Bald Anklage? Sebastian Kurz von Thomas Schmid massiv belastet - FALTER.morgen #434

Versendet am 19.10.2022

Sebastian Kurz wird von seinem früheren Gefolgsmann Thomas Schmid belastet – und zwar so massiv, dass eine Anklage gegen den Ex-Kanzler fix sein dürfte >> Warum die MA 48 von einer Notstandshilfe-Bezieherin zehntausende Euro für drei Hunde verlangt >> Serie Geheimes Wien, Teil 2: Tausende gerettete Leben und die größte Spionageaffäre der Geschichte >> Kinotipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Kühler wird's. Heute nachmittag kommt zwar die Sonne durch, die Temperatur aber nicht über 18 Grad hinaus – und das ist nur ein Vorgeschmack auf den Rest der Woche.


Guten Morgen!

Wenn Sie den heutigen FALTER.morgen in aller Früh lesen, dann sind wir gerade erst ins Bett gegangen. Es war nämlich wieder eine von diesen Nächten – nein, nicht was Sie jetzt glauben: Kein Alkohol, keine Drogen (die sowieso nicht), keine Fete. Ganz im Gegenteil. Wir waren bis spät damit beschäftigt, herauszufinden, was hinter dem Ansinnen von Thomas Schmid steckt, sich der Justiz als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen.

Die Nachricht ist gestern mitten in die Redaktionssitzung geplatzt, und damit waren unsere Feierabendpläne (Couch, Netflix) natürlich Makulatur. Es hat sich aber ausgezahlt, denn die Hintergründe der neuesten Wende in der Causa Türkis konnten Eva Konzett, Barbara Tóth und Florian Klenk bereits in Erfahrung bringen: Sie finden sich in den Einvernahmeprotokollen von Schmid, in die wir gestern Einsicht nehmen konnten. Und der Befund lautet: Sebastian Kurz wird um eine Anklage kaum herumkommen. Mehr noch – was sein ehemaliger Gefolgsmann Schmid aussagt, hat das Potenzial, den früheren Kanzler hinter Gitter zu bringen.

Danach erzählt Ihnen Konzett, was Schmids Geständnis mit den Hausdurchsuchungen zu tun haben, die gestern unter anderem beim Immobilieninvestor René Benko durchgeführt wurden.

Und dann haben wir noch eine zutiefst wienerische Geschichte für Sie, die wiederum Klenk aufgeschrieben hat (Sie sehen: Alle hatten gut zu tun in den vergangenen Tagen und Stunden): Es geht um eine Notstandshilfe-Bezieherin, von der die Stadt Wien zehntausende Euro verlangt – für die Unterbringung von drei kleinen Hunden, die man der Frau im Zuge eines Gerichtsverfahrens abgenommen hat.

Außerdem im heutigen FALTER.morgen: Der zweite Teil der Spionage-Serie „Geheimes Wien“, die der Historiker Thomas Riegler für uns verfasst. Und wie jede Woche die besten Kinotipps von Michael Omasta.

Einen schönen Tag wünscht

Martin Staudinger


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„Wir haben Dinge gemacht, die nicht in Ordnung waren“

Die zentralen Aussagen und Passagen aus den Einvernahmen von Thomas Schmid.

Schmid, als Generalsekretär im Finanzministerium und Öbag-Chef in der Ära Kurz ein enger Gefolgsmann des Wunderkanzlers, hat ordentlich ausgepackt – in der Hoffnung, als Kronzeuge um eine Haftstrafe herumzukommen: „Wir haben Dinge gemacht, die nicht in Ordnung waren“, gibt sich Schmid gegenüber der Staatsanwaltschaft reumütig.

Kronzeuge Thomas Schmid: „Sebastian Kurz hat mir gesagt, ich müsse … die ganze Schuld auf mich nehmen.“ © APA/Hans Punz

Informationen aus Juristenkreisen zufolge wurde er seit dem Sommer insgesamt 15 Mal einvernommen. Und zwar in der Steiermark, um bei seinen Besuchen in der Staatsanwaltschaft nicht sofort erkannt zu werden. Zuvor hatte Schmid seinen Rechtsvertreter, den ÖVP-nahen Anwalt Thomas Kralik gewechselt. Neuerdings wird er vom Strafrechtler Roland Kier vertreten.

Und das steht in den Einvernahmeprotokollen:

  • Der Kanzler habe ihn bedrängt, sich als Sündenbock zur Verfügung zu stellen, so Schmid: „Sebastian Kurz hat mich rund um den Zeitpunkt der Hausdurchsuchungen im Oktober 2021 angerufen und mir gesagt, ich müsse jetzt eine schriftliche Stellungnahme abgeben, wonach er nichts von all diesen verfahrensgegenständlichen Vorwürfen wisse und ich die ganze Schuld auf mich nehmen solle.“

  • Engste Mitarbeiter des Kanzlers hätten gefordert, den Wahlkampf der ÖVP mit Steuergeld aus dem Budget des Finanzministeriums zu unterstützten – was im vollen Wissen, dass das nicht legal ist, geschehen sei.

  •  Kurz habe verlangt, die wirtschaftliche Lage in Österreich mit Hilfe einer Unternehmerplattform besonders schlecht dazustellen, um sich selbst als Retter zu empfehlen.

  • Die Vorwürfe, die von der Meinungsforscherin Sabine Beinschab erhoben werden, seien allesamt zutreffend. Beinschab hatte bereits vor Monaten zu Protokoll gegeben, dass ihr von Ex-Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) Aufträge für diverse Studien für das Finanzministerium vermittelt worden seien. Dabei seien gegen Geld vereinbarte politische Fragen für Kurz und die ÖVP gestellt worden und auf Verlangen von Schmid über die Studien abgerechnet worden. Umfragen seien im Sinne von Kurz „frisiert“ worden. Karmasin habe 20 Prozent des Umsatzes „mitgeschnitten“. Publiziert wurden die Umfragen vor allem in der Zeitung „Österreich“ aus dem Medienhaus der Gebrüder Wolfgang und Helmut Fellner, das im Zusammenhang damit mit Inseraten versorgt worden sein dürfte.

  • Die Kooperation bekam den Spitznamen „Beinschab-Österreich-Tool“ – und dieses, gibt Schmid an, habe er auf direkte Anordnung von Kurz entwickelt: Dieser habe ihm „den Auftrag gegeben, ein solches ,Tool’ … aufzubauen“ (und zwar nach Vorbild einer ähnlichen Konstruktion im Umfeld der SPÖ). Kurz sei regelrecht „fasziniert“ davon gewesen, so Schmid: „Für mich war das ein Auftrag vom angehenden Chef“.

  • Kurz habe Wert darauf gelegt, dass Informationen über Beinschab und ihre Arbeit vernichtet werden: „Er wollte wissen, ob die Beinschab-bezogenen Chats gelöscht sind oder noch vorhanden sein könnten“, berichtet Schmid gegenüber der Staatsanwaltschaft.

 Schmid belastet aber nicht nur Kurz, sondern auch

ÖVP-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. Dieser habe im Finanzministerium interveniert, um Steuerprüfungen beim parteinahen Alois-Mock-Institut und der Erwin-Pröll-Stiftung zu stoppen – erfolgreich. 

… den Immobilieninvestor René Benko. Dieser habe versucht, ihn – Schmid – für Steuererleichterungen zu bestechen. Und zwar mit der Aussicht auf einen 300.000-Euro-Job.

… und den früheren Finanzminister Hans Jörg Schelling. Dieser habe dafür gesorgt, dass dem Unternehmer Siegfried Wolf die volle Höhe einer drohenden Steuernachzahlung erspart blieb.

Während ich das schreibe, brüten die Kolleginnen Tóth, Konzett und Klenk ebenfalls über den Aussagen von Schmid. Sie arbeiten an einer ausführlichen Geschichte, die einordnet, was bislang vor allem als Gewurl an Zitaten bekannt ist. Den Text können Sie aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe des Vormittags auf falter.at lesen.

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„Überstürzter Abzug“

2018 lässt René Benko den Firmensitz seiner Signa Holding von Wien nach Innsbruck verlegen. Wollte er damit einem Steuerverfahren in Wien entgehen? 

von Eva Maria Konzett

In der Maria-Theresien-Straße 31 in Innsbruck klopften gestern Polizisten mit den Worten „Hausdurchsuchung” an die Tür. Hier in der Prachtstraße der Stadt sitzt die Signa Holding des Immobilienunternehmers René Benko. Die Ermittler interessierten sich nämlich für Gutachten und Steuerfragen rund um den Tuchlauben-Komplex in der Wiener Innenstadt – jene Liegenschaften, die Benko zur Luxusstraße „Goldenes Quartier” umgebaut hat.

Die Hausdurchsuchung steht jedenfalls in Zusammenhang mit Thomas Schmid. Wie am Dienstag bekannt wurde, will sich der frühere Generalsekretär im Finanzministerium und Ex-Öbag-Chef der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge zur Verfügung stellen. Schmid wurde von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft seit Juni schon 15 Mal vernommen. Was er ausgepackt haben könnte? Dass offenbar René Benko Schmid einen hohen Posten in seinem Konzern angeboten haben soll, wenn dieser für ihn Steuersachen erledige. So zumindest der Verdacht der WKStA.

Inmitten eines vehementen Steuerstreits mit dem Finanzamt Wien hatte Benko jedenfalls die Signa-Zentrale überhaupt erst nach Innsbruck verlegt. 2018 hatte zuvor das damals noch zuständige Finanzamt Wien nach einer Außenprüfung Steuern für 50 Millionen Euro für den Tuchlauben-Komplex gefordert. Und Benko wollte nicht zahlen. 2007 hatte Benko gemeinsam mit Investoren den Immobilienkomplex „Imperial” von der Bawag PSK erworben, darunter den „Komplex Tuchlauben”, drei angrenzende Immobilien mitten in der Innenstadt: Tuchlauben 3/Bognerstraße 2, Tuchlauben 5-7 und Tuchlauben/ Steindlgasse 1-3.

„Goldenes Quartier” auf der Wiener Tuchlauben: Versuchte René Benko, über eine versteckte Ausschüttung die Steuerlast zu drücken? © APA/Fohringer, Hochmuth

2008 löste er den Komplex Tuchlauben aus dem Portfolio heraus, verkaufte ihn an einen ihm nahestehenden Sicur-Fonds in Luxemburg - zu einem sehr niedrigen Preis von 141 Millionen Euro. Der Fonds verkaufte den Komplex nur 14 Tage später um 195 Millionen Euro an die PA81 WT Holding Gmbh weiter, eine Mantelegsellschaft der Anwaltskanzlei Wolf Theiss, die wiederum Benko zuzurechnen ist. Das sind um 54 Millionen Euro mehr, als zwei Wochen zuvor für dieselben Liegenschaften bezahlt worden waren. Das geht aus Akten hervor, die dem Falter vorliegen. Versteuert hat der Sicur-Fonds den Gewinn nicht. Der Sicur-Fonds beschloss dann, eine Zwischendividene an die Benko nahestehende Laura Privatstiftung auszubezahlen. 35 Millionen Euro überwies er im November 2008 an diese, auf ein extra für diese Zahlung eingerichtetes Bankkonto in der Schweiz. Weitere, kleinere Beträge folgten. 

Die Sache: Der ursprüngliche Verkaufswert von 141 Millionen Euro unterbot zwei Gutachten namhafter Immobilienexperten, die den Komplex beide mit mindestens 163 Millionen Euro bewertet hatten. Eine deutsche Bank hatte sogar einen Gesamtwert von 241 Millionen berechnet.

Laut Ansicht des Finanzamtes Wien hat Benko offenbar versucht, über eine versteckte Ausschüttung die Steuerlast zu drücken. Eine versteckte Ausschüttung liegt vor, wenn einander nahestehende Kapitalgesellschaften „fremdunübliche” Geschäfte untereinander machen, das heißt, zu besonders guten Konditionen. Versteuert werden müssen diese Geschäfte aber nach den Verkehrswerten.

Nur wo diese ansetzen? Hier geht's weiter zur gesamte Geschichte.

Der Preis ist heiß

Die Inflation ist hoch wie schon lange nicht mehr – und demnächst sogar vielleicht galoppierend. Was dazu geführt hat und was dagegen getan werden kann, erklärt WIFO-Experten Josef Baumgartner, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO, im Gespräch mit FALTER.morgen-Redakteurin Soraya Pechtl: Zur aktuellen Folge unseres Podcasts geht es hier.

Florian Klenk

Im Spitzkasten

Der Notstandshilfebezieherin Andriana Z. wurden drei Spitzwelpen abgenommen. Für die Betreuung sollte sie der Stadt Wien 30.000 Euro bezahlen. Einblicke in eine völlig aus dem Ruder gelaufenen städtischen Tierschutz-Bürokratie.

Andriana Z., 55 Jahre, empfängt Gäste in ihrem kleinen Schlafzimmer, wo sie arbeitet, wohnt und schläft. Ihr zweites Zimmer hat sie untervermietet. Sie reicht Filterkaffee und einen Keks und erzählt, einst sei sie Ingenieurin in Bulgarien gewesen, der Kommunismus habe ihr die Hoffnung geraubt.

Beschlagnahme der Hunde von Andriana Z.: 29.101 Euro und 68 Cent sollte die Frau für die Unterbringung der Tiere durch die MA 48 zahlen © privat

Sie kam nach Wien, verdingte sich als Putzfrau in Österreich, seit einer Tumorerkrankung bezieht sie Notstandshilfe von 23,17 Euro pro Tag, das sind knapp 700 Euro im Monat.

500 Euro gehen davon für Strom, Gas und die Miete weg, bleiben 200 Euro, das sind etwa sechs Euro pro Tag zum Leben. Die Kinder stecken ihr manchmal ein bisschen Geld zu, ihr Mann hat sie verlassen.

Ehe er auszog, drückte er ihr aber noch drei Spitzwelpen in die Hand. Sie sagt, es war lieb gemeint. Aber inzwischen hat die tierliebende Bürokratie der Stadt Wien wegen der Welpen ihr Leben zerstört.

Die Existenzvernichtung von Frau Z. beginnt im Winter 2019 mit einer Denunzierung in einem etwas heruntergekommenen Zinshaus in Wien Brigittenau. Sie hätte im Müllhof des Hauses drei Welpen „öffentlich zum Kauf angeboten“, lautete die anonyme Anzeige beim Magistrat. „Ist Bledsinn“, sagt Frau Z. und zeigt von ihrem Fenster in den von außen abgesperrten Hof. Wieso soll sie ausgerechnet hier, wo niemand hinkommt, Hunde anbieten?

Nein, die Hunde seien für sie und ihre Enkel bestimmt gewesen und nicht zum Verkauf. Die Sache sei ganz harmlos gewesen: Ihr Mann habe die Tiere um 100 Lewa, rund 50 Euro, in Bulgarien gekauft, gechipt, geimpft und ihr in Wien überreicht. Sie wollte mit den Tieren zum Tierarzt gehen. Tatsächlich hat sie ein Mail mit einem fixierten Impftermin. Doch ehe es dazu kam, sei schon das Veterinäramt vor der Tür gestanden. Das war am 19. Dezember 2019.

Die Behörde warf Adriana Z. vor, die Tiere illegal eingeführt zu haben. Wichtige Zertifikate würden fehlen. Es muss grob zugegangen sein bei der Beschlagnahme der Hündchen. Adriana Z. zeigt Handy-Fotos. Nicht nur Magistratsbeamte, auch Polizisten stehen in ihrem engen Schlafzimmer. Man sieht die Welpen in einer grauen Box am Gehsteig, sie wurden weggebracht, ins Tierquartier Wien, eine städtische Einrichtung.

Ihr Mann hatte nach der Amtshandlung ein Hämatom am Unterarm, Andriana hat auch das fotografiert. Die Stadt Wien hat Frau Z. aber nicht nur die Hunde abgenommen, sondern nach zwei Jahren Rechtsstreit einige Strafbescheide und Zahlungsaufforderungen zugestellt. Sie sei eine illegale Welpenhändlerin, ihre Angaben Schutzbehauptungen.

Es stimme schon, dass der Hof nicht zugänglich gewesen sei. Aber „es hätten 48 Wohnungen Zugang zum Innenhof“, das sei Öffentlichkeit genug. Außerdem dürfe man Hunde nicht einfach zwischen EU-Staaten hin und her transportieren.

Frau Z. wehrt sich gegen eine Verurteilung und das dauert. Die Hunde sind derweil im Stadtgewahrsam. Für den Tag der mutmaßlichen Tat habe sie ein Alibi. Der Bescheid wird aufgehoben. Die Behörde straft erneut. Der angelastete Tag sei ein Schreibfehler gewesen. Sie beruft wieder. Die Sache wandert vom Magistrat zum Landesverwaltungsgericht, vom Landesverwaltungsgericht zum Magistrat und von dort wieder zum Landesverwaltungsgericht. Und am Ende des zwei Jahre währenden Verfahrens, am 26. Jänner dieses Jahres, fasst Frau Z. 900 Euro Strafe aus. Ratenzahlung abgelehnt. Am dritten Mai dieses Jahres erklärt die Stadt Wien die Zwergspitze in einem weiteren Bescheid für „verfallen“. Sie gehen nun ins Eigentum der Gemeinde Wien über, die die Tiere, falls niemand sie will, „schmerzlos töten“ darf, wie es im Bescheid heißt. 

Aber dann kam diesen Sommer noch ein Schreiben des Veterinäramts dazu, eine „Kostenvorschreibung nach dem Tierschutzgesetz“. Frau Z. müsse dem Tierquartier, das die MA 48 betreibt, die Kosten für Futter, Aufsicht und Tierarzt ersetzen.

Pro Spitz und Tag seien rund 30 Euro zu ersetzen. Das sind bei 324 Tagen: 29.101 Euro und 68 Cent. So viel kostet die Pauschale des städtisch betreuten Zwingers für den „Zwergspitz weiblich, rotbraun“, den „Zwergspitz weiblich, schwarz“ und den „Zwergspitz weiß/rotbraun“, alle geboren am 1. Oktober 2019. Zu zahlen „binnen zwei Wochen ab Rechtskraft dieses Bescheides bei sonstiger Exekution“.

„Das Geld habe ich nicht“, übersetzt eine Dolmetscherin Andriana Z.s Worte im Wohnschlafzimmer, „bitte fragen Sie die Politik, wieso ich mit 23,17 Euro auskommen muss, aber die Stadt für drei Welpen pro Tag 100 Euro verlangt“.

Frau Z. nimmt sich eine Anwältin, Claudia Bogensberger, die beruft – diesmal gegen die Gebühren des Tierquartiers. Das Gericht entdeckt erneut Fehler der Stadt, reduziert die Kosten für die Unterbringung nun auf 13.293 Euro und 36 Cent. Zahlbar binnen 14 Tagen. Frau Z. hat auch diese Summe nicht.

Darf das wahr sein? Ja, sagt das Büro des zuständigen Stadtrats Jürgen Czernohorszky, SPÖ. Die Kosten für die Unterbringung beschlagnahmter Welpen könne doch nicht die Öffentlichkeit tragen, sondern die Straftäterin selbst. Wenn sie berufe, trage sie das Risiko der Betreuungskosten. Bald wird der Gerichtsvollstrecker im Wohnschlafzimmer stehen.

Thomas Riegler

Metternichgasse 6, 1030 Wien

Gleich um's Eck vom Belvedere rettete der britische Geheimdienst nicht nur Tausende Leben – auch eine der größten Spionageaffären der Geschichte nahm hier zumindest mittelbar ihren Ausgang.

An der herrschaftlichen Adresse Metternichgasse 6 in Wien-Landstraße befindet sich ein Nebensitz der britischen Botschaft. Kaum jemand weiß jedoch, dass hier schon in den 1920er Jahren der wichtigste Außenposten des Secret Intelligence Service (SIS) situiert war. Denn Wien galt bereits damals als Spionagezentrum. Hauptgrund war ähnlich wie heute die zentrale geographische Lage. Besonders aktiv waren die sowjetischen Dienste. Sie nutzten die Stadt als Hauptquartier für Operationen in den angrenzenden Ländern.

Kim Philby, 1963 als Doppelagent für die Sowjets enttarnt, heiratete 1934 in Wien einen Kommunistin – und konnte sie mit Hilfe des britischen Geheimdienstresidenten in Großbritannien in Sicherheit bringen. © Thomas Riegler

Das rief die Westmächte auf den Plan. Die Leitung der Wiener SIS-Station hatte Captain Thomas Kendrick. Er und seine Mitarbeiter waren offiziell für Visa-Angelegenheiten zuständig. Tatsächlich spürten sie der sowjetischen Gegenseite nach. Kendrick ließ nicht nur Telefonkabel anzapfen, sondern verfügte auch über einen Informanten bei der Polizei. Es genügte aber schon, in den Caféhäusern aufmerksam zuzuhören. Speziell im Louvre, Herrenhof oder Atlanta trafen sich nämlich Korrespondenten, einheimische Politiker, Künstler und Intellektuelle.

Unter anderem frequentierte der junge Kim Philby das Café Louvre. Der spätere hochrangige SIS-Offizier und insgeheime KGB-Spion kam 1933 mit 21 Jahren nach Wien, gleich nach seinem Abschluss in Cambridge. Philby verliebte sich schnell in seine Quartiergeberin, „Litzi“ Friedmann. Diese war für die Komintern, eine kommunistische Untergrundorganisation, tätig. Gemeinsam durchlebten sie die Februarkämpfe 1934 und halfen Schutzbündlern bei der Flucht. Um Litzi nach Großbritannien Sicherheit zu bringen, heirateten die beiden im Wiener Rathaus. Ihren Pass bekam Litzi von Kendrick. Offenbar entging ihm der Hintergrund des Paars. Eine Warnung hätte womöglich eine der größten Spionageaffären der Geschichte verhindert. Denn Philby wurde noch 1934 vom KGB rekrutiert. Bald war er Teil der „Cambridge Five“, eines legendären Agentenrings, und wurde erst 1963 enttarnt.

Kendrick und die SIS-Station spielten nach dem „Anschluss“ 1938 noch eine besonders wichtige Rolle: Ab März 1938 ermöglichten sie innerhalb von zwei Monaten jeden Tag zwischen 175 und 200 Jüdinnen und Juden die Ausreise nach Großbritannien. 15 Stunden pro Tag wurde durchgearbeitet, während Hunderte Schlange standen. Unter den rund 10.000 Geretteten befanden sich beispielsweise Sigmund Freud oder der spätere Verleger George Weidenfeld.

Kendrick geriet aber ins Visier des Wehrmacht-Geheimdienstes. Am 17. August 1938 verhaftete man ihn nahe Salzburg. Aufgrund von diplomatischem Protest wurde Kendrick innerhalb von Tagen ausgewiesen. Das war das Ende für die SIS-Station in Wien. Eine Fluchtroute war damit geschlossen. Kendrick machte während des 2. Weltkriegs weiter Karriere im SIS. Unter anderem ließ er Quartiere deutscher Kriegsgefangener verwanzen. 100 jüdische Flüchtlinge hörten alle Gespräche mit und gewannen so wichtige Informationen.

Thomas Rieglers neues Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen.

Welche Wiener Sehenswürdigkeit mit Rekordcharakter befindet sich am Schwarzenbergplatz?

1) Der kleinste Weingarten

2) Die älteste Verkehrsampel

3) Der letzte Paternoster

Auflösung von gestern: „Buddhas Hand“ ist eine von rund 100 Zitrusfrucht-Sorten, die in der Orangerie des Schlosses kultiviert werden (keine Skulptur und auch keine Bambus-Pflanzung).

Erratum: In unserer gestrigen Auflösung haben wir die endgültige Abschaffung der Todesstrafe in Österreich mit 1950 angegeben. Tatsächlich wurde sie in diesem Jahr nur im ordentlichen Strafverfahren durch die lebenslange Freiheitsstrafe ersetzt, hätte aber noch von den Volksgerichten (bis 1955) bzw. im Fall standesgerichtlicher Verfahren (bis 1968) vollstreckt werden dürfen, was aber in der Praxis freilich nie geschah.

Lisa Kiss

Musik

Das Ensemble Orjazztra Vienna ist mit zwei Bässen, zwei Schlagzeugen, Klavier sowie sechs Holz- und sechs Blechbläsern großzügig besetzt. Christian Muthspiel, Komponist und musikalischer Leiter,  regt an, es eher als zeitgenössisches Jazzorchester denn als Big Band zu bezeichnen. Komplexe Partituren und Improvisation stehen einander dabei nicht im Weg. Neben dem Orchesterspiel bekommen auch die Solistinnen und Solisten genug Raum. (Sebastian Fasthuber)

Porgy & Bess, 20.30

Sophinette Becker: Leidenschaftlich analytisch

Die Sexualforscherin und feministische Psychoanalytikerin Sophinette Becker leitete von 1994 bis 2011 die sexualmedizinische Ambulanz an der Uniklinik Frankfurt a.M. und war Mitherausgeberin der Zeitschrift für Sexualforschung. Becker starb überraschend Ende 2019. Der von Anna Koellreuter und Margret Hauch herausgegebene Band „Leidenschaftlich analytisch“ versammelt Texte, die die Autorin zwischen 1984 und 2019 geschrieben hat … (Johanna Muckenhuber)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

Der Passfälscher

Neben den zu fälschenden Ausweisen und den Lebensmittelmarken als Bezahlung überreicht der Widerstandskämpfer Franz Kaufmann seinem neuen Mitarbeiter Cioma Schönhaus auch eine violette Krawatte. Der junge Passfälscher solle sich, falls die Gestapo an seine Tür klopft, damit erhängen. Wir schreiben das Jahr 1942: Ciomas jüdische Familie wurde deportiert, er selbst blieb – noch – verschont, da er als Arbeiter in der Rüstungsindustrie eingesetzt ist. An der Seite seines besten Freundes Det und seiner großen Liebe Gerda schlägt er sich mit Mut und Chuzpe durchs Leben. Nach dem gleichnamigen autobiografischen Bericht von Cioma Schönhaus. (Sabina Zeithammer)

Regie: Maggie Peren, D/LUX 2022


Triangle of Sadness

© Verleih

Carl und Yaya haben sich mit Instagramfotos einen Namen gemacht und erhalten die Einladung zu einer Luxuskreuzfahrt. An Bord sind Oligarchen, IT-Milliardäre, Waffenhändler, fadisierte Ehefrauen und ein Kapitän (Woody Harrelson), der im Suff gern Marx zitiert. Nach einem Sturm finden sich das junge Paar mit den Milliardären und der Reinigungsfachkraft Abigail (Dolly De Leon) auf einer verlassenen Insel wieder und plötzlich ist die Hierarchie auf den Kopf gestellt. „Subtil ist hier nichts. Die Komödie erzählt voller bitterböser Pointen von Klassendenken und Machtgefälle; ein derber Rundumschlag, der sich seiner moralischen Überlegenheit sehr gewiss ist.“ (Martin Nguyen)

Regie: Ruben Östlund, SWE/D/F/GB 2022


Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit

Doku mit und über den Schweizer Bestsellerautor Martin Suter und sein literarisches Universum, das sie in angenehm unaufgeregtem Plauderton auf privater wie beruflich-künstlerischer Ebene näherbringen will. Dazwischen werden Passagen aus seinen Romanen illustriert, was die Zuschauer:innen nicht weniger kalt lassen dürfte als den Schriftsteller.

Regie: André Schäfer, CH/D 2022


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