Na Mahlzeit! ist das Wiener Schulessen so schlecht wie sein Ruf? - FALTER.morgen #351

Versendet am 23.06.2022

Ist das Wiener Schulessen tatsächlich so schlecht wie sein Ruf bei Kindern und Eltern? >> Ein Zirkus bietet ukrainischen Artisten Asyl >> Teuerung: Jetzt kommt das Ende der Luftsteuer >> Fassadenleser Klaus-Jürgen Bauer über einen frühklassizistischen Bau am Augarten

Wetterkritik: Weiter geht's mit dem Sommer – strahlend schön und heiß bei rund 30 Grad, und daran wird sich auch morgen nicht viel ändern. Wer schon Tagesfreizeit hat: Perfekte Tage für Touren in den Wiener Alpen.


Guten Morgen,

Eltern von Kindern, die in der Schule mit Essen versorgt werden, kennen das: Ein entrüstetes „Wäh!“ auf die Frage, wie es denn heute so geschmeckt hat – und leere Mägen nach Unterrichtsschluss, die dringend am Heimweg gefüllt werden sollen (am besten mit Pommes und Eis).

Die Speisekarten öffentlicher Ganztagsschulen und jener mit Nachmittagsbetreuung in Wien stehen immer wieder in der Kritik. Zu viel Fleisch, zu wenig, zu ungesund, nicht frisch, nicht Bio genug ... Ist das Angebot wirklich so schlecht? Steht beim Wiener Schulessen Quantität vor Qualität? 

Dieses Fragen haben wir im aktuellen FALTER zu beantworten versucht und dafür mit Ernährungsexpertinnen, Lieferanten, Köchen und Beamten der Stadt geredet. Schon Vorweg: Die Anbieter haben eigentlich ziemlich strenge Kriterien – was in den Schulen landet, ist aber wieder eine andere Sache. 

Ausgangspunkt unserer Erkundung: Eine nicht repräsentative, aber aussagekräftige Umfrage. Wir haben Eltern und Kinder in Wien gebeten, Fotos von Mahlzeiten ihrer Schulkantinen, Speisepläne und Erfahrungsberichte zu schicken. Glaubt man der Stichprobe, ist der Schulspeiseplan fettig: Leberkäse, Hendlhaxen, Schnitzerl – die Kinder der Stadt essen nicht viel anders als ihre älteren Vorbilder.

Übrigens: Gestern wurde im Wiener Gemeinderat auch die Essensversorgung in den Kindergärten der Stadt diskutiert. Die Verpflegung wird (zum ersten Mal seit knapp 20 Jahren) neu ausgeschrieben. 25.000 Kinder pro Tag könnten dann von einem einzigen Anbieter verpflegt werden. Nur die Grünen haben im Bildungsausschuss dagegen gestimmt. Sie wollen einen höheren Bioanteil und mehr Frischküchen. Am Freitag will dann Sozial- und Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) über neue „Qualitätsstandards für die Verpflegung im Kindergarten“ sprechen. Es brodelt in den (Bildungs-)Küchen des Landes. Mehr darüber lesen Sie gleich unten.

Der Zirkus Knie macht sich gerade darum verdient, Artistinnen und Artisten aus der Ukraine einen Job und ein Dach über dem Kopf zu geben – Nina Horaczek hat sich dort umgesehen. Und unser Fassadenleser Klaus-Jürgen Bauer beschreibt jenes Gebäude in Wien, mit dem der Barockzeit ein sichtbares Ende gesetzt wurde.

Einen schönen Tag wünscht

Katharina Kropshofer

PS: In unserem vorgestern veröffentlichten Bericht über ein Arbeitsrechtsverfahren gegen einen Mitarbeiter der Spanischen Hofreitschule haben wir diesen als Oberbereiter tituliert – der Mann ist aber nur Bereiter. Wir bedauern.


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Die großartige Mezzosopranistin Joyce DiDonato setzt sich für eine bessere Welt ein – auch am 2.9. beim Grafenegg Festival. Im visionären Programm «Eden» macht sie sich die Magie des Theaters und die Kraft der Musik zunutze, um ein intensives Nachdenken über unser Verhältnis zur Natur anzuregen.

Unterstützt wird sie vom Ensemble Il pomo d'oro unter der Leitung von Maxim Emelyanychev. Der musikalische Bogen spannt sich von Georg Friedrich Händel und Christoph Willibald Gluck bis zu Gustav Mahler. Karten ab 10 Euro.

Die Suche nach der verlorenen Mahlzeit 

Wer Mittags in der Schule ist, lernt dort fürs Leben: Essen prägt. Umso wichtiger ist der Fokus auf Gesundheit und Nachhaltigkeit. Klappt das in den Kantinen der Stadt?

Die öffentlichen Schulen in Wien werden von zwei Großküchen beliefert. „Gourmet“ und „Max Catering“ bekochen die 44.763 Kinder, an 186 Schulstandorten, die auch nachmittags betreut werden. Die Speisen wurden am Vortag gekocht und gekühlt, kommen in „Cook and Chill“-Papp- oder Plastikschachteln und werden in der Schule aufgewärmt. Bei Gourmet Kids gibt es sieben Menülinien: zwei Standardmenüs, eine vegetarische und eine schweinefleischfreie Variante, sowie Sonderkost: glutenfrei, laktosefrei, milcheiweißfrei.

Ist besser, als es aussieht: Schulmahlzeit aus einer Wiener Großküche © privat

„Es ist eine permanente Herausforderung: Essen kochen, das Kindern schmeckt und ihnen auch guttut“, meint Claudia Ertl-Huemer Geschäftsfeldleiterin von Gourmet Kids, eine studierte Ernährungswissenschaftlerin: Verschiedene Nationen, Gewohnheiten, und die besonderen Ernährungsbedürfnisse von Menschen im Wachstum. Dann noch strengste Hygienevorschriften, Liefersicherheit und die Ausschreibungskriterien der Stadt, 50 Prozent Bio zu verkochen und Tierwohlstandards einzuhalten.

Derzeit sucht die Gemeinde Wien neue Essensanbieter für die Kindergärten – die letzte Ausschreibung liegt bereits knapp 20 Jahre zurück. „Ich will die zwei großen Anbieter nicht kritisieren. Sie funktionieren perfekt in einem System, in dem Kinder vor allem satt werden sollen“, sagt Anna Strobach. Sie hat ökologische Landwirtschaft studiert, selbst ein Schulbuffet betrieben und berät nun Gemeinden zu nachhaltiger Schulverpflegung. 

Doch sie kennt auch bessere Beispiele: „In Kopenhagen gibt es 900 Gemeinschaftsverpflegungsküchen. Das heißt mehr Abwechslung“, sagt Strobach. In Skandinavien stehen die Kinder teils selbst in der Küche, der Bioanteil liegt bei 90 Prozent. Finnische Schulen müssen kostenloses, gesundes Essen anbieten. Seit Schokolade und Softdrinks höher besteuert sind, stabilisieren sich die Zahlen der übergewichtigen Kinder.

Patrick Timmelmayer von der Schulbehörde MA 56 verteidigt Wiens Großküchenpolitik. „Wir können uns hier auf keine Experimente einlassen.“ Der hohe Bioanteil, verschiedene Spezialangebote wie glutenfreies Essen für so viele Kinder – das sei für große Küchen leichter. „Das Wichtigste ist für uns die Versorgungssicherheit.“ 4,13 Euro pro Tag und Kind zahlen die Eltern derzeit für das Schulessen. Das sei für die Stadt bestenfalls kostendeckend, eher ein Verlustgeschäft. Und überhaupt: Wer sagt, dass kleinere Anbieter zwangsläufig besseres Essen liefern?

2018 hat sich Greenpeace Schulessen in allen Bundesländern angesehen. Und die Wiener Küche gelobt: Nach Kriterien wie Regionalität, Bioanteil und Regelmäßigkeit fleischloser Speisen bekam die Bundeshauptstadt die besten Werte.

Essen von Gastroriesen aufzuwärmen ist also gesund für Kinder? Jedenfalls besser, als man im ersten Moment glauben würde. Nur bei Nährstoffen wie Vitamin C schneiden frisch gekochte Mahlzeiten deutlich besser ab, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Melissa Millonig, die Workshops zu gesunder Ernährung an Schulen hält.

Vielleicht liegt das Problem ja weniger bei den Großanbietern als in den Schulen selbst. Dort wählen ausgesuchte Lehrer oder Freizeitpädagogen aus den sieben angebotenen Wochenplänen und entscheiden sich nicht immer für die beste Kombination. „Zurzeit bestellen viele Schulen das, von dem sie glauben, dass es allen Kindern schmeckt“, sagt Agrarexpertin Anna Strobach. Es bräuchte Schlüsselpersonen in Schulen, die Menüs mit Expertise zusammenstellen.

Wie die Kinderküche im 14. Bezirk – sie beliefert 60 privat geführte Wiener Schulen und Kindergärten – ihren Speiseplan gestaltet, lesen Sie im gedruckten FALTER.

2 FÜR 2 MIO

Weniger für die oberen Zehntausend. Mehr für die Hacklerinnen, die Bürohengste, die Schutzsuchenden, die Bauern und Bobos. Mehr für die Weichgebliebenen, die Bemühten, die Trotzigen, die Alten, die Jungen. Mehr für die Einsamen, die Mamas, die Papas, die Kinder. Mehr für alle, die in Wien leben.

wien.gruene.at

„Uiuiui, pass’ ma alle auf!“

Emma Zwick und Jonathan Matz absolvieren gerade ihre berufspraktischen Tage beim FALTER – und berichten heute für aus dem Gemeinderat, wo über Maßnahmen gegen die Inflation debattiert wurde.

Uns als Kebab-Liebhabern ist der immer teurer werdende Döner negativ aufgefallen. Doch nicht nur der Döner, auch alles andere Wichtige im Leben wird kostspieliger. Die derzeitige Inflation bildet ein ziemlich großes Problem für unsere Wirtschaft. Hätten wir bloß rechtzeitig auf die FPÖ gehört, denn diesen Mittwoch erklärte uns deren Wien-Chef Dominik Nepp: „Wir haben schon vor Monaten g’sagt: „Uiuiui, pass’ ma auf!“

Gestern fand im Rathaus wieder eine Gemeinderatssitzung statt, in der die aktuellsten Probleme ausführlich diskutiert wurden. Politiker aller Parteien präsentierten ihre Vorschläge zu Maßnahmen gegen die Teuerung. Diese betrug Ende Mai 7,7 Prozent, Tendenz steigend.

„Uiuiui", sagt FPÖ-Landesparteiobmann Dominik Nepp im Wiener Gemeinderat © APA/HERBERT NEUBAUER

Markus Ornig (NEOS) präsentierte sein „Feuerwerk der Ideen“, in dem er Wiener Haushalten bis zu 1000 Euro Entlastung versprach. Besonders die Unter- und Mittelschicht sollen unterstützt werden, genauso wie Unternehmen, insbesondere durch die Aufhebung der Luftsteuer (sie wird für alle Flächen von Geschäften und Lokalen, die öffentlichen Raum in Anspruch nehmen, eingehoben) mit Anfang nächsten Jahres. Betriebe sollen dadurch rund 800 Euro pro Jahr einsparen können, so Ornig. Auch klimafreundliche Technologien für Baustellen und kleine Gewerbetriebe sind in dem 15 Millionen Euro schweren Entlastungspaket enthalten.

Da Wien Energie die Kosten für Fernwärme um 92 Prozent erhöhen will, steht ab Ende Juni ein Energie-Bonus für besonders Betroffene im Wert von 200 Euro zur Verfügung. Judith Pühringer, Stadträtin und Parteivorsitzende der Wiener Grünen, kritisierte, dass bei der Verteilung dieser Boni nicht auf Haushaltsgröße geachtet werde. „Die kurz- und langfristigen Maßnahmen vermissen wir in Wien wirklich schmerzend!“ In Bezug auf Einsparungen durch die Aufhebung der Luftsteuer meinte sie: „Ich befürchte, es wird sich nur um Bagatellbeträge handeln“. 

Margarete Kriz-Zwittkovits (ÖVP) forderte eine Abschaffung des Valorisierungsgesetzes und mehr Unterstützung für Mittelstand und Unternehmen. Einigkeit herrscht über die Abschaffung der Luftsteuer, doch in Thema Entlastungsgeldern gibt es noch Streitigkeiten. Dazu sagen wir nur: „Uiuiui, pass’ ma alle auf!“


Bevor wir in die nächste Diskussion einsteigen, müssen wir noch ein paar Dinge klarstellen: Es geht nämlich um die MA 48, bekanntlich die Lieblings-Magistratsabteilung der Wienerinnen und Wiener (oder kennen Sie einen anderen Mistplatz, der 4,6 Google-Sterne bekommt?). Kritik an ihr ist aber nicht gern gesehen, das haben wir nicht zuletzt an den Reaktionen bemerkt, die nach unserem letzten Bericht zur MA 48 bei uns eingingen. 

Es gibt sie aber: Der Rechnungshof hat kürzlich die hohen Kosten für Öffentlichkeitsarbeit beanstandet. 5,6 Millionen Euro hat die Abteilung in den vergangenen Jahren dafür ausgegeben. 

FPÖ-Gemeinderat Maximilian Krauss wollte deshalb wissen, was die Stadt dagegen tun wolle.

Ein Thema, bei dem der zuständige Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) laut wurde: „Das ist eine Verunglimpfung einer Abteilung, die großartige Arbeit leistet”, konterte er Krauss' Darstellung, die MA 48 habe 15.000 Euro für ein Foto mit Arnold Schwarzenegger bezahlt. Tatsächlich wurde die Summe für eine Kooperation mit dem Austrian World Summit ausgegeben – wie im Rechnungshofbericht auch nachzulesen ist. 

Auch zur Oldtimer-Sammlung der MA 48 gab es Fragen: 38 alte Fahrzeuge besitzt die MA 48, darunter ein Militärflugzeug. Czernohorsky sieht darin aber „keine Verschwendung”. Die meisten Oldtimer seien ehemalige MA 48-Autos, etwa alte Mistfahrzeuge. Nur acht seien „zum Schrottpreis” gekauft worden (die Rechnungshofkritik hatte sich allerdings auf die hohen Instandhaltungskosten von insgesamt 367.000 Euro seit der Anschaffung bezogen). Zudem hätten die Oldtimer „einen Wert für die Öffentlichkeitsarbeit”, sagte Czernohorsky. Etwa als Attraktion beim Mistfest. 

Ein bisschen einsichtig gab sich Czernohorsky dann doch: „Selbstverständlich werden wir prüfen, wie sinnvoll die Nutzung für jeden einzelnen dieser Oldtimer ist und dann Maßnahmen bekannt geben.” (Soraya Pechtl)

Nina Horaczek

Zirkusfamilienanschluss

Vom Krieg in die Manege – eine recht ungewöhnliche Fluchtgeschichte.

„Als der Krieg in der Ukraine begann, haben wir sofort ukrainische Artistinnen und Artisten in unserer Zirkusfamilie aufgenommen“, sagt Alfred Toth vom Cirkus Louis Knie. Denn die Ukraine sei vor dem Krieg bekannt gewesen für ihre hervorragenden Zirkuskünste. „In Kiew gibt es sogar eine eigene Zirkusschule mit höchst professioneller Ausbildung.“

Szene aus einer Kinderaufführung des Circus Louis Knie © Monika Aigner

Mittlerweile bietet der Circus Louis Knie mehr als einem Dutzend aus der Ukraine Vertriebenen in seinen Zirkuswagen Asyl. „Wir hatten schon vor Kriegsbeginn zwei Ukrainerinnen bei uns im Team“, erzählt Toth. Diese hätten zuerst ihre Mütter aus dem Krieg geholt, danach seien weitere Zirkusleute dazu gekommen. Die beiden Frauen, eine ist Ingenieurin für Maschinenbau, die zweite ausgebildete Konditorin, kochen nun in der Zirkusküche.

Im Juli lädt der Zirkus auf seinem Standplatz bei der U2-Station Donaumarina wieder zur „Circus Schule“. Kinder zwischen fünf und 15 Jahren können hier eine Woche lang hautnah das Zirkusleben erfahren. Diesmal sind auch die Ukrainer als Trainerinnen und Trainer dabei. „Viele der geflüchteten Kolleginnen und Kollegen haben auch eine pädagogische Ausbildung und bildeten in der Zirkusschule Kinder zu Artisten aus“, sagt Toth.

In vier einwöchigen Sommercamps lernen die Kinder wahlweise, auf dem Seil zu balancieren, auf dem Trapez Kunststücke zu vollführen, machen Akrobatik auf dem Boden, jonglieren oder zischen als Zauberer oder Clown durch die Manege. Ihre Lehrerinnen und Lehrer sind allesamt professionelle Zirkusartisten. Die Kinder üben mit den Akrobatinnen und Akrobaten Tricks, trainieren wie echte Zirkusleute, und jeden Freitag Nachmittag gibt es eine Zirkusaufführung im Zelt, bei der die Kinder die Stars in der Manege sind.

Info: Eine Woche von 9-16 Uhr in der Circus Schule kostet 295 € inkl. Verpflegung, Informationen unter https://louisknie-circusschule.at/

Braucht Österreich einen Russland-Untersuchungsausschuss? 

Wie mächtig sind prorussische Lobbys? Ob und wie der Kreml Europa destabilisiert, diskutieren in der aktuellen Folge der Publizist Misha Glenny (Wien-London, Institut für die Wissenschaften vom Menschen), Rechtsanwalt Gabriel Lansky, Journalistin Anna Thalhammer (Die Presse) und FALTER-Chefredakteur Florian Klenk.

Was erfand die Wiener Sängerin Helene Winterstein-Kambersky in den 1920-er Jahren?

1) Die erste wasserfeste Wimperntusche

2) Einen Notenständer, auf dem sich die Partituren durch ein Fußpedal umblättern lassen

3) Eine aufladbare Taschenlampe

Auflösung von gestern: Beim Bau des neuen AKH in Wien verschätzten sich die Planer um 44 Milliarden Schilling, das wären heute (nicht kaufkraftbereinigt) umgerechnet rund 3,2 Milliarden Euro.

Rakete

Lokale namens Rapidstüberl haben ja durchaus ihre Berechtigung, nicht umsonst gibt es eine Handvoll davon über die Stadt verteilt. Als das ehemalige Rapidstüberl in der Karl-Meißl-Straße Anfang des Jahres frei wurde, dachten sich Corinna Huber und Andreas Brunner, die auch die Wohnküche 3 Straßen weiter betreiben, aber, dass man wohl mehr daraus machen könnte als nur ein Tschocherl oder ein Nagelstudio. Also bastelten sie aus dem ehemaligen Grindbeisl ein hübsches, helles Espresso namens Rakete.

Auf der Karte stehen ein paar schöne Weine, tendenziell aus der Kategorie „Natural“, das offene Bier ist vom Tegernsee. Ein bisschen was zu knabbern gibt’s auch, große, fleischige Oliven im Marmeladeglas zum Beispiel (€ 6,–), ein Teller Prosciutto (€ 8,–) und ab dieser Woche auch gereiften Emmentaler von Jumi.

Die gesamte Lokalkritik von Florian Holzer lesen Sie hier.

Der Urlaub ist greifbar nah: Ende kommender Woche beginnen die Sommerferien im Osten Österreichs. Wir schicken Sie deshalb noch einmal mit Hilfe von Matthias Dusinis wunderbarem Buch Hotel Paradiso raus zu wunderbaren Orten in Mitteleuropa, die auch mit Öffis gut erreichbar sind.

Varese – Besuch in einem Tempel des Lichts und der Farben

© Grafik: Oliver Hofmann (Studio Beton)

In der norditalienischen Stadt Varese baute Giuseppe Panza eine der größten zeitgenössischen Kunstsammlungen auf. Die Decke reißt auf und gleisend helles Licht sticht die Netzhaut. Nach einer Schrecksekunde gewöhnt sich das Auge an den Schock. Ein tiefblaues Himmelsquadrat hebt sich von den grellweißen Mauern ab – das ist James Turrells Rauminstallation „Skyspace 1“ (1976). Es setzt die Sinne unter Strom, ein Beispiel von vielen als Teil des einzigartigen Museums, das in einer Villa im alten Teil der oberitalienischen Stadt Varese entstand. 

Giuseppe Panza erbte die Villa Menafoglio Litta Panza von seinem Vater, einem reichen Weinproduzenten, der vom König geadelt wurde. Das U-förmig angelegte Anwesen war 1829 in ein klassizistisches Luftschloss verwandelt worden, der Garten in einen englischen Landschaftspark. Panza gehörte damals zu den wenigen Sammlern, die sich überhaupt für zeitgenössische Kunst interessierten. Auslöser dafür war seine Amerikareise, bei der er mit der New Yorker Kunstszene in Kontakt kam.

Die Villa Menafoglio Litta Panza liegt auf einem Hügel über Varese und wurde noch zu Lebzeiten des Ehepaar Panza der Umweltschutzorganisation Fondo Ambiente gestiftet, die heute für den Museumsbetrieb zuständig ist. 

Anreise: Mit dem Zug von Wien nach Rosenheim (Railjet Richtung München), weiter nach Verona (Eurocity Richtung Venezia). Von dort nach Mailand und mit dem Regionalzug nach Varese (umsteigen in Rho Fiera Milano). Alternativroute über Zürich, Lugano und Mendrisio.

Mehr über das Buch Hotel Paradiso und seinen 13 besonderen Orten in Mitteleuropa im faltershop.at.

Lisa Kiss

Kabarett

Trennung, Pandemie und Kirchenaustritt: Elli Bauer hat die Kontrolle über ihr Leben verloren und sucht händeringend nach neuen Anhaltspunkten – oder wenigstens einem Eislaufpinguin. In ihrem zweiten Solo „Überschnurchdittlich“ überzeugt die quirlige Newcomerin mit aberwitzigen Alltagsbeobachtungen, unaufdringlicher Authentizität und origineller Körperkomik. Zum Highlight ihrer kuriosen Erlebnisberichte gerät ein Baumarktbesuch mit spontanem Kruzifixkauf. Merken: Elli Bauer. Mit B wie Bereicherung. (Peter Blau)

Tschocherl (15., Wurmsergasse 42), Do 19.30

Dagmar Weidinger: Unterwegs im weiten Land

Die Seele ist ein weites Land, die Psychotherapie eine vielgestaltige Landschaft. Journalistin Dagmar Weidinger durchstreift sie mit Ortskundigen wie Verena Kast, Eugen Drewermann, Ingrid Riedel und Walter Ötsch. In 19 Interviews eröffnet sie Perspektiven und baut Brücken zu Religion, Philosophie, Soziologie, Feminismus und Politik. (Felice Gallé)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus-Jürgen Bauer

Der Wiener goût grec

An der oberen Augartenstraße steht eine prächtige Toranlage aus dem Jahr 1775. Über dem Tor steht folgende Widmung: „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schaetzer.“ Dieser Schätzer war der Kaiser selbst, Joseph II., der bedeutende Aufklärer auf dem Thron. Spätestens mit diesem Bau war das Barock sichtbar vorbei.

Das Portal führte zwar zu einem Schloss, aber dort residierte nun kein Adeliger mehr, sondern eine Porzellanmanufaktur. Hier wurden Produkte von Weltrang hergestellt, aber es gab auch Speise- und Tanzsäle für die Wiener.

Einst ein Erlustigungs-Ort für alle © Klaus-Jürgen Bauer

Die Architektursprache war völlig neu. Es war ein extrem schlichter und kühler Stil im goût grec, also nach griechischem Geschmack und nach dem Vorbild antiker Bauwerke. Johann Joachim Winckelmann schuf mit seinem Diktum von der Edlen Einfalt und stillen Größe den wirkmächtigen Überbau für diese neue Art des Bauens.

Der Entwurf stammte von einem 35-jährigen Architekten aus Vincennes bei Paris namens Isidore Canevale. Seine ersten Wiener Arbeiten für Schönbrunn waren noch ganz französisches Rokoko, während der frühklassizistische Bau am Augarten mit den streng geschnittenen Blöcken, den Lünetten und dem mächtigen Gebälk Österreich an die Spitze einer europäischen Entwicklung katapultierte. 


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