Fall Wien Energie: Hochspannung im Rathaus - FALTER.morgen #463

Versendet am 01.12.2022

Morgen startet im Gemeinderat der U-Ausschuss zu den Finanzturbulenzen der Wien Energie – es geht um Termingeschäfte, Geheimnistuerei und Milliardenbeträge >> Debatte: Schaden die Schütt- und Klebeaktionen der „Letzten Generation“ mehr als sie nutzen? >> André Heller als Beschuldigter >> Der Fassadenleser in einem klösterlichen Kreuzgang

Wetterkritik: Heute gibt's nicht viel zu meckern. Die Sonne kommt mal wieder raus und die Temperatur ist mit 5 Grad für Dezember auch angemessen. Wobei: Wie wär's mal mit etwas Schnee?


Guten Morgen!

Kleine Vorwarnung: Das wird heute ein bisschen länger – es gibt aber auch einiges zu erklären*. Morgen startet im Rathaus nämlich der erste Sitzungstag der Untersuchungskommission zur Causa Wien Energie. Ein Jahr lang werden 16 Abgeordnete aufarbeiten, ob bei der Causa alles korrekt abgelaufen ist. Worum es geht, was wir von der U-Kommission erfahren oder auch nicht erfahren werden und wer den Vorsitz führt (wir wissen ja vom ÖVP-Korruptions-U-Ausschuss, dass das nicht unwichtig ist), erzählen wir Ihnen gleich. 

Außerdem setzen wir die gestern begonnene Debatte um den Aktionismus der Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“ fort – Benedikt Narodoslawsky antwortet auf Florian Klenk. FALTER-Kulturchef Matthias Dusini berichtet, warum André Heller von der Staatsanwaltschaft jetzt als Beschuldigter geführt wird. Und Fassadenleser Klaus-Jürgen Bauer beschreibt ein stilles Kloster im Trubel des 1. Bezirks.

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Martin Staudinger

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Was wir erfahren werden – und was nicht

Morgen startet der Wiener Gemeinderat mit der Aufarbeitung der Causa Wien Energie: Was Sie darüber wissen müssen.

von Martin Staudinger & Soraya Pechtl

Worum geht es?

​​Im vergangenen Sommer ist die Wien Energie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Grund waren sogenannte Termingeschäfte: Das Unternehmen hatte Strom, den es noch gar nicht produziert hatte, im Voraus über eine Handelsplattform verkauft. Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Strom lässt sich ja nicht in großem Stil speichern. Wenn man weiß, zu welchem Preis man ihn als Hersteller im nächsten Jahr verkaufen bzw. als Großkunde kaufen kann, kann man damit auch vorausschauend planen.

Die Börse verlangt bei derartigen Geschäften allerdings finanzielle Sicherheiten. Der Verkäufer etwa muss beweisen, dass er genug Geld hat, um den versprochenen Strom für seine Kunden notfalls am Markt zusammenzukaufen, falls er ihn selbst nicht herstellen kann. Wie hoch diese Garantiesumme ist, hängt vom gerade aktuellen Strompreis am Großmarkt ab – solange der nicht schnell und stark steigt, ist das kein Problem. Und: Solange die vorab verkauften Mengen überschaubar sind. 

Plötzliche Schieflage im August: Die Wien Energie © APA/Helmut Fohringer

Im Fall der Wien Energie kam aber offenbar beides zusammen. An einem Freitag Ende August schnalzte der Großmarktpreis (vor allem wegen des Kriegs gegen die Ukraine) plötzlich stark nach oben. Da das Unternehmen sehr viel Strom – offenbar rund zwei Drittel seiner Jahresproduktion – vorverkauft hatte, wurden so große Garantiesummen fällig, dass die Wien Energie sie nicht aufbringen konnte.

Der Staat Österreich musste mit 2 Milliarden Euro in Form von Kreditlinien einspringen. Heißt: Das Geld war nicht zu zahlen, sondern bloß für den Fall der Fälle bereitzustellen. Da der Strompreis wenig später wieder deutlich sank, musste es nicht angetastet werden, die Wien Energie war nah eigener Auskunft wenig später sogar im Plus.

Im Nachhinein stellte sich freilich heraus, dass die Stadt Wien ihrem Energieunternehmen knapp zuvor in ähnlichen Situationen bereits zweimal mit jeweils 700 Millionen Euro aus der Patsche helfen musste. SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig hatte das unter Berufung auf seine Notkompetenz stillschweigend getan. Sein Koalitionspartner, die Neos, wurden erst nachträglich, die Rathausopposition vorerst überhaupt nicht informiert.

Der U-Ausschuss soll nun die Umstände all dieser Vorgänge klären.

Was werden wir erfahren?

Wie politische Entscheidungen abgelaufen sind: Die Kommission wird sich mit der Rolle von Bürgermeister Michael Ludwig und Finanzstadtrat Peter Hanke (beide SPÖ) in der Causa Wien Energie beschäftigen. Konkret geht es um zwei Punkte:

  • Hat die Stadt als Eigentümer der Wien Energie ihre Rechte wahrgenommen und verantwortungsvoll gehandelt? In der Kommission gilt es zu klären, wann Ludwig und Hanke über die finanzielle Notlage Bescheid wussten und ob sie früh genug gehandelt haben. Die ÖVP will dafür Einblicke in Ludwigs Diensthandy sowie seinen Kalender und sonstigen Schriftverkehr, der die Causa betrifft. Die FPÖ will außerdem wissen, wann Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (NEOS) über die Lage der Wien Energie Bescheid wusste.

  • Ein weiteres Thema wird die Notkompetenz sein, mit der Bürgermeister Ludwig die Kreditrahmen freigegeben hat. Warum wurde der Gemeinderat erst Monate später informiert? War die Causa tatsächlich ein unmittelbarer Notfall, die den Einsatz der Notkompetenz rechtfertigt?

Was erfahren wir nicht?

Was in der Wien Energie passiert ist: Ausgegliederte Betriebe wie die Wien Energie dürfen laut Stadtverfassung nämlich nicht von U-Kommissionen untersucht werden. Eine Ausweitung der Kontrollrechte wird seit Wochen diskutiert – die Neos wollen sich das in den kommenden Monaten „anschauen”. Die SPÖ zeigt sich bislang aber eher skeptisch gegenüber einer solchen Reform. Für die Aufarbeitung zur Causa Wien Energie käme sie aber ohnehin zu spät. 

Wenig Infos dürfte es auch zu den Kreditenlinien des Bundes geben - die hat die Finanzierungsagentur ÖBFA nämlich mit dem Land Wien abgeschlossen (von dem das Geld dann wiederum an Wien Energie weitergegeben wurde). Diese Untersuchungskommission behandelt aber Gemeindethemen, daher dürften Fragen zum Bundeskredit rausfallen.

Welche Zeugen werden geladen? Wer sitzt in der Kommission? Wer führt den Vorsitz?

Hier geht's weiter zum gesamten Text.

An den Hängen des Mt. Elgon in Uganda wachsen die Bohnen für unseren fairen Bio-Kaffee Jambo.

Die reifen Früchte werden per Hand gepflückt, das Fruchtfleisch entfernt und getrocknet. Danach wird bis zu sieben Mal händisch aussortiert und nur die besten Bohnen kommen in den Kaffee von EZA Fairer Handel. Wir zahlen einen fairen Preis für unseren Kaffee, der direkt bei den Bäuerinnen und Bauern ankommt.

Der Klimaprotest-Knaller

Schaden Schütt-, Blockade- und Klebeaktionen mehr als sie nutzen?

Gestern haben wir hier auf das FALTER.maily verlinkt, in dem Florian Klenk anhand einer US-Studie argumentiert, die Aktionen der „Letzten Generation“ könnten letztlich kontraproduktiv für die Sache der Klimaschützer sein. Heute antwortet unser Natur-Ressortleiter Benedikt Narodoslawsky mit einer Gegenmeinung.

„Ich glaube, Florian Klenk irrt. Seit langem beobachte ich die Klimabewegung sehr genau und stelle fest: Sie dringt medial immer schwerer durch. 2019 haben die Massenproteste von Fridays for Future die Klimapolitik erstmals in mehr als 30 Jahren zum bestimmenden Thema gemacht. Doch schon ein Jahr später verkam es wieder zu einem Nebenthema“, schreibt Narodoslawsky.

Das habe sich durch die polarisierenden Aktionen der „Letzten Generation“ geändert: „Plötzlich kriegte ÖVP-Umweltsprecher Johannes Schmuckenschlager in der wichtigsten Diskussionssendung des Landes einen roten Kopf, weil er erklären musste, warum die Volkspartei das Klimaschutzgesetz blockiert. Und die Grüne Vizechefin Olga Voglauer musste sich dafür rechtfertigen, warum die Regierung die einfachste, billigste, sozialste und schnellste Maßnahme, das Klima zu schonen, noch immer nicht umgesetzt hat – nämlich das Tempolimit auf der Straße zu senken …“

Narodoslawskys gesamtes Maily lesen Sie hier, abonnieren können Sie unseren meinungsstarken Abend-Newsletter gratis unter diesem Link.

Heute ist der 1. Dezember – vielleicht haben Sie ja schon das erste Kasterl Ihres Adventkalenders geöffnet. Wie jedes Jahr haben wir für Sie auch auf falter.at einen Adventkalender vorbereitet. Bis 31.12. warten Goodies und Gewinne auf Sie. Mitspielen können Sie hier.

Die Fahrradkuriere von Mjam treffen sich heute wieder zum Streik - sofern man das bei freien Dienstnehmern so nennen kann. Um 12 Uhr protestieren rund 100 von ihnen (so viel erwarten zumindest die Organisatoren) vor der Mjam-Zentrale in der Barichgasse für mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen. Es ist der dritte Streik innerhalb von zwei Monaten.  

Das Mjam-Management reagierte auf den Streik mit einer E-Mail an die Mitarbeiter: „Grundsätzlich schadet ein Streik der gemeinsamen Kooperation und wirkt sich negativ auf das in der Zusammenarbeit aufgebaute Vertrauen aus”, heißt es darin. Das Mjam-Management hatte in den vergangenen Wochen immer wieder Gespräche mit den Fahrradkurieren angesetzt. Herausgekommen ist bislang nicht viel.

Mjam hat gegenüber FALTER.morgen angekündigt, im nächsten Jahr ein „umfassendes Maßnahmenpaket” zu präsentieren. Für die Fahrer soll es etwa ein neues Bezahlmodell geben. Wie das konkret aussieht, teilte das Unternehmen nicht mit. Das Grundgehalt der freiberuflichen Kuriere liegt derzeit bei vier Euro pro Fahrt. 


Eine andere Wiener Protestgruppe ist gestern abgezogen. Erst am Montag hatten die Aktivisten der „Erde brennt”-Bewegung einen Hörsaal an der Universität für Bodenkultur besetzt (wir haben berichtet). Gestern haben sie die Boku nach Verhandlungen mit dem Rektorat wieder verlassen. Für die Besetzer ging es aber nicht zurück nach Hause, sondern in den Hörsaal C1 am Campus der Uni Wien. Den halten die Erde-brennt-Leute seit zwei Wochen besetzen.

Filmemacher Thomas Roth inszeniert österreichische Geschichte im Thrillerformat mit Paulus Manker, Jeff Wilbusch und Miriam Fussenegger.

Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt SCHÄCHTEN die Geschichte eines jüdischen Unternehmersohns, der in den 60er-Jahren scheitert, die NS-Peiniger seiner Eltern einer gerechten Strafe zuzuführen und daraufhin beschließt, das Gesetz in die Hand zu nehmen.

SCHÄCHTEN - ab 2. Dezember in diesen Kinos

Matthias Dusini

Stielfragen

Warum André Heller von der Staatsanwaltschaft neuerdings als Beschuldigter geführt wird – und was ihn vor einer Anklage retten könnte.

Hat André Heller einen schweren Betrug zu verantworten? Die Staatsanwaltschaft Wien geht diesem Verdacht nun nach und ermittelt gegen den Wiener Künstler. Die Anklagebehörde hat eine anonyme Anzeige offenbar nicht sofort zurückgelegt, sondern leitet ein Verfahren ein, Heller ist daher Beschuldigter. 

War der falsche Besenstiel bloß ein „Bubenstreich”? Die Staatsanwaltschaft ermittelt: André Heller © APA/BARBARA GINDL

Was hat er zu befürchten? Der FALTER deckte Anfang November auf, dass Heller im Jahr 1988 aus Besenstielen einen Holzrahmen zimmerte und diesen im Jahr 2017 als Objekt des berühmten US-Künstlers Jean-Michel Basquiat zum Verkauf angeboten hatte. In dem Fake-Rahmen befand sich eine echte Zeichnung Basquiats. Die Grafik und die dazu passende Fassung wurden als Gesamtkunstwerk des in den 1980er Jahren verstorbenen Künstlers um sechs Millionen Dollar angeboten.

Heller bastelte nicht nur den Fake-Rahmen, er schwindelte dem Kunsthistoriker Dieter Buchhart in einem Interview auch noch vor, dass Basquiat den „Voodoo-Altar“ kurz vor seinem Tod in seiner Anwesenheit angefertigt hatte. Das Gespräch wurde verschriftet und in einem Ausstellungskatalog veröffentlicht. Der Rahmen wurde dann – garniert mit dem Experteninterview – auf der Kunstmesse in New York angeboten, allerdings nicht verkauft. Ein „Bubenstreich”, wie Heller die Tat gegenüber dem FALTER rechtfertigte. 

Ist es so einfach? Der Streich brachte Heller viel Geld ein. Denn einige Zeit später, 2018, verkaufte Heller den Besenstiel-Rahmen in Wien an einen Kunstsammler um 800.000 Euro. Er wies den Käufer nicht darauf hin, dass der Rahmen von ihm, Heller, gezimmert wurde, sondern schrieb in den Kaufvertrag nur kryptisch: „Ein Echtheitszertifikat liegt nicht vor.” 

Ein Betrug? Hat sich Heller durch eine Täuschung des Käufers unrechtmäßig bereichert? Das klärt nun die Justiz. Ein in den Kauf involvierter Zwischenhändler gab gegenüber dem FALTER nämlich an, er sei selbstverständlich davon ausgegangen, dass Heller ein Basquiat-Objekt verkaufe. Ein Heller-Rahmen mit ein paar Basquiat-Schnipseln hätte einen Bruchteil gekostet. Hellers Vorgehen war erstaunlich. Um das Objekt echt wirken zu lassen, zerschnitt der Impresario eine originale Zeichnung und arbeitete sie in das Werk ein. Auch nutzte er seinen Status als Zeitzeuge, um den Experten Buchhart an der Nase herumzuführen.

Wird es zu einer Anklage kommen? Heller könnte Glück haben. Als der FALTER in der Sache zu recherchieren begann, kaufte der Künstler den Rahmen zurück und ersetzte dem Käufer den Schaden. Das Strafgesetzbuch spricht hier von „tätiger Reue”. Offenbar wurde der Impresario gut beraten. Wenn nämlich die Behörde von einer Straftat noch keine Kenntnis erlangt hat, kann der Übeltäter seine Tat ungeschehen machen. Eine Einstellung des Verfahrens ist daher möglich und Heller hätte die Sache vom Leibe. 

Aber auch die Rolle des von Heller hineingelegten Kunstexperten Dieter Buchhart verdient eine nähere Untersuchung. Warum recherchierte der renommierte Basqiat-Experte nicht genauer, ehe er in einem Essay den Besenstielrahmen als „Voodoo-Altar“ feierte? Merkwürdig erscheint auch, warum er nicht jenen Assistenten Basquiats befragte, den er im Katalog als Referenz erwähnt. Dieser hatte später das vermeintliche Basquiat-Werk sofort als Fake entlarvt. 

Was lief also zwischen Heller und Buchhart? Im Interview hatte Heller den Basquiat-Spezialisten als nervigen Besserwisser dargestellt, den er auf die Probe stellen wollte. Wie FALTER-Recherchen ergaben, gründeten die beiden aber gemeinsam eine Firma, um Kunst zu promoten. Den Bericht finden sie hier.

Was wusste Buchhart also genau über die Rahmenhandlung? Bald wird es die Öffentlichkeit wissen. Nicht nur eine Anklage, sondern auch ein Einstellungsbeschluss ist in sogenannten „clamorosen Causen”, also jenen, die Promis betreffen, öffentlich zu verkünden. 

Was zeigt dieses Foto?

© Geoland

Als kleine Abwechslung testen wir in der „Frage des Tages“ künftig einmal pro Woche Ihr Adlerauge und möchten wissen, welches Wiener Gebäude auf der jeweiligen Satellitenaufnahme zu sehen ist.

Auflösung von gestern: Das Vorhangverbot am Burgtheater besagte tatsächlich, dass sich Ensemblemitglieder nach Ende der Vorstellung nicht verbeugen durften. Mit unzüchtigen Umtrieben oder Brandschutz hatte es nichts zu tun. Von Joseph II. im Jahr 1778 eingeführt, sollte dieses Statut ursprünglich verhindern, dass durch den Beifall nachträglich „der Eindruck der darzustellenden Handlung gestört würde“. Hinzu kam, dass sich die Akteurinnen in ihrer Funktion als „Schauspieler seiner Majestät“ nicht vor dem gemeinen Volk verbeugen sollten. Außer Kraft gesetzt wurde die Bestimmung erst in der Spielzeit 1983/84 vom damaligen Unterrichtsminister Helmut Zilk (SPÖ).

„Hilfe, Geschenke“ – das Integrationshaus braucht Eure Solidarität

In der aktuellen Podcast-Folge hören Sie Schauspielerin und langjährige Integrationshaus-Vorsitzende Katharina Stemberger, Ukrainevertriebene Yanna Havryk, Integrationshaus-Geschäftsführer Martin Wurzenrainer, die Grüne Nationalratsabgeordnete Sibylle Hamann sowie die Falter-Mitarbeiterinnen Birgit Wittstock und Barbara Prem. Moderation: Raimund Löw.

Café Exchange

Es ist so arg. Dieses Licht, diese räumliche Dimension, diese Details. Über die Kassenhalle von Otto Wagners Postsparkasse haben schon Gescheitere geschwärmt, Tatsache bleibt: Dieser Raum ist ein Meisterwerk. Seit Anfang des Jahres, seit das 1904−1906 errichtete Gebäude dank Besiedelung durch Angewandte, MAK, Kepler-Universität und andere langsam wieder zum Leben erwachte, macht Alexander Afrough hier den Kaffee. Also das ist ein bisschen untertrieben, konkret ist es seine Aufgabe, die zukünftig fächerübergreifend mit Buchgeschäft, Ausstellungsräumen und Lesenischen ausgestattete Kassenhalle alias AIL (Angewandte Interdisciplinary Lab) gastronomisch zu bereichern.

Was es hier täglich gibt, ist koreanisches Gimbap, eine Art Maki-Rolle etwa mit Rettich-Spinat und Omelette-Füllung (€ 7,80). Ebenfalls immer gibt es ein veganes Curry, vorige Woche war das ein scharfes Erdnusscurry mit geröstetem Gemüse, Kräutern und Gurken-Relish, sehr gut (€ 9,–).

Man könnte hier auch nur Käsesemmel essen und Wasser trinken und wäre vom Raum trotzdem ergriffen. Aber fein, dass die Snacks hier richtig gut sind.

Die gesamte Lokalkritik von Florian Holzer lesen Sie hier.

Brücken und Stegen sind nicht nur zum Überqueren da. Sie leisten auch einen künstlerischen Betrag zum Stadtbild. Wir schicken Sie diese Woche mit dem FALTER-Buch „Faszinierende Wege. Brücken, Stege und legendäre Stiegen in Wien“ von Gabriele Hausmann (Text) und Charlotte Schwarz (Fotos) raus zu einem Steg, der nicht nur funktional ist, sondern auch schön anzusehen (die Graffitis sind Geschmacksache).

Heute: Paul-Amann-Brücke

© Charlotte Schwarz

Dieser Steg wurde 2010 für Fußgänger und Radfahrerinnen als „integrale Brücke” errichtet, deren fugen- und lagerlose Konstruktion ein Minimum an Erhaltungskosten gewährleisten soll. Ihre Bauzeit betrug nur rund ein halbes Jahr, da ihre Erbauer das asymmetrische Rahmentragwerk aus vorgespannten Fertig- und Halbfertigteilen konstruierten. Benannt ist der Steg nach dem Schriftsteller Paul Amann. Er dient neben dem Überqueren des Wienflusses auch dem Erreichen des tiefer gelegenen Wiental-Rad-Highways mittels Rampe. 

Hinkommen: Mit der U4 bis zu Station Unter Sankt Veit oder mit dem Rad über den Wiental-Radweg

Lisa Kiss

Musik

Hinter dem klingenden Namen Dolce Risonanza steckt ein dreiköpfiges Wiener Barockensemble, das für seine hingebungsvolle Spielweise sowie seine musikalischen Entdeckungsreisen geschätzt wird. Diesmal geht es in die Zeit des Frühbarock. Die Notendrucke, nach denen die Musiker spielen, kommen aus der Schatzkammer des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. (Miriam Damev)

Musikverein, 19.30

Herfried Münkler: Die Zukunft der Demokratie

In seinem Band „Die Zukunft der Demokratie“ führt der bekannte deutsche Politologe Herfried Münkler durch die Geschichte der Demokratie, skizziert ihre Theorien und beschreibt ihre Gefahren: Die Demokratie wird durch äußere Entwicklungen (Autokraten wie Putin, autoritäre Regime wie China, Populismus, Rechtsextremismus, Nationalismus, zentrifugale Kräfte der EU) und durch innere Entwicklungen (lethargische Bürger und Bürgerinnen) bedroht … (Margaretha Kopeinig)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at

Klaus-Jürgen Bauer

Im Kreuzgang

Die Franziskaner sind seit dem Jahr 1451 in Wien. Das erste Kloster, das von 200 um Almosen bettelnden Mönchen bewohnt war, ging während der Ersten Türkenbelagerung unter. Seit 1589 sind die Wiener Franziskaner in der Singerstraße zuhause. Für den Neubau der Kirche spendete neben vielen adeligen Familien sogar der osmanische Gesandte einen hohen Betrag als Sühnopfer für die Zerstörungen im Krieg.

Der Neubau des großen Klosters für 100 Brüder mit seiner auffallenden Fassade mit den vertieften Kreisfeldern erfolgte dann ab 1614, wobei angrenzende Privathäuser und Grundstücke in den Baukomplex einbezogen wurden.

Der Kreuzgang des Franziskanerklosters am Franziskanerplatz 4 © Klaus-Jürgen Bauer

Im Zentrum jedes Klosterneubaus stand seit dem frühen Mittelalter unverzichtbar ein Kreuzgang, dessen Ursprung jedoch nicht eindeutig geklärt ist. Möglicherweise entwickelte sich dieser aus römisch-frühchristlichen Atrien oder aus syrischen Hofhäusern. Der lateinische Begriff claustrum wurde jedenfalls zum Namensgeber des europäischen Klosters.

Der überdachte und gewölbte Bogengang der Wiener Franziskaner führt wie alle Kreuzgänge um einen Innenhof herum. Die schlicht verputzten, spätrenaissancezeitlichen Pfeiler, die vermutlich biedermeierlichen Butzenscheiben und vor allem der rote, von vielen, vielen Schritten glattpolierte Kalksteinboden aus Adneter Marmor erzeugen eine eigene, stille Atmosphäre inmitten des Trubels der Stadt. 


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