Ein Jahr Westbahnhof-Ikea: Des Grätzels Lösung - FALTER.morgen #388

Versendet am 16.08.2022

Vor einem Jahr ist Ikea beim Westbahnhof eingezogen. Die Befürchtungen der Anrainer waren groß – inzwischen hat man sich aber aneinander gewöhnt >> Wie berichtet man verantwortungsvoll über das Thema Suizid? >> Vogel der Woche: Die Wasseramsel

Wetterkritik: Sonnenschirme auf, Ventilatoren an! Diese Woche gilt es, die (hoffentlich) letzte Hitzewelle dieses Sommers abzuwettern. Heute bereits 31 Grad, im Lauf der Woche dann bis zu 36. Echt, es reicht.


Guten Morgen!

Es wurde als völlig neues Konzept präsentiert: Nicht mehr in der Peripherie mit dem Auto, sondern mitten in der Stadt mit Öffis oder dem Rad bei Ikea einkaufen. In der neuen Filiale am Westbahnhof, die vor einem Jahr eröffnet wurde, gibt es um Mitnehmen nur Kleinkram, große Möbel bestellt man und lässt sie sich mit Elektrofahrzeugen zustellen. Auch optisch geht dieser Ikea neue Wege: Außenbegrünung und Photovoltaikanlagen. Moderne Fahrradständer. Kein riesiges Parkhaus. Kein blauer Ikea-Hangar. Einzig die Stahlträger der Außenfassade erinnern mit ihrem karierten Muster an ein Billy-Regal.

Die mediale Aufmerksamkeit vor der Eröffnung war damals groß, die Erwartungshaltungen jedoch gespalten: Neben prinzipiellen Bedenken gegen den Großkonzern befürchteten Anrainer und die Bezirkspolitik ein Verkehrschaos, wir berichteten (ohne Abo zahlungspflichtig). Doch was wurde aus den Sorgen? Wir haben uns im Ikea-Grätzel, wie das angrenzende Viertel mittlerweile genannt wird, umgehört.

Außerdem im heutigen FALTER.morgen: Paul Sonnberger hat den Psychologen Benedikt Till und den Psychotherapeuten Volker Strunz vom Kriseninterventionszentrum gefragt, wie Medien verantwortungs- und respektvoll mit dem Thema Suizid umgehen können. Und Klaus Nüchtern beschreibt diese Woche einen Vogel, für den er eine kleine Obsession hegt: die Wasseramsel.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Simon Steiner


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Alles gut

Ein Jahr nach der Eröffnung des Ikea am Westbahnhof lässt sich eine durchaus positive Bilanz ziehen. In der Bezirkspolitik hat das Projekt allerdings Flurschäden hinterlassen.

Eines fällt dabei sofort auf: Von einem Verkehrschaos kann hier, unweit vom Gürtel und der Mariahilfer Straße, keine Rede sein. Es ist auffällig ruhig. Und grün. Vereinzelt eilen Menschen zum Bezirksgericht oder zum Amtshaus. Zum Impfen, wie ein Pensionist erklärt. Dazwischen flanieren Eltern mit Kinderwägen und Hundebesitzer. Nur alle paar Minuten fährt ein Auto durch. „Früher haben hier viele Leute geparkt, die auf der Mariahilfer Straße einkaufen gehen wollten”, erklärt eine Angestellte eines Schönheitssalons. Mittlerweile dürfen hier nur noch Anrainer ihre Fahrzeuge abstellen. Dass dadurch künftig die Kundschaft ausbleibt, befürchtet man nicht.

Völlig anders: Der autofreie Ikea am Westbahnhof © FALTER/Steiner

Und auch sonst wird viel umgebaut: Zwei Plätze werden komplett autofrei. Parallel erfolgen im gesamten Grätzel Begrünungsmaßnahmen. 120 Parkplätze sind futsch. Das Verkehrskonzept ist das Ergebnis einer Bürgerbefragung samt Beteiligungsverfahren, bei der sich eine große Mehrheit für die verkehrsberuhigtere Variante aussprach. 

Man freue sich über die Begrünungsmaßnahmen und die autofreien Zonen, sagt eine Frau mittleren Alters. Und auch andere Anwohner sind mit den jüngsten Entwicklungen des Grätzels glücklich. Vor allem das Anrainer-Parken habe Ruhe gebracht. Ein Pensionist, der seit 70 Jahren im Grätzel lebt, ist mit der Parkplatz-Abspeckung hingegen gar nicht einverstanden: „Es muss ja nicht vor jedem Haus ein Baum stehen. Parks gibt's genug”, grollt er. 

Eines stört jedoch alle gleichermaßen: Dass sich in der Nacht Autos Straßenrennen bei lauter Musik liefern. Das müsse aufhören. Dass die von den Ikea-Lastern ausgehen, lässt sich aber zumindest bezweifeln.

Bei Ikea selbst ist man jedenfalls zufrieden. Da das Konzept noch neu sei, nehme man zwar noch laufend Anpassungen vor, es funktioniere aber im Großen und Ganzen gut, so ein Mediensprecher. Beschwerden von Anrainern habe man nicht wahrgenommen. Man betont jedoch, um ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft bemüht zu sein.

Im Werden: Der Langauer Platz wird autofrei. Im Hintergrund der neue Ikea. © FALTER/Steiner

Wird es jetzt bald überall autofreie Ikeas geben? Man könne das Konzept nicht einfach so auf andere Standorte übertragen, heißt es dazu. Dafür müssten die Rahmenbedingungen genau stimmen. Der Standort am Westbahnhof sei ein Glücksfall gewesen. In Österreich sei ein zweiter autofreier Ikea jedenfalls nicht geplant.

Alles in allem scheint das Konzept eines autofreien Ikeas also aufgegangen zu sein. Die Idee soll damals übrigens nicht vom Unternehmen, sondern vom grünen Planungsressort gekommen sein. 

Ganz reibungslos ist die Umsetzung jedoch nicht verlaufen: Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal (SPÖ) fühlte sich von der eigenen Stadtregierung im Stich gelassen und kritisierte diese lautstark. Jetzt nimmt er seinen Hut. Dass neben gesundheitlichen Gründen das schlechte Verhältnis mit dem Büro seiner Parteifreundin, der Planungsstadträtin Ulli Sima zumindest mitverantwortlich ist, gibt er offen zu. Zatlokal war auch zuvor schon mit seiner für die SPÖ-Wien atypischen Verkehrs- und Klimapolitik aufgefallen.

Ob sein Nachfolger dem folgen wird, ist unklar. Dietmar Baurecht, momentan Vorsitzender der Verkehrskommission im Bezirk, hält sich dazu noch bedeckt. Auf Nachfrage teilt er aber mit, dass Begrünungsmaßnahmen im 15. Bezirk besonders wichtig seien und er sich dafür auch einsetzen werde. Sein Verhältnis zu Frau Sima sei jedenfalls gut.

Ein lesenswertes Interview mit Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal (SPÖ) finden Sie im FALTER.morgen.

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Paul Sonnberger

„Unsensible Berichterstattung kann durchaus das Zünglein an der Waage sein“

Ein Psychologe und ein Psychotherapeut über den verantwortungsvollen medialen Umgang mit dem Thema Suizid. 

In den vergangen Wochen sorgten in Österreich ein Suizid und ein Suizidversuch für Bestürzung. Da beide Fälle in der Öffentlichkeit bekannte Personen betrafen, wurde auch in den Medien prominent darüber berichtet – journalistisch eine äußerst sensible, schwierige Angelegenheit, wie wir beim FALTER auch erfahren mussten.

Aber: Wie schafft man die Gratwanderung zwischen Information, Wahrung der Privatsphäre, Respekt und der Verantwortung, keine Nachahmungstaten zu provozieren? Das haben wir den Psychologen Benedikt Till und den Psychotherapeuten Volker Strunz vom Kriseninterventionszentrum gefragt.

FALTER.morgen: In den vergangen Wochen wurde prominent über einen Suizid und einen Suizidversuch berichtet. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Till: Die Sensationsberichterstattung in den vergangenen zwei Wochen hat mich schon sehr beunruhigt. Es ist klar, dass eine sensationsträchtige Berichterstattung einen Imitationseffekt erzeugen kann. 

Sie sprechen hier den sogenannten Werther-Effekt an. Inwiefern ist dieser wissenschaftlich belegt?

Till: Der Begriff Werther-Effekt wurde schon 1974 eingeführt, als erstmals ein Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide und der Suizidrate in der Bevölkerung nachgewiesen werden konnte, insbesondere bei prominenten Personen. Seitdem haben wir dazu auch zahlreiche Studien an der Medizinischen Universität Wien durchgeführt. Die Ergebnisse untermauerten stets die These. 

Strunz: Es gibt dazu auch ein konkretes Beispiel aus Wien. Seitdem die Berichterstattung über U-Bahn-Suizide eingestellt wurde, ist die Anzahl an Selbsttötungen in Verbindung mit U-Bahnen um 70 Prozent zurückgegangen. 

Das heißt, eine reißerische, unsensible Berichterstattung kann der Auslöser für einen Suizid sein?

Till: Die Berichterstattung kann zumindest dazu beitragen. Eine Selbsttötung ist nie monokausal. Es gibt stets mehrere Gründe, warum sich ein Mensch für einen Suizid entscheidet. Dabei gibt es mehrere Phasen: In der ersten, der Erwägungsphhase, wird ein Suizid das erste Mal in Betracht gezogen. In der zweiten, der Abwägungsphase, in der Betroffene ambivalente Gefühle gegenüber Leben und Tod haben, kann eine unsensible Berichterstattung durchaus das Zünglein an der Waage sein. 

In der Suizidprävention gibt es auch das Gegenstück zum Werther-Effekt, den Papageno-Effekt. Um was geht es da?

Till: In der medialen Berichterstattung geht es ja nicht darum, ob über Suizid berichtet wird, sondern wie. Wenn mit einem positiven Ansatz berichtet wird und Lösungsansätze aufgezeigt werden, kann das auch präventiv wirken.

Strunz: Die Hinweise auf Unterstützungsprogramme am Ende von Artikeln sind da zum Beispiel enorm wichtig. Das funktioniert in Österreich schon relativ gut. Aufgrund der Berichterstattung der vergangenen zwei Wochen und der Nummernangaben vermerken wir aktuell vermehrt Anrufe beim Kriseninterventionszentrum. 

Was würden Sie sich für die zukünfitge Suizid-Berichterstattung wünschen? 

Till: Auf die monokausale Berichterstattung und auf Details zur Suizidmethode zu verzichten. Wie schon erwähnt, ist ein Suizid immer multikausal. Eine monokausale Darstellung erhöht das Identifikationspotential. 

Strunz: Dass Journalisten das schon Bekannte einfach anwenden und nicht sensationsträchtig berichten. Wichtig ist vor allem, neutrale Begriffe zu verwenden. Statt Selbstmord sollte man Suizid schreiben, Details zur Person oder Suizidhandlung sollte man vermeiden. Journalisten haben hier eine Verantwortung und zugleich auch eine Chance, an der Präventionsarbeit mitzuwirken. 

Sollten Sie oder jemand, den Sie kennen, sich mit Suizidgedanken tragen, finden Sie Hilfe unter der Notrufnummer 142, beim Kriseninterventionszentrum oder bei der Telefonseelsorge.

Über die Roadrunner-Szene, die sich vor allem am Kahlenberg trifft, um dort zu dröhnen, zu duften (besser gesagt: stinken) und zu driften haben wir bereits des Öfteren berichtet – zum Beispiel hier oder hier (kostenpflichtig). Jetzt setzt die Stadt Maßnahmen, um die Autofreaks einzubremsen.

© FALTER/Mavrić

Verkehrsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) lässt am Kahlenbergparkplatz Leitwände aus Beton aufstellen, führt eine Einbahnregelung ein und prüft eine nächtliche 30-km/h-Beschränkung auf der Zufahrtsstraße. Bei besonders schweren Verstößen will Sima sogar dafür sorgen, dass es künftig möglich ist, Fahrzeuge zu konfiszieren. Dazu fehlt vorerst aber die notwendige gesetzliches Grundlage.


Weniger Autos gibt es bald am Yppenplatz: Ab kommenden Freitag wird der nördliche Teil zur Fußgängerzone umfunktioniert. Zudem wird der westliche Teil zur Einbahn und der dortige Gehsteig verbreitert.

Im Prater steht bis heute der österreichischen Zuschauerrekord bei einem Fußballspiel. Wie viele Menschen schauten damals zu?

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Auflösung von Freitag: Am 13. August 1772 wurde Johann Georg Lahner geboren, der in seiner Fleischerei in der heutigen Neustiftgasse 111 die Wiener Wurst (nicht den Eismarillenknödel oder den Kaiserschmarren) – eine Abwandlung der Frankfurter Wurst – erfunden haben soll.

Rund ums Laaerbergbad

© ARGE Karto

Hartes Plaster, hartes Pflaster, hartes, hartes, hartes Pflaster. Schon klar, man darf sich in einer Gegend, die vom Verteilerkreis, der Südost-Tangente, der Per-Albin-Hansson-Siedlung, Rax-Straße und Austria-Stadion geprägt sind, keine gastronomischen Wunder erwarten. Aber rund ums Laaerbergbad ist menschenwürdige Ernährung kaum möglich, muss man sagen.

Zwei Highlights bietet die Gegend dann aber doch: einerseits den wunderbaren Fasslwirt, ein charmantes Bistro mit schattiger Terrasse in einem Genossenschaftsbau aus den 50er-Jahren, das Alfons und Anita Fassl vor 30 Jahren übernahmen, auf frisch gekochte, individuelle österreichisch-mediterrane Küche setzten, gute Lieferanten suchten, eine feine Weinkarte erstellten, beim Fleischer ganze Tiere kaufen und sie nose-to-tail verarbeiten und darüber hinaus eine unglaubliche Whisky-Sammlung aufbauten. Die schlechte Nachricht: Urlaub bis Ende August.

Aber dafür hat das Gasthaus Anningerblick offen. Auch das ein Gasthaus in einer alten Wohnhausanlage, im April 2021 übernahm es die gelernte Buchhalterin Petra Vlcková, machte das Lokal und vor allem den markisenbeschatteten Garten hübsch und neu, gekocht wird ein bisschen mediterran, österreichisch und vor allem böhmisch. Das ist erstens großartig, und hier – an der Stätte, wo einst die „Ziegelböhmen“ ausgebeutet wurden – darüber hinaus würdig und recht.

Den gesamten Grätzelrundgang von Florian Holzer mit allen auf der Karte angeführten Lokalen lesen Sie hier.

Lisa Kiss

Ausstellung

Unter dem Titel „Soft Machine“ stellen Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl dieses Jahr auf der Biennale in Venedig aus. Aber auch Wien und der künstlerische Nachwuchs haben etwas davon: In dem neuen Space von Phileas am Opernring zeigt das queere Künstlerpaar eine Installation mit Skulpturen, Gemälde und Fototapeten und eine Gruppenschau mit Arbeiten ihrer Studierenden. (Nicole Scheyerer)

Phileas, 11.00–18.00 (bis 17.9.)

Nicola Davies, Laura Carlin (Illustrationen): Ein Baum ist ein Anfang (ab 8) 

Was tun, wenn alles trist erscheint und grau? Wenn man als junger Mensch in einer schäbigen, hässlichen, heruntergekommenen Stadt wohnt? Man bestiehlt die, die kaum mehr haben als man selbst, wie die Icherzählerin dieses sozialkritischen Bilderbuchs mit so poetischen wie fantasieanregenden Illustrationen. Als sie nachts im Park eine alte Frau mit einer prall gefüllten Tasche überfällt, leistet diese Widerstand und stellt eine Bedingung: „Wenn du mir versprichst, sie zu pflanzen, lasse ich los.“

„Sie“, das sind Eicheln. In der Welt der namenlosen Heldin wird es zunächst grüner und dann immer bunter, und das nicht nur in dieser einen Stadt. „Ein Baum ist ein Anfang“ erzählt keine realistische Geschichte, sondern ist eine Parabel, die den Samen darzustellen vermag für sprießende und blühende Nachahmung. (Kirstin Breitenfellner)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus Nüchtern

Einfach zum Anbeißen!

Die Wasseramsel

Bevor ich mich kurz in den Urlaub verabschiede und von dort hoffentlich ein paar fesche Limikolen mitbringe, möchte ich – weil doch gerade Badewetter herrscht, und alle ans Wasser drängen, – noch einen besonderen Vogel vorstellen. Für die Wasseramsel hatte ich schon eine kleine Obsession, bevor ich ihr überhaupt begegnet bin. Mein Freund Tex hatte mir diese eingepflanzt, weil er mit angeberischer Beiläufigkeit von seinen Wasseramselbegegnungen erzählte, und ich noch nie eine gesehen hatte.

Hat einen Zweitjob als Bioindikator: Die Wasseramsel © FALTER/Nüchtern

Ich hielt also Aussschau. Das Habitat der Wasseramsel war mir ja bekannt: klare, schnell strömende, sauerstoffreiche mit Steinen oder Felsen durchsetzte Bäche und Flüsse. Und siehe da, vom Fenster eines Busses der Linie 690 gewahrte ich den begehrten Vogel – an der Traisen zwischen Dickenau und Türnitz (wer’s kennt). Als ich die Stelle danach zu Fuß aufsuchte, war sie auch tatsächlich „zu Hause“.

Das mit dem Zuhause der Wasseramsel ist nicht ganz unheikel. Die Nester liegen knapp über dem Wasserspiegel in Nischen und Höhlen, und diese speziellen Anforderungen bringen es mit sich, dass geeignete Nistplätze rar und die Wasseramsel daher ziemlich standorttreu ist. Am vergangenen Wochenende wollte ich ihr wieder einmal einen Besuch abstatten und sah sie dann unweit der besagten Stelle tatsächlich über die Flussoberfläche dahinzischen, denn das ist der Wasseramsel ihr Ding. Ich habe mir nach der leider nur sehr kurzen Sichtung an diesem sehr schwülen Sonntag eine Flasche Bier in dem neben der Tierkörperabgabestelle gelegenen Stockschützenstüberl „Die Kasi’s“ vergönnt – dem einzigen Ort in Türnitz, an dem man nich was trinken kann, nachdem alle Wirtshäuser zugemacht haben. Was für ein Trauerspiel! (Die Kardinalschnitten der „Kasi’s“ sollen allerdings „ein Gedicht“ sein).

Die Wasseramsel ist klar kleiner als die Amsel und mit dieser in Wirklichkeit nicht (sehr) verwandt: Während die Amsel zu den Drosseln zählt, bilden die Wasseramseln eine eigene Familie, die so genannten Cinclidae. Cinclus cinclus ist deren einzige Vertreterin in unseren Breiten und einer der allerliebsten und appetitlichsten Vögel, denen der FaVoWa je begegnet ist. Etwa so groß wie ein Star wirkt die Wasseramsel sehr kompakt, ja fast fett, und durch die Kombi von dem rahmfarbenen Lätzchen über dem schokobraunen Bauch sieht sie einfach zum Anbeißen aus. Sie selbst ist Fleischfresser und ernährt sich vor allem von Mücken- und Fliegenlarven, an die sie – als einziger heimischer Singvogel, der das draufhat – auch durch Tauchgänge herankommt.

Voraussetzung für das entsprechende Nahrungsangebot sind reine Gewässer, weswegen die Wasseramsel auch als ein „ein Bioindikator für eine intakte Wasserinsektenfauna und relativ saubere Fliessgewässer“ gilt. Die Wasseramselabwesenheitstraurigkeit, die mich beschleicht, wenn ich an Stellen, an denen meines Erachtens Wasseramsel zwingend hingehörten, doch keiner ansichtig werde, hat also möglicherweise ökologische Ursachen: Vielleicht ist der Liesingbach, selbst dort, wo er renaturiert wurde, einfach nicht sauber genug.

Übrigens: Klaus Nüchtern zwitschert als @ClousInTheSky auf Twitter.


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