Oder zu verbinden und somit eine Schifffahrtsroute zu schaffen. Das Kriegsende brachte aber das Aus für die geplante Wasserstraße, die eine Länge von 329 Kilometern haben sollte.

Geblieben sind vier Abschnitte, wobei nur die Kanalbecken II und III zum Baden freigegeben sind. Im Kanalbecken III ist nur das Südende für die Öffentlichkeit zugänglich, der große Rest ist von Kleingärten umgeben.

Der schönere Wildbadeplatz ist das Kanalbecken II. Umgeben von Auwald führt eine geschotterte, in manchen Abschnitten auch asphaltierte Straße um den Kanal und immer wieder Treppen und viele kleine Zugänge ins Wasser hinein. Auch in der ärgsten Sommerhitze ist es hier niemals überfüllt und man hat wirklich so etwas wie Privatsphäre.

Blickt man ins glasklare Wasser, sieht man bis auf den Grund, inklusive Spiegelungen des uralten Auwaldes. Im Naturgewässer wachsen überall Makrophyten. Von den Schlingpflanzen darf man sich aber nicht stören lassen. Ausweichen oder einfach durchschwimmen.

© wien.gv.at

Reinzoomen hier

Adresse: 1220 Wien, Lobau (GPS: Kanal II: 48.174882, 16.529070, Kanal III: 48.181550, 16.540185)

Anreise: Öffentlich mit dem 92B zur Haltestelle Finsterbuschstraße/Öllager; per Rad über die Raffineriestraße bzw. direkt am asphaltierten Weg entlang der Neuen Donau; mit dem Auto über Großenzersdorf bis zum Ende der Lobaustraße, Parkplatz beim Nationalparkcamp Lobau.

Weg zur Badestelle: Kanal II: Zehn Minuten zu Fuß Richtung Süden.
 Kanal III: Fünf Minuten zu Fuß Richtung Osten

Weitere Infos: Hoher Schwimmfaktor, mittelmäßig kleinkindgerecht, Hunde mit Leine erlaubt. Mobilklo ja, Umkleidekabinen nein. Gastronomie beim Ufergasthaus Staudigl Lobaustraße 85.

Welches berühmte Gemäldes hängt als 1:1-Kopie in der Wiener Minoritenkirche?

1. Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci

2. Das jüngste Gericht von Michelangelo

3. Kreuztragung von Hieronymus Bosch

Auflösung von gestern: Die erste Wiener Hochquellleitung ging am 24. Oktober 1873 in Betrieb (nicht am  13. Juni 1884 oder am 06. September 1913)

Fotografie

Im Gegensatz zu Metropolen wie Paris oder London war Fotografie in Wien relativ wenig am Porträt der pulsierenden Metropole interessiert. Für die Schau „Augenblick! Straßenfotografie in Wien“ konnte das Wien Museum in der hauseigenen Sammlung dennoch einen reichen Fundus an Aufnahmen ab 1860 heben: Die Ausstellung führt von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur Instagram-Ästhetik der Jetztzeit. (Nicole Scheyerer)

Wien Museum Musa, 10.00 bis 18.00 (bis 23.10.)

Lilian Thuram: Das weiße Denken

Am Beginn von Lilian Thurams Buch steht die Welt Kopf: Der Autor hat die Weltkarte umgedreht und ein, im Vergleich zu herkömmlichen Weltkarten, riesig erscheinendes Afrika in die Mitte gestellt. Für viele Nordamerikaner und Europäer bestehe kein Zweifel, dass ihr Land im Mittelpunkt der Welt stehe, so Thuram.

Lilian Thuram, geboren 1972 in Guadeloupe, war Fußball-Weltmeister, französischer Rekordnationalspieler und Star-Verteidiger bei AC Parma und Juventus Turin. Seit seinem Karriereende im Jahr 2008 widmet er sich ganz dem Kampf gegen Rassismus … (Donja Noormofidi)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus-Jürgen Bauer

Die rheinische Kirche

Im Jahr 1898, dem 50-jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph, begann man weit außerhalb der Stadt, am heutigen Mexikoplatz, mit dem Bau einer ziemlich großen Kirche. Dort draußen gab es damals außer einer riesigen Schwimmschule gar nichts. Die recht ansehnliche Größe dieses Baus resultierte aus einer geplanten Militär-Achse mit großen Kasernen in der Vorgartenstraße. Die Jubliäumskirche sollte deren städtebauliches Endstück werden: eine moderne Via Triumphalis an der Donau.

Architekt Luntz baute die ziemlich große Kirche nach dem Vorbild deutscher Bauwerke.© Klaus-Jürgen Bauer

Der Entwurf für die Kirche stammte vom Niederösterreicher Viktor Luntz, Professor an der Technischen Hochschule und an der Akademie der bildenden Künste. Für die Gestaltung des Kaiser-Jubiläums-Baus griff der Professor seltsamer Weise auf ein Vorbild vom Rhein zurück. Der markante Vierungsturm imitiert nämlich Groß St. Martin, eine der fantastischen romanischen Kölner Kirchen aus der Stauferzeit. Als drei Jahre nach Baubeginn der Gedächtniskirche die Kaiserin ermordet wurde, erhielt Luntz den Auftrag für die Integration einer Kaiserin-Elisabeth-Kapelle. Wieder nahm er ein deutsches Modell zum Vorbild, diesmal war es die Aachener Pfalzkapelle. Professor Luntz hatte offenbar eine Vorliebe für die Architektur des Westens.


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