Teuerungssymptome: Reportage aus einem Wiener Pfandhaus - FALTER.morgen #386

Versendet am 11.08.2022

Die Inflation zwingt immer mehr Menschen dazu, ihre Wertgegenstände zu versetzen: Lokalaugenschein in einem Leihhaus am Stadtrand von Wien >> Die Katze – eine Verteidigung von FALTER-Tierkolumnist Peter Iwaniewicz >> Der Fassadenleser über ein romantisches Schlösschen für Soldaten

Wetterkritik: Ein paar Wolken, die heute nachmittag erwartet werden, versprechen mehr an Niederschlag, als sie halten können – es bleibt weiterhin trocken und warm bei 27 Grad.


Guten Morgen!

Kennen Sie den Film „Der Schwarze Diamant”? Es geht darin um einen dubiosen Diamantenhändler aus New York, der einen sündhaft teuren Ring verpfändet, um mit dem Geld einen seltenen Edelstein zu kaufen. Dabei gehört der Ring gar nicht ihm, sondern seinem Freund. Mehr erzähle ich Ihnen nicht, schließlich will ich nicht Spoilern.

Warum erzähle ich Ihnen das? Bis auf den Film hatte ich bis vor kurzem keinerlei Berührungspunkte mit dem System der Pfandleihe. Das hat sich vor zwei Tagen geändert, als ich einen Nachmittag in einem Wiener Leihhaus verbracht habe. Dabei wollte ich der Frage auf den Grund gehen, ob aufgrund der Teuerung immer mehr Menschen ihre Wertgegenstände versetzen müssen. Was ich dabei erlebt habe, lesen Sie gleich.

Außerdem: Nach unserer letztwöchigen Geschichte über Streunerkatzen in Wien gab es so einiges an Rückmeldungen. Unser Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz hat sich der Sache daher nochmals angenommen und anwortet auf die „Anklage” von Katharina Kropshofer gegen die Katze mit einer „Verteidigung”und sich das Vogelsterben genauer angesehen. Florian Holzer stellt Ihnen diese Woche eine Bar für Reggae-Liebhaber vor, und unser Fassadenleser Klaus-Jürgen Bauer beschreibt eine Infanteriekaserne im neoromantischen Stil.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Paul Sonnberger


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Auf Pump 

Die Teuerung ist in der Mitte der Bevölkerung angekommen – und treibt immer mehr Menschen ins Pfandhaus. Ein Lokalaugenschein.

Julia (Name von der Redaktion geändert) tappt nervös von einem Fuß auf den anderen. In ihrer Hand hält sie einen weißen Kassenbon. Die junge Frau beugt sich über den Ladentisch und bittet verzweifelt um einen Aufschub für den Rückkauf ihres verpfändeten Handys. Der Pfandleiher gewährt ihr einen weiteren Monat.

Ein Pfandhaus am Stadtrand von Wien: Vor dem Eingang hat sich am Dienstag dieser Woche bereits eine lange Schlange gebildet. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Im Minutentakt lassen Menschen ihre Wertgegenstände schätzen, die Kassenlade springt auf, bares Geld wechselt den Besitzer. Die Stimmung erinnert an ein Casino. Bei der Bewertung des Pfands steigt der Puls der Kunden, die bunten Scheine lassen die Augen funkeln. 

„Die Anzahl der Verpfändungen hat in den letzten Monaten spürbar zugenommen”, sagt der Pfandleiher, der gerade eine silberne Herrenuhr bewertet. Die meisten Schmuckstücke, die verpfändet werden, seien billiger Modeschmuck, ausgezahlt würden meist nicht mehr als 50 Euro: „Die Leute brauchen aus unterschiedlichsten Gründen schnell Geld. Viele sind arbeitslos, haben Schulden oder verdienen schlicht zu wenig.”

Versetzte und nicht mehr zurückgekaufte Uhren: „Die Anzahl der Verpfändungen hat in den letzten Monaten spürbar zugenommen.” © FALTER/Sonnberger

Einen Pfandvertrag abschließen kann in Österreich jeder. Gesetzliche Vorgaben gibt es kaum. Der Beruf des Pfandleihers ist ein freies Gewerbe, es braucht keinen Befähigungsnachweis. In Wien gibt es zurzeit 27 einschlägige Büros. So wie bei Julia reicht dort eine einfache Unterschrift auf dem Kassenzettel für das Zustandekommen der Pfandleihe. Der Wertgegenstand dient dem Geschäftsinhaber als Absicherung. Die Bestimmungen über Zinsen, Lager- und Ausfertigungsgebühren stehen ebenfalls auf dem Bon. So richtig durchlesen tut sich das aber fast keiner. Wenn das Geld auf dem Tisch liegt, wird schnell unterschrieben. Dabei sind die Pfandgebühren horrend hoch: Fünf bis zehn Prozent gelten in Wien als Standard. 

Für einige wird die Pfandleihe zur Dauerschleife, aus der sie es ohne Hilfe nicht mehr raus schaffen: Ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann betritt die Stube und bittet um 20 Euro mehr für seine bereits verpfändete Sonnenbrille. Ohne zu zögern wird ihm der Betrag ausgezahlt. Er unterschreibt, knüllt den Pfandschein zusammen und wirft ihn in die Ecke. Der Mann ist in der Pfandstube kein Unbekannter: „Der kommt fast jede Woche für mehr Geld. Es ist wie eine Sucht. Solche Leute jonglieren sich von Tag zu Tag. Sie brauchen das Geld, um anderswo ihre Schulden zu begleichen”, sagt der Pfandleiher. Manchmal empfinde er auch Mitleid – für ihn und seine Kollegen sei es aber bloß ein Beruf wie jeder andere. 

Ob der Pfandgeber (also der Kunde) auch immer Eigentümer des verpfändeten Gegenstandes ist, ist schwer zu kontrollieren. Das Pfandhaus in Penzing verlangt grundsätzlich eine Kaufbestätigung als Nachweis. „Viele geben dann einfach an, die Rechnung verloren zu haben. Bei Fahrrädern gehe ich grundsätzlich davon aus, dass sie gestohlen sind. Offiziell machen wir aber natürlich keine Geschäfte mit Diebesgut”, sagt der Geschäftsinhaber. 

Wie groß die Geldnot vieler ist, zeigt sich in den Glasschränken des Pfandbüros. Sie sind voll mit Gegenständen, die nicht fristgerecht zurückgekauft wurden. Julia will ihr Handy nicht in einem der Glasschränke sehen. Dass sie in 30 Tagen genug Geld zusammenkriegt, scheint aber eher unwahrscheinlich. Heute war bereits ihre dritte Laufzeitverlängerung. 

Morgen: Was tun, wenn sich die finanzielle Schieflage nicht mehr ausbalancieren lässt? Ein Besuch bei der Schuldnerberatung.

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Auf zwei Espressotassen mit Untertassen aus Porzellan wird der frühe Wurm wieder einmal verspeist. Da kann man das Frühstück getrost ausfallen lassen.

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Floridsdorf bekommt einen neuen Park. Im Wohnquartier Neu Leopoldau wird derzeit eine 9000 Quadratmeter große Fläche mit 70 Bäumen bepflanzt, mit Blumenwiesen und Sträuchern begrünt und mit „Aktivitätsinseln“ ausgestattet. Herzstück des Gaswerkparks zwischen Menzelstraße und Richard-Neutra-Gasse ist eine gelbe Pipeline, die sich in verschiedenen Höhen durch die Grünfläche schlängelt und auf vielseitige Weise genutzt werden kann: als Sitzplatz, Kletterelement, Schaukel oder Entspannungsort mit Hängematten. Außerdem entstehen schattige Jausenplätze, im Osten des Parks wird auf einem kleinen Hügel eine Sitztribüne errichtet, die einen Ausblick über das gesamte Areal sichert – „idyllische Sonnenuntergänge inklusive“, wie Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) wissen lässt. Fertiggestellt soll der Park bereits im kommenden Herbst sein.


Die steigenden Energiekosten machen wohl allen zu schaffen – besonders aber alleinerziehenden Eltern. Wer in diese Kategorie fällt und im April 2022 Notstandshilfe, Arbeitslosengeld oder Ausgleichs- bzw. Ergänzungszulage aus der Pensionsversicherung bezogen haben, kann 100 Euro zusätzliche Unterstützung der Stadt Wien beantragen. Achtung: Die Aktion gilt nicht für Alleinerziehende mit Mindestsicherungs- und/oder Wohnbeihilfenbezug – sie haben den Bonus bereits automatisiert ausbezahlt bekommen.

Online-Anträge sind noch bis 30. September möglich. Infos gibt’s hier.  

Peter Iwaniewicz

Die Katze – eine Verteidigung

Sind Hauskatzen eine Bedrohung für die Vogelwelt? Dazu gab es letzte Woche von Katharina Kropshofer eine „Anklage“ im gedruckten Falter und eine Geschichte im FALTER.morgen zu lesen, die zahlreiche Reaktionen ausgelöst hat – auch bei unserem Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz. Er widmet seine Kolumne „Peters Tiergarten“ diese Woche einer „Verteidigung“ der Katze.

Die Vogelschutzorganisation Birdlife wurde mit der Aussage zitiert, dass Katzen in Österreich zwischen zehn und 25 Millionen Vögel im Jahr umbringen. Wie kommt es zu solchen Zahlen? Indem man Studien dazu aus anderen Ländern heranzieht und hochrechnet. Dann schätzt man ein, ob das plausibel sein kann: Hierzulande gibt es etwa laut Birdlife zehn bis 16 Millionen brütende Vogelpaare, die jeweils im Durchschnitt ca. vier Jungvögel pro Saison hervorbringen, das ist also ein Gesamtbestand von 60 bis 96 Millionen Vogel-Individuen.

Ja, Katzen fressen Vögel – aber am tatsächlichen Rückgang bedrohter Arten sind sie nicht schuld © dpa/Patrick Pleul

Das ist aber nur ein educated guess, also eine Hypothese, die es zu überprüfen gilt. Diese Hochrechnung hat einige - nennen wir es freundlich - Variablen: Die häufigen Katzenopfer wie Amseln oder Meisen haben höhere Reproduktionsraten. Manche Arten brüten nicht, andere ziehen wiederum nur durch, dann gibt es auch natürliche Sterblichkeit durch Krankheiten und andere Räuber. Deswegen ist auch die Aussage in der "Anklage", dass ein einziges Katzenpaar in fünf Jahren 12.000 Nachkommen produzieren könnte, nur als rein theoretisches Rechenbeispiel zu verstehen.

Eine große US-amerikanische Metastudie zum Thema Raubkatzen im Freien überprüfte 90 einzelne Studien mit dem Schluss, dass viele Schätzungen der Mortalität durch Hauskatzen spekulativ sind und bestenfalls auf der Extrapolation der Ergebnisse einer einzelnen Studie basieren. Erwähnt darin wird auch, dass Studien an Säugetieren in vorstädtischen und ländlichen Gebieten ergaben, dass ein Großteil ihrer Beute Haus-, Spitz-und Wühlmäuse, Eichhörnchen und Kaninchen waren. Zusätzlich jagen Katzen in Gärten auch Eidechsen, was aber den meisten Menschen gar nicht auffällt.

Fressen Katzen also keine Vögel? Doch, das tun sie und unsere gut genährten Hauskatzen sind dabei auch sehr effizient. Doch in Österreich haben wir nicht das Problem, dass der Vogelbestand durch Freigänger-Katzen abnimmt, meinte Birdlife auf Nachfrage. Die tatsächlichen Ursachen für den Rückgang bedrohter Arten wie zum Beispiel der Grauammer sind - wie meist im Naturschutz - der Verlust natürlicher Lebensräume durch intensive landwirtschaftliche Nutzung und Bodenversiegelung.

Schuld ist der Esel, aber wir schlagen den Sack! Denn es berührt uns emotional viel mehr, wenn wir sehen, wie eine Katze eine halbtote Meise in den Fängen hat.

Judenmord, Nazis und der Opferbegriff

© wissensArt

Der Schriftsteller Doron Rabinovici zerlegt in einem Vortrag bei den Salzburger Festspielen die Idee, dass die Shoa mit katholischen Opfervorstellungen in Verbindung gebracht werden kann – und vertieft seine Gedanken dazu im Gespräch mit der Journalistin Elisabeth Juliane Nöstlinger vom Podcast wissensART. Im heutigen FALTER-Podcast ist beides zu hören.

Sip Song Bar

Hinter der Straßenbahnstation Schottenfeldgasse dringt Reggae aus einer offenen Tür, die mit bunten Vorhängen und Comicstrips verziert ist. Drinnen ist es finster und kühl, eine kleine, improvisiert wirkende Bar, vor der eine Art Puppenbadewanne steht, Holzpritschen und Weinregale am Rad des schmalen, dunklen Schlauchs, im Hintergrund schneidet eine Thailänderin mit einem großen Messer Gemüse. Wunderbar uneindeutig das alles, einfach hinsetzen und ausprobieren, sagt das Gefühl. Treiben lassen. Wie im Urlaub.

Lokal-Chefin Mia weiß natürlich, dass sich das kleine Sip Song, die neue Bar des großartigen Thai-Lokals Mamamon ein paar Gassen weiter, nicht auf den ersten Blick erklärt. „Wir haben Cocktails, ein paar Natural Wines und ein bisschen Streetfood.“

Klingt eigentlich super, welchen Cocktail soll ich trinken? „Thai Martini“, sagt sie mit Bestimmtheit und stellt erst einmal ein großes Glas Wasser und ein Schälchen Erdnüsse mit geröstetem Thai-Basilikum auf die kleine, weiße Bank neben der Tür, die einzige Outdoor-Sitzgelegenheit. Die Nüsschen sind super, der Martini wird mit selbst angesetztem Pandangblätter-Gin gemixt, statt der Olive ist eine kleine, grüne, eingelegte Marille drin. Dem Hitzestress weicht Entspannung. Wie im Urlaub.

Die gesamte Lokalkritik von Florian Holzer lesen Sie hier.

Das Rathaus war noch bis 1960 mit dem Zusatz „neues“ versehen. Bis wann tagte der Gemeinderat im alten Rathaus?

  1. 1872

  2. 1885

  3. 1904 

Auflösung von gestern: Der Graben wurde am 22. November 1971 zunächst versuchsweise zur Fußgängerzone umgestaltet. Grund war die U-Bahn-Baustelle am Stephansplatz.

Simon Steiner

Die Ferien gehen ins letzte Drittel, die Phantasie beim Kinderprogramm-Machen lässt nach. Wir schicken Sie diesmal an Orte, die man besonders gut mit Kids besuchen kann. Da das Wetter und die Vorlieben der Kleinen variieren können, machen wir Ihnen drei ganz unterschiedliche Vorschläge.

  1. Kittenberger Erlebnisgärten 

Große Abwechslung versprechen die Kittenberger Erlebnisgärten. 50 thematische Gärten lassen sich im Waldviertel, in der Nähe von Langenlois, bestaunen. Unter anderem warten hier ein eigener Abenteuerpark oder ein Tierpark mit Alpakas und anderen Kleintieren. Auch für “die Erwachsenen” gibt es hier genug zu sehen. Die Tageskarten kosten für Kinder bis inklusive 14 7,50 €, für Erwachsene 12,50 €. Die Anfahrt mit dem Auto von Wien aus dauert ca. 1 Stunde, alternativ kann man auch den Zug nach Langenlois nehmen und dann ins Taxi umsteigen. Weitere Infos zu den Erlebnisgärten finden Sie auf der Homepage.

Abwechslung garantiert: Die Kittenberger Erlebnisgärten © Thomas Eder

  1. Eis-Greissler Manufaktur

Mit himmlischem Eis und einem Erlebnispark lockt die Eis-Greissler Manufaktur in Krumbach. Aber auch bei Schlechtwetter gibt es hier ausreichend Programm: Die Eis-Zeitreise inklusive Eiszug und ausgefallenen Eissorten erzählt interaktiv alles rund um die kalte Süßspeise. Ein Tagesticket kostet online 12,90 €, die Eis-Zeitreise muss extra gebucht werden. Abendkarten erhält man vergünstigt. Die Eismanufaktur ist ebenfalls ca. eine Autostunde von Wien entfernt. Für weitere Infos zum Erlebnispark und zur Eis-Zeitreise besuchen Sie einfach die Hompage

  1. Familien-Wanderwege

Eine große Auswahl themenspezifischer Wanderwege für Groß und Klein gibt es rund um Wien: Hier bietet sich eine Führung durch die Hermannshöhle, die größte Tropfsteinhöhle Niederösterreichs, an (Anfahrt von Wien ca. 1 1/4 Stunden, Tickets 5 bzw. 9 €; mehr Infos). 

Eine weitere Option ist der Naturpark Hohe Wand. Hier gibt es einen Kindererlebnisweg inklusive gratis Schatzkarte (Anfahrt von Wien ca. 1 Stunde, Tickets 1 € bzw. 2,50 €; mehr Infos). 

Die Wiener Hausberge sind außerdem mit der S-Bahn Richtung Payerbach-Reichenau öffentlich erreichbar und bieten jede Menge Spaß in der Natur.

Lisa Kiss

Literatur

Mit eigensinnigem Blick und entwaffnender Fröhlichkeit ist Teresa Präauer in den Literaturbetrieb geplatzt. Wie ein bunt gekleideter Partygast, den niemand eingeladen hat, über dessen Erscheinen man aber doch froh ist, weil er ein bisschen Schwung in die Veranstaltung bringt. Sie liest beim Festival O-Tönen aus ihrem heuer erschienenen Band „Mädchen“ und unterhält sich mit Florian Baranyi. Im ersten Teil des Abends stellt Moritz Franz Beichl erstmals seinen Debütroman „Die Abschaffung der Wochentage“ vor. (Sebastian Fasthuber)

Museumsquartier, Haupthof, 20.00


Erratum: Wenn's hakt, dann gleich ordentlich. Am Dienstag haben wir Ihnen hier irrtümlich ein Montags-Event angepriesen. Und gestern – wir sind ja immer bemüht , uns zu steigern – gleich eine von vergangenem Jahr. Die Badeoper „Duck and listen“ hat bereits im August 2021 stattgefunden und wurde uns von einem Systemfehler in den FALTER.morgen gespült. Die nächste Veranstaltung von aiaia findet erst im November statt. Sorry!

Esther Kinsky: Rombo

59 Sekunden lang erschütterte am 6. Mai 1976 ein Erdbeben den Landstrich rund um das Kanaltal im oberitalienischen Friaul und zerstörte Dutzende Dörfer und Städte. Mehr als 40 Jahre danach erkundet Esther Kinsky das Gebiet und lässt sieben Überlebende von damals mit ihren Erinnerungen zu Wort kommen.

„Rombo“ - so nennen die Einheimischen das unheimliche, tiefe Dröhnen aus dem Erdinnern, das dem Erdbeben unmittelbar vorangeht; „Orcolat“ - so nennen sie das grollende Ungeheuer in der Tiefe bei seinem mythischen Namen. Mit diesem neuen Geländeroman ist Kinsky ein Sprachkunstwerk gelungen: Inbild für sinnlose Zerstörung und Wiederaufbau, lange vor der Ukraine, und große Metapher für den Einsturz althergebrachter Strukturen, den wir heute allenthalben verspüren. (Sigrid Löffler)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Das Soldatenschloss

Die Schmelz war der große Paradeplatz der Monarchie. Im Jahre 1847 kaufte die Stadt das riesige Areal, weil der bisherige Übungsplatz auf dem Josefstädter Glacis eine starke Staubbelästigung verursachte. Bis zum Ende des Kaiserreiches übte auf der Schmelz die k. u. k. Armee.

@ Klaus-Jürgen Bauer

Am Rande der Wiese entstand im Jahr 1896 eine imposante Infanteriekaserne, in der sich seit dem Jahr 1980 das Militärkommando Wien befindet.

Wie der Paradeplatz selbst entstand auch die Kaserne durch Verdrängung. Der Neubau wurde nämlich notwendig, weil damals die nach 1848 gemeinsam mit der heutigen Rossauer Kaserne erbaute Kaiser Franz Josephs-Defensionskaserne abgebrochen wurde. An derer Stelle entstand unter anderem Otto Wagners Postsparkasse.

Der neoromantische Bau ist eigentlich historisch ziemlich unpräzise. Die Kombination aus Rundbogen-Biforienfenstern im 1. Stock mit den geraden Fenstern im 2. Stock ist – man könnte sagen ­– ziemlich frei erfunden. Größeres Augenmerk legte man auf die Gestaltung des weithin sichtbaren viergeschossigen Stabsgebäudes, in dessen relativ schmale Fassade alles hineingepackt wurde, was gut und gediegen war. Obenauf sitzt dann noch keck ein martialisch wirkender Turm, eine visuelle Erinnerung an die Villen oberitalienischer Stadtherrscher.


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