Geheimdienste: Währinger Studentenheim als Spionagenest - FALTER.morgen #429

Versendet am 12.10.2022

Ein Währinger Studentenheim als Agentennest: FALTER.morgen-Serie über Örtlichkeiten und Gebäude, in denen Spionage-Geschichte geschrieben wurde >> Der Tod einer Eisbärin >> Film-Tipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Heute schwächelt er ein bisschen, der Altweibersommer – ein paar Wolken, etwas kühler (nur bis 17 Grad): Soll was Schlimmeres passieren. Außerdem dürfte es morgen schon wieder wieder milder weitergehen.


Guten Morgen!

Heute nehme ich Sie mit in die Schattenwelt von Wien: Dass es in der Stadt von Agenten, Nachrichtenhändlern und anderem Geheimdienstgelichter nur so wimmelt, ist ein tatsächlich offenes Geheimnis; dass die österreichischen Behörden dabei immer weggeschaut haben oder gar nicht wussten, wo sie hinschauen sollten, eine altbekannte Tatsache. Wobei – die längste Zeit hatte das Schlapphut-Gewerbe in Wien ja eher harmlos-betulichen Charakter: Tote Briefkästen waren bloß todlangweilig. Unterbeschäftigte Residenten mussten sich regelrecht anstrengen, ihre Spesenbudgets durchzubringen (bei ausgedehnten Essensterminen samt Weinbegleitung mit Journalisten zum Beispiel). Man hielt sich an das unausgesprochenes Gentlemans Agreement, einander wenig und die Gastgeber gar nicht zu nerven.

Dass sich das radikal geändert hat, weiß keiner besser als der Historiker Thomas Riegler: „Es werden zunehmend rote Linien überschritten“, sagt er im Hinblick auf die Methoden, die ausländische Geheimdienste hier anwenden – Mord auf offener Straße beispielsweise.

Gleichzeitig habe es der Staat Österreich verabsäumt, den Staatsschutz rechtzeitig zu modernisieren – und durch die vom seinerzeitigen FPÖ-Innenminister Herbert Kickl organisierte Razzia im seinerzeitigen BVT (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) zusätzlich schwersten Schaden angerichtet.

Riegler weiß, wovon der spricht: Er ist als Historiker auf Geheimdienste spezialisiert und hat gerade ein neues, umfassendes Buch geschrieben, das kommende Woche erscheint: „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ heißt es, und es arbeitet die Umtriebe sowohl aus-, als auch inländischer Agenten hierzulande mit vielen Details und ohne Romantisierung auf.

Für den FALTER.morgen hat sich Riegler bereiterklärt, eine Serie unter dem Titel „Geheimes Wien“ zu verfassen, die sich um Örtlichkeiten und Gebäude dreht, in denen Spionagegeschichte geschrieben wurde. Im ersten Teil geht es um ein Studentenheim, in dem sich nach dem Krieg US-Agenten einnisteten. Weitere Teile folgen ab sofort jeden Mittwoch.

Außerdem im heutigen FALTER.morgen: Eva Konzett hat sich erkundigt, was nach dem Tod der Eisbärin Nora im Schönbrunner Zoo mit dem Leichnam des prachtvollen Tieres passiert (in manchen Zoos werden verstorbene Tiere ja einfach verfüttert) – und Michael Omasta versorgt Sie wie jede Woche mit den besten Kinotipps.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Martin Staudinger


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Thomas Riegler

Die Schlapphüte von Währing

In einem Studentenheim im 18. Bezirk fahndeten US-Agenten erst nach NS-Kriegsverbrechern und dann nach Sowjet-Spionen.

In der Währinger Michaelerstraße 11 befindet sich seit 1927 ein Studentenheim. Weniger bekannt ist, dass diese Adresse einmal ein Hotspot des Kalten Krieges war. Ab 1947 residierte hier einige Jahre lang das Counterintelligence Corps (CIC), die Spionageabwehr der US-Armee. Im besetzten Nachkriegsösterreich hatte sich dieser Geheimdienst zunächst auf die Fahndung nach NS-Kriegsverbrechern konzentriert. Doch schon bald galt die Priorität der Aufklärung der sowjetischen Seite. Aber nicht nur das. Angeblich legte das CIC bis 1950 bis zu 100.000 Dossiers an. Darin fanden sich Informationen zum Wahlverhalten, zu Trinkgewohnheiten oder zum Sexualleben bestimmter Personen.

Seit 1927 ein Studentenheim, zwischendurch das Österreich-Hauptquartier der US-Spionageabwehr: Das Haus Michaelerstraße 11 © Thomas Riegler

Um an solche Informationen zu kommen, rekrutierte das CIC auch SS- und Wehrmachtspione. Der bekannteste Fall war der SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl, der von der CIC-Stelle in Gmunden geführt wurde. Infolge von Sprachproblemen und Unerfahrenheit machte man sich abhängig von eigentlich unzuverlässigen Quellen. Denn die „Ehemaligen“ neigten dazu, die rote Gefahr zu übertreiben oder waren als Doppelagenten „umgedreht“.

Dass frühere Kriegsgegner und insbesondere Angehörige verbrecherischer Organisationen nun zu so etwas wie Verbündeten wurden, war für manche der westlichen Geheimdienstmitarbeiter schwer zu verkraften. Der CIC-Mitarbeiter Jury von Luhovnoy erinnerte sich an einen jüdischen Offizier, der wütend eine Schreibmaschine an die Wand warf, „weil er es nicht verstanden hat, wieso auf einmal Nationalsozialisten pardoniert wurden, warum man die verschonen soll und gegen die Waffenbrüder der Sowjetunion auf einmal aggressiv sein sollte.“

Ansonsten war es für das CIC ein leichtes, Informanten aus der Bevölkerung zu gewinnen. Denn immerhin konnte man als hauptamtlicher Mitarbeiter beim CIC 130 bis 200 US-Dollar monatlich verdienen, während „Zuträgerdienste“ mit Hilfspaketen abgegolten wurden. In Wien, wo ehrliche Arbeit damals rar und schlecht bezahlt war, wurde zeitweises Spionieren zu einer regelrechten „Heimindustrie“. Die Risiken waren freilich groß. Viele „kleine Fische“ gingen den Sowjets ins Netz – mit tragischen Folgen. So wurde beispielsweise das im Dienst des CIC stehende „Groissl-Netzwerk“ zerschlagen: Von den 25 festgenommenen Personen wurden 18 zwischen 1951 und 1952 in Moskau hingerichtet.

Anfang der 1950er Jahre wurde das CIC allmählich von der Central Intelligence Agency (CIA) abgelöst, die erst 1947 gegründet worden war. Am ehemaligen Wiener Hauptquartier erinnert nichts an diese Zeit.

Influence Vienna - Workshops Vorträge Konzerte

Gemeinsam wollen wir die besten Ideen für ein faires, klimafittes & ökosoziales Wien entwickeln. Was wünschst du dir von einer Grünen Stadt? Politik geht uns alle an. Diskutiere mit uns, unterhalte dich mit uns, feier' mit uns! Bringen wir auch deine Ideen zum Tanzen.

Keynotes: Katharina Rogenhofer (Klimaaktivistin, Gründerin Fridays for Future), Martin Moder (Science Buster, Molekularbiologe), Lisz Hirn (Philosophin, Autorin), Daniel Cronin (Moderator, Pitch Professor)

Live-Acts: PRESSYES, p.K.one, Lillis Ballroom

Fr. 14.10./Sa. 15.10. Ankerbrotfabrik - Eintritt frei!

Details & Anmeldung hier

Kristina Petryshche

„Ich verstehe nur Spanisch“ – so geht es vielen Wiener Polizistinnen und Polizisten bei Amtshandlungen. Seit jeher hat die Exekutive mit einem Mangel an Beamten mit einschlägigen Fremdsprachenkenntnissen zu kämpfen.

© LPD Wien

Mit dem Slogan „Wien braucht dich!“ sucht die Polizei bereits seit 2007, nun aber wieder verstärkt nach Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund. Voraussetzung für eine Bewerbung ist freilich die österreichische Staatsbürgerschaft. Falls Sie sich dafür interessieren: Heute findet von 18 bis 20 Uhr in der VHS Donaustadt eine Infoveranstaltung statt, anmelden können Sie sich hier.


Verkehrschaos, heiße Einkaufsstraßen im Sommer und Parkplätze im ersten Bezirk – weil die Stadt nach Meinung der Wiener Wirtschaftskammer (WKO) daran scheitert, Abhilfe dagegen zu schaffen, legen die Kämmerer nun ein eigenes Nutzungskonzept für die City vor. Vor allem der Schwedenplatz soll ruhiger und für Fußgänger angenehmer gestaltet werden. Gut für alle, die gerne durch die Stadt flanieren, schlecht für die, die im ersten Bezirk parken – das soll nur noch in Parkgaragen möglich sein. Geplant sind insgesamt acht Begegnungszonen, ein Umbau des Heldenplatzes und Sonnensegel über Einkaufsstraßen.


Wussten Sie, dass die Wiener Linien auch Konzerte organisieren? Wenn nicht, dann sollten Sie das nächste Konzert von FRINC und LEMO nicht verpassen. Am 14. Oktober startet das Event mit einer Mischung aus Austro-Pop, Afrobeat und Reggae im Verkehrsmuseum Remise im 3. Bezirk. Wer die Künstler sind? Zum einen der Frontsänger der österreichischen Band Folkshilfe und zum anderen ein Newcomer in der Austro-Pop Welt. Der Einlass ist um 18 Uhr, die Tickets kosten 35 Euro und gibt es hier

In Wien leben rund 1,93 Millionen Menschen. Wie viele Städte der EU haben mehr Einwohner als die österreichische Hauptstadt?*

1. Vier

2. Acht

3. Zwölf

(* ohne die Bevölkerung des umliegenden Ballungsraums)

Auflösung von gestern: Die Totenbruderschaft war ein Verein, der in Wien Bestattungen vornahm (keine satanistische Gemeinschaft und auch kein mörderischer Männerbund im 18. Jahrhundert).

Eva Maria Konzett

Noras letzter Weg

Was passiert eigentlich, wenn ein Eisbär im Zoo stirbt? Wir haben aus Anlass eines Todesfalls im Tiergarten Schönbrunn nachgefragt.

Sie kam im Kleinbus aus Tallinn. Im Kleinbus trat sie auch ihren letzten Weg an. Gestern meldete der Tiergarten Schönbrunn den Tod der Eisbärin Nora. Sie musste nach einer schweren Kolik eingeschläfert werden. Seit dem 5. Dezember 2017 hatte das Tier im Eisbärengehege gleich neben dem Robbenbecken und dem Regenwaldhaus gelebt. Nora wurde nur neun Jahre alt. 

Und jetzt? Melissa Jiricek, der Pressesprecherin des Tiergartens Schönbrunn, weiß es.

Eisbärin Nora (2013 - 2022) © Tiergarten Schönbrunn/Inari Leiman

FALTER.morgen: Was passiert jetzt mit Noras Leichnam?

Melissa Jiricek: Wir haben den Kadaver in die Veterinärmedizinische Universität geschickt. Jedes Tier, das im Tiergarten stirbt, wird pathologisch untersucht, um die Todesursache festzustellen. Das entspricht nicht nur dem Gesetz, sondern interessiert den Tiergarten Schönbrunn natürlich auch in Hinblick auf Prävention und mögliche, notwendige Maßnahmen. Was danach passiert, wird individuell entschieden. An manchen Tieren sind Museen interessiert, andere werden beispielsweise für Forschungsarbeiten herangezogen. Nur bei den Pandabären bedarf es einer vorherigen Abstimmung mit den Vertragspartnern der Volksrepublik China (Pandabären werden nur verliehen. Die gesamte Population gehört dem chinesischen Staat, Anm.)

In manchen Zoos werden verstorbene Tiere verfüttert – auch in Schönbrunn?

Nein. Verfüttert werden im Rahmen des Populationsmanagements nur Kaninchen und Ziegen aus dem Zoo, sie entsprechen den Beutetieren der Großkatzen zum Beispiel.

Das heißt, sie landen im Tigergehege?

Wir halten viele Raubtiere, die auf proteinreiches Futter angewiesen sind. 

Wie haben eigentlich die anderen Eisbären auf Noras Tod reagiert?

Eisbären sind Einzelgänger, sie kommen nur zur Paarungszeit zusammen. Das Nachwuchstier Finja hatte sich bereits von dem Muttertier distanziert. In der Natur spielt das Leben eine größere Rolle als der Tod. Da gibt es keine Emotionen. Auch beim männlichen Tier Ranzo nicht. Hier muss man aufpassen, nicht zu vermenschlichen.

Rechts-Staat Italien

Nach dem Wahlsieg der Fratelli d’Italia wird Giorgia Meloni ziemlich sicher die erste rechtsextreme Regierungschefin Europas – eine Zerreißprobe für die EU. In der aktuellen Folge unseres Podcasts analysieren der Politikwissenschaftler Helfried Carl und der Journalist Lorenz Gallmetzer m Bruno Kreisky Forum die politische Lage in Italien.

Max Goldt liest

neue und alte Texte im Theater Akzent am Samstag, 15.10.2022.

Dass Max Goldts Werk sehr komisch ist, weiß ja nun jeder gute Mensch. Dass es aber, liest man genau, zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat, dass es wahre Wunder an Eleganz und Poesie enthält und dass sich hinter seinen trügerischen Gedankenfluchten die genaueste Komposition und eine blendend helle moralische Intelligenz verbergen, entgeht noch immer vielen. Max Goldt gehört gelesen, gerühmt und ausgezeichnet.

Die Karten können direkt bei der Tageskassa, telefonisch oder im Webshop mit dem Promotionscode: FALTER10P2022 um 10% ermäßigt bezogen werden.

Lisa Kiss

Theater

Wir müssen arbeiten! Das ist der Tenor in Tschechows vielleicht bester Tragikomödie „Onkel Wanja“. Auf einem Landgut machen sich ein alter Professor und seine junge Frau breit und sorgen für Unruhe. Arturas Valudskis ist ein Tschechow-Experte und Fan behutsam-schrägen Körperhumors. (Martin Pesl)

Tag – Theater an der Gumpendorfer Straße, 20.00

Erik Svetoft: SPA

Sauna, Spa, Wellness - manchen versprechen diese Begriffe den Himmel auf Erden, für andere ist schon der Gedanke daran das Grauen. Die Lektüre der abgedrehten Graphic Novel des Schweden Erik Svetoft ist Wasser auf die Mühlen aller Skeptischen - und kein Granderwasser, sondern fauliger Schlamm. Dunkle Flüssigkeit flutet in „SPA" langsam ein Luxus-Thermenhotel. Anfangs denkt man an einen Wasserschaden, aber es eskaliert schnell und Zombies mischen sich unter die Gäste.

Svetoft hat ein Faible für Surreales und Horror. Er entwirft starke, einprägsame Bilder. Erklärung für die fortschreitende Verwesung des Personals liefert das Buch keine. Oder doch? Die Arbeitsverhältnisse sind beschämend, Chefs wie Angestellte innerlich zerfressen, Mobbing ist an der Tagesordnung. Das Buch für den nächsten Thermenurlaub. (Sebastian Fasthuber)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

The Woman King

Verleih

Action-Blockbuster, der sich auf historische Ereignisse beruft: Die Agojie, eine Armee aus furchtlosen Schwarzen Frauen, war im 19. Jahrhundert im Königreich Dahomey, dem heutigen Benin, als Garde für die Sicherheit des Herrschers verantwortlich. Oscargewinnerin Viola Davis weiß als General Nanisca durch ihre Physis zu beeindrucken. (Martin Nguyen)

Regie: Gina Prince-Bythewood, USA 2022


Liebe, D-Mark und Tod

Anfang der 1960er wurden von der Bundesrepublik Deutschland sogenannte „Gastarbeiter" aus der Türkei angeworben. Der Doku-Essay „Liebe, D-Mark und Tod“ erzählt die Geschichte der weitgehend unbekannten Musikkultur dieser Einwanderer sowie ihrer Kinder und Enkelkinder: ein schillerndes Universum musikalischer Vielfalt - von den sehnsüchtigen Liedern aus der Ferne (Gurbetci) über die gesellschaftskritischen, teils deutschsprachigen Texte jüngerer Musikerinnen und Musiker bis hin zum wütenden HipHop der 1990er.

Regie: Cem Kaya, D 2022


Mona Lisa and the Blood Moon

Mona Lisa ist Nordkoreanerin mit telekinetischen Kräften, die aus der Psychiatrie ausreißt und von der alleinerziehenden Stripperin Bonnie (ominös: Kate Hudson) aufgenommen und ausgenutzt wird, bis sie sich mit deren Sohn Charlie aus dem Staub macht. Schauermärchen im Neon-Look über Freiheit und Menschlichkeit, in Szene gesetzt von Ana Lily Amirpour, die 2014 mit „A Girl Walks Home Alone At Night“ erfreute.

Regie: Ana Lily Amirpour, USA 2021


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