Bierpartei: Dominik Wlazny über seine politische Zukunft - FALTER.morgen #462

Versendet am 30.11.2022

Dominik Wlazny über die Zukunft der Bierpartei, das verkrustete politische System und Michael Häupl als Punk >> Debatte: Wie sehr schaden Schütt- und Klebeaktionen der Klimabewegung? >> Geheimes Wien, Teil 6: Deutschlands Spione in Wien-Landstraße >> Kinotipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Trübe Aussichten. Es bleibt heute, wie es gestern war – grau und kalt bei maximal 5 Grad. Nachdem unsere gestrige Streikdrohung gegen den Nebel nichts gebracht hat, überlegen wir Kampfmaßnahmen.


Guten Morgen!

Vorige Woche war ich mit meiner Kollegin Barbara Tóth in Simmering. Wer, wie wir, das Büro in der Innenstadt hat und nicht in dem Industriebezirk lebt, den verschlägt es nicht allzu oft in diesem Bezirk. Eigentlich schade. Denn neben modernen Hochhäusern stehen in Simmering viele alte, wirklich schöne Backsteinhäuser. Aber Sie können es sich denken, dass wir nicht der Architektur wegen im 11. Bezirk waren.

Wir hatten einen Termin bei Dominik Wlazny alias Marco Pogo, der ebendort als Bezirksrat tätig ist und den Hauptsitz seines Unternehmens hat – ja, da stehen jede Menge Bierkisten. Bei den Bundespräsidentschaftswahlen vor knapp zwei Monaten hatte Wlazny überraschend den dritten Platz gemacht, in Wien bekam er nach Alexander Van der Bellen sogar die zweitmeisten Stimmen. 

Heute hält seine Bierpartei ihre erste (nicht-medienöffentliche) Mitgliederversammlung in Wien ab. Werden dort die Weichen für die Nationalratswahl gestellt? Was will seine Partei? Und warum tritt er nicht einer etablierten Partei wie der SPÖ bei, wo es doch inhaltliche Überschneidungen genug gäbe? Was Wlaznys darauf antwortet, lesen Sie gleich.

Außerdem: Thomas Riegler erzählt Ihnen im 6. Teil der Serie „Geheimes Wien“ über die deutsche „Organisation Gehlen“, die in den 1950ern in einer Wohnung im dritten Wiener Bezirk spionierte. Und Michael Omasta hat wieder drei sehenswerte Filme für Sie.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Soraya Pechtl


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Mir zieht’s die Ganslhaut auf

Dominik Wlazny über seine politische Zukunft, seine inhaltliche Nähe zur SPÖ und seine Vorbilder.

von Barbara Tóth & Soraya Pechtl

FALTER.morgen: Herr Wlazny, im ORF-„Report“ vor einem Monat wussten Sie noch nicht, ob Sie bei der Nationalratswahl antreten werden. Wissen Sie es jetzt?

Dominik Wlazny: Noch nicht. Ich verstehe, dass die Medien darauf eine Antwort hören wollen, will mich da aber auch nicht unter Druck setzen lassen. Wenigstens kann ich sagen: Der Vorwurf, dass meine Kandidatur als Bundespräsident ein Testlauf für eine Nationalratswahl war, stimmt nicht. Wenn dem so gewesen wäre, dann hätte ich gleich am 10. Oktober meine Liste und meinen Plan präsentiert.

Bis wann werden Sie sich entscheiden, ob Sie zu den Nationalratswahlen antreten?

Das entwickelt sich alles gerade. Mir ist bewusst, dass eine Kandidatur für die Nationalratswahl einiges an Vorbereitung braucht. Diesen Mittwoch findet die erste Vollversammlung der Bierpartei statt. Die Partei baut sich gerade erst auf. Und ich muss für mich identifizieren, ob ich in diesen Kreislauf der Politik überhaupt einsteigen will.

Aber wenn die Basis Druck auf Sie macht, haben Sie dann überhaupt eine Wahl?

Ich mache das auch, weil ich sehe, dass das, was ich mache, Auswirkungen auf dieses Land hat. Zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl hat ÖVP-Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm stolz verkündet, dass das Geld für die Jugendorganisationen in dem Land deutlich erhöht wird.

Das geht also auf Ihre Kappe?

Jeder, der eins und eins zusammenzählt, weiß, woher das rührt.

„Ich habe die Bierpartei gegründet, weil ich mich von keiner anderen Partei abgeholt gefühlt habe", sagt Dominik Wlazny © FALTER/ Heribert Corn

Laut einer aktuellen Umfrage könnte die Bierpartei bei Nationalratswahlen das Zünglein an der Waage für ein Bündnis links der Mitte werden. Also für eine Ampelkoalition. Macht so viel und so schnell mögliche Macht einem manchmal auch Angst?

Ich sehe das eher konstruktiv. Die etablierten Parteien sollten das als Motivation sehen. Sie müssen sich alle mehr anstrengen.

Wlazny, der Politik-Coach?

Ich hoffe, dass dadurch Bewegung in dieses verkrustete, mich extrem anödende Politsystem kommt. Wenn ich mir das Hohe Haus im Fernsehen anschaue, frage ich mich, ob ich mich nicht vor den 71er hau, weil das derart frustrierend ist. Mir zieht’s die Ganslhaut auf. 

Wobei genau?

Die Gesprächskultur. Die Unfähigkeit, Fehler einzugestehen, die untragbare Intransparenz. Und nicht zuletzt Wolfgang Sobotka.

Warum gehen Sie nicht etwa zur SPÖ und ändern von innen heraus das System? 

Warum soll ich zur SPÖ gehen? Welcher Teufel sollte mich reiten, mich der SPÖ anzuschließen?

Wenn man sich die Anträge der Bierpartei in den Bezirken anschaut, decken sich die Inhalte oft mit jenen der SPÖ oder der Grünen.

Ich richte mein politisches Denken nicht danach aus, mit welcher anderen Partei es kongruent wäre. Wenn ich etwas vernünftig finde, dann trete ich dafür ein. Es könnte auch von der FPÖ kommen. Also rein theoretisch, weil von denen kommt fast nie etwas Vernünftiges. Ich habe die Bierpartei gegründet, weil ich mich von keiner anderen Partei abgeholt gefühlt habe − weder von der SPÖ noch von irgendeiner anderen. Momentan fühlt sich nicht einmal die SPÖ von der SPÖ abgeholt.

Wie kam es dann zu Ihrem Michael-Häupl-Tattoo?

Ich habe für das erste Album von Turbobier 2015 den größten Punk von Wien hergenommen und das war für mich der Michi Häupl.

Wieso ist Häupl ein Punk?

Er hat aus seiner Liebe zu Spritzwein nie einen Hehl gemacht. Das ist natürlich für eine Band, die mitunter den Alkoholkonsum satirisch aufgreift, ein gefundenes Fressen. Und das war auch kurz nachdem er gesagt hat, wenn er, so wie Lehrer, nur 25 Stunden in der Woche arbeitet, ist er am Dienstagmittag fertig. Das war treffend formuliert und künstlerisch wertvoll.

Ist er Ihr politisches Vorbild?

Er ist nicht unbedingt ein politisches Vorbild, aber als Kunstfigur fand ich ihn immer spannend. Diese Aufrichtigkeit, die fehlt im Nachrichtenblabla der Politiker heute.

Sein Nachfolger Michael Ludwig interessiert Sie nicht?

Als Kunstfigur nicht.

Das ganze Interview lesen Sie hier (kostenpflichtig, mit Probe-Abo gratis).

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Aktivisten in der Klimafalle

Schaden Schütt-, Blockade- und Klebeaktionen mehr als sie nutzen?

Verschieben radikale Klimaproteste den Diskurs in die richtige Richtung? Oder nerven die Aktivisten der „Letzten Generation“ mit ihren Klebe- und Schüttaktionen die Leute so sehr, dass sie sich zunehmend vom Klimaschutz abwenden? FALTER-Chefredakteur Florian Klenk verweist im gestrigen FALTER.maily auf eine Studie, die letztere These zu stützen scheint. 

Blockadeaktion am Praterstern (am 24. Oktober 2022) © APA/Letzte Generation

Sie stammt von dem der Klimabewegung nahestehenden „Penn Center for Science, Sustainabilty and the Media“ an der Uni in Pennsylvania und kommt zu folgenden Ergebnissen: Die Protestaktionen senken bei 46 Prozent der Befragten die Unterstützung für Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels. 27 Prozent finden, dass sie in ihrer Unterstützung „sehr massiv“ demobilisiert werden. Bei 40 Prozent haben die Protestaktionen keinen Effekt. Nur 13 Prozent werden mobilisiert (hier geht es zum Ergebnis).

Ziviler Widerstand solle sich gegen jene Institutionen und Personen richten, die für die Erderhitzung verantwortlich sind, zitiert Klenk den US-Klimatologen Michael E. Mann, der sein wissenschaftliches Leben dem Klimaschutz widmet und der radikalen Protestbewegung zu einem radikalen Umdenken rät. Einfach nur mit schockierenden Fotos und Schlagzeilen zu provozieren (oder sich wie kürzlich geschehen in der Elbphilharmonie lächerlich zu machen), sei zwar medienwirksam, aber langfristig ein PR-Desaster, das der guten Sache schade. Das FALTER.maily von Klenk können Sie hier lesen.

Benedikt Narodoslawsky, Chef unseres Natur-Ressorts ist anderer Meinung. Seine Antwort lesen Sie heute Abend im Maily. Zum kostenlosen Abo geht's hier.

Wien ist also wieder einmal auf dem ersten Platz – diesmal als unfreundlichste Stadt der Welt, wie aus dem jährlich erhobenen „Expat City Ranking“ hervorgeht. Fragen Sie uns jetzt nicht, ob das etwas Seriöses ist, fest steht jedenfalls: Das bedauernswerte Formtief des Jahres 2020 (damals reichte es nur für Platz 3) dürfte damit endgültig überwunden sein. Wir gratulieren allen Beteiligten ganz herzlich.

Gleichzeitig ist Wien, entnehmen wir einem ORF-Bericht, die „Weihnachtshauptstadt Europas“ – das sagt zumindest Andreas Kutheil, der Direktor des Wiener Marktamts (MA 59). Weil es nämlich hier seit gezählten 300 Jahren einschlägige Märkte gibt: Inzwischen 17 an der Zahl mit über 900 Standln, und damit so viele wir nirgendwo anders.

Und da dürfen wir stolz für uns in Anspruch nehmen, die Synthese zwischen beiden Erstplatzierungen geschafft zu haben: Mit unserem Brettspiel „Grinch, ärgere dich nicht!“, das übellaunige Weihnachtsmuffel jeden Geschlechts niederschwellig an die Vermeidung von Adventmärkten heranführt. Weil’s so gut passt hier nochmals der Link zum Spielfeld.


In der ÖVP-Inseratenkorruptionsaffäre gibt es die erste Anklage – und zwar gegen Sophie Karmasin. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) wirft der die ehemaligen Familienministerin erstens schweren Betrug und zweitens Bestimmung zu wettbewerbsbeschränkenden Absprachen vor.

Zu Punkt 1: Die Ex-Politikerin soll sich nach Beendigung ihrer Ministertätigkeit weiterhin Gehaltsfortzahlungen in Höhe von 78.589,95 Euro erschlichen haben. Wie? Karmasin habe dem „Bundeskanzleramt tatsachenwidrig mitgeteilt, sie ,werde nichts verdienen'“, zitiert die APA die Anklageschrift. Karmasin hatte nach ihrem Ausscheiden aus der Politik Ende 2017 weiterhin ihr Ministergehalt bezogen, sei gleichzeitig aber selbständig tätig gewesen und habe für das erste Halbjahr 2018 bereits Aufträge fixiert. Nebentätigkeiten sind bei Gehaltsfortzahlungen aber nicht erlaubt.

Zu Punkt 2: Zusätzliches Geld machte Karmasin unter anderem mit drei Studien für das Sportministerium. Laut WKStA habe Karmasin den Zuschlag für die Aufträge nur bekommen, weil sie sich mit ihren Mitbewerbern – eine davon war Kronzeugin Sabine Beinschab – abgesprochen und die Konkurrenz-Angebote schließlich unterboten habe.

Mitangeklagt ist auch ein Abteilungsleiter im Sportministerium. Er soll zu den Tathandlungen beigetragen haben, indem er die Inhalte der Studien mit Karmasin abgestimmt sowie sich mit der Ex-Ministerin abgesprochen habe, bei welchen Unternehmen Konkurrenzangebote eingeholt werden sollten.

Für beide Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Ihre Anwälte haben nun zwei Wochen Zeit, die Anklage zu beeinspruchen.  

Die neue Weltordnung

© Buch Wien/Nikola Montfort

Der Politologe Herfried Münkler skizziert die Machtverhältnisse nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die USA und Europa, China, Russland und Indien werden die Zukunft bestimmen, argumentiert er bei der Eröffnung der Buchmesse Buch Wien – zum Nachhören hier.

Was besagte das kaiserliche Vorhangverbot am Burgtheater, das formell erst mit der Spielsaison 1983/84 aufgehoben wurde?

1) Der Vorhang durfte nur unmittelbar vor Vorstellungsbeginn und nach dem Schlussapplaus gesenkt werden, um unzüchtige Umtrieben dahinter zu verhindern.

2) Schauspielerinnen und Schauspieler hatten ein so hohes Sozialprestige, dass ihnen das Kaiserhaus untersagte, sich vor dem gemeinen Volk im Publikum zu verbeugen.

3) Die Fenster des Gebäudes durften aus Brandschutzgründen nicht verhängt werden.

Auflösung von gestern: Fast zwei Drittel – mehr als 65 Prozent bzw. über 29.000 Tonnen – der österreichischen Gurkenproduktion stammen aus Wien (nicht Frühlingszwiebel oder Mangold). Quelle: Unnützes Wissen Wien

Plattenpräsentation: Voodoo Jürgens & Die Ansa Panier

Österreichs wohl originärster Popstar ist am 7. Dezember zu Gast im Wiener Konzerthaus: Voodoo Jürgens stellt mit der Ansa Panier sein drittes Album vor – stilgerecht als Stehkonzert im Großen Saal!

»Wie die Nocht noch jung wor« lautet der Titel des neuesten Streichs der kongenialen Formation, und verspricht eine Kombination aus Wiener Soul, prägnanten Hooklines, ungemein poetischen Texten und dem guten alten Sturm und Drang des Voodoo Jürgens.

Sichern Sie sich hier Karten – denn »heite geh ma ned früher z‘haus«!

Thomas Riegler

Ein Tresor voller Geheimnisse

In einer Wohnung in Wien-Landstraße wurden 1954 brisante Beweise für Spionage gefunden.

Um im Wien des Kalten Krieges an Informationen zu kommen, setzten Geheimdienste auf Dienste von Frauen wie „Anni“: „Jahrgang 1928, 1,68 Meter groß, mit ovalem Gesicht“ und einer Narbe unter dem Kinn. Diese „Anni“ war eine „Anbahnerin“. Das heißt, sie besuchte Lokale, die von sowjetischen Soldaten frequentiert wurden. Einmal hatte sie einen Oberstleutnant an der Angel, den der Alkohol gesprächig machte. Sie nahm ihn mit in ihre Wohnung, wo weiter getrunken wurde. Dann klopfte es. Herein kam ein Schwarzmarkthändler, der Uhren, Nylonstrümpfe oder Wollstoffe anbot. In Wirklichkeit handelte es sich um den „Werber“, der den Soldaten abfragte: wäre er bereit, in den Westen zu desertieren oder gar Informationen zu liefern? Manche gingen darauf ein.

Ein Gulasch, ein Seidl Bier und 3.000 Schilling Honorar: Hier spionierte in den 1950er Jahren die „Organisation Gehlen“, der Vorläufer des deutschen Nachrichtendienstes BND © Thomas Riegler

Das freute den Auftraggeber von „Anni“: Die Organisation Gehlen (ORG), Vorläufer des heutigen Bundesnachrichtendiensts (BND). Nicht immer lief alles glatt. 1954 flog ein Safe House auf, weil ein ORG-Agent nach einer durchzechten Nacht seine Brieftasche als Pfand hinterlassen hatte. Der neugierige Wirt fand darin Hinweise auf Spionage-Tätigkeit und informierte die Polizei.

Schwerer wog die Verhaftung des ORG-Spions Walter Kainz am 8. Juni 1954. Zwei Staatspolizisten verschafften sich Zugang in Kainz Wohnung in der Pfarrhofgasse in Wien-Landstraße. Im dortigen Tresor fanden sie Listen und Korrespondenz, was zur Enttarnung von vier weiteren Agenten führte. Staatspolizeichef Maximilian Pammer war verärgert, weil Kainz versucht hatte, auch Mitarbeiter der Polizei und des Außenministeriums anzuwerben. Pammers Protest machte der ORG bewusst, dass Österreich nicht mehr „Teil des Reichs“ sei, wie sich die Konkurrenz von der amerikanischen CIA mokierte.

Für Kainz bedeutete die Festnahme keineswegs das Ende seiner Agentenkarriere. Der gebürtige Wiener war bereits 1933 in die NDSAP und 1934 in die SS eingetreten. Von 1943 bis 1945 hatte er bei der Einsatzgruppe A gedient und dürfte an schweren Verbrechen direkt beteiligt gewesen sein. 1951 wurde Kainz von der ORG angeworben und war sieben Jahre tätig. Noch vor seiner Kündigung führte er Einstellungsgespräche bei der Nachrichtengruppe (NaGrp), dem heutigen Heeresnachrichtenamt.

Dort stieg Kainz bis zum Leiter der Nebenaußenstelle in Klagenfurt auf. Im Kollegenkreis galt er als „fanatischer Nationalsozialist“. Unter Kainz Ägide wurden immer wieder Hobbyagenten nach Jugoslawien geschickt, wo sie Militärflugplätze beobachteten, Flugzeugtypen identifizierten und Radarstationen fotografierten. Dafür gab’s „Gulasch und ein Seidl Bier“ sowie ein Honorar von 3.000 Schilling. Im April 1968 wurde aus dem Agentenspiel Ernst. Einer von Kainz Amateuren war einer Patrouille in die Arme gelaufen. Es dauerte bis 1971 ehe der junge Student ausgetauscht wurde.

Kainz emsiges Spionieren hinter dem Eisernen Vorhang könnte auch damit zu tun gehabt haben, dass er Bande nach Westdeutschland nie abgebrochen hatte. Der nunmehrige BND führte ihn seit 1961 als Sonderverbindung „Romulus“. Noch bis in die 1970er Jahre fand ein sporadischer Informationsaustausch statt. Ob darunter auch Erkenntnisse von den Spähmissionen in Jugoslawien waren?

Thomas Rieglers gerade erschienenes Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen.

Lisa Kiss

Theater

Zum Auftakt ihrer letzten Spielzeit am Schauspielhaus gelingt dem Regisseur Tomas Schweigen und seinem Ensemble mit „Faarm Animaal“ ein richtiger Coup: Das Stück dreht das Prinzip von George Orwells berühmtem Buch „Animal Farm“ um, zeigt statt vermenschlichter Tiere Menschen, die Tiere werden wollen. Gebannt verfolgt die Zuschauerin, der Zuschauer das gedankenreiche, kurzweilige und hochkomische Geschehen. Am Ende geht man mit einigen Rätseln und dennoch großer Befriedigung hinaus. (Martin Pesl)

Schauspielhaus, 20.00

Harry Bergmann, Wolf Biermann et.al: Israel. Was geht mich das an?

„Israel – was geht mich das an?“, haben die Herausgeber Erwin Javor und Stefan Kaltenbrunner 14 Autorinnen und Autoren gefragt und ihre Frage auch gleich zum Titel ihres Sammelbandes gemacht. Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Personen, die sie geschrieben haben. Sehr persönlich bei jenen, deren Familiengeschichte mit dem Land verbunden ist.

Es ist ein gelungener Sammelband, weil er von der Ausdruckskraft der Autoren und ihren persönlichen Perspektiven lebt … (Barbara Tóth)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Michael Omasta

Zeiten des Umbruchs

New York um 1980, der Beginn der Reagan-Ära. Der verträumte Schüler Paul Graff will Künstler werden. Sein Opa Aaron (Anthony Hopkins) ermutigt ihn, der Rest der jüdischen Großfamilie steht der Idee skeptisch gegenüber. Ebenso wie Pauls Freundschaft zum schwarzen Buben Johnny, der sich wütend gegen seine Ausgrenzung wehrt. James Grays autobiografisch gefärbtes Drama zeigt eine gespaltene, verkapselte Gesellschaft. Die Coming-of-Age-Geschichte eines Buben zwischen Freiheitsdrang und Konformitätsdruck beleuchtet das Ambivalente: „Be a Mensch“, mahnt der Opa, doch wie schwer es ist, in einer von Kapitalismus, Rassismus und Abstiegsangst geprägten Welt für das Richtige einzustehen, muss Paul schmerzhaft erfahren. Der Blick auf das Gestern erzählt hier viel über das Heute. (Sabina Zeithammer)

Regie: James Gray, USA 2022


Bones and All

Timothée Chalamet geht auf einen Road-Trip © Verleih

Eine neue Zusammenarbeit von Jungschauspieler Timothée Chalamet und Regisseur Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“), aber diesmal ganz anders: Ein junges Paar, Maren und Lee, geht Mitte der 1980er-Jahre auf Road-Trip durch die Vereinigten Staaten. Was die zwei so gemeinsam haben? Sie sind Menschenfleischfresser. Eigenwillige Identitätssuche trifft auf die Romanze zweier Liebender am Rand der Gesellschaft trifft auf Kannibalen-Horror mit gorig-blutigen Schockmomenten. Nach einem Buch von Camille DeAngelis. Bei den Filmfestspielen in Venedig war man begeistert: Mahlzeit!

Regie: Luca Guadagnino, USA 2022


Breaking the Ice

Mira lebt für den Eishockeysport und führt als Kapitänin ihr Team. Eine Herausforderung, dies mit ihrer Rolle im elterlichen Weinbau zu vereinen: mit ihrer Mutter und ihrem unternehmungslustigen, aber immer dementeren Opa führt sie den Hof – mit der ganzen Verantwortung. Die neue Spielerin Theresa bringt sie mit ihrer Unbekümmertheit und Offenheit völlig aus der Fassung. Als auch noch Miras verschwundener Bruder Paul auftaucht und alle drei sich im nächtlichen Wien verlieren, entdeckt Mira die Freiheit, die es bedeutet, Regeln zu brechen, sich selbst neu zu erfinden – und dass man nur lieben kann, wenn man loslässt. (Produktionsmitteilung)

Regie: Clara Stern, Ö 2022


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