Rosenkrieg im Gemeindebau: Wiener Wohnen vs. Gärtnerinnen - FALTER.morgen #345

Versendet am 14.06.2022

In Meidling legen sich gärtnernde Pensionistinnen mit Wiener Wohnen an: Es geht um viele Blumen und wenig Geld >> Was macht Michael Ludwig beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan? >> Vogel der Woche: Der Zistensänger

Wetterkritik: Der fluide Frühsommer findet langsam wieder zurück in Form. 24 Grad und Sonnenschein sind definitiv innerhalb der Für-Juni-Angemessenheits-Skala.


Guten Morgen!

Vorige Woche war ich zu Besuch bei Annemarie Brezik im Fuchsenfeldhof in Meidling. Die Pensionistin war ziemlich aufgebracht (warum, erzähle ich Ihnen im Anschluss). Nur einmal musste sie herzlich lachen. Als sie einen Zeitungsartikel aus ihrer Tasche kramte: „Wiener Wohnen sucht Paten für Jungbäume in den Wiener Gemeindebauten”, hieß es darin – und berichtet wurde darüber, dass Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal (SPÖ) die Gemeindebauten aufforsten will und Menschen sucht, die sich darum kümmern, dass die Schösslinge auch gscheit wachsen. 

Ausgerechnet. 

Denn erst kürzlich haben Brezik und die anderen Bewohner des Fuchsenfeldhofs in Wien ein Schreiben von Wiener Wohnen erhalten, welches das baldige Ende von Pflanzungen besiegeln könnte, die längst gedeihen – im Blumenbeet von Frau Brezik beispielsweise.

Außerdem haben wir recherchiert, warum Bürgermeister Michael Ludwig bei seinem Besuch in der Türkei zwar den autoritären Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan getroffen hat, aber keine Oppositionellen – etwa seinen Bürgermeister-Amtskollegen Ekrem İmamoğlu. Und Klaus Nüchtern stellt Ihnen einen seltenen Vogel vor, der es vor allem wegen seiner Cuteness in den heutigen Newsletter geschafft hat.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Soraya Pechtl


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Sie fühlen sich gepflanzt

Der Fuchsenfeldhof in Meidling ist Schauplatz eines offenen Konflikts zwischen einigen Mieterinnen und Wiener Wohnen. Es geht um eigenmächtig angelegte Blumenbeete und sehr wenig Geld.

Bei Blumen versteht Annemarie Brezik keinen Spaß. Als die 79-jährige Pensionistin im Fuchsenfeldhof ein liebevoll bepflanztes Schubkarren-Beet samt Gartenzwerg herzeigt, kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Nicht lachen!”, ordnet Brezik in strengem Ton an. Denn die Lage ist ernst. 

Im Mai haben Frau Brezik und die anderen Bewohner des Gemeindebaus in Meidling ein Schreiben von Wiener Wohnen erhalten: Darin wurden sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass im Hof „Blumenbeete ohne Bewilligung” angelegt worden seien. Damit auch jeder im Fuchsenfeldhof wusste, wer gemeint war, waren der Mitteilung drei Bilder beigefügt – darunter das Blumenbeet vor Breziks Wohnung und die Scheibtruhe, die eine Nachbarin bepflanzt hat. 

Alles unzulässig, befand Wiener Wohnen. Derartige Installationen seien nämlich „bewilligungs- und kostenpflichtig”. 

Wo kämen man auch hin, wenn jeder Blumen pflanzen würde, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten? Der Fuchsenfeldhof könnte zum Rosengarten werden. 

„Alles was grün ist, ist schön”, findet Pensionistin Annemarie Brezik. © FALTER/Pechtl

Und um derlei Wildwuchs hintanzuhalten, forderte Wiener Wohnen die Gemeindebau-Gärtnerinnen auf, die Beete zu entfernen oder um eine entsprechende Bewilligung anzusuchen. Die könne durchaus gewährt werden, aber nur gegen eine Zahlung von 38 Cent pro bepflanztem Quadratmeter im Monat. 

Macht für Breziks Beet 2,28 Euro.

Aber Frau Brezik von der 20-er Stiege, die so etwas wie die Hausoma im Fuchsenfeldhof ist, geht es nicht ums Geld, sondern ums Prinzip. „Wir pflegen den Hof und sollen jetzt auch noch dafür zahlen? Die Blumen sind seit Jahren 25 Jahren hier, und wir haben nie eine Genehmigung gebraucht”, sagt die 79-Jährige. 

Begonnen hat der Rosenkrieg vor rund eineinhalb Jahren, als eine Frau von der benachbarten Stiege Blumen im Hof pflanzte. „Dann hat sich eine Dame beschwert und gesagt, ‘das geht so nicht’”, erinnert sich Brezik. Die Nachbarin entfernte daraufhin die Blumen. Es schien wieder Frieden im Fuchsenfeldhof einzukehren. Bis im Mai der Brief kam. 

Aber warum ficht nun Frau Brezik diesen Kampf aus, an dem sie anfangs gar nicht beteiligt war? Weil es ihr im Blut liegt.

Die Pensionistin hat zehn Jahre lang in der Mietervereinigung gearbeitet und schon mehrere Streitigkeiten mit Hausverwaltungen ausgetragen. Sie weiß auch über alles Bescheid, was im Fuchsenfeldhof passiert. Kennt jeden Winkel und jeden Bewohner in der Wohnanlage, in der sie seit seit 70 Jahren lebt. 

„Die zwei, die hier wohnen, waren gestern in der Oper”, sagt sie und zeigt auf heruntergezogene Fensterläden: „Die schlafen sicher noch”. 

Von der anderen Hofseite grüßt ein älterer Herr: „Das ist der Herr Eiger, der mir da winkt”. Beim Vorbeigehen hält sie die Putzkraft von Wiener Wohnen an: „Ich hab den Wasserschaden gemeldet, der Abfluss sollte nun wieder funktionieren.”

Manchmal sitzt die gepflegte Dame mit den nachgezogenen Brauen und der Goldkette auch stundenlang im Hof und hält Hof für Leute, die mit ihren Problemchen zu ihr kommen. Da geht es um verstopfte Gullys, Schimmel in Wohnungen oder das Salettl, das die Stadt aus Sicherheitsgründen absperren ließ. Man habe erfahren, dass dort Sperrmüll abgelagert wurde und „hausfremde Personen” im Pavillon geschlafen hätten.

Was Wiener Wohnen mit dem Beet-Verbot bezweckt, versteht Frau Brezik ganz und gar nicht: „Ich hab’ mir gedacht, jetzt sans ganz deppert.” Wie die Mieter dazu kommen, jetzt auch noch Geld für die Beete zu bezahlen, in die sie so viel Geld und Zeit investiert haben?, fragt sie sich. Man solle ihr ganz im Gegenteil die geforderten Beträge von den Betriebskosten abziehen, als Entschädigung für die Arbeit, findet sie. 

Dieser Rosengarten hat auch keine Genehmigung © FALTER/Pechtl

Wiener Wohnen sagt, die Kosten seien dazu da, um eine „Verwahrlosung” zu verhindern, falls ein Mieter wegzieht oder verstirbt. Das gelte in allen Gemeindebauten in ganz Wien. Aber, so eine Sprecherin: „In der Vergangenheit wurde dieser Anerkennungszins nicht einheitlich eingehoben und Bewilligungen ohne Verrechnung einer Gebühr ausgestellt”. 

Und warum passiert das im Fuchsfeldhof gerade jetzt? Weil es eine Mieterin im Hof gibt, die sich brav eine Genehmigung besorgt hat und dafür auch zahlt. Als sie bemerkte, dass sie damit die einzige war, suchte sie bei Wiener Wohnen um eine Befreiung vom Anerkennungszins an. Was wiederum dazu führte, dass man dort auf die Blumen-Anarchie aufmerksam wurde und Handlungsbedarf sah.

Bei Frau Brezik sind sie damit aber an die Falsche geraten: Um eine Genehmigung will sie erst ansuchen, wenn ihr nichts anderes mehr übrig bleibt, sagt die 79-Jährige grimmig: Bei ihren Blumen ist es ihr nun einmal ernst.

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Wer derzeit hin und wieder mit dem Rad den Ring oder die Praterstraße entlang fährt, weiß, wie beliebt dieses Fortbewegungsmittel in den Sommermonaten ist. Staus an Kreuzungen kennen nicht nur Autofahrer. Und das hat einen Grund. 

1,155 Millionen Radfahrerinnen registrierte der Verkehrsclub Österreich diesen Mai an den automatischen Zählstellen der Stadt. Das sind um ein Drittel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Die Covid-19 Pandemie hat in den vergangenen beiden Jahren den Radfahrboom verstärkt. Nun haben die gestiegenen Spritpreise den Trend zum Fahrrad angekurbelt", sagt VCÖ-Experte Michael Schwendinger.

In den Sommermonaten wird die Zahl der Radler erfahrungsgemäß weiter steigen. Der VCÖ fordert deshalb die rasche Umsetzung von temporären Radwegen. Bis es soweit ist, werden die Radlerinnen öfter mal mit beiden Beinen auf der Erde stehen.


Der SommerLeseClub der Wiener Stadtbüchereien startet wieder. Kinder und Jugendliche können bis 16. September mitmachen und am Ende des Sommers Preise gewinnen.

So funktioniert's: Mit gültiger Büchereikarte (die ist kostenlos für unter 18-Jährige) können sich 6- bis 14-Jährige Bücher, Magazine, CDs, DVDs sowie Spiele ausleihen und diese nachher bewerten. Am Ende des Sommers werden unter allen Teilnehmern kleine Preise verlost.

Pro bewertetem Medium gibt's außerdem drei Pickerl, die in ein Pickerlheft eingeklebt werden können.

Kann man aus einem Loch, das man sich selber gegraben hat und in das man tief eingesunken ist, regieren? Und wenn ja, wie lange noch?

Harry Bergmann schlägt in seiner aktuellen Kolumne einen weiten Bogen von der Astrophysik über einen instabilen Fußballrasen zu einer ernüchternden Erkenntnis: Österreich ist das Land der Löcher und dort verschwindet allerlei – Landeshauptleute, Anstand, Parteispenden.

Soraya Pechtl , Barbara Tóth & Martin Staudinger

Städtebund-Staatsbesuch

Warum Michael Ludwig bei seinem Besuch in Istanbul zwar den autoritären Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan traf – aber keine Angehörigen der Opposition.

Österreich und seine Geheimdiplomatie: Zwei Monate ist es her, da jettete ÖVP-Bundeskanzler Karl Nehammer überraschend nach Moskau, um Kreml-Chef Wladimir Putin scharf in die Augen zu schauen (der schaute aber einigermaßen ungerührt zurück). Vergangenes Wochenende tauchte der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) ebenso überraschend beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf. Scharf geschaut wurde in diesem Fall, soweit man weiß, von niemandem, stattdessen gab es ein gemeinsames Foto.

Von der Rathaus-Opposition hagelt es Kritik an Ludwig. Immerhin hat der Stadtchef zwar den autoritär regierenden Erdoğan getroffen, aber keine Angehörige der Opposition. Dabei hätte es in Istanbul einen logischen Gesprächspartner gegeben: Ekrem İmamoğlu, als Sozialdemokrat ein Parteifreund Ludwigs, war 2019 klar zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt worden. Die Regierung versuchte skrupellos, ihm den Sieg zu stehlen, indem sie das Ergebnis annullieren und die Wahl wiederholen ließ – worauf İmamoğlu 2020 noch höher gewann.

Sozusagen zwei Präsidenten – Michael Ludwig, Städtebund und Recep Tayyip Erdoğan, Türkei © FOTO: APA/BÜRO MICHAEL LUDWIG/TÜRKISCHE PRÄSIDENTSCHAFTSKANZLEI

İmamoğlu stand aber nicht auf dem Besuchsprogramm der Österreicher. Im Rathaus wird das damit begründet, dass das Programm vom Städtebund gemacht worden sei, als dessen Präsident Ludwig nach Istanbul reiste, um in dieser Funktion seine dortige Amtskollegin zu treffen (die bequemerweise von Erdoğans AK-Partei ist). Außerdem werde İmamoğlu (der leider keine Städtebund-Funktion hat) ohnehin bald in Wien erwartet.

Dort kann sich Ludwig inzwischen wieder den Städtebundpräsidentenhut ab- und den Bürgermeisterhut aufsetzen, um den Istanbuler auf gleicher Ebene zu empfangen. Jaja, das diplomatische Zeremoniell kann einem schon was aufzulösen geben …

In der Rathaus-SPÖ sieht man den Städte-Staatsbesuch jedenfalls im Dienst mehrerer guter Sachen – allen voran der Verbesserung der österreichisch-türkischen Beziehungen. Die waren in den vergangenen Jahren bekanntermaßen unterkühlt: Einerseits wegen der nachvollziehbaren Kritik Österreichs an der antidemokratischen Machtpolitik Erdoğans; andererseits aber auch, weil die türkise ÖVP mit anti-türkischen Ressentiments Stimmungsmache betrieb. Zuletzt hatte es eine diskrete diplomatische Wiederannäherung gegeben.

Da verlangen offizielle Kontakte viel Fingerspitzengefühl – und gute Vorbereitung. Wie weit letzteres bei Ludwigs Trip der Fall war, ist fraglich. Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) bekam vom Bürgermeister offenbar erst kurzfristig am Donnerstagabend per Telefon Bescheid. Die österreichische Botschaft in Ankara blieb nach FALTER.morgen-Recherchen bis zuletzt ahnungslos.

Mit Erdoğan sprach Ludwig dann über die Verbesserung des bilateralen Verhältnisses und das Engagement der Türkei als Vermittler im Ukraine-Krieg; mit dem Kultur- und Tourismusminister sowie wichtigen Wirtschaftstreibenden konferierte er über eine verstärkte ökonomische, kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit; mit religiösen Würdenträgern tauschte er sich „über das Miteinander und den Dialog der Religionen“ aus.

Wie weit dabei Menschenrechtsfragen und Demokratiedefizite angesprochen wurden, darüber gibt es Interpretationsunterschiede: Ja klar, heißt es aus dem Rathaus. Offenbar nein, sagt die grüne Gemeinderatsabgeordnete Berîvan Aslan unter Berufung auf Medienbericht in der Türkei (die spärlich sind, weil beim Rencontre zwischen Erdoğan und Ludwig keine Presse zugelassen war). Sie will mittels einer Anfrage im Gemeinderat klären, warum es überhaupt zu dem Treffen gekommen ist – dass ein Präsident einen Bürgermeister empfängt, ist ja doch eher ungewöhnlich (das Amt des Städtebundpräsidenten zählt hierarchisch ja nicht wirklich). Gerüchten zufolge wurde der Termin von einer türkischstämmigen Wiener SPÖ-Abgeordneten eingefädelt.

Wer der Nutznießer der Visite aus Österreich ist, darüber hat Aslan keine Zweifel: „Erdoğan. Er hat Ludwigs Besuch massiv innenpolitisch genutzt, um seinen Ruf zu polieren.“

So sind wir vielleicht doch, oder?

© www.Astridknie.at

Die Schriftstellerin Eva Menasse hat bei der Verleihung des Bruno Kreisky-Preises für das politische Buch 2022 eine Dankesrede gehalten, in der sich sich mit der politischen Moral zu Bruno Kreiskys Zeit und heute auseinandersetzt. Sie ist in unserem aktuellen Podcast zu hören.

Welche Postleitzahl hat das Vienna International Center in der Donaustadt?

1. 1400

2. 1220

3. 1240

Auflösung von gestern: Der Prater ist in etwa doppelt so groß wie der New Yorker Central Park (und weder halb so groß wie der Berliner Tiergarten, noch so groß wie der Moskauer Gorki Park).

PS: Ein kleines Zahlenwirrwarr hat sich in der Auflösung der Freitags-Frage eingeschlichen – die letzte Gaslaterne in Wien wurde 1962 gelöscht (nicht 1961, wie fälschlich angegeben); und das Jahr 1969 war als Antwort gar nicht vorgegeben gewesen (sondern 1949). Wir danken unserer aufmerksamen Leserin Andrea Lienhart und geloben Besserung.

Lisa Kiss

Literatur

Literatur in der Realität des Krieges und die Frage der Übersetzbarkeit von Texten sind Thema der Veranstaltungsreihe „Rough Translation Lab“, kuratiert von Evgenia Lopata. Diesmal wird der ukrainische Autor Taras Prochasko via Zoom zugeschaltet. Er gehört zum Kreis der von Jurko Izdryk in Iwano-Frankiwsk herausgegebenen Zeitschrift Tschetwer. Im März 2020 wurde ihm der ukrainische Staatspreis für Kultur verliehen. (Sebastian Fasthuber)

Angewandte Auditorium, Di 18.30

Peter Sís: Nicky & Vera

Um im Krieg zu überleben, bedarf es nicht nur Geschick, sondern auch günstiger Umstände. Etwa einer rettenden Hand. Einer solchen setzt dieses eindrücklich illustrierte, berührende Bilderbuch ein Denkmal. Der Brite Nicky Winton rettete über 669 jüdischen Kindern das Leben, indem er im Frühjahr 1939 Flüchtlingszüge aus Prag organisierte. Eines der Kinder, die mitfahren konnten, war die damals zehnjährige Vera.

Erst im Jahr 1988 lernte sie den stillen Helden kennen, als dessen Lebensgefährtin die Unterlagen auf dem Dachboden entdeckte und ein Treffen mit seinen Schützlingen im britischen Fernsehen organisierte. Vera war nach dem Krieg in ihre Heimat zurückgekehrt -um schließlich doch in ihrer neuen Heimat England ein Zuhause zu finden. (Kirstin Breitenfellner)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus Nüchtern

Abgestürzt im Alphabet:

Der Zistensänger

Ich werde mich diesmal eher kurz fassen und kann das auch begründen. Zum einen war ich vergangene Woche aus Anlass des Mauersegler-Tages ohnedies mit einem „Vogel-der-Woche-Spezial“ „am Start“, wie man so sagt. Darüber hinaus habe ich grade ein bisschen Stress. Ich schreibe die aktuelle Ausgabe dieser Rubrik im Zug, und wenn die Deutsche Bahn will, bin ich in knapp zehn Stunden auch schon in Berlin. Dort habe ich gut zu tun. Gleich am Abend werde ich die Biologin Silke Kipper treffen. Kipper weiß alles über die Nachtigall, über die sie gerade das Buch „Die Nachtigall. Ein legendärer Vogel und sein Gesang“ (kann man auf faltershop.at bestellen) veröffentlicht hat. Ihr spezielles Forschungsrevier ist der Treptower Park, durch den wir gemeinsam spazieren und lauschen werden, ob und wo und wie sich die Nachtigall noch vernehmen lässt (Bericht folgt).

In Österreich selten, in der Literatur kaum beschrieben: Der Zistensänger © FALTER/Nüchtern

Der Hauptgrund für meine Kurzangebundenheit ist aber, dass es über den Vogel, den ich heute vorstellen möchte, nicht viel zu sagen gibt. Im Unterschied zur Nachtigall, über die es ganze Bibliotheken an kulturgeschichtlichen, literarischen, kunsthistorischen und musikalischen Referenzen gibt, herrscht beim Zistensänger in dieser Hinsicht gähnende Leere. Ich glaube, nicht einmal der Komponist und Vogelliebhaber Oliver Messiaen hat sich des Zistensängers angenommen, denn der heißt zwar so und zählt zu den Halmsängerartigen, mit seinem „Gesang“ ist es allerdings nicht weit her, der macht einfach: „Zipp! Zipp! Zipp!

Genau das war es aber auch, was mich so beeindruckt hat: Die Entschlossenheit, mit der dieser kleine, fluffige und doch robuste Vogel seine One-Note-Message in die Welt geschmettert hat. In Österreich zählt der Zistensänger zu jenen Vögeln, die seit dem 1. Jänner 1950 zumindest einmal als Wildvogel nachgewiesen wurden. Er ist also eher selten. Begegnet bin ich ihm, Sie ahnen es, aber natürlich in der Saline Ulcinj in Montenegro – und das wird jetzt auch meine letzte Balkanvogelsichtungsbezugnahme für längere Zeit gewesen sein, versprochen. Ich fand den Zistensänger in seiner Mischung aus Cuteness und Fierceness aber so bestechend, dass ich ihn unbedingt erwähnen wollte. Des Weiteren kann ich über den Zistensänger auch noch berichten, dass er einem orthografischen Relaunch unterzogen wurde und dadurch im Alphabet um dreiundzwanzig Stellen nach hinten gerückt ist. Und das ist nun wirklich alles, was ich über den Zistensänger zu sagen weiß.

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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