Warum der schwerbehinderte Mario nicht mehr zur Schule gehen darf - FALTER.morgen #359

Versendet am 05.07.2022

Zahlreiche Jugendliche mit schwerwiegenden Behinderungen können ab Herbst nicht mehr zur Schule gehen - Was ist da los? >> Wie das Gericht den Freispruch von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser begründet >> Sinnvolle Zwischennutzung: Die Semmelweisklinik wird zum Kunst- und Kulturzentrum >> Vogel der Woche: Der Grauschnäpper

Wetterkritik: Es kühlt endlich ab! Maximal 25 Grad werden's heute und regnen soll's auch. Sie sind vermutlich erst aufgestanden, aber ich wünsche Ihnen jetzt schon eine angenehme Nacht.


Guten Morgen!

Die erste Ferienwoche ist für die allermeisten Schülerinnen und Schüler die schönste Zeit im Jahr. Für Jugendliche mit schwerwiegenden Behinderungen ist diese Zeit aber oft besonders schwierig. Sie dürfen ab Herbst nicht mehr in die Schule gehen. Aber es gibt für sie oftmals auch keinen Platz in einer Werkstatt oder Tagesbetreuung, weil diese voll sind. Wie in der Pflege fehlt es auch im Behindertenbereich an Personal. 

Weil im kommenden Schuljahr viele schwerbehinderte Teenager kein zusätzliches Schuljahr genehmigt kriegen, fürchten deren Mütter, dass sie im Herbst ihre Jobs kündigen müssen, weil sie ihre Kinder nicht alleine lassen können.

Ich habe die Mutter von Mario getroffen. Mario wird im Sommer 16 Jahre, ist Autist und hatte vorige Woche seinen letzten Schultag. Jetzt sitzt er mit seiner Mama zu Hause. Wie es den beiden damit geht, erzähle ich Ihnen gleich.

Mein Kollege Paul Sonnberger berichtet dann noch von der Urteilsverkündung im Prozess gegen den ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Katharina Kropshofer hat sich angeschaut, wie man Leerstand sinnvoll nutzen kann. Und FaVoWa Klaus Nüchtern wundert sich über einen ziemlich braunen Grauschnäpper.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Nina Horaczek

PS: Haben Sie am Mittwoch schon was vor? Morgen um 21:00 Uhr trifft Österreichs Nationalelf beim ersten Spiel der Frauenfußball-EM auf England. Wenn Sie mittippen wollen, können Sie das kostenlos bei der Falter Wuchtelwette tun (hier geht's zur Registrierung). Mit etwas Glück werden Sie für jeden richtigen Tipp mit einem Sechserpack Falter-Wuchtelbräu belohnt. Die besten Public-Viewing-Lokale finden Sie hier.


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„Er braucht die Schule, um selbstständiger zu werden"

Zahlreiche Jugendliche mit schwerwiegenden Behinderungen haben ab Herbst keinen Schulplatz mehr, weil im Behindertenbereich das Personal fehlt. Mario und seine Mutter stellt das vor große Herausforderungen.

In der Früh schnappt sich Mario die Schuhe aus dem Schuhkasterl und stellt sie vor die Tür. Ein Paar Schuhe, noch ein Paar, so lange, bis seine Mutter ihn versteht. Mario möchte in die Schule gehen. Er darf aber nicht mehr. 

Mario ist Autist. Er spricht nur wenige Worte, rutscht oft am Boden herum. Dann springt er wieder auf die Couch und schreit und manchmal spuckt er auch. Mario wird im August 16 Jahre alt. „Aber er ist einfach noch ein Kind, das eine Schule und die Gemeinschaft mit anderen braucht, um selbstständiger zu werden“, sagt seine Mutter Yoanna Yordanova. Doch mit 22. Juni, knapp vor Schulschluss, bekam Mario von der Bildungsdirektion einen Brief: Sein Antrag auf ein 11. Schuljahr werde nicht genehmigt. Mario hat keinen Schulplatz mehr. Und seine Mutter weiß nicht, wie sie ab Herbst noch arbeiten gehen soll, wenn sie ihr schwerbehindertes Kind Tag und Nacht betreuen muss. 

Mario hat ab Herbst keinen Schulplatz mehr © privat

Kinder mit kognitiven Behinderungen haben nach der 9. Schulstufe keinen Rechtsanspruch darauf, in die Schule gehen zu dürfen – und das, obwohl sie oft mehr Zeit benötigen, um Dinge zu lernen. Nur wenn die Bildungsdirektion es genehmigt, dürfen sie bleiben.

Für kommendes Schuljahr hat die Bildungsdirektion keinen einzigen Antrag auf ein 11. Schuljahr für ein schwerbehindertes Kind zugelassen. Denn zum einen sei nur eine einmalige Wiederholung einer Schulstufe gesetzlich zulässig. Zum anderen würden viele Schulanfänger mit erhöhtem Förderbedarf in die Schulen kommen. Deshalb gibt es für Jugendliche wie Mario kein Platz.

Zumindest 37 Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf haben daher ab September keinen Schulplatz mehr. Auch die Plätze in den sogenannten Tagesstrukturen, also Behindertenwerkstätten oder auch Tagesgruppen, in denen Menschen mit Behinderungen betreut werden, sind rar. „Ich habe Mario schon im März 2021 bei den verschiedenen Tagesstruktur-Anbietern angemeldet“, erzählt dessen Mutter. In diesen fast eineinhalb Jahren durfte der  Burschen genau ein Mal für zehn Minuten in einer Werkstätte schnuppern gehen. Platz gab es dort für ihn keinen.

„Alleine in unserer Schule haben die Eltern von 16 Schülerinnen und Schülern bereits im Oktober den Antrag auf Bewilligung des 11. Schuljahres gestellt und hingen bis Ende Juni in der Luft“, kritisiert Elternvertreter Jürgen Schamberger vom Schulzentrum Herchenhahngasse im 21. Bezirk. „Die Eltern haben ihre Kinder parallel dazu auch bei Tagesstrukturen angemeldet. Aber überall stehen sie bis jetzt nur auf der Warteliste.“ Denn wie in der Pflege fehlt auch im Behindertenbereich das Personal.

Vor kurzem haben die betroffenen Eltern sich zusammengeschlossen. Nach nur einer Woche haben sich mehr als ein Dutzend Eltern auf der WhatsApp-Gruppe „Unsere Kinder“ zusammengefunden. Der Fonds Soziales Wien, der für die Tagesstrukturen zuständig ist, bemüht sich nun, für die Jugendlichen passende Angebote zu finden. 

Heute haben die Eltern ihren ersten Termin beim Fonds Soziales Wien, um zu besprechen, wie es mit den Jugendlichen, die ab Herbst keinen Schulplatz mehr haben, weitergehen soll. In den Einzelfällen, für die der Falter beim FSW nachfragte, wird bereits an einer Lösung  gearbeitet. „Es braucht aber eine Gesamtlösung“, sagt Elternvertreter Schamberger. „Sonst kriegen die Kinder, deren Eltern am lautesten schreien, einen Platz und alle anderen schauen durch die Finger.“

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Paul Sonnberger

Vorsatzlos

Der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser stand gestern wegen Steuerhinterziehung vor Gericht. Es ging um viel Geld. Warum ihn das Schöffengericht trotzdem freigesprochen hat:

Die Anspannung vor der gestrigen Urteilsverkündung am Landesgericht für Strafsachen in Wien war groß: Der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser (FPÖ/parteilos) kreiste im Gerichtssaal umher. Schließlich wog der Vorwurf schwer: Die Staatsanwaltschaft beschuldigte Grasser, mit einer komplizierten Stiftungskonstruktion mit Sitz in Liechtenstein Steuern hinterzogen zu haben - es ging um viel Geld: 4,32 Millionen Euro soll Grasser als Provision von der ​​Meinl International Power (MIP) kassiert und nicht versteuert haben. 2,16 Millionen seien dem Staat so durch die Lappen gegangen.

Grasser, der Chairman der MIP war, bestritt den Vorwurf vehement. Er beschuldigte vor Gericht stattdessen seinen mitangeklagten Steuerberater. Die Story seiner Anwälte: Grasser habe mit Steuerangelegenheiten nichts zu tun gehabt. Der Berater sei für die korrekte Abwicklung zuständig gewesen. Der Steuerberater gab wiederum Grasser die Schuld. Grasser hätte sich selbst ein Umgehungskonstrukt geschaffen, um keine Steuern zahlen zu müssen. 

Der Richter Tolstiuk nannte Grasser Job bei der MIP seinen „Brotberuf”. © APA/EVA MANHART

Um 17:17 Uhr fällten die zwei Schöffen und Richter Michael Tolstiuk dann ihr Urteil. Sie haben Karl-Heinz Grasser, ehemaliger Finanzminister, und seinen damaligen Steuerberater H. vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen.

Warum? Die beiden hätten nicht vorsätzlich gehandelt, begründete der Richter die Entscheidung. Auch die Stiftung sei rechtmäßig gegründet worden. 

Die Öffentlichkeit wurde am Beginn des Verfahrens ausgeschlossen, nur für die Urteilsverkündung durften Journalisten in den Gerichtssaal (warum das problematisch ist, lesen Sie hier).

In der Causa um die Buwog-Affäre wurde Grasser nicht rechtskräftig zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Berufungsverfahren läuft noch.

Viel los war zuletzt in Wiens Impfstraßen. Im Austria Center warteten die Menschen bis zu zwei Stunden auf die Vakzine. Allein in der Vorwoche haben sich 12.599 Personen ihre COVID-19-Auffrischungsimpfung geholt. Damit ist die Zahl der Impfwilligen so hoch wie seit Februar nicht mehr. Ein Grund für den Ansturm dürfte der erleichterte Zugang zum vierten Picks sein.

Die Stadt weitet deshalb das Impfangebot wieder sukzessive aus. Die Impfzentren werden künftig von Montag bis Samstag geöffnet haben, zusätzlich werden in den kommenden Wochen neue Impftermine freigeschalten (hier geht's zur Terminreservierung). Die genauen Öffnungszeiten der Impfzentren finden Sie hier.

Katharina Kropshofer

Neu geboren

Im Areal der ehemaligen Semmelweisklinik, ehemals Wiens zweitgrößte Geburtsklinik, entsteht ein Kunst- und Kulturzentrum. Wie Zwischennutzung funktionieren kann:

„Starten wir wieder im Westtrakt?“, fragt Künstlerin Barbara Klampfl als sie die Besucher durch die ehemalige Semmelweisklinik führt. Zwar gibt es hier mehr als 50 Räume auf 3.500 Quadratmetern, aber die alte Waschküche im Westtrakt mit den hohen Decken und den riesigen Fenstern ist dann doch am imposantesten. Und das, obwohl die Räume hier sehr renovierungsbedürftig, bisher gibt es nur im Erdgeschoss Wasser und Strom. „Dafür aber extrem viel Flair“, meint Klampfl. Deswegen nützt die bildende Künstlerin hier einen Raum mit schönen Parkettböden und roten Flügeltüren als Atelier. 

Klampfl ist Teil eines Experiments: Wo 76 Jahre lang mehr als 2000 Kinder pro Jahr zur Welt kamen, soll heute ein Kunst- und Kulturzentrum entstehen. In zwei Pavillons des Semmelweis Areals ist die Amadeus International School einquartiert, ein anderer wird als Veranstaltungsort etwa für die Kunstmesse Parallel Vienna genützt und die großen Hallen des vierten Pavillons standen nun einige Zeit leer. 

Ehemalige Waschküche der Semmelweisklinik © FALTER/Kropshofer

2020 verkaufte die Stadt Wien die Gebäude an die Bundesimmobiliengesellschaft BIG (zuvor ist allerdings ziemlich viel falsch gelaufen. Die Stadt hat etwa zwei Grundstücke unter Marktwert verkauft. Mehr dazu lesen Sie hier in einer kostenpflichtigen Recherche von Josef Redl). Die Kreativen Räume Wien, eine Organisation zur Beratung für Leerstandsaktivierung und Zwischennutzung, ging auf die BIG zu und die war mit der Zwischennutzung einverstanden. Mehr als 100 Interessierte kamen zur ersten Begehung, organisiert durch die Kreativen Räume - schließlich war es gerade während der Pandemie schwierig, einen Raum für Kunst in der Stadt zu finden. Ein harter Kern aus 11 Leuten gründeten einen Verein, arbeiteten in wenigen Wochen einen Raumplan und eine Sicherheitskonzept aus, präsentierten diesen vor der BIG und gewannen die Ausschreibung. 

Anfang Juni haben sie der Vertrag unterschrieben, am Mittwoch werden offiziell Schlüssel übergeben. Auch die ersten Submieter sind schon da. Viele von ihnen brauchen die unkonventionelle Lokalität: Ein zeitgenössischer Zirkus die hohen Räume, um auch mal wen in die Luft zu schleudern; Kunsttherapeutinnen Wände, auf denen Farbspritzer landen können, und Tischler Platz für überdimensionale Aufträge. „Viele Leute erzählen uns, dass sie bereits hier geboren wurden und es schön finden, wieder hier zu sein, die Räume anders zu nutzen“, sagt Organisatorin und Kunsttherapeutin Nathalie Frickey. 

Aber obwohl das alles ziemlich reibungslos klingt, steckt viel Mut dahinter – „von Seiten der Privatpersonen, aber auch von Seiten der BIG“, meint Ulrich Fries, Leiter der Kreativen Räume. Sie vermitteln zwischen Besitzer und Nutzer, bieten Kontakt zu Rechtsexperten und Architekten, und indem sie auf vergangene, bereits erfolgreiche Projekte wie das „Wild im West” verweisen. „Ein nicht genutztes Gebäude kostet ja auch einiges. Wenn die Kosten nun zum Großteil gedeckt werden, ist das auch ein Anreiz für die Besitzer”, so Fries.

Das Besondere an diesem Ort, diesem Projekt: Das Vertrauen. Nicht nur, weil die Privatpersonen sich selbst zutrauten, Mieter zu finden, Taubenexkremente vom Boden schrubbten, Leitungen und Fließen legten. Ob es auch bei großen Immobilienbesitzern ein Umdenken gibt? Immerhin haben sie das Semmelweis-Kollektiv zum „Urban Mining“ an einem anderen Standort eingeladen. Alte Lampen oder Waschbecken, die sonst weggeschmissen worden wären, hängen nun in den Semmelweis-Pavillons.

Bis 2024 darf die bunte Gruppe vorerst bleiben. Dann soll hier ein weiterer Bildungsstandort entstehen. Barbara Klampfl und die anderen 10 sind damit glücklich: „Das was in Wien nie Raum gehabt hat, ist hier möglich.”

Was bedeutet das Lo in Lobau?

1. Wald

2. Schutz

3. Jagd

Auflösung von Freitag: Das Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen (Unoosa) hat seinen Sitz in Wien. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sitz hingegen in Genf in der Schweiz, der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) in Italiens Hauptstadt Rom.

Lisa Kiss

Workshop

Das große Performancefestival Impulstanz beginnt erst am 7. Juli, aber schon heute starten die Public Moves, die unterschiedlichste Tanz- und Bewegungsworkshops für alle Levels anbieten. Sie finden unter freiem Himmel statt und können gratis und relativ spontan besucht werden. Die Anmeldung ist erst ab einen Tag vor dem Workshop möglich und erfolgt über die Webseite impulstanz.com

Museumsquartier, Papstwiese im Donaupark, 17.00, 18.30

Sophie Reyer, E.T.A. Hoffmann: Die Königsbraut und Das fremde Kind

Magister Tinte ist ein Unsympath, nennt er doch geliebte Märchenbücher ‚Firlefanz‘. Aber dass er eine Fliege ist!“

So schreibt die Lyrikerin und Performerin Nora Gomringer in ihrem Vorwort, und es ist ein würdiger Auftakt zu dem, was in diesem Buch noch alles kreuchen, fleuchen und aus der Erde steigen wird. Sophie Reyer nämlich, Wiener Philosophin und Autorin (zuletzt erschien ihr Roman „1431“), hat E.T.A. Hoffmanns Märchen „Die Königsbraut“ und „Das fremde Kind“ neu erzählt. Anlass ist der heuer 200. Todestag des deutschen Romantik-Schriftstellers, der auch Karikaturist, Jurist und Kapellmeister war und seine Zeitgenossen überforderte. So fand einer der Brüder Grimm, Wilhelm, zwar an Hoffmanns Erzählung „Nußknacker und Mausekönig“ Gefallen, erklärte aber: „Dieser Hoffmann ist mir widerwärtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende.“ Wenn das kein Versprechen ist! (Gerlinde Pölsler)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Mitunter auch ungrau:

Der Grauschnäpper

Vogelbeobachtungstechnisch war der Ausflug von vorletzter Woche eher ein Schlag ins Wasser gewesen: Der Pirol ließ sich nur einmal zart von ferne hören, und die Bienenfresser, mit denen ganz sicher zu rechnen gewesen war, hatten sich von Haslau bis in die Lobau weder hören noch blicken lassen. In Hinblick auf die beobachteten Vögel könnte man einen Romantitel der niederländischen Schriftstellerin Margriet de Moor abändern und sie unter das Motto „Erst weiß dann grau dann schwarz“ stellen.

Die Radroute kann ich aber jedenfalls vorbehaltlos empfehlen: Mit der Schnellbahn (S7 Richtung Wolfsthal) nach Regelsbrunn; dort über Bauernzeile (oder Donaulände) und Fischerzeile zum Donaualtarm, den man über einen Steg quert, um ans Donauufer zu gelangen, wo man den Treppelweg entlang bis zur Anlegestelle Haslau radelt, 0664 42 10 058 wählt, um sich mit der Fähre um € 6,- (€ 5,- pro erwachsener Person jedweder geschlechtlicher Selbstidentifikation; € 1,- pro Rad) nach Orth an der Donau übersetzen zu lassen.

Dort könnte man im Uferhaus ein Fischlein und die ein oder andere Bouteille zu sich nehmen, um Stunden später nach Regelsbrunn zurückzuzuradeln, aber, hey: don’t drink an drive! Ganz entschieden anraten möchte ich hingegen zu einem Besuch des schlossORTH Nationalpark-Zentrum (so die offizielle Schreibweise), wo man sich über die tektonische Beschaffenheit der Donauauen, deren Flora und Fauna informieren kann, und wo auf dem Turm des Schlosses – „erst weiß“ – ein Weißstorch in seinem Horst hockt. 

Der Grauschnäpper: schön exponiert auf einem Ast © FALTER/Nüchtern

Das Areal, durch das gerade eine tschechische Schulklasse geführt wird, ist, wie mein Radl- und Vogerlbeobachtungsspezl Leo mit nicht nachlassender Begeisterung betonen wird, „irrsinnig liab“ gemacht. Ich kann das nach wiederholtem Besuch nur bestätigen. Ziesel huschen aus ihren Höhlen; Ringelnattern schlängeln sich durchs Gras; Sumpfschildkröten dümpeln im Tümpel; Hirschkäfer sitzen am Hirschkäferrastplatz; und die Fische, die im Teich (beziehungsweise in den Donauauen) leben, kann man von einer begehbaren Unterwasserbeobachtungsstation aus, ja, genau: beobachten. 

Beim Verlassen der Nationalpark-Zentrum stoßen wir quasi im Burggraben, – dann grau – auf den Vogel der Woche. Er sitzt schön exponiert auf seiner Warte (einem Ast), startet von dort seinen Verfolgungsflug, kehrt auf dieselbe Warte zurück. Just, dieses im Svensson als typisches „Kennzeichen“ beschriebenes Verhalten weist ihn auch als Grauschnäpper aus. Deutlicher jedenfalls als sein Farbe, die bei diesem Exemplar ziemlich braun ausfällt. Der „Braunschnäpper“, den es auch gibt, ist übrigens um nichts brauner als der Grauschnäpper, eher grauer als dieser. Verstehe einer die Vogeltaxonomie! 

Eigentlich sieht der Grauschnäpper der letzte Woche episch besungenen Nachtigall (oder deren Zwillingsart, dem Sprosser) gar nicht so unähnlich. Tatsächlich ist es auch so, dass die Nachtigall aufgrund molekularbiologischer Daten erst vor gar nicht so langer Zeit von den Drosseln (Turdidae) zu den Fliegenschnäppern (Musciapidae) verschoben wurde und das, obwohl sie gar nicht „schnäppt“, sprich: Insekten im Flug erbeutet. 

Auf dem Rückweg, vorbei an in der brütenden Mittagshitze schuftenden Spargelstecher:innen und durch die Lobau, kreiste – dann schwarz – auch noch ein Schwarzmilan über den Feldern. Aber den hebe ich mir für ein andermal auf und verabschiede mich für diesmal mit dem Hinweis, dass ich Hermis Radlertreff „zur Beichtmutter“ als Labestation wärmstens empfehlen kann. Es gibt zahlreiche, sogar alkoholfreie Getränke und eine gigantische Wurstauswahl

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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