Oberlaa: Wenn die Stadt die Dörfer frisst - FALTER.morgen #447

Versendet am 09.11.2022

In Oberlaa bedrohen Wohnbauprojekte die letzten intakten Ortskerne und Äcker: Ein Warnruf von FALTER-Architekturkritiker Maik Novotny und eine Antwort von Wiens Planungsdirektor Thomas Madreiter >> Der erste Tag im Chorherr-Prozess >> Das Ende eines KGB-„Menschenräubers“ in einem Ottakringer Gemeindebau >> Film-Tipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Der nächste Nebeltag – und die Stadt bleibt „grau in grau" und „kalt, kalt, kalt", wie es in dem passenden Lied „Alles Grau" der deutschen Band „Isolation Berlin" heißt.


Guten Morgen!

Waren Sie schon einmal in Oberlaa? Also nicht bloß in der Therme, sondern ein Stückchen dahinter, wo die Stadt ausfranst. Ich gestehe: Mich selbst hat es kürzlich zum ersten Mal bei einer Recherche in die Gegend verschlagen. Schimpfen Sie mich ruhig einen Romantiker mit reaktionären Tendenzen – aber meine Landpomeranzen-Seele war angenehm berührt. Da liegt, nur ein paar hundert Meter vom dicht verbauten Stadtgebiet entfernt, eine dörfliche Welt: Struppige G’stettn und buschige Feldraine, kleine Bauernhöfe und alte Wirtshäuser. Unser Architekturkritiker Maik Novotny erzählt, dass dort draußen manchmal sogar Schakale gesichtet werden – und er macht sich in einer Geschichte, die vergangene Woche im FALTER erschienen ist, ein bisschen Sorgen um Oberlaa.

Denn Wien wächst, und frisst sich dabei immer weiter in das Umland hinaus. An den Südhängen des Laaerbergs sind große Bauprojekte im Werden – nicht nur, um den kommunalen Wohnungsbedarf zu stillen, sondern auch aus Spekulationsgier: „Auf dem Spiel stehen die letzten Dorfkerne und Gemüseäcker“, schreibt er.

Das will der Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter so nicht stehen lassen. Er hat eine Antwort auf die Kritik von Maik Novotny verfasst, die Sie ebenfalls im heutigen FALTER.morgen finden.

Außerdem noch: Lukas Matzinger berichtet vom ersten Verhandlungstag im Prozess gegen Christoph Chorherr und einige prominente Immobilieninvestoren (hier eine Zusammenfassung der Hintergründe des Verfahrens). Und Thomas Riegler erzählt in der dritten Folge unserer Serie „Geheimes Wien“ die unglaubliche Geschichte eines Unterweltlers, der zum „Menschenräuber“ für den KGB wurde.

Einen schönen Tag wünscht

Martin Staudinger

PS: Dass die österreichische Medienbranche tiefsitzende Probleme hat, ist nicht erst seit dem Abgang der Chefredakteure von Presse und den ORF-TV-Nachrichten offenkundig. Meine Kollegin Barbara Tóth arbeitet gerade an einer großen Geschichte über das Thema – und da würde uns etwas von Ihnen interessieren: Was möchten Sie gerne von und über uns (also nicht nur den FALTER, sondern die Medien generell) wissen? Schicken Sie uns unter morgen@falter.at Ihre zwei, drei brennendsten Fragen, und wir leiten sie an Barbara weiter.


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Maik Novotny

Wohin sollen wir noch wachsen?

Beim Kurpark Oberlaa fahren Bulldozer auf, in Rothneusiedl entsteht die nächste Seestadt Aspern. Auf dem Spiel stehen die letzten Dorfkerne und Gemüseäcker Wiens und die Kernfrage der Stadtplanung.

Kürbisse in Orange und Gelb, Paprika und Äpfel in Rot, Petersilie und Suppengrün. Das meiste aus lokalem Anbau, geerntet vom Feld ums Eck. Den Oberlaaer Dorfmarkt gibt es zwar erst seit drei Jahren, aber erfolgreich: Am Samstag schieben einander Dutzende Besucher aller Generationen durch diesen malerischen Hinterhof.

Vorne Dorf, hinten Stadt: Wo man heute vom Oberlaaer Feld auf den Laaerberg schaut, könnten bald 25 Meter hohe Häuser stehen © FALTER/Heribert Corn

Einer der Stände führt weder Eingemachtes noch Hirschwürstl, hier steht ein Modell aus Karton, etwa eineinhalb Meter lang. „Mah schau, ein Fahrradspielplatz“, ruft ein Bursche einem anderen zu. Sehr grün ist der Entwurf, liebevoll gesetzte Bäume, ein kleines Zelt, Spielflächen, wenige Häuser, nur ein einsames Styroporhochhaus.

Dahinter steht Richard Stocker, ein sanftmütiger Mann, der sich vor gut vier Jahren nicht mehr anders helfen konnte, als eine Bürgerinitiative „Lebensraum Oberlaa“ zu gründen.

Im Kampf gegen das, was den Oberlaaern rund 800 Meter nördlich ihres Dorfmarkts bevorsteht: zwischen der Therme Wien und dem „Serviced Apartments“-TABA-Tower, an der Endstation der U1 und vor dem Eingang des Kurparks. Also dort, wo die Natur in den vergangenen Jahren ihre Rechte wieder geltend gemacht hat. Wo früher das wuchtige Kurmittelhaus aus den 1970ern stand, ist jetzt eine Wiese. Wo einst der 67er seine letzte Schleife zog, wuchert Gras aus den Ritzen. Gewidmet ist das Gebiet aber als Bauland, und davon will die Stadt schon bald Gebrauch machen. Bis zu 25 Meter hoch, sagen die Pläne.

Wie bei jeder Stadtentwicklung in Wien geht es um Wohnbauten, geförderte wie frei finanzierte. Denn Wohnungen braucht diese Stadt immer und Apartments mit Kurparkblick versprechen Rendite. So weit, so üblich. Aber diese Baumasse ist den Oberlaaern zu viel. Warum? „Kommen Sie mit auf eine Rundfahrt“, Richard Stocker winkt.

Von Oberlaa entlang des Liesingbachs nach Unterlaa, und man fühlt sich wie weit draußen in Niederösterreich oder schon im pannonischen Ungarn. Doch die Stadtgrenze entlang der S1 Außenringschnellstraße fasst das hier noch als Wien. Kirche, Mühle, Wirtshaus, Wiese, nach Süden die Felder. Umzüge, Vereinsleben, Erntedankfest, fünf von früher 30 Heurigen gibt es noch.

„Hier kommen oft Rehe, manchmal Schakale“, sagt Stocker. Sonst sei man unter sich. Hier ist der Wiener noch stolz auf die Landwirtschaft, auf den „Langen Oberlaaer“, eine besonders aromatische Sorte Petersilienwurzel. Wobei: Als Wiener fühlen sich die Gefragten auf dem Dorfmarkt nicht, nicht einmal als Favoritner. Erst wer in die U1 steigt, fährt „in die Stadt“ …

Hier geht's zum ganzen Text – und die Antwort von Stadtplanungsdirektor finden Sie gleich unten.

Fair Fashion, ein Mitbringsel oder fair gehandelte Bio-Lebensmittel: All das finden Sie im Weltladen in der Lerchenfelder Straße 18-24 in 1080 Wien.

Lassen Sie sich überraschen von der vielfältigen Auswahl an Mode, Kunsthandwerk und Lebensmitteln, wie Kaffee, Schokolade oder Tee – alles aus Fairem Handel von EZA Fairer Handel.

Thomas Madreiter

Es geht nicht nur um's Geld

Werden die letzten Dorfstrukturen am Südrand Wiens durch Stadterweiterung und Spekulation zerstört? Des Wiener Planungsdirektor will das nicht so stehen lassen.

In Falter 44/22 macht sich Maik Novotny auf Exkursion in den Süden Wiens und fragt sich, warum die Stadtplanung glaubt, neue Siedlungsgebiete entwickeln zu müssen. Seine Perspektive auf die Stadtplanung als vorrangig dem Kapital verpflichtetes Unterfangen entspricht nicht der Realität.

Wien gehört zu jenen erfolgreichen Städten in Europa die Chancen bieten, Lebensträume zu verwirklichen. So ist Wien in den letzten 30 Jahren um über 400.000 Menschen gewachsen und auf dem Weg zur Zwei-Millionen-Stadt – und gerade das bietet neue Chancen. Die Stadt wird jünger und vielfältiger. Es entstehen innovative Geschäftsideen und neue Unternehmen. Straßen, Plätze und Grätzel werden zu öffentlichen Räumen mit hohen Aufenthaltsqualitäten umgebaut, die Kunst- und Kulturszene wird noch vielfältiger und spannender. Und das alles, ohne die 50 Prozent Grünraum in der Stadt zu gefährden.

Um diese dynamische Entwicklung mit sozialer und ökologischer Verantwortung zu verbinden, hat Wien eine klare Stadtentwicklungsstrategie: Nutzung der Potentiale in der Bestandsstadt, die Umgestaltung von innerstädtischen Brachflächen, wobei hier insbesondere die freigewordenen Areale bei den Bahnhöfen zu nennen sind – wie etwa der Nordwestbahnhof oder das Sonnwendviertel. Und als drittes das Erschließen neuer Potentiale für die Stadterweiterung. Entwickelt wird entlang der U-Bahn, kompakte bauliche Strukturen sind ein wesentlicher Beitrag zu Klimaschutz …

Hier geht's zum gesamten Text.

Lukas Matzinger

Unschuldsbekenntnisse

Der erste Tag im Chorherr-Verfahren: Die Ankläger geizen mit Beweisen, die Co-Angeklagten des grünen Ex-Politikers mit Angaben zu Vermögen und Einkommen.

Würde in diesem Gerichtssaal die Decke einstürzen, gäbe es in Wien bald keine Bauprojekte und Anwaltskanzleien mehr.

Auf der Anklagebank des großen Schwurgerichtssaals saß gestern die erste Reihe der Immobilienbranche: René Benko, Michael Tojner, Erwin Soravia, Günter Kerbler. Und in ihren Rücken manche der teuersten Strafverteidiger der Stadt: Michael Rami, Norbert Wess, Richard Soyer.

Und das alles seinetwegen, ganz links: Christoph Chorherr.

Beantragt neuerlich Diversion: Christoph Chorherr © APA/Georg Hochmuth

Als Stadtplanungssprecher der Wiener Grünen war er jahrelang ein (oder der) Kopf der hiesigen Stadtentwicklung. Dass er und neun andere nun Angeklagte sind, liegt an seiner zweiten Funktion: Als Obmann eines privaten Wohltätigkeitsvereins ließ Chorherr Schulen in südafrikanischen Townships bauen. Und zu seinen Spendern gehörten über die Jahre auch viele Baumagnaten.

Das Gericht will seit gestern wissen: Ob sich die Unternehmer von den Spenden amtliche Hilfe Chorherrs erwarteten, etwa Flächenwidmungen zu ihren Gunsten. Und ob der Politiker Chorherr in irgendeiner Form für die Spender seines Vereins interveniert hat. So begann nicht nur ein weiterer Korruptionsprozess, mit einigen Einblicken in die Hinterzimmer der Wiener Bauwirtschaft. Im Straflandesgericht steht in den kommenden Wochen ein bisschen auch die weiße Weste der Grünen zur Verhandlung, die ein Bestechlichkeitsurteil in ihren Reihen gerade gar nicht brauchen könnten.

Die Erkenntnisse des ersten Tages halten sich in Grenzen.

Erstens: Die Staatsanwaltschaft sparte im Eröffnungsplädoyer jegliche Beweise aus.

Zweitens: Alle Angeklagten bekannten sich unschuldig, Chorherrs Anwalt bot wieder eine Diversion an, um den „Fehler“ der Doppelfunktion seines Mandanten auszubügeln.

Drittens: In dieser Preisklasse machen Angeklagte beim Abfragen der Personalien „keine Angaben“ zu Einkommen und Vermögenswerten.

„Der nächste“, sagt Richter Michael Tolstiuk. Am Montag soll es weitergehen.

Soraya Pechtl

Die Forderungen der Arbeitnehmer sind klar und sie sind laut: „Arbeitszeit runter, Löhne rauf!”, skandierten gestern rund 3.000 Demonstrantinnen und Demonstranten (laut Veranstalter), begleitet von Trillerpfeifen und Ratschen, am Christian-Broda-Platz in Wien.

Freizeitpädagoginnen, Jugendarbeiter und Pflegekräfte versammelten sich gestern am Christian-Broda-Platz in Wien © FALTER/Pechtl

Die Kundgebung war eine Antwort auf die stockenden Lohnverhandlungen in der Sozialwirtschaft, organisiert von den Gewerkschaften Vida und GPA (mehr darüber lesen Sie hier). Die Arbeitnehmervertreter fordern eine Arbeitszeitreduktion und 15 Prozent mehr Lohn, zumindest aber ein Plus von 350 Euro. „Viele können sich ihr Leben nicht mehr leisten”, meint Eva Scherz, Chefverhandlerin der GPA. Es gehe aber auch darum, dass die Anstrengungen der Beschäftigten während der Coronapandemie anerkannt werden: „Die KollegInnen im Pflegeheim müssen nach wie vor mit Maske arbeiten und drei mal in der Woche zum Testen.”

Momentan liegen die Vorstellungen von Arbeitgeber (sie bieten 7,5 Prozent) und Arbeitnehmerseite noch weit auseinander. Werden die Demos daran etwas ändern?

Das wird sich am 16. November zeigen, wenn die Verhandlungen weitergehen. Eine Demonstrantin ist sich aber sicher: „Erst wenn wir kämpfen, werden die Arbeitgeber auf uns zugehen”, meint sie im Vorbeigehen. 


Sie denken beim Wort Bauordnung vielleicht an penibel einzuhaltende Bauabstände, umständliche Anträge und andere Gemeinheiten, die die Bürokratie bereit hält? Die Bauordnung kann mehr als das. Zumindest soll sie das bald. Im kommenden Jahr steht nämlich eine Novelle des Wiener Landesgesetzes an. Die neue Bauordnung soll den Gebäudesektor klimaneutraler, das Wohnen leistbarer und Verfahren schneller machen. Wie? Darüber beraten heute und morgen Expertinnen und Experten bei einer Enquete im Wiener Rathaus. 

Geladen sind auch Mitglieder der Oppositionsparteien. Und die haben bereits im Vorfeld einiges auszusetzen. Peter Sittler, Wohnbausprecher der ÖVP Wien, ortet im Standard einen „Marketingschmäh”, weil die Opposition nicht eingebunden werde sondern bei der Enquete nur zuhören dürfe. Das beklagen auch die Grünen. Bei einer gestrigen Pressekonferenz stellten Parteichef Peter Kraus und Wohnbausprecher Georg Prack zudem fünf Forderungen für die Reform:

  • Ausstieg aus Gasthermen

  • Verpflichtende thermische Sanierungen von Gebäuden

  • Ausweitung der erneuerbaren Energiequellen

  • Maßnahmen gegen die Hitze sowie

  • weniger Bodenversiegelung, Entsiegelung und eine Leerstandsabgabe. 

Einige dieser Themen (darunter Bodenentsiegelung und Dekarbonisierung) stehen ohnehin bereits auf der Tagesordnung der morgigen Konferenz.

Innenansicht auf Putins Krieg

Misha Glenny und Andrei Soldatov © Klaus Ranger/IWM

Der russische Investigativreporter (Agentura.ru) Andrei Soldatov analysiert im Gespräch mit dem Journalisten Misha Glenny, Rektor am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, das Machtgefüge des Kremls im Krieg gegen die Ukraine.

Thomas Riegler

Showdown im Gemeindebau

In der Ottakringer Thalheimergasse endeten 1950 die Karriere und das Leben eines skrupellosen Unterweltlers, der sich für den KGB als „Menschenräuber“ verdingt hatte.

Er war der König der Wiener Unterwelt und ist dennoch heute vergessen: Benno Blum baute Ende der 1940er Jahre nicht nur ein kriminelles Imperium auf, er diente dem sowjetischen Geheimdienst auch als „Menschenräuber“. Blums Bande hatten es vor allem auf osteuropäische Flüchtlinge und sowjetische Deserteure abgesehen. Bis zu 30 Kidnappings sollen auf ihr Konto gegangen sein.

Nikolai Borrisow alias Benno Blum wurde von US-Agenten in der Wohnung seiner Geliebten gestellt und so schwer angeschossen, dass er wenig später verstarb © Thomas Riegler

Blum hieß eigentlich Nikolai Borrisow und stammte aus Rumänien. Im Wien der Nachkriegszeit machte er raschen Profit. Zigaretten waren damals die Ersatzwährung. Nach Wien kamen sie über verschlungene Wege – vom Freihafen Tanger per Schiff nach Italien und von dort aus per Bahn nach Budapest. Für die letzte Etappe brauchte es eine Übereinkunft mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Diese einigte sich Ende 1948 mit einem der Gangster: Blum. Er erhielt das Monopol des Zigarettenschmuggels und erbrachte als Gegenleistung „Menschenraub“. Die Auslagerung des Entführungs-Business an Blum verschaffte den sowjetischen Geheimdienstlern die Möglichkeit, tief in den westlichen Besatzungszonen zuzuschlagen, ohne dass man die Spur direkt zu ihnen zurückverfolgen konnte.

Ein von Blum beraubter Konkurrent attackierte ihn einmal mit dem Messer und brachte ihm Schnittwunden im Gesicht bei. Die Narben wurden zu seinem Erkennungszeichen. Die Mitglieder von Blums Bande hielten täglich im Prater Schießübungen ab. Dann hieß es zum Rapport antreten im Café Hauswirth in der Favoritenstraße und später im Café Adlon. Von dort aus leitete Blum das Geschäft. Der Anblick der schwarzen Chevrolets, in die die Gangster ihre Opfer zerrten, verbreitete Angst und Schrecken. Blum selbst ließ sich chauffieren – von Josef Krista. Der machte später als „Notwehr-Krista“ von sich reden, weil er es schaffte, für einen Mord 1954 nur wegen „Notwehrüberschreitung“ verurteilt zu werden

Doch der Terror hielt nicht lange. Die Schlinge um Blum zog sich zu, als eines seiner Kommandos am 10. Jänner 1950 in Oberösterreich aufflog. Der Coup trat eine Verhaftungswelle los und machte die Namen der sowjetischen Führungsoffiziere öffentlich. Blum wurde interniert, konnte aber noch einmal flüchten. Am Nachmittag des 2. April 1950 gab es einen Tipp: Blum werde in eine Gemeindewohnung in Ottakringer Thalheimergasse kommen, um seine Geliebte zu treffen. 

Zwischen 21 Uhr und 22 Uhr schlugen die US-Agenten Robert Crowell und Frank Otto vom Counterintelligence Corps (CIC) zu. Der „auffallend elegant“ gekleidete Blum hatte sich gerade in der Küche zu einer Tasse Tee hingesetzt. Er löschte das Licht und drückte sich in eine Mauernische. Fünf oder sechs Schüsse fielen. Blum brach mehrfach getroffen zusammen. Er starb eine halbe Stunde später in der Unfallstation.

Wenige Wochen vorher hatte „Der dritte Mann“ Premiere in Wien gehabt. Die Ähnlichkeiten zwischen der Hauptfigur, dem Schleichhändler Harry Lime und Blum sind auffällig. Drehbuchautor Graham Greene Blum hatte 1948 vor Ort recherchiert. Hat er Blum gar so etwas wie ein filmisches Denkmal gesetzt?

Thomas Rieglers gerade erschienenes Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen.

5K HD live bei der Wintereröffnung im MuseumsQuartier - Do 10.11., Eintritt frei!

Mit Charity-Punsch zu Gunsten von Volkshilfe, DJ-Sounds, Eisstockbahn, Winter Race und kulinarischen Winterfreuden wird am 10.11. ab 16h der Winter im MQ eröffnet!

Ein musikalisches Highlight ist das Konzert der Avantgarde-Pop-Band „5K HD“ um 20h im MQ Haupthof.

Bis 23.12. lädt der Winter im MQ zu Hofmusik-Konzerten, Kulturerlebnissen und Genussmomenten ein. Hier geht’s zum Programm!

In welchem Bezirk ist der älteste Fußballverein Wiens (und Österreichs) beheimatet?

1) In Penzing

2) In Favoriten

3) In Döbling

Auflösung von gestern: Die Gemeinde Aderklaa hat ihren Namen von dem Gewächs Attich. Das bezeichnet keine Sumpfdotterblume oder Schilfrohr, sondern Holunder.

Lisa Kiss

Theater

Die Regisseurin Claudia Bauer verbindet in „humanistää“ Ernst Jandls Theaterstücke „die humanisten“ und „aus der fremde“ sowie eine Auswahl seiner Gedichte zu einem genialen Abend, musikalisch, sprachlich und spielerisch virtuos durchgetaktet. „humanistää“ wurde völlig zu Recht zum renommierten 59. Berliner Theatertreffen eingeladen und räumte bei der heurigen Kritiker- und Kritikerinnenumfrage der Fachzeitschrift Theater heute ab. Wer es noch nicht gesehen hat, bekommt nun eine weitere Chance. (Sara Schausberger)

Volkstheater, 19.30


Die Geschichten gehen weiter! Nachdem Calle Fuhr in seinem Bühnenessay zuletzt nach einem konstruktiven Zugang zu der aktuellen multiplen Krise gesucht hat, wird er in seiner neuen Ausgabe von „Finale #2“ Geschichten von Menschen erzählen, die nach Lösungen dafür suchen. (Sara Schausberger)

Volkstheater, Rote Bar, 20.30

Greta Thunberg: Das Klima-Buch

Vier Jahre nach Beginn ihres Protests legt die inzwischen 19-Jährige Greta Thunberg „Das Klima-Buch" mit dem Anspruch vor, den „aktuellsten Stand der Wissenschaft“ abzubilden. Sie selbst leitet jedes Kapitel ein, den Großteil des Buches bestreiten Dutzende (Klima-)Forscher, Meteorologen, Psychologen und Autoren wie Margaret Atwood, Stefan Rahmstorf und Michael E. Mann.

„Dies ist die größte Geschichte der Welt“, legt Thunberg los: Die Klimakrise sei „ohne Zweifel das Problem, das unser zukünftiges Alltagsleben prägen wird wie kein anderes“ … (Gerlinde Pölsler)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

Anima - Die Kleider meines Vaters

Filmemacherin Uli Decker wächst in Oberbayern auf. Sie wünscht sich, Pirat oder Papst zu werden, auf keinen Fall aber will sie sich den konservativen Rollenklischees in ihrem Heimatort unterordnen. Als ihr Vater stirbt, bekommt Uli von ihrer Mutter eine Kiste ihres Vaters geschenkt. Was sie dort entdeckt, stellt ihr Leben auf den Kopf. „Anima – Die Kleider meines Vaters“ erzählt die Tragödie eines  Menschen, der sich selbst verleugnet, und wie diese Schattengeschichte eventuell auch die Filmemacherin geprägt hat. Das sehr Besondere an diesem „investigativen Familienfilm“ ist die heitere, ja befreiende Form, die sie dafür gefunden hat: witzige Animationen und prägnante TV-Clips ergänzen die bewegenden Äußerungen der engsten Angehörigen. Ihre jüngere Schwester Cordula erinnert sich daran, dass daheim auch viel gestritten wurde. „Warum?“, fragt die Regisseurin nach. „Na, wegen dir“, sagt sie und muss lachen. (Michael Omasta)

Regie: Uli Decker, D 2021


Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall

Ein neuer minimalistischer Film von Meister Hong Sangsoo, der die Aufmerksamkeit ganz auf die Dialoge, die Interaktion zwischen den Schauspielern, die Bildgestaltung in Schwarz-Weiß, die Kamerabewegungen lenkt: Eine Schriftstellerin besucht eine befreundete Buchhändlerin, die früher selbst geschrieben hat - warum, erfahren wir nie. Denn schon bald trifft die Autorin eine Schauspielerin, die sie bewundert und die sie überzeugen möchte, mit ihr einen Film zu realisieren. Aja, und es wird gegessen und bis zum Rausch getrunken. (Sabina Zeithammer)

Regie: Hong Sangsoo, KR 2021


It Works II

© Verleih

„'It Works': es geht, es geschieht, es gelingt“, schreibt Fridolin Schönwiese 1998 über seinen gleichnamigen Kurzfilm, in dem unter anderem Gerald, Valentin und Michael im Zentrum stehen. 2021 nimmt der Filmemacher den Faden mit „It Works II“ wieder auf. Damals waren seine Protagonisten Kinder, zehn Jahre alt, nun stehen sie mitten im Leben. „Der Film nimmt sich Zeit, um zu schauen und zu hören, und schenkt mir Kinozeit mit drei Protagonisten, die mit feinem Humor zeigen, wie etwas im Leben gelingen kann.“ (Gabriele Mathes)

Regie: Fridolin Schönwiese, Ö 2022


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