Dealer als Vergewaltiger: Kein Einzelfall, ein Muster - FALTER.morgen #452

Versendet am 16.11.2022

Zwei minderjährige Mädchen wollen im Stadtpark Ecstasy kaufen und werden zu Vergewaltigungsopfern. Das ist kein Einzelfall – die Tat offenbart ein Muster >> Bringen Schüttaktionen dem Klimaschutz die erhoffte Aufmerksamkeit? Nein, argumentiert Soraya Pechtl >> Serie Geheimes Wien: Der Spion vom Schottenring >> Film-Tipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Die gute Nachricht ist, dass sich der Nebel im Laufe des Tages auflösen dürfte; die schlechte, dass dafür Regenwolken verantwortlich sind, die am Nachmittag aufziehen: Trüb und nieselig bei kühlen 9 Grad. Andererseits – es ist ja November und nicht Juli.


Guten Morgen!

Triggerwarnungen sind ja normalerweise nicht meins – aber heute finden Sie hier eine Geschichte, bei der ich darauf hinweisen möchte, dass man sie in aller Früh vielleicht nicht lesen möchte. Dass wir sie trotzdem erzählen, hat damit zu tun, dass wir bei der Gründung von FALTER.morgen versprochen haben, die Stadt zu zeigen, wie sie ist: Also auch in ihren dunklen Seiten. Und dass wir uns seither bemühen, dieses Versprechen auch einzuhalten.

Es geht um Vergewaltigung, begangen an minderjährigen Mädchen, begangen von Drogendealern mit Migrationshintergrund. Und, nein: Letzteres (der Migrationshintergrund) ist nicht unerheblich. Es gibt ein Muster, das zum ersten Mal mit dem Fall Leonie öffentlich zutage trat. Und das seither immer wieder sichtbar wird. Was hinzukommt: Beide Opfer waren in der Obsorge des städtischen Jugendamts, der MA 11 – was nicht verhinderte, dass sie in die Hände ihrer Peiniger gerieten. Und zwar beim Versuch, sich Drogen zu besorgen.

Das ist keine Schuldzuweisung an die Behörden. Es ist vorerst ein Befund. Alle Hintergründe sind heute, wenige Tage nach der Tat und wenige Stunden nach Bekanntwerden der Umstände, noch nicht ausgeleuchtet. Was man bis dato weiß, erfahren Sie aber gleich unten (der Text erscheint auch im aktuellen FALTER). Was den Rest betrifft, recherchieren wir weiter.

Außerdem: Soraya Pechtl argumentiert, dass die Umweltaktivisten der Letzten Generation mit ihren Schüttaktionen am Ziele vorbeitreffen. Und Thomas Riegler nimmt Sie im vierten Teil seiner Serie über das „Geheime Wien“ mit in ein Gebäude, in dem ein Spion umging, der eigentlich Spione bekämpfen sollte – in die Polizeidirektion am Schottenring, genauer gesagt. Und dann hat Michael Omasta noch wie jede Woche die besten Kinotipps für Sie.

Einen schönen Tag wünscht

Eva Konzett


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Wehrlos gemacht

In Wien hat ein 18-Jähriger offenbar eine Elfjährige vergewaltigt. Sie war mit einer Freundin zu ihm gekommen, um Ecstasy zu holen.

Am Schluss werden sie die Handykamera auf das Verbrechen draufhalten. Der vergangene Donnerstag, 10. November, eine Wohnung im 12. Wiener Gemeindebezirk. Der 18-jährige Ali A. und der 17-jährige Karim N. haben zwei Mädchen in eine Wohnung gelockt. Das jüngere ist gerade einmal elf Jahre alt. Ein Kind.

Sie geben den beiden Mädchen Ecstasy. Die Ältere, eine 14-Jährige, „vollzog freiwillig den Geschlechtsverkehr“ mit Karim N., so steht es in dem polizeilichen Ermittlungsakt, der dem Falter vorliegt. Eine Woche zuvor hatte sie für Pillen mit Ali A. geschlafen. Die Ecstasy-Tablette hatte sie später mit ihrer erst elfjährigen Freundin geteilt. Als die beiden erneut Pillen wollen, dirigiert sie Ali A. nach Meidling.

Im Stadtpark hat sich in den vergangenen Jahren eine Drogenszene breitgemacht. Hier wollten die beiden Mädchen bei ihrem späteren Vergewaltiger Ecstasy kaufen © FALTER/Mavrić

An besagtem Donnerstag ist die Elfjährige in der Wohnung also dabei. Dort vergewaltigt der irakische Staatsbürger Ali A. mutmaßlich das Kind und danach auch noch das 14-jährige Mädchen. Wem die Wohnung gehört oder wer sie gemietet hat, ist bis dato unklar. Es handelt sich offenbar um die Örtlichkeiten „eines Freundes“ der Männer.

„Von der Tat wurde ein Video aufgenommen“, schreiben die Polizisten.

Minderjährige, die in Wohnungen mit Drogen abgefüllt und danach missbraucht werden – das erinnert frappant an den Fall Leonie W. Die damals 13-jährige Niederösterreicherin hatte im Juni 2021 den Wohnungsbesuch bei drei Afghanen in der Wiener Donaustadt nicht überlebt. Vergewaltigt und mit Pillen vollgepumpt, starb sie an einer Überdosis. Die Täter hatten sie dann im Grünstreifen am Straßenrand abgelegt.

Die Drogen, der Tatvorgang im Privaten, die Unbarmherzigkeit. Schon damals erkannte der Psychotherapeut Peter Wanke ein Muster. „Das Mädchen wird wehrlos gemacht, kann nicht mehr normal denken und sagen, dass ihr das eigentlich nicht gefällt. Diese Droge macht ja alle willenlos, und das ist das Schlimme. Und dann kommt eine antisoziale Haltung der Tatverdächtigen dazu: null Empathie für irgendjemanden“, sagte Wanke im August 2021 (hier ist das Gespräch auch als Podcast zu hören). Oftmals würden seine Patienten die eigene Tat mit einem vorgeschobenen Fehlverhalten der Opfer rechtfertigen. So hätte das Opfer die Pillen ja nicht schlucken müssen. Es hätte nicht mitgehen müssen. Entschuldungsstrategien. Wanke muss es wissen, der Mann arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit jugendlichen Sexualstraftätern.

Im vorliegenden Fall konnten die beiden Mädchen jedenfalls aus der Wohnung flüchten und die Polizei alarmieren. Beide Burschen wurden noch vor Ort verhaftet. Ali A. sitzt mittlerweile wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und des schweren sexuellen Missbrauchs in der Justizvollzugsanstalt Josefstadt in Untersuchungshaft. Karim N. wurde enthaftet. Er wird der Verletzung sexueller Selbstbestimmung  beschuldigt.

Wie aber konnte es so weit kommen? Warum wurden die Mädchen nicht beaufsichtigt?

Beide sollen nach Angaben der MA 11, dem Jugendamt, in derselben sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft der Stadt Wien untergebracht sein. Laut dem Ermittlungsakt wohnen sie an unterschiedlichen Adressen. Fest steht jedenfalls: Die MA 11 hatte die Obsorge über die Mädchen.

Das Magistrat, das dem pinken Stadtrat Christoph Wiederkehr untersteht, sieht keine Verletzung der Obsorgepflicht, sondern die eigene Institution vor einem Dilemma. Man rechtfertigt sich damit, die Kinder nicht einsperren zu können. „Sie dürfen sich frei bewegen, wie andere Kinder auch“, sagte eine Sprecherin zum FALTERDa stünde die Behörde auch dahinter.

Die Betreuung in der Wohngemeinschaft sei engmaschig: Vier Pädagoginnen für acht Kindern. Die mutmaßliche Vergewaltigung fand jedenfalls am Nachmittag statt. Als Tatzeit gibt die Polizei „16.30–16.50 Uhr“ an.

Die beiden Mädchen hatten die ersten Ecstasy-Pillen gemeinsam im Stadtpark konsumiert. Hatte Leonie W. ihre späteren Mörder noch in der Gegend Praterstern/Donauinsel kennengelernt, treffen sich Jugendliche jetzt vor dem goldenen Johann-Strauss-Denkmal in der Innenstadt für den Trip.

Gedealt wird über Snapchat und Instagram. Bezahlt wird mit dem Körper. 

100 JAHRE OSKAR WERNER

Ausstellung bis 29.1.2023

»Mit dem Theater bin ich verheiratet, der Film ist meine Geliebte«, beschreibt Werner einmal sein Verhältnis zum Kino.

Eine Liebe, die in seinem Publikum bis heute weiterbrennt. Feiern Sie gemeinsam mit dem Filmarchiv Austria den 100. Geburtstag des Jahrhundertküstlers Oskar Werner im METRO Kinokulturhaus.

Die Fußball WM in Katar

Fußballexperte Leo Wigger mit Journalistin Gudrun Harrer

Das arabische Land Katar will sich bei der WM als weltoffen und modern präsentieren. Aber zögerliche Reformen, archaische Gesetze gegen Homosexualität und die Tatsache, dass die Fußballstadien von hunderttausenden geknechteten Arbeitsmigranten errichtet, belasten die Show. In der aktuellen Folge unseres Podcasts spricht Nahost- und Fußballexperte Leo Wigger darüber mit Journalistin Gudrun Harrer – eine Aufzeichnung aus dem Bruno Kreisky Forum.

Lukas Matzinger beschreibt die Zustände in Katar ausführlich im aktuellen FALTER.

Soraya Pechtl

Das lenkt nur ab

Die Aktivisten der Letzten Generation” sorgen erneut mit einer Schüttaktion für Aufsehen. Sie sollten sich klar darüber werden, dass sie mit dieser Protestform ihre Ziele nicht erreichen. 

Jetzt auch noch das Leopold-Museum. Gestern haben Aktivisten der Letzten Generation schwarzes Öl auf das Gemälde „Tod und Leben” von Gustav Klimt geschüttet – genauer gesagt: Auf den davor angebrachten Glasschutz. Im Oktober war es Erdäpfelpüree gewesen, das auf einen Monet im Potsdamer Museum Barberini flog und Tomatensuppe, die auf Vincent van Goghs „Sonnenblumen” in der National Gallery in London landete. 

Was die Aktivisten damit erreichen wollen, haben sie klar gemacht: Aufmerksamkeit für die Klimakrise schaffen, Rückhalt in der Gesellschaft und Druck auf Politiker ausüben. Es gibt nur ein Problem: Alle drei Ziele verfehlen sie mit Anlauf

Kontraproduktiv: Die Schüttaktion im Leopoldmuseum © Letzte Generation Österreich

  • Die Medien

Wenn sich Aktivisten auf Autobahnen kleben oder Gemälde beschmieren, füllen sie zwar die Titelseiten und Leitartikel, aber in den Medien wird über die Radikalität der Aktionen diskutiert – und nicht über Tempo 100 auf den Autobahnen (das forderte die Letzte Generation in einer Aussendung nach der gestrigen Aktion). Ist das die Schuld der Medien? Nein, Medien haben die Aufgabe zu berichten, was ist und nicht was Aktivisten wollen – egal wie nobel ihre Anliegen sein mögen. Und wenn Sie jetzt einwenden, dass die Klimakrise akut und eines der größten Probleme der Menschheit ist: Ja, stimmt. Und diese Dringlichkeit wird durch die Berichterstattung in Zeitungen, im Radio und im TV auch vermittelt – und zwar nicht nur, wenn es gerade eine Klimakonferenz oder Waldbrände gibt. Viele Medien haben eigene Redaktionen, die sich laufend mit dem Thema beschäftigen – auch der FALTER mit einem eigenen Natur-Ressort und -Newsletter.  

  • Die Gesellschaft

Die Aktivisten stoßen mit ihrem Bildersturm auf Unverständnis in der Bevölkerung. Laut einer profil-Umfrage lehnen über 50 Prozent der Österreicherinnen derartige Aktionen ab, obwohl sie den Kampf gegen die Klimakrise unterstützen. In Deutschland sind es laut Spiegel über 80 Prozent. Klingt wie ein Widerspruch? Für mich nicht. Denn mal ehrlich, was soll Klimt mit Tempo 100 zu tun haben? 

  • Die Politiker

Die letzte Generation verfehlt auch das Ziel, Druck auf Politiker auszuüben. Überraschend ehrlich zeigte sich diesbezüglich die deutsche grüne Abgeordnete Renate Künat im Medienmagazin Zapp. „Es geht mir ein bisschen auf den Nerv”, sagte sie über die Aktivisten. Und: “Druck ist daraus nicht geworden.” 

In Wien sind die Politiker zurückhaltender. Aber Unterstützung gibt es von keiner Partei. Nicht einmal von den Grünen. „Die Form des Protestes irritiert und trifft auch Leidtragende, die keine direkten politischen Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise setzen können”, heißt es gegenüber der APA. Relativierender Nachsatz: Die Sorgen seien „berechtigt und nachvollziehbar”. Einer Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h auf den Autobahnen hat die grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler trotzdem bereits im Sommer eine Absage erteilt. 

Thomas Riegler

Der „schöne Gustav“ und die Stasi

In der Wiener Polizeidirektion am Schottenring ging einst ein Verräter aus und ein.

„Der Mann galt als ‚Sir‘ der Wiener Staatspolizei: teurer Maßanzug, dezente Krawatte, das Haar korrekt gescheitelt. Ein leichter Hauch von Eau de Cologne überspielte den Geruch der Zigaretten, die Gustav Hochenbichler gerne rauchte“. So wird die Hauptfigur eines der größten Spionageskandale Österreichs in den Memoiren des ehemaligen Generaldirektors für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, eingeführt.

Die Polizeidirektion am Schottenring: Hochprozentiges beim Gemüsehändler um's Eck © Thomas Riegler

Hochenbichler, um den es hier geht, war 1965 in die Bundespolizeidirektion Wien eingetreten. 1971 wechselte er in das staatspolizeiliche Büro, um elf Jahre später dessen Vorstand zu werden. Von der Polizeidirektion am Schottenring aus kümmerte er sich um das operative Geschäft. Insbesondere bei Demos markierte der „schöne Gustav“ den draufgängerischen Einsatzleiter.

Doch wie so oft passten Schein und Sein nicht zusammen: Hinterrücks wurde Hochenbichler „steifer Gustl“ genannt. Denn er und seine Entourage konsumierten schon während der Dienstzeit im Hinterzimmer eines nahen Gemüsehändlers Hochprozentiges. Bei diesen feuchtfröhlichen Zusammenkünften wurde auch NS-Lieder angestimmt. Nicht umsonst prangte in Hochenbichlers Wohnzimmer ein lebensgroßes Hitler-Bild.

Aber das war nur eine der abgründigen Seiten des Hofrats: Ende der 1980er Jahre kam der Verdacht auf, dass er ein Verräter sei. Das war hochbrisant. Denn Hochenbichler stand 1991 vor einem weiteren Karrieresprung. Das wurde verhindert, indem man ihn auf ein Abstellgleis schob. Ermittlungen, die erst 1994 eröffnet wurden, konnten wegen des Krebstods Hochenbichlers 1995 nicht mehr abgeschlossen werden.

Zu diesem Zeitpunkt war erwiesen, dass Hochenbichler unter dem Decknamen „BAU“ Informeller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit gewesen war. So erinnerte sich das Hauswartehepaar eines Berliner Stasi-Gästehauses an einen Österreicher. Der habe Bügelfalten gehabt, „da hätte man Brot mit schneiden können“. Anhand von Fotos identifizierten sie Hochenbichler als den Unbekannten.

Hauptsächlich lief die Verbindung zur Stasi über „Tote Briefkästen“, die im Keller und an der Fassade von Hochenbichlers Wohnhaus in der Helferstorferstraße angelegt waren. Zuletzt soll er 1990 in die Dienste des sowjetischen KGB gewechselt haben.

Weil das Archiv der Stasi-Auslandspionage vernichtet wurde, wissen wir wenig über das genaue Ausmaß des Verrats. Anhand der übriggebliebenen Karteikarten lässt sich rekonstruieren, dass „IM BAU“ in etwas mehr als acht Jahren über 800 Informationen lieferte. Damit verdiente er sich ein fixes monatliches Salär von 2.000 DM (1.023 Euro).

Preisgegeben hatte er viele Kollegen: 92 Staatspolizisten waren bei der Stasi mit Klarnamen, Geburtsdatum und -ort abgespeichert. Außerdem verriet Hochenbichler 27 Observationen, die oftmals in Kooperation mit westlichen Diensten durchgeführt wurden. Die Tätigkeit der Stapo stellte für die Gegenseite somit ein offenes Buch dar. Der Schaden war groß – nicht nur für die Sicherheit Österreichs, sondern für jene des Westens im Kalten Krieg.

Thomas Rieglers gerade erschienenes Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen.

Bevor Marie von Ebner-Eschenbach eine der bedeutendsten Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts wurde, lernte sie einen für Frauen damals unüblichen Beruf. Welchen?

1. Uhrmacherin

2. Tischlerin

3. Metzgerin

Auflösung von gestern: Das Wien Museum sammelt seit März 2020 Gegenstände und Bilder von Wienerinnen und Wiener, die sie an die Coronazeit erinnern (keine getragene Masken oder medizinische Produkte). Die Sammlung soll kommenden Generationen zeigen, was die Corona-Krise für Wien bedeutet hat.

Lisa Kiss

Performance

Da Desi Bonato, Jessica Comis, Aurelia van Kempen und Eva Sommer mit ihrem Stückentwurf den Nachwuchswettbewerb 2020 des Theaters in der Drachengasse gewannen, durften sie „UFO – Ul­tra Fett Original“ zur abendfüllenden Performance erweitern. Mit Modenschau und Schnitzelessen für einen Zuschauer gelang ihnen damit einer der lustigsten und sinnlichsten Abende des Jahres. Mahlzeit! (Martin Pesl)

Theater in der Drachengasse, Bar & Co, 19.30

Nick Cave, Sean O’Hagan: Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Interviews gibt der rastlose Musiker Nick Cave schon lange keine mehr. Weil es ihn langweile und ermüde, wie er sagt. Nun liegt ein ganzes Gesprächsbuch vor, in vielen Stunden mit dem nordirischen Autor und Journalisten Seán O'Hagan während der Pandemie entstanden. Die beiden kennen einander schon lang und offenbar ziemlich gut; ihr Austausch ist geprägt von Offenheit und Intensität.

Cave erzählt, warum er auch in ärgsten Junkie-Tagen stets eine Bibel zur Hand hatte; er spricht rührend über seine 93-jährig verstorbene Mutter, seine einstige Freundin, die Musikerin Anita Lane (1960-2021), und seine Frau Susie, für die er endgültig clean wurde. Er beschreibt seine Wandlung vom Wüterich zum Menschenfreund, zeichnet Gemetzel mit Bandkollegen nach, schimpft über Social Media (Twitter ist im Grunde nur eine Fabrik, die Arschlöcher hervorbringt") und preist, poetisch und realistisch zugleich, die lebensverändernde Kraft von Kunst, insbesondere Musik. Teils leicht ausfransend und redundant, meist aber stark, pointiert und uneitel selbstreflexiv. (Gerhard Stöger)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

Crimes of the Future

© Verleih

Vieles, was man vom Körperhorror-Könner Cronenberg kennt, wird im düsteren Crimes of the Future" wiederverwertet (sogar der Titel), der unter anderem auch vom Recyceln selbst handelt. Respektive von einem plastikessenden Menschenschlag als Untergrund-Avantgarde der Müllverwertung. Möglich machen das neue Organe, die manche ausbilden. Ein vampirischer Viggo Mortensen kann das auch und geht dabei Undercover: Für die Cops gibt er den Informanten, mit seiner Partnerin (Léa Seydoux) schlachtet er seine Fähigkeit in Sadomaso-Performances aus, die unter die Haut gehen. Sein Tun reflektierend, auch ein wenig (seine Fans) veralbernd, inszeniert David Cronenberg im Schleichtempo eine - auch noch mit Kristen Stewart - starbesetzte Schock-Show. Eh faszinierend, aber vielleicht nur für Freaks. (David Auer)

Regie: David Cronenberg, CAN/GB/GR 2022


Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen

Schon der Titel Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen" bringt den Ansatz der Autorin, die 2004 als erste österreichischen Schriftstellerin mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, auf den Punkt: Es ist der kontrollierte Kontrollverlust. Eine souveräne, verlässliche Erzählerin oder zur Identifikation einladende Figuren wird man in den Texten Jelineks nicht finden; alles ist hier Sprachmaske und Rollenprosa. Aber gerade indem sich die Autorin den Assoziationen, Assonanzen, semantischen Ambivalenzen und kruden Kalauern überlässt, wird etwas zutage gefördert, das sonst im Verborgenen bliebe: Nicht die Autorin, die Sprache selbst spricht es aus. Claudia Müllers eleganter Dokumentarfilm über Elfriede Jelinek besticht als Hommage ebenso wie als zeithistorische Montage. (Klaus Nüchtern)

Regie: Claudia Müller, D/Ö 2022Black Panther: Wakanda Forever


Black Panther: Wakanda Forever

The show must go on: Sequel von Black Panther" (2018). Nach dem Tod von König T'Challa (verkörpert von Chadwick Boseman, der 2020 starb), kämpfen Königin Ramonda, Shuri, M'Baku, Okoye und die Dora Milaje darum, ihre Nation, Wakanda, vor intervenierenden Weltmächten zu schützen.

Regie: Ryan Coogler, USA 2022


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