Im Dschungel der Stadtkinder: Liebeserklärung an den urbanen Spielplatz - FALTER.morgen #332

Versendet am 24.05.2022

Eine Liebeserklärung an den urbanen Spielplatz >> Ein eigener Fahrradparkplatz vor dem Haus auf Bestellung: Geht das? Ja, manchmal >> Vogel der Woche: Die Mehlschwalbe, Häuslbauer der Lüfte

Wetterkritik: Mit dem perfekten Frühsommerwetter ist es auch schon wieder vorbei. Heute wird es unbeständig und schwül, im Laufe des Tages sind auch Regenschauer und kräftige Gewitter möglich.


Guten Morgen!

Der Nussbaum war meine tägliche Kränkung. Während Schwester und Cousine schon oben in den Wipfeln hingen, wollte mein Baby-Bizeps mich einfach nicht auf den zweiten Ast hinaufziehen. Dass der jüngere Cousin problemlos an mir vorbeikletterte, hat es nicht besser gemacht.

Kindheitserinnerungen, seien sie voller Schmach oder Freude, verdichten sich oft zu einem Erlebnis. Einem Geschehen. Den harzigen Geruch des Nussbaumstammes, ich kann ihn bis heute riechen. Wir waren eine Bande und wir waren relativ unbeaufsichtigt. Eine verkehrsberuhigte Straße. Das Haus der Großmutter. Eine Kindheit in den 1980-er Jahren am Land. Und heute? Wie werden Kinder in der Stadt groß, woran messen sie sich? Wo feiern sie den Triumph der Erstbesteigung, wie er mir dann an einem Junitag 1989 gelang? Und woran bemisst sich ein guter Spielplatz? Darüber erzähle ich Ihnen gleich …

Außerdem: Möchten Sie einen eigenen Fahrradparkplatz vor dem Haus? Dann können Sie das formlos bei der MA28 beantragen – und manchmal materialisiert er sich dann sogar wie aus dem Nichts. Was es damit auf sich hat, beschreibt Martin Staudinger weiter unten. Und Klaus Nüchtern widmet sich diese Woche den Häuslbauern der Vogelwelt – den Mehlschwalben.

Einen schönen Tag wünscht

Eva Konzett


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Die neue Saison an der Wiener Staatsoper

Die Spielzeit 2022/23 bringt mit einer szenischen Interpretation von Mahlers Klagendem Lied bzw. Kindertotenliedern, Neuinszenierungen der Meistersinger, Salome, Le nozze di Figaro, Il ritorno d’Ulisse in patria, Dialogues des Carmélites und Tschick sieben Opern- sowie mit Dornröschen und Goldberg-Variationen zwei Ballettpremieren.

Infos und Tickets unter wiener-staatsoper.at

Sie wollen nur spielen

Der Spielplatz ist Dschungel der Stadtkinder. Doch wie gelingt für sie der Spagat zwischen Freiheit und Ö-Norm?

In Wien beginnt der Sommer dreimal. Einmal kalendarisch, wie auch sonst überall in der Welt: am 21. Juni; einmal bürokratisch, wenn die Freibäder öffnen: traditionell am 2. Mai; und schließlich so richtig: an dem Tag, an dem die Kinder beschließen, dass es Sommer ist.

Das ist dann der Fall, wenn sie alle zum ersten Mal auf dem Spielplatz bis auf die Unterhosen nass sind. Dieses Jahr war der richtige Sommerbeginn am Dienstag, den 17. Mai. 25 Grad. Sonne. Und nach wenigen Minuten mussten die Eltern die Parkbänke räumen: Da wurden dann Leiberl, Kleidchen und Stoffhosen zum Trocknen aufgehängt. Da wuschen die Kinder die Quetschi-Sackerln aus und zweckentfremdenten diese wahlweise als Krug, Wasserkübel oder Spritzpistole. Es galt, den neuen Staudamm zu verteidigen.

Was braucht es für einen guten Spielplatz? Büsche und Matsch, sagt Experte Günter Beltzig © Wiener Stadtgärten/Kvech

Kinder brauchen Natur. Stadtkinder haben den Spielplatz. Jeder Neo-Wiener, der selbst noch auf den Wiesen der Provinz groß wurde, kennt die schiefen Blicke der dort gebliebenen Verwandtschaft, in dem eine implizite, vorwurfsvolle Frage glimmt: Ob das, was in der Stadt geboten wird, denn überhaupt menschenwürdig sei: Eine behördlich gewährte Aussparung im Häusermeer, bestückt mit Rutschen, Klettergerüsten und Wippgeräten die alle der ÖNORM EN 1176 entsprechen, wie es die Wiener Spielplatzordnung vorsieht. 

Es stimmt – es gibt kaum einen ähnlich regulierten Bereich wie Spielplätze: Kleinkindspielplätze müssen mindestens 30 Quadratmeter groß sein, Kinderspielplätze für den Nachwuchs ab sechs Jahren 500 Quadratmeter. Mitarbeiter der Wiener Stadtgärten kontrollieren 1000 Spielplätze in den öffentlichen Parkanlagen. 20 zertifizierte Spielplatzprüfer führen „vierteljährlich operative Inspektionen” und eine „Hauptinspektion” pro Jahr durch. Alle Spielplätze werden wöchentlich „visuell” auf augenscheinliche und „sichtbare Gefahrenquellen” untersucht. Denn Sicherheit ist das oberste Gebot in der kleinen urban-kindlichen Freiheit.

Die Behörden fordern Unfallschutz, die Eltern fordern Sichtbarkeit. Der Kinder. Sie wollen den Panoramablick von der Bank aus, auf der man sich nach dem Arbeitstag niederlässt. Vollgepackt mit den Insignien dieses Milieus: Laufrad, Sandspielzeug, Reiswaffeln. 

Und dann gibt es da noch Günter Beltzig, und der sagt: „Alles quatsch”. Beltzig kennt sich aus mit Spielplätzen, der gebürtige Wuppertaler hat sein halbes Berufsleben lang nichts anderes gemacht, als sie zu designen. Den Freiraum der Stadtkinder zu formen. Zum Beispiel das Spielelabyrinth in Schönbrunn. 

Was braucht ein Spielplatz, Herr Beltzig?

Beltzig: Büsche! 

Warum? Damit die Kinder der Kontrolle durch Eltern und behördlicher Zertifizierung zumindest zeitweise entkommen können.

Was es noch braucht: Kies und Sand zum Matschen. 

Was es eher nicht braucht: Gefederte Kunststoffmatten und ähnliche Sicherheitsvorkehrungen. „Der gefährlichste Spielplatz ist der absolut sichere Spielplatz”, sagt Beltzig, 81 Jahre jung. Dort werden die Kinder leichtsinnig. Und sie lernen es nicht, Gefahren einzuschätzen. Von welcher Höhe kann ich herunterspringen? Ein blutiges Knie, das kann auch ein geronnener Orden dafür sein, sich etwas getraut zu haben.

Die britische Landschaftsarchitektin Marjory Allen beobachtete in den späten 1940-er Jahren Kinder, die in den Londoner Bombentrefferwüsten spielten. Die kriegsbedingte Wildnis war ihnen das größte Abenteuer. Sie stapelten die Ziegel zu neuen Häusern, sie zersägten die Planken zu Wänden und Dach. Herkömmliche Spielplätze nannte Allen „einen Traum für die Verwaltung und eine Hölle für die Kinder”. Ihre Idee des „Junk playground”, den Kinder selber gestalten können, hat zwei Generationen an Kindheiten gebraucht, um durchzusickern. Jetzt nennt man sie „Robinsonspielplätze” und alle rennen hin.

Wer in Wien einmal auf dem Wasserspielplatz auf der Donauinsel oder dem Abenteuerspielplatz in der Tetmajergasse einen Nachmittag verbracht hat, dem leuchten die Gedanken von Allen und Beltzig ein. 

Und, so fair muss man bleiben: Auch die täglichen Bedarfsspielplätze haben nichts mehr dem traurigen Metalltriangel aus Rutsche, Kletterbogen und Schaukel zu tun, das früher Standard war. Wasserläufe, Hügel, Versteckecken finden sich auch nicht nur im Neubaugebiet, sondern selbst im Altbau-Ensemble.

Die Iso-Zertifizierung schützt die Stadt vor Haftungsklagen. Das Tisch-Bank-Ensemble weist den Erwachsenen eigentlich den Randplatz zu. Man könne Kinder problemlos auf 50 Meter hin hören, meint der Spielplatzdesigner Beltzig. Sehen müsse man sie nicht.

50 Meter Freiheit, das sollte man Kindern zugestehen meint er. Das gilt auch für die Kinder am Land, die auf dem Acht-Millimeter-Rasen im Standard-Trampolin mit dem blauen Überzug hüpfen.

Wann fängt eigentlich bei denen der Sommer an?

Sie bestimmen: Was, wieviel und wann?

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Martin Staudinger

Bügel auf Bestellung

Ein Fahrradparkplatz direkt vor dem Haus? Wer einen möchte, kann das formlos bei der MA28 beantragen – und bekommt ihn dann sogar (vielleicht).

Das, was Daniel Bleninger jüngst widerfahren ist, klingt verführerisch nach Bürgernähe mit Nachhaltigkeits-Hausverstand: Der Filmemacher hat bei der Stadt per Behördeneingabe einen Fahrradbügel für das Mehrparteienhaus bestellt, in dem er wohnt. „Jede*r in Wien mit Hauptwohnsitz Gemeldete*r kann ,Wiener Radbügel’ für die eigene Meldeadresse bei der Stadt beantragen. Budget ist da“, schrieb Bleninger vor ein paar Tagen auf Twitter. Und, offenkundig einigermaßen überrascht: „Eine Mail an die MA28 setzt das Werk in Gang. Die antworten nicht immer & nicht schnell, aber plötzlich steht es dann da.“

Bestellt und geliefert: Fahrradbügel der MA28 © Twitter/Bleninger

Tatsächlich hatte sich eines Morgens der Radl-Parkplatz wie aus dem Nichts auf der Straße vor Bleningers Wohnadresse materialisiert.

Großes Hallo auf Twitter: Mehr als 3800 Likes, über 800 Retweets, begeisterte Reaktionen in halb Europa: „En Viena cualquiera puede solicitar la instalación de aparcabicis delante de su casa“, „Chaque habitant.e de Vienne peut apparemment demander un arceau pour attacher son vélo devant son immeuble à la ville“, „Für uns kurz übersetzt Kreuzberger Bügel, E-Mail Postfach bekommen wir sicher hin, aber haben wir #Budget,@basz_berlin?“

Nachfrage bei der MA 28, lange Schrecksekunde. Der Pressesprecher muss sich selbst erst bei der Fachabteilung schlaumachen. Soviel ist aber rasch klar: Dass jeder Fahrradbügelantrag automatisch mit einer positiven Erledigung endet, ist eher auszuschließen. Da sind Bedarfserhebungen, Machbarkeitsüberprüfungen,  Bezirksvorstehungsentscheide nötig.

Einen Anspruch auf Radparkplätze vor dem Haus gibt es also nicht. Die Chance darauf aber durchaus. Bleninger hat sie genutzt. Für alle, die das auch versuchen wollen: Die MA28 ist unter post@ma28.wien.gv.at zu erreichen.

Nach zwei Jahren mit pandemiebedingten Einschränkungen wird die Regenbogenparade heuer wieder in ganzer Pracht und Herrlichkeit um den Ring ziehen: Am 11. Juni werden bis zu 200.000 Teilnehmer erwartet, gaben die Organisatoren gestern bekannt.

Heuer wieder in ganzer Pracht und Herrlichkeit: Die Regenbogenparade im Rahmen der Vienna Pride (Archivbild aus dem Jahr 2013) © Vienna Pride

Die erste Regenbogenparade fand im Jahr 1996 statt, seit 2007 fungiert die Vienna Pride als Dach und Klammer über allen Veranstaltungen, die heuer zwischen 1. Und 12 Juni rund um die Parade stattfinden. Dazu gehört ein umfangreiches Rahmenprogramm, wobei einige Events aber auch heuer virtuell bleiben – das nächste „Pride Village“ am Rathausplatz etwa soll es erst wieder 2023 geben.

Ein thematischer Schwerpunkt der Vienna Pride ist heuer die Situation von LGBTIQ-Menschen in Osteuropa, vor allem im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Nähere Infos über die Vienna Pride finden Sie hier.


Wer auf die Linien 40, 41 und 42 angewiesen ist, muss sich über Christi Himmelfahrt auf Einschränkungen gefasst machen: Die Wiener Linien nutzen das lange Wochenende von 26. Mai bis inklusive 29. Mai für Gleisarbeiten. Der 40-er und der 41-er werden zwischen Währinger Straße, Volksoper und Gersthof über die Strecken der Linien 42 und 9 umgeleitet, der 42-er fällt überhaupt aus. Zwischen Währinger Straße und Gersthof wird ein Schienenersatz (Bus 41E) eingerichtet.

Wieviele Kinder wurden zwischen Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts anonym im Wiener AKH geboren und als Waisen im dortigen Findelhaus zurückgelassen?

1) Rund 100.000

2) Rund 400.000

3) Rund 700.000

Auflösung von gestern: In Wien gibt es 5.000 Honigbienenstöcke (nicht 1.000 oder 3.000). Quelle: Rathauskorrespondenz.

Erratum: Die Reichsbrücke ist nicht, wie gestern irrtümlich hier berichtet, 1978 eingestürzt, sondern zwei Jahre zuvor am 1. August 1976. Und Niki Lauda verunglückte nicht, wie ebenfalls irrtümlich berichtet, am Nürnburgring, sonder am Nürburgring. Zwei Fehler in einem Satz verwenden – das ist zwar irgendwie nachhaltig und effizient, sollte aber trotzdem nicht sein. Wir bedauern!

Musik

Sympathisch eigenwillige Musik zwischen Pop, Jazz, Folklore und Chanson produziert das Wiener Trio 3 knaben schwarz. Die Musiker nennen sich Britta Glitter (Gesang, Gitarre, Zither, Ukulele, Zigarrenbox-Gitarren), Arno Splinks (Transakustisches Gerümpel) und Bruder Boff (Klarinette, Bassklarinette), sie sind aber keine Spaßvögel. Ein bisschen schrullig – das vielleicht schon. Mit „knabenkraut“ präsentieren sie nun ein neues Album. (Sebastian Fasthuber)

Spektakel, Mi 19.00 

Herbert Lackner, Christoph Zielinski: Die Medizin und ihre Feinde

In der kollektiven Vorstellungswelt des 20. Jahrhunderts war das 21. gleichbedeutend mit dem Versprechen einer besseren Zukunft: Wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt würde einer allumfassenden Rationalität zum Durchbruch verhelfen und den Rückfall in dunkle Zeiten auf allen Ebenen verhindern, so eine zentrale Hoffnung und Erwartung, die sich anfangs ja auch zu erfüllen schien.

Inzwischen hat sich das als Trugschluss erwiesen. Das 21. Jahrhundert ist zum Schauplatz von gegenaufklärerischen Tendenzen aller Art geworden. Die Corona-Pandemie hat Scharlatanen, Verschwörungstheoretikern und Wissenschaftsfeinden, die man eigentlich in längst vergangenen Zeiten verorten würde, eine Großbühne geboten – und auf geradezu erschütternde Weise vor Augen geführt: Sie und ihre Gedankenwelt sind in Wahrheit nie verschwunden, sie waren bloß lange Zeit unsichtbar und/oder mit scheinbar harmlose Spinnereien im weiten Feld alternativer Wahrheiten, Behandlungsmethoden und Therapien beschäftigt.

Dem verblüffenden Comeback der Gegenaufklärung und ihren historischen Wurzeln widmen sich der Journalist Herbert Lackner und der Arzt Christoph Zielinski in ihrem Buch „Die Medizin und ihre Feinde“. Ihr Streifzug durch die Jahrhunderte ist informativ und unterhaltsam zugleich – und bringt eine bittere Erkenntnis: Vieles, was vor hundert oder mehr Jahren von Politikern und so genannten Experten an Unsinn gesagt wurde, hören wir heute wortwörtlich wieder. (Martin Staudinger)

Mehr über das Buch unter faltershop.at

The Flying Architects:

Mehlschwalben

Häuslbauer ohne Schaufelbagger: Die Mehlschwalben © FALTER/Nüchtern

Die Schwalben habe ich zwar schon mal abgehandelt, aber ich muss der Mehlschwalbe jetzt doch noch zu einem Solo-Auftritt verhelfen. Begründen ließe sich damit, dass sie in Österreich Vogel des Jahres ist (Deutschland hat sich für den Wiedehopf entschieden) und als solcher das Cover der Mai-Ausgabe von VogelSchutz in Österreich, den Nachrichten von Birdlife Österreich, ziert.  Der wahre Anlass ist allerdings, dass ich der Mehlschwalbe auf meiner Montenegro-Reise so nahe gekommen bin, wie nie zuvor, und dass sie mich zutiefst gerührt hat; warum, erzähle ich Ihnen gleich (um die FALTER.morgen-Catchphrase endlich auch an dieser Stelle zu einem Auftritt zu verhelfen).

Zunächst aber einmal zu jenen grundlegenden Merkmalen, die die Mehlschwalbe von der anderen, der Rauchschwalbe, unterscheiden. Okay, Ufer- und Felsenschwalben gibt’s auch noch, aber gerade in der Stadt läuft es auf die Frage „Rauch- oder Mehlschwalbe?“ hinaus. Also: Die Rauchschwalbe ist die mit dem rostroten Kehlfleck und dem tief gegabelten, in Spießen auslaufenden Schwalbenschwanz. Die Mehlschwalbe hingegen: etwas kompakter, kein Kehlfleck und Schwanz nur leicht gegabelt.

Und dann sind da noch die Nester – bei denen die Mehlschwalbe eindeutig den Schnabel vorn hat. Während die Rauchschwalbe einfach was zusammenschlampt, errichtet die Mehlschwalbe diese wunderbaren kugelförmigen Gebilde aus Lehm, die man unter den Dachvorsprüngen an den Außenseiten von Häusern sehen kann – ich sage nur: Bahnhof Hainburg. An einem lauen Sommerabend im Uferschanigarten des Goldenen Anker abzuhängen und den Schwalben dabei zuzusehen, wie sie durch die Luft segeln und über die Donau schießen, erspart so manche Therapiesitzung (und nein, für diesen Hinweis werde ich leider weder bezahlt noch bewirtet).

Mit dem Nestbau hängt auch die eingangs erwähnte Gerührtheit zusammen. Denn dieser kommt man unschwer aus, wenn man Mehlschwalben erst einmal dabei beobachtet hat, wie sie ihre Bauten aus winzigen Lehmklumpen zusammensetzen. Ein Mehlschwalbenschnabel ist kein Schaufelbagger, und bis so ein Nest in abertausenden Anflugmanövern fertig ist, dauert es ein bis drei Wochen. Und wenn die Schwalbe Pech hat, setzt sich so ein frecher Haussperling ins buchstäblich gemachte Nest, übernimmt in einem Unfriendly Takeover den Rohbau, und die Schwalbe kann wieder von vorne anfangen. Der aufwendige Eigenheimbau verzögert die Brut und macht Zweitbruten vielfach unmöglich. Mit dem Anbringen von Fertignestern kann man den Mehlschwalben, die als Langstreckenzieher zu ihren alten Nistplätzen zurückkehren, – daher Nester bitte keineswegs aus „hygienischen Gründen“ entfernen! – das Leben entscheidend erleichtern. Es ist ohnedies schon schwer genug. Mehlschwalben sind von Klimawandel, Insektensterben und Bodenversiegelung gleich mehrfach betroffen, da ihnen diese nicht nur Nahrung, sondern auch die Grundlagen für den Nestbau – in Form von lehmigen Lacken – entziehen. Der Brutbestand in Österreich ist in den letzten 25 Jahren um die Hälfte zurückgegangen, und auch die Größe der Kolonien – in Ausnahmefällen bis zu hundert Nestern – hat sich vermindert. 

Auf Englisch heißen die Mehlschwalben übrigens Housemartins. Als musikalischen Namenspatron hätten sie sich vermutlich jemanden gewünscht, der nicht ganz so langweilig angezogen ist, nicht ganz so langweilige Frisuren trägt, sich nicht ganz so langweilig bewegt und nicht ganz so langweilige Lieder singt wie die gleichnamige englische Eightiesband, aber einen „Wohnwagen voller Liebe“ haben sich die Mehlschwalben allemal verdient!

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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