Was kann der Wiener Raus-aus-Gas-Plan? - FALTER.morgen #496

Versendet am 25.01.2023

Die Stadt will bis 2040 auf erneuerbare Energien umsteigen: Aber wie soll der Tausch von 600.000 Thermen gelingen? >> Christoph Chorherr über seinen Prozess, den Freispruch und die Folgen >> Geheimes Wien, Folge 12: Ein Bestsellerautor als Agent in Döbling >> Filmtipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Wir können nicht mehr sagen als gestern auch: Graues Tauwetter.


Guten Morgen!

Wie viele von Ihnen heize auch ich meine Wohnung mit einer Gastherme. Ein leidiges altes Ding. Beim Erhitzen surrt sie so nervtötend, dass ich beim Podcast-Hören meinen Bluetooth-Lautsprecher lauter drehen muss. Und teurer ists auch noch, nicht die Therme an sich (die gibts noch immer in Sonderangeboten), sondern das Gas. Und das ärgert mich doppelt.

Einerseits wegen der Rechnung. Aber noch viel mehr, weil ich als Mieterin fast nichts dagegen tun kann (wir haben hier zusammengefasst, welche Möglichkeiten Sie haben, um vom Gas wegzukommen). Vor einem Jahr hatte ich dann ein wenig Hoffnung. Meine Vermieter haben angekündigt, dass sie das gesamte Haus sanieren würden. Das wäre doch die Chance, gleich auf Fernwärme, Wärmepumpen oder was es sonst noch gibt umzusteigen. Schließlich war damals schon klar, dass die Stadtregierung bis 2040 aus fossilen Energien raus will und somit Gasthermen nicht mehr erlaubt sein würden. 

Also habe ich den Hauseigentümern geschrieben. Die Antwort war knapp und ernüchternd: „Wir sehen keine Möglichkeit, von der Gastherme wegzukommen. Ein Umstieg ist auch in naher Zukunft nicht angedacht”.

Vor einer Woche gab es dann wieder einen Hoffnungsschimmer. Nach einer Regierungsklausur hat die rot-pinke Stadtregierung am Donnerstag ihre „Raus-aus-Gas”-Strategie vorgelegt. Bis 2040 sollen alle 600.000 Thermen in Wien Geschichte sein. Nur wie soll das gehen? Ich habe mir das Konzept genauer angeschaut und mit Experten darüber gesprochen, was dabei herauskam, erzähle ich Ihnen heute und in den kommenden Tagen in einer FALTER.morgen-Mini-Serie. 

Was Sie heute außerdem erwartet: Folge 12 von Thomas Rieglers Serie „Geheimes Wien”, diesmal über die Zeit, die der Spionage-Bestsellerautor John le Carré als Agent in Döbling verbrachte. Und, wie jede Woche, die besten Filmtipps von Michael Omasta

Einen schönen Tag wünscht Ihnen

Soraya Pechtl

PS: Wir haben vorgestern geschrieben, dass die U6 an drei Wochenenden (28. 1. bis 29. 1., 11. 3. bis 12. 3. und 25. 3. bis 26. 3.) nicht zwischen Floridsdorf und Alterlaa verkehrt. Das war falsch: Sie fährt nur zwischen diesen Stationen. Entschuldigen Sie!


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Energie Booster 

Die Stadt Wien hat vorige Woche ihre Strategie zum Gasausstieg vorgelegt. Wie ambitioniert ist das Konzept und wie soll es möglich sein, 600.000 Thermen in 17 Jahren auszutauschen? Wir haben Experten um ihre Einschätzung gebeten. 

Es klang sehr ambitioniert, was die rot-pinke Stadtregierung vorige Woche nach der Regierungsklausur verkündete. Alle Wiener Haushalte sollen bis 2040 klimaneutral heizen. Das heißt, in den kommenden 17 Jahren müssten knapp 600.000 Gasthermen und 460.000 Kochgasgeräte getauscht werden - das sind rund 140 Thermen täglich (vorausgesetzt die Facharbeiter würden nur werktags arbeiten und hätten bereits am 1. Jänner begonnen). 

Bürgermeister Ludwig will „an den großen Schrauben drehen”, wie er bei einer Pressekonferenz sagte. Und dafür legte die selbsternannte „Fortschrittskoalition” auch gleich einen 72-Seitigen Raus-aus-Gas-Plan vor: „Konsequentes Handeln für ein klimaneutrales Wien”, wird gleich auf Seite 1 versprochen. Und die Medien nehmen das Thema wohlwollend auf: „Stadt Wien will 580.000 Gasthermen bis 2040 umrüsten”, titelt der Standard. „Wie Wien bis 2040 den Gasausstieg schaffen will”, heißt es auf Kurier.at. 

Vergangenen Donnerstag traf sich die gesamte Stadtregierung zu einer kurzen Regierungsklausur. Um 13 Uhr gab es eine Pressekonferenz © C.Jobst/PID

Aber was kann dieses Konzept der Regierung wirklich? Und vor allem: was nicht?

Zu allererst: Die Ankündigung, dass Gasthermen in der Stadt bald der Vergangenheit angehören sollen, ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren schrieben SPÖ und Neos ins Regierungsprogramm: „Bis 2040 erfolgt der Ausstieg aus fossilen Energieträgern für Heizung, Kühlung und Warmwasserbereitung.“ Bei der Pressekonferenz ging es also weniger darum, Neuigkeiten zu verkünden, als um gute PR. 

Positiv ist das Bekenntnis dennoch. „Wien hat von allen Bundesländern den klarsten Plan, wie der Gasausstieg bis 2040 gelingen soll”, sagt Christoph Dolna-Gruber von der österreichischen Energieagentur. 

Und was tut die Stadt dafür?

Die Stadtregierung will die erneuerbaren Energien ausbauen. Der Fokus liegt auf Wärmepumpen und Fernwärme. Letztere soll bis 2040 über die Hälfte der in der Stadt benötigten Wärme liefern. 120 Millionen Euro will die Stadt dafür zuschießen. Das Problem: Die Fernwärme speist sich derzeit aber auch noch zu zwei Drittel aus Gas und muss erst dekarbonisiert werden. Das soll mit Geothermie und Großwärmepumpen geschehen (eine solche wird seit vorigem Jahr in Simmering gebaut). 

Eine andere, noch viel größere Herausforderung sind die Hausbesitzer: Wie bringt man sie dazu, 600.000 Gasthermen auszutauschen? 

Wie der Plan der Stadtregierung aussieht, erzähle ich Ihnen morgen.


Gastkommentar

Schau her, der Verbrecher!

Fünf Jahre stand ich im Gerichtssaal der Öffentlichkeit. Jetzt wurde ich freigesprochen, finanziell bleibt mir ein enormer Schaden. Sehr persönliche Anmerkungen von Christoph Chorherr.

Mehr als fünf Jahre wurde gegen mich wegen diverser Korruptionsdelikte ermittelt. Ein Verein, dem ich vorstand, hatte Spenden für Schulen in Südafrika erhalten, teilweise auch von Vertretern der Immobilienbranche, da es ein Bauprojekt war. Es war keine gute Optik, wie ich eingestanden habe, aber weit entfernt von dem kriminellen Verhalten, das mir die Staatsanwaltschaft anlastete. Nun wurde ich freigesprochen und möchte noch ein paar Gedanken loswerden.

„Es ist ein Privileg, in einem Staat leben zu dürfen, in dem so Recht gefunden und gesprochen wird“: Christoph Chorherr nach der Urteilsverkündung © APA/Roland Schlager

Das Verfahren hat mich etwas gelehrt: Es gibt für Beschuldigte zwei Welten.

Die Welt der öffentlichen Gerichtsverhandlung, den streng formalisierten, fairen Prozess. Zehn Verhandlungstage lang wurde rund 70 Stunden mit höchster Konzentration, Transparenz und Fairness versucht, den Sachverhalt zu klären, um zu prüfen, ob ich kriminell gehandelt habe. Jedes Beweismittel war zugelassen. Staatsanwalt, Verteidiger und natürlich auch Beschuldigte konnten sich ausführlich zu Wort melden, um Hintergründe zu klären. Klare, strenge, über Jahrzehnte weiterentwickelte Verfahrensregeln ermöglichten es, herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der Umgangston aller Beteiligten war höflich und geduldig.

Ja, das dauert alles sehr lange, aber es ermöglichte den Richtern und Schöffen, sich eine klare Meinung zu bilden. Bei ihnen war stets das Bemühen spürbar, mit vielerlei Nachfragen herauszufinden, was wirklich geschehen war.

Obwohl ich fünf Jahre im Feuer stand, möchte ich eines loswerden: Es ist ein Privileg, in einem Staat leben zu dürfen, in dem so Recht gefunden und gesprochen wird. Diese Art, Strafprozesse zu führen, ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die es zu schützen gilt.

Völlig anders habe ich hingegen fünf Jahre lang die mediale Berichterstattung in diesem Land erlebt. Hier wurde, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nicht versucht, die Wahrheit zu ergründen oder bei Unsicherheit beide Seiten zu beleuchten. Im Gegenteil: Journalistinnen und Journalisten haben mich – aus ganz unterschiedlichen Motiven – massiv vorverurteilt …

Zum gesamten Beitrag von Christoph Chorherr geht es hier weiter.


Falter-Radio

Niederösterreichs Elefantenrunde

Das Bundesland wählt am 29. Jänner. Fällt die schwarze Hochburg gibt es Konsequenzen für ganz Österreich. In der aktuellen Folge hören Sie die Spitzenkandidaten Franz Schnabl (SPÖ), Helga Krismer (Grüne), Indra Collini (Neos) und ÖVP-Landesgeschäftsführer Bernhard Ebner. FPÖ-Kandidat Udo Landbauer hat kurzfristig abgesagt.


Stadtnachrichten

Als der Stadtrechnungshof vorige Woche mutmaßlichen Subventionsmissbrauch beim privaten Kindergartenträger Minibambini aufgedeckt hat, traf das das pinke Herz der Stadtregierung (wir haben berichtet). Es ist nämlich nicht der erste „Fördermittelskandal” rund um private Kindergärten. Und in einem ähnlichen Fall vor mehr als sechs Jahren zählte der heutige Transparenz- und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) zu den schärfsten Kritikern.

Sommer 2016: Es wird bekannt, dass der Kindergartenträger Alt-Wien mit Fördermitteln nicht nur ein Schloss in Bad Aussee finanziert, das als Feriencamp genutzt wird – sondern auch eine Reit- und eine Ballettschule. Sechs Millionen Euro hat der private Verein vorschriftswidrig verwendet. In den Wochen darauf werden weitere Fälle von mutmaßlichem Missbrauch bekannt.

Wiederkehr fordert damals von Bildungsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) die Umsetzung eines 8-Punkte-Plans, um „Katastrophen wie den Alt Wien-Fall in Zukunft zu verhindern” – unter anderem „sorgfältigere Kontrollen”. In der Folge müssen die Alt-Wien-Kindergärten schließen.

Und heute? 

Verhindert wurde ein weiterer Fördermittelmissbrauch auch unter Regierungsbeteiligung der Neos nicht. Aber Wiederkehr hat gestern auf die Vorwürfe reagiert und immerhin drei Maßnahmen angekündigt.

  • Minibambini muss 130.000 Euro Förderungen zurückzahlen, dazu kommen 18.000 Euro für Verkehrsstrafen (die hatte der Verein bezahlt). Außerdem soll ein Wirtschaftsprüfer den Verein unter die Lupe nehmen. Schließen müssen die Minibambini-Kindergärten aber nicht. „800 Kinder auf die Straße zu setzen wäre nicht verantwortungsvoll”, meint Wiederkehr. Deshalb will die Stadt Minibambini auch weiterhin fördern.

  • „Aktion Scharf” gegen private Kindergartenträger: Die Kontrollen des Jugendamts (MA 11) im Hinblick auf die pädagogischen Tätigkeiten und das Kindeswohl werden verdoppelt (bis zum Sommer sollen es 1.000 sein). Was das betrifft, sei bei Minibambini übrigens alles in Ordnung gewesen. 

  • Die Förderabteilung der MA 10 (Kindergärten) soll drei zusätzliche Mitarbeiter erhalten. Derzeit arbeiten dort 19 Personen, die Förderungen abwickeln und nun verstärkt kontrollieren sollen, wofür ein Träger das Geld ausgibt. 

Heute muss sich Wiederkehr im Gemeinderat nochmals verantworten und sich einer dringlichen Anfrage der ÖVP stellen.


Mächtige Alleebäume, breite Radwege, großzügige Grünflächen: Die Wiener Grünen haben visionäre Vorstellungen, wie die Zweierlinie künftig aussehen soll. Bis vor Kurzem war der Straßenzug, der von der Landesgerichts- über die Auersperg- und die Museumsstraße zum Getreidemarkt verläuft, eine Verkehrshölle. Derzeit ist zumindest der Abschnitt vor dem Landesgericht vergleichsweise verkehrsberuhigt (wenn auch nicht ruhig: Dort wird nämlich an der neuen U5 gebaut). Aus zuvor sechs Fahrspuren sind deshalb zwei geworden – und dabei soll es nach Meinung der Grünen auch bleiben.

Die Zweierlinie im ursprünglichen Zustand – und so, wie die Grünen sie künftig gerne hätten © www.bauchplan.at

Sie sehen durch den U-Bahn-Bau eine „Jahrhundertchance“, die Zweierlinie künftig so zu gestalten, dass sie im Hinblick auf den Klimawandel keine kahle Asphaltwüste mehr ist, sondern eine „grüne Prachtstraße“. Nur noch 19 Prozent der Fläche sollen für den Autoverkehr reserviert sein, 358 Bäume gepflanzt werden (mehr als in der gesamten angrenzenden Josefstadt stehen), 8.000 Quadratmeter neue Grünfläche zum „Flanieren und Radfahren“ entstehen.

Das klingt alles wunderbar und schaut auf den Visualisierungen ebenso aus. Das Problem ist nur: Die Grünen haben es in ihrer Zeit als Stadtregierungspartei übersehen, dass diese Jahrhundertchance kommen würde – und dementsprechend keine politische Vorsorge getroffen. Jetzt sind sie in der Opposition, und die rot-pinke Rathauskoalition hat bislang nicht wirklich ein Faible für üppig begrünte Verkehrsreduktion erkennen lassen. „Geht es nach der derzeitigen Stadtverwaltung, werden an der Zweierlinie bestenfalls kosmetische Änderungen vorgenommen. Im Grunde bleibt alles, wie es immer schon war“, heißt es auch in der Presseunterlage zu den Zweierlinien-Plänen, die gestern von den Parteichefs Peter Kraus und Judith Pühringer, Mobilitätssprecher Kilian Stark und Martin Fabisch, dem Bezirksvorsteher des 8. Bezirks, präsentiert wurden.

„Wir wollen zeigen, was alles möglich ist“, macht sich Stark selbst Mut. Und dann? „Wir veranstalten Anrainer-Veranstaltungen und hoffen, das die Stadtregierung möglichst viele unserer Ideen übernimmt.“ Anträge im Gemeinderat soll es auch geben.

Die Chancen, dass SPÖ und Neos darauf einsteigen, dürften überschaubar sein. Wobei: Konkrete eigene Gestaltungsentwürfe hat das Rathaus bislang nicht vorgelegt. Und Zeit wäre auch noch genug – der U5-Bau an der Zweierlinie wird erst in drei bis vier Jahren abgeschlossen sein.


Frage des Tages

Der Meiselmarkt im 15. Bezirk befindet sich in einem Gebäudekomplex, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Als was diente dieser ursprünglich?

1) Als Wasserreservoir für die Hochquellenleitung

2) Als Pulver- und Munitionslager

3) Als Stall für die Rösser der Pferdeeisenbahn

Auflösung von gestern: Das Wiener Riesenrad war bis 1985 (nicht wie gestern irrtümlich berichtet 1997) mit 64,75 Metern Höhe das größte seiner Art. Dann wurde es vom Technokosmos in Japan (85 Meter) abgelöst. Gegenwärtig hält den Rekord das Ain Dubai mit 260 Metern Höhe.


Geheimes Wien, Folge 12

Thomas Riegler

Der Wiener Gipfel der Spionage-Literaten

Die Villa Kellner in Wien-Döbling beherbergte einst DavidDavi Cornwell alias John le Carré.

Die Villa Kellner auf der Hohen Warte in Wien-Döbling hatte viele prominente Bewohner: Rosa Mayreder, Heinz Rühmann, Opernsängerinnen und -sänger, Zukunftsforscher Robert Jungk, Peter Alexander und Herbert von Karajan samt Frau Eliette. Bedauerlicherweise wurde das Jugendstil-Juwel 1978 komplett abgerissen. Damit ging auch ein Schauplatz in Sachen Wiener Spionage-Geschichte verloren.

© Altelier J. Weiner

Denn ab Ende 1965 wohnte in der Villa Kellner für ein paar Monate der britische Schriftsteller David Cornwell, besser bekannt unter dem Pseudonym John le Carré. Ihm war 1963 mit dem Roman „The Spy Who Came in from the Cold der Durchbruch gelungen. Was sein insgesamt 25-bändiges Romanwerk über die Abgründe der Geheimdienstarbeit so besonders machte, war die Tatsache, dass le Carré das Geschäft intim kannte.

Er hatte ab 1950 für den Militär-Nachrichtendienst im britisch besetzten Graz gedient. Das war eine prägende Zeit: Zu seinen Aufgaben hatte es gehört, Geflüchtete aus dem Ostblock zu befragen, um potenzielle Quellen, aber auch getarnte Spione herauszufiltern. Außerdem spürte er Ex-Nazis nach – nicht aber, um diese der Strafverfolgung zuzuführen, sondern um diese zu rekrutieren. Der Kalte Krieg war in vollem Gange und die Feinde von gestern waren nun Verbündete, ganz gleich, welche Verbrechen sie begangen hatten. Auch dass praktisch alle österreichische Behördenvertreter, an die le Carré Verdächtige weiterreichen musste, NS-belastet waren, stieß ihm sauer auf. Diese Ambivalenz, im Dienst einer guten Sache zweifelhafte und mitunter kriminelle Dinge begehen zu müssen, wurde zu einem zentralen Element seiner literarischen Reflexion. So fragt einmal ein Protagonist den anderen: „Bist Du ein Spion oder nur ein Krimineller?“

Nach einigen Jahren Unterbrechung, in denen er unter anderem in Eton College Deutsch unterrichtete, trat le Carré zunächst in den Inlandsgeheimdienst MI5 ein, wechselte aber bald zum prestigeträchtigeren Auslanddienst Secret Intelligence Service (SIS, auch bekannt als MI6). Er wurde in der Botschaft in Bonn stationiert und war unter anderem damit beschäftigt, den wiedererstarkenden Neonazismus aufzuklären. Die Kleinkariertheit, die er in der abgeschlossenen Welt der Vertretung erlebte, impfte ihm zeitlebens Verachtung für den Snobismus der britischen Upper Class ein. Der Erfolg als Autor ermöglichte es ihm schließlich auszusteigen.

Eine der ersten Stationen danach war Wien. Le Carré arbeitete hier an einem Neonazi-Thriller. Um eine überzeugende Vergangenheit für den Anführer „Karfeld“ zu konstruieren, suchte er den Rat von Simon Wiesenthal. Als er diesen fragte, wie er inmitten eines offen antisemitischen Klimas leben könne, sagte der „Nazijäger“: „Um die Krankheit zu studieren, muss man im Sumpf leben.“

Le Carré war ein gern gesehener Partygast. Während eines Dinners legte eine Gräfin ihre Hand auf sein Knie und ließ es während der ganzen Mahlzeit nicht los. Wichtiger war die erste Begegnung mit dem legendären Schriftsteller-Kollegen Graham Greene. Dieser hatte im 2. Weltkrieg ebenfalls beim SIS gedient und Wien mit „Der dritte Mann“ (1948) für immer als Spionagestadt geprägt. Die beiden verbrachten eine durchzechte Nacht.

Letztendlich war die Zeit in der Villa Keller für le Carré nicht fruchtbar. Die Arbeit an dem Roman führte ins Leere, auch weil ihn Wien als Schauplatz nicht überzeugte: „Die Spannung ist weg; nur die Klischees wie die Ereignisse bleiben übrig.“ Anfang Mai 1965 war le Carré zurück in England. Zum ersten Mal habe er es sich leisten können, dort zu leben, witzelte er. Er kam aber immer wieder auf Wien zurück –  etwa in A perfect Spy (1986) oder in A Most Wanted Man (2008). In letzterem Roman thematisierte le Carré die krummen Geschäfte einer Privatbank mit russischen Kunden wie einem gewissen „Wladimir“: „Er mochte Wien. Er mochte den Wiener Walzer und die Wiener Bordelle und die Wiener Schnitzel. Wo also würde er lieber hinfahren, um von Zeit zu Zeit sein Geld zu besuchen, als ins gute alte Wien?“

Im Jahr 2020 ist le Carré 89-jährig verstorben.

Thomas Rieglers Buch „Österreichs Geheime Dienste. Eine neue Geschichte“ kann man übrigens auch über faltershop.at beziehen. 


Event des Tages

Lisa Kiss

Musiktheater

Triste Ehen, verkorkste Götter und eine partysüchtige Unterwelt – das sind die Zutaten für Jacques Offenbachs Operettenfeuerwerk „Orpheus in der Unterwelt“ mit einem der bekanntesten Stücke der Musikgeschichte: dem sogenannte Höllen-Can-Can. Regie führt Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy und moderne Clownerie. (Miriam Damev)

Volksoper, 19.00


Buch

Mieze Medusa: Was über Frauen geredet wird

In Innsbruck sucht Laura nach der Matura die Ideallinie fürs Leben. Frederike, kurz Fred, prekär lebende Wienerin Mitte 40, bangt ebenfalls vor der Zukunft. Beide kämpfen im vierten Roman der verdienstvollen heimischen Spoken-Word-Poetin Mieze Medusa gegen die Zumutungen des neoliberalen Patriarchats.

„Unser Leben ist doch kein Ulrich-Seidl-Film, sagt Fred. Es ist aber durchaus: „Ewiges Hocken zwischen Stühlen, in den Nebenräumen, die wir trotzig in Freiräume umbenannt haben, Selfcare, weil sonst kümmert es ja niemand, und immer die Angst vor dem Alter. Zum Glück gibt es als Lichtgestalt die Rapperin Milla Yolobitch, an der die Autorin augenscheinlich viel Freude hat (inklusive Song zum Buch). „In aller Würde wütend gebliebene Feministinnen sind die beste Gesellschaft, sagt Fred einmal. Medusa ist mitgemeint. (Dominika Meindl)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at


Kinotipps

Michael Omasta

Im Himmel ist auch Platz für Mäuse

Die kleine Maus Dalli will in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der sich unter Einsatz seines Lebens dem gefürchteten Fuchs Mäusefresser gestellt hat. Zwar hat er diesen Kampf nicht gewonnen, dennoch wurde er zum Helden seines Volkes. Um selbes zu bewerkstelligen, legt sich Dalli mit dem jungen Fuchs Weißbauch an, eine wilde Verfolgungsjagd entsteht und schließlich finden sich beide im Tierhimmel wieder. Im Paradies treffen die Erzfeinde erneut aufeinander, legen ihren gegenseitigen Hass allerdings schnell beiseite und erkunden gemeinsam das farbenfrohe Jenseits. So erfahren sie mehr über das Glück des Lebens, das Rätsel des Todes und das Geheimnis einer wunderbaren Freundschaft (empfohlen ab 6 Jahren).

Regie: Denisa Grimmová, Jan Bubeníček, CZ/F/PL/SK 2021


Living

Ein Bürokrat erfährt, dass er unheilbar krank ist, und muss sich der Frage nach dem Sinn seines Lebens stellen. Regisseur Hermanus schuf ein Remake von Akira Kurosawas „Ikiru: Einmal wirklich leben“ (1952), freilich mit einer Handlung, die nicht im Nachkriegs-Japan, sondern im London der 1950er-Jahre angesiedelt ist. In der Hauptrolle glänzt Bill Nighy und beweist neuerlich auch sein Gesangstalent.

Regie: Oliver Hermanus, GB 2022


Drei Winter

In einem entlegenen Bergdorf im Schweizer Kanton Uri, wo die Jahre in Wintern gezählt werden, werden Marco und Anna ein Paar. Er stammt aus dem Flachland und arbeitet nun für Bergbauer Alois, sie hat eine kleine Tochter und ist Bedienung im Wirtshaus des Dorfes. Eine Erkrankung Marcos verändert ihre Beziehung für immer. In Kochs mit Laiendarstellern besetztem Werk trifft zeitgenössischer Heimatfilm auf griechische Tragödie: Regelmäßig erscheint und erklingt ein Chor, um das Geschehen zu kommentieren, stilecht in grüner Tracht vor archaischer Landschaft.

Regie: Michael Koch, CH/D 2022


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