Stadt Wien: Impfwerbung mit Rotstich - FALTER.morgen #457

Versendet am 23.11.2022

Agenturen mit Nähe zur SPÖ bekommen für Informationskampagnen von der Stadt Wien mehr Geld als andere. Warum eigentlich? >> Geheimes Wien, Teil V: Eine Villa im Pratercottage als Hotspot des Kalten Kriegs >> Film-Tipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Kalt und regnerisch wird der heutige Vormittag. Aber Kopf hoch: „Nothin' lasts forever, even cold November rain – nicht einmal Novemberregen dauert ewig singen Guns N' Roses und liefern den perfekten Soundtrack für diesen Tag.


Guten Morgen!

Vielleicht können Sie sich ja an die Slogans erinnern: „Fake Haare statt Fake News“ lautete der eine, „Tschau mit Au, Corona“ der andere. Falls nicht – sie stammen aus zwei Informationskampagnen der Stadt Wien im vergangenen Jahr (die dann offenbar nicht besonders gut hängengeblieben sind).

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich einigermaßen verwundert war, als ich mir den Medientransparenzbericht der Stadt angeschaut habe, den der Presse- und Informationsdienstes (PID)  heuer (übrigens auf Betreiben der Rathaus-Neos) zum ersten Mal veröffentlichen musste: Er gibt nicht nur Auskunft darüber, wie viel Steuergeld die Stadt für Info-Kampagnen ausgegeben hat – sondern auch an wen.

Und was mich in diesem Fall gewundert hat: Die Fake-News- und die Corona-Kampagne, die von zwei unterschiedlichen Agenturen stammen, ähneln einander sehr. Aber eine der Agenturen hat fast doppelt so viel Geld dafür bekommen als die andere. Wem die besser bezahlte gehört, und warum das wieder einmal politische Fragen aufwirft, erzähle ich Ihnen gleich (eine noch ausführlichere Geschichte darüber gibt's im aktuellen FALTER).

Außerdem im heutigen FALTER.morgen: Der fünfte Teil von Thomas Rieglers wunderbarer Spionage-Serie „Geheimes Wien“ führt Sie in eine verwunschene Villa im Pratercottage. Und Michael Omasta hat wie jeden Woche wieder die besten Kinotipps für Sie.

Einen schönen Mittwoch wünscht

Soraya Pechtl

+++ Hier unterbrechen wir kurz die Berichterstattung von Soraya und schalten uns mit einer Jubelmeldung ein: Sie hat nämlich einen der angesehensten Medienpreise des Landes gewonnen. Unsere Gratulationen finden Sie ein Stück weiter unten im heutigen FALTER.morgen – und damit wieder zurück zu Sorayas heutiger Geschichte. Herzlichst, die Kolleginnen und Kollegen vom FALTER! +++


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Rote zahlen

Die Stadt Wien gab 2021 knapp drei Millionen Euro für Kreativagenturen, Produktion und Rechte aus. Davon flossen knapp 50 Prozent in Kampagnen, die von SPÖ-nahen Werbern geführt wurden.

Die Fake-News- und die Corona-Kampagne ähneln einander nicht nur optisch, für beide wurden auch dieselben Werbemittel verwendet: Print-Sujet, TV- und Hörfunk-Spot, Online- und Außenwerbung. Beide liefen in etwa gleich lang: drei und vier Wochen. Und beide sind im klassischen Stadt-Wien-Design gestaltet.

In einem Punkt unterscheiden sich die beiden Kampagnen aber gewaltig: bei den Kosten für Agenturleistungen, Produktion und Rechte. Für die Kampagne zum dritten Stich von der Werbeagentur KTHE hat die Stadt 135.000 Euro bezahlt, fast doppelt so viel wie für die Fake-News-Kampagne der Agentur Obscura. Für sie hat das Rathaus 74.000 Euro veranschlagt.

KTHE gehört zur Holding Kobza Media Group, genauso wie Diego5 Studios. Geschäftsführer sind Rudolf Kobza und Niko Pelinka. Kobza ist ein bekannter Marketingmann, der bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 den mittlerweile verstorbenen SPÖ-Kandidaten Rudolf Hundstorfer unterstützte. Pelinka (36) war Mitarbeiter des EU-Abgeordneten Andreas Schieder, Pressesprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (beide SPÖ), saß für die Sozialdemokraten im ORF-Stiftungsrat und kandidierte mehrmals für die Partei bei Landtags- und Nationalratswahlen.

Zahlt die Stadt Wien also mehr, wenn eine SPÖ-nahe Agentur den Werbeauftrag übernimmt? Martin Schipany, Chef des Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (PID), der für die Vergabe der Kampagnen zuständig ist, argumentiert: „Die Kampagne zu den Drittimpfungen war wesentlich aufwändiger als die zu Fake News. Es war mehr Content-Aufbereitung in deutlich kürzerer Zeit für die Werbemittel erforderlich, und der Illustrationsaufwand war größer.“ Nachzuprüfen ist das mit den Informationen auf der Homepage nicht. Und die Kampagne für Drittimpfungen ist auch nicht die einzige, bei der eine der Agenturen von Pelinka und Kobza zum Zug kam.

Kampagne zur Corona-Impfung: 700.000 Euro zahlte der PID für Rechte, Produktions- und Kreativleistungen © Stadt Wien

Im heurigen Frühjahr veröffentlichte die Stadt erstmals alle Informationskampagnen auf einer eigenen Homepage. Für 2021 sind dort 39 Informationskampagnen aufgelistet, von denen vier an Kooperationen gingen, an denen zumindest eine der genannten Kreativagenturen der KTHE Gruppe beteiligt war. Das klingt zunächst nicht viel.

Allerdings: Von den insgesamt 2,8 Millionen Euro, die dabei für Kreativleistungen, Rechte und Produktion bezahlt wurden, flossen 1,24 Millionen, also knapp 50 Prozent der Gesamtausgaben in den „Dunstkreis“ rund um Pelinka und Kobza. Fast die Hälfte dieser Budgetposten wurde also für vier von 39 Kampagnen aufgewendet.

Und welch ein Zufall: Die drei größten und teuersten Kampagnen ergatterten Kreativagenturen der Kobza Gruppe – darunter die Impfkampagne. Alleine für sie zahlte der PID 700.000 Euro zahlte der PID für Rechte, Produktions- und Kreativleistungen. „Das steht in keiner Relation. Diese Summe bekommt man vielleicht von einem großen Handelskunden für eine Kampagne, die ein Jahr läuft“, sagt ein Werbefachmann, der anonym bleiben will, zum Falter.

Auf Platz zwei der teuersten Kampagnen Wiens rangiert „Alles gurgelt“. 405.000 Euro wurden für Rechte und Kreativleistungen veranschlagt. Drei Agenturen, darunter KTHE und Diego5 Studios, gestalteten Print-Sujets, TV- und Hörfunkspots, Social-Media-Postings sowie Onlinebanner, die die Wiener zum Testen animieren sollten. Gelaufen ist sie 14 Wochen.

Und knapp auf Platz drei schaffte es „Sommer in Wien“. Für die multimediale Kampagne engagierte der PID zwei Agenturen − Diego5 Studios von der Kobza Gruppe und Lumsden & Friends. Für Kreativleistungen, Produktion und Rechte flossen insgesamt 243.000 Euro. Laufzeit: neun Wochen.

Die hohen Kosten der Kampagnen, die Kobza und Pelinka verantwortet haben, erklärt Schipany mit teuren Rechten „für berühmte Testimonials und Influencer“. Bei einer der beiden Impfkampagnen waren etwa Influencer wie Alexandra Coveos (31.000 Follower auf Instagram) und Dävid Schindler (36.000 auf Tiktok) beteiligt.

Eine Ausschreibung gab es übrigens für keine von ihnen. Der PID hat alle Aufträge direkt vergeben. „Wenn man eine solche Anzahl an Kampagnen verantwortet, kann man schon aus rein administrativen Gründen nicht für jede eine Ausschreibung machen. Realistischerweise geht sich das nur über die Direktvergabe aus“, meint Schipany.

Außerdem habe keine Werbeagentur einen Etat von mehr als 100.000 Euro bekommen – und erst jenseits dieser Grenze müsste die Stadt verpflichtend ausschreiben.

Die ganze Geschichte mit noch mehr Beispielen und Informationen lesen Sie im aktuellen FALTER.

Die dunkle Jahreszeit beginnt und das Jahr geht langsam zu Ende. Das Räuchern hat bei uns die Tradition, die alten Geister auszutreiben und Platz für neue Energie zu schaffen.

Die fair gehandelten. Räucherschalen von EZA Fairer Handel stammen aus Indien und verleihen der alten Tradition einen Hauch von Orient und Exotik.

Soziales Gewissen, kritischer Blick, penible Recherche – und ein journalistischer Riecher

Soraya Pechtl wurde gestern mit einem der angesehensten Medienpreise des Landes ausgezeichnet.

Etwas zu feiern gibt es heute auch: Unsere Kollegin Soraya Pechtl, Mitglied des FALTER.morgen-Gründungsteams, hat den Prälat-Leopold-Ungar-Journalistinnenpreis der Erzdiözese Wien und der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien in der Kategorie Print gewonnen - und damit eine der angesehensten Auszeichnungen der österreichischen Medienbranche. Wir wussten es ja schon länger, durften aber nichts sagen, bis gestern die offizielle Verleihung in der Brunnenpassage stattfand.

Soraya Pechtl bei der Preisverleihung © FALTER/Klenk

Die Jury würdigte stellvertretend für Sorayas Arbeit zwei ihrer Geschichten, die im gedruckten FALTER und hier im FALTER.morgen erschienen sind: In „Gib mir 10 Minuten“ beleuchtet sie mithilfe verdeckter Recherchen das Innenleben eines Zustelldienst-Start-Ups, dessen digitales Businessmodell auf einem analogen Dienstleistungsprekariat beruht – ohne Urlaubsgeld, Krankenstand und Maximalstundenzahl. Für Investoren ein erhofftes Milliardengeschäft, für jene, die in die Pedale treten meist nicht mehr als ein neues Tagelöhnertum. Die zweite Arbeit, die mit dem Prälat-Ungar-Preis ausgezeichnet wird, handelt davon, was passieren kann, wenn Pflege zur Geschäftsidee mutiert: „Die Abzocke im Altersheim“ beschreibt, wie teils demente Pflegepatientinnen und -patienten vor die Tür der Seniorenresidenz Josefstadt in Wien gesetzt wurden, weil eine Pflegeabteilung offensichtlich unrentabel geworden war.

Beide Texte zeigen auch unserer Meinung nach das, was Sorayas Arbeit ausmacht: Soziales Gewissen, kritischer Blick, penible Recherche – und einen journalistischen Riecher der Sonderklasse. Und noch was: Ohne sie wäre der FALTER.morgen nie und nimmer das geworden, was er ist. Herzliche Gratulation, Soraya!

Ein Chapeau! geht auch an die weiteren Preisträgerinnen und Preisträger: Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh, Ola Westerberg und Sebastian Pumberger (profil), Vanessa Böttcher (ORF2) und Matthias Däuble (Ö1) – und auch an die Kolleginnen und Kollegen, die mit Anerkennungspreisen ausgezeichnet wurden.


„Nachrichten in einfacher Sprache“

Übrigens: Der ORF-Satiriker und Kabarettist Peter Klien hat zur Preisverleihung eine Rede gehalten, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Er rechnet darin pointiert mit der österreichischen Medienszene ab – auch, was sein eigenes Haus betrifft. Hier geht's zum Nachlesen.

Erst beschmiert, jetzt auch beschüttet: Umstrittenes Lueger-Denkmal am Ring © APA/Georg Hochmuth

Die Karl-Lueger-Statue am Ring sieht derzeit ein bisschen aus wie das Klimt-Gemälde nach der vorwöchigen Attacke der Klimaaktivisten. Nur, dass das Standbild nicht von einem Glas beschützt ist – und daher tatsächlich mit schwarzer Farbe beschüttet werden kann. Was nunmehr auch geschah. Wer dahinter steckt, ist unklar. Das Denkmal ist aber seit langem Gegenstand von Auseinandersetzungen und Debatten: Dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger wird sein Antisemitismus vorgeworfen.


Hat da jemand gratis gesagt? In Wien startete gestern wieder die jährliche Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“. Dabei werden 100.000 Exemplare von Elke Heidenreichs Romanen „Nero Corleone” und „Nero Corleone kehrt zurück” gratis verteilt.

Beide handeln von einem Kater, der von Italien nach Deutschland reist und dort „die Katzenszene aufmischt”. Es soll sowohl für Erwachsene als auch für Kinder geeignet sein. Wo Sie das Gratis-Buch bekommen, erfahren Sie hier.

Die Klimt-Attacke

Seit Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ vergangene Woche eine schwarze Flüssigkeit auf die Verglasung des Bild „Tod und Leben“ von Gustav Klimt im Leopold Museum schütteten, wird diskutiert: War das ein Angriff auf die Kunst oder legitimer Protest gegen die Erderwärmung? In der aktuellen Podcast-Folge diskutiert der Direktor des Leopold Museums Hans Peter Wipplinger mit Florian Wagner, einem der beteiligten Aktivisten. Moderiert wird die Kontroverse von den FALTER-Redakteuren Matthias Dusini und Daniela Krenn.

Was bedeutet es, wenn jemand einen anderen fizikababerlt?

1. Er ärgert ihn

2. Er lügt ihn an

3. Er liebkost ihn

Auflösung von gestern: Die ersten Bahnhöfe Wiens wurden außerhalb des Gürtels errichtet, weil das Militär große Menschenansammlungen in der Stadt fürchtete. Der Grund dafür war die Revolution im Jahr 1848. Eine Rolle dürften auch die Bahnbetreiber gespielt haben. Diese wollten nämlich ihr Image mit großen, repräsentativen Bauten pflegen (mit dem Arbeiterproletariat hatten die Bahnhöfe nichts zu tun).

Regisseurin Clara Stern inszeniert mit BREAKING THE ICE ein freches Coming-of-Age Drama:

Wenn Mira (Alina Schaller) übers Eis rast, vergisst sie alle Sorgen, den Druck das Team zu führen und die nicht enden wollende Arbeit am Weingut.

Als eine neue Spielerin in die Eishockeymannschaft kommt, sprühen die Funken und sie findet den Mut, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Film & Gespräch mit Regisseurin Clara Stern am 28.11. um 19:30 im Stadtkino Wien zum #kinoliebe-Montagspreis!

Thomas Riegler

Spionagenest und Partyhöhle

Die verwunschene Villa Putz im Pratercottage war einst ein „Hot Spot“ des Kalten Krieges.

Es ist eine der geheimnisumwobensten Adressen Wiens. Eine dem Verfall preisgegebene Villa in der Sportclubstraße Nr. 8 am Rande des Praters. Am Tor prangen immer noch stolz die Initialen „JP“: Julius und Josefine Putz hatten das herrschaftliche Anwesen samt Pool und zweier Terrassen 1933 bezogen. Entworfen hatte es der Architekt Franz Mörth, im Stil der schicken neuen Sachlichkeit. Der im Molkereigeschäft vermögend gewordenen Familie Putz waren aber nur wenige glückliche Jahre vergönnt. Julius Putz starb 1937 an Krebs, sein Sohn samt zweier Enkelkinder fiel 1945 einem Bombenangriff zum Opfer.

Im Kalten Krieg ein Spionage-Hot-Spot, heute ein „lost place“: Die Villa Putz © Thomas Riegler

Nach dem Tod von Josefine Putz 1948 wurde die Villa von der sowjetischen Besatzungsmacht requiriert. Diese ließ die Spitzen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) einziehen: Parteichef Johann Koplenig mit seiner Familie ins Untergeschoss, Erwin Zucker-Schilling, der Chefredakteur des KPÖ-Organs „Volksstimme“, in den 1. Stock. Die Staatspolizei und die Spitzel verschiedener Geheimdienste registrierten bald Verdächtiges: Von 23. August bis 6. September 1948 habe eine Klausur stattgefunden. Der US-amerikanischen CIA wurde mitgeteilt: „20 kommunistische Parteimitglieder waren in der Villa präsent. Alle bis auf den kommunistischen Anführer Franz Honner mussten für die Dauer der Sitzung in der Villa bleiben.“

Quasi als Bestätigung fiel der Staatspolizei wenige Wochen später ein „Aktionsplan“ in die Hände. Dieser beschrieb detailliert, wie sich die KPÖ an die Macht putschen wollten. Tatsächlich handelte es sich um eine Fälschung. Verantwortlich war ein früherer Mitarbeiter des NS-Verbrechers Adolf Eichmanns, Josef Urban. Dieser nunmehrige „Nachrichtenhändler“ fabrizierte in großem Stil angebliche Spionage-Erkenntnisse, die er dann an verschiedene Abnehmer verhökerte. Bis zu seinem Tod 1973 schaffte es Urban, für zehn verschiedene Geheimdienste tätig gewesen zu sein.

Die Villa Putz war zweifellos ein Hotspot im Wien des Kalten Krieges. Der schmale, etwa einen Kilometer lange Streifen zwischen Donaukanal und Prater, in dem dieses Haus steht, ist bis heute eine gut betuchte und diskrete Wohngegend. Diese Vorzüge dieses „Pratercottage“ hatten auch die Sowjets erkannt. Quasi um die Ecke von der Villa Putz, in der Böcklinstraße, befand sich ein „Safe House“ des KGB. Und abends – wenn die einfachen Rotarmisten kaserniert waren – konnte man im Prater sowjetische Offiziere antreffen, „die sich ungeniert mit österreichischen Mädchen ergehen und auch sich dem Genuss alkoholischer Getränke ergeben“, wie ein Kundschafter der westdeutschen Organisation Gehlen neidisch vermerkte.

Später mauserte sich die Villa Putz noch einmal und wurde zur „Partyhöhle der 1960er-Hautevolee“ wie Herbert Lackner 2015 in einem Porträt festgehalten hat. Die „Sauna im Grünen“ war als Mieterin eingezogen. Sportler, Journalisten und Adabeis gaben sich die Klinke in die Hand. Selbst „Kojak“ Telly Savalas soll einmal Gast gewesen sein. Als dann Mitte der 1980er Jahre mit dem Betrieb endgültig Schluss war, war die Villa Putz schon desolat. Mittlerweile ist daraus so etwas wie ein „Lost Place“ geworden.

Thomas Rieglers gerade erschienenes Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen.

Lisa Kiss

Fotografie

Er war das erste österreichische Mitglied bei der legendä­ren Agentur Magnum und ein Vorreiter der Farbfotografie: Westlicht widmet seine Herbstschau Ernst Haas (1921–1986), der in Amerika Karriere machte und hierzulande immer noch viel zu wenig bekannt ist. Mit einer 1946 auf dem Schwarzmarkt erworbenen Rolleiflex produzierte der Autodidakt die Schnappschüsse seiner emotionalen Reportage „Kriegsheimkehrer in Wien“, die im Life-Magazin abgedruckt wurde. Mit rund 130 Bildern, darunter zahlreiche Originalabzüge und selten gezeigte Auftragsarbeiten, zeichnet die Personale das Œuvre des vielgereisten Fotografen nach. (Nicole Scheyerer)

Westlicht, 16.00 (bis 12.2.)

Orlando Figes: Eine Geschichte Russlands

Wer Wladimir Putins Absichten verstehen will, muss die Geschichte Russlands kennen, sagt Orlando Figes. Und legt nach atemberaubenden Werken zur russischen Kulturgeschichte, zur Epoche der Revolution oder zum privaten Leben in der Stalin-Zeit nun eine historische Gesamtdarstellung bis zum beginnenden Ukraine-Krieg vor. Das englische Original ging vor ein paar Monaten in Druck, trotzdem hat das letzte Kapitel nichts an Bedeutung eingebüßt, denn der Ausgang des Krieges ist immer noch ungewiss. Während viele der derzeitigen Neuerscheinungen das „System Putin" zu erläutern versuchen, betont Figes, dass sich dieses nicht allein anhand der Machenschaften eines einzigen Mannes verstehen lasse. Zudem sei es zu großen Teilen bereits in den Jelzin-Jahren entstanden. Um die Entwicklungen in Russland zu begreifen, müsse man noch viel weiter zurückgehen. (Kirstin Breitenfellner)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

The Menu

© Verleih

Schlappe 1250 Dollar muss man für ein Abendessen im Hawthorne hinlegen, einem superexklusiven Restaurant auf einer pazifischen Insel, in dem nur das reichste Prozent der Menschheit verkehrt. Hier kocht Chef Slowik (sinister: Ralph Fiennes), Gebieter über ein quasi militärisch gedrilltes Küchenteam. Ein junges Pärchen, Tyler und Margot - sie schön, aber nicht reich -, macht sich dorthin auf. Als sich die Türen schließen und die Handys abgegeben sind, schwant ihnen langsam, dass dieses Diner nicht nur lebensverändernd, sondern auch lebensbeendend sein könnte. Böse vor sich hin köchelnde, schwarze Komödie.

Regie: Mark Mylod, USA 2022


Ein Weihnachtsfest für Teddy

Mariann ist begabt für das Zauberhafte. Für sie hat jeder Baum eine Familie und mag für Weihnachten nicht gefällt werden; Schneemänner können sprechen, Holzstücke verwandeln sich in etwas Lebendiges, auch der Teddy, den sie als Hauptpreis am Adventsmarkt erspäht hat. Nur hat der Brummbär gar keine Lust, von einem Kind gewonnen zu werden, hält er sich doch zu Größerem berufen und möchte die Welt sehen! Entzückender norwegischer Weihnachtsfilm mit Animationsfilmszenen, in denen ein einsames Igelmädchen den Titelhelden das Kuscheln lehrt - lustiger Höhepunkt: ein Albtraum des Teddys! (Michael Omasta)

Regie: Andrea Eckerbom, NOR 2022


Hallelujah: Leonard Cohen, a Journey, a Song

Keine gewöhnliche Doku über einen Künstler – sondern über (s)ein Kunstwerk. Als der kanadische Singer-Songwriter Leonard Cohen nach einer mehrjährigen Pause 1984 sein Album „Various Positions" vorlegte, wollte Columbia Records es zunächst nicht einmal veröffentlichen. Und das, obwohl es den Meilenstein „Hallelujah" enthält. In diesem Dokumentarfilm fungiert das von seinem Schöpfer mehrfach umgeschriebene Lied als Anker, um Cohens Biografie und lebenslange Suche nach Transzendenz zu beleuchten. Im zweiten Teil des Films geht es auch um die Geschichte des Songs selbst, der sich mehr und mehr veränderte, je öfter er von anderen Musiker/innen gecovert wurde.

Regie: Daniel Geller, Dayna Goldfine, USA 2021


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