Privatjet-Gate - FALTER.natur #33

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 05.11.2021

Vor Kurzem stand ich mit meiner Familie auf einem Wiener Hügel, um unseren neuen Drachen steigen zu lassen. Während andere ihr Fluggerät minutenlang kontrolliert flattern ließen, hatte unser Drachen keine Ahnung von Tuten und Blasen. Er wollte nicht hoch, sobald er sich irgendwann widerwillig dennoch in die Lüfte erhob, wusste er nicht, wohin er sollte, die Schnur verwickelte sich, das dumme Ding machte Kamikaze und knallte unsanft auf den Erdboden.

Vielleicht war der Drache aber auch gar nicht dumm, sondern hatte einfach nur Stress, weil es sich da oben ziemlich staute. Über ihm setzte Flieger um Flieger zum Sinkflug Richtung Flughafen Schwechat an. Während die Corona-Zahlen nach oben schießen, schien über unseren Köpfen die Pandemie besiegt. Ein zerkratzter Himmel wie anno 2019. Der Kurier vermeldete diese Woche: "Der vergangene Sommer gibt Anlass zu Optimismus. Erstmals seit Ausbruch der Pandemie flog die AUA einen Quartalsgewinn ein, rund zwei Millionen Euro."

Na, wenn das mal kein Anlass für Optimismus ist!

Wer nach kurzem Hochgefühl ebenfalls auf den Boden der Realität knallen will: Die CO2-Emissionen sind fast wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Krise, das zeigt eine aktuelle Analyse des Forschungsverbundes "Global Carbon Project". Auch wir drehen also wieder auf Kamikaze-Kurs. Oder wie UN-Generalsekretär António Guterres es zur Eröffnung der Weltklimakonferenz (COP) in Glasgow ausdrückte: "Wir schaufeln unsere eigenen Gräber."

Das Flugzeug gilt zurecht als Symbol für die blechgewordene Klimasünde, die Flugscham hat unter weltoffenen BürgerInnen längst um sich gegriffen. Es überrascht also nicht, dass Medien – wenn sie sich mit der COP in Glasgow auseinandersetzen – leidenschaftlich darüber berichten, wie die COP-TeilnehmerInnen anreisen. Die Geschichte über die Privatjets, mit denen die Mächtigen der Welt zum globalen Event kommen, folgt bei jeder Weltklimakonferenz so sicher wie das Amen im Gebet. Es unterstellt den PolitikerInnen Heuchelei in der Klimafrage. Diese Debatte ist dumm. Sie hilft uns nicht weiter.

Um die Sache abzukürzen: Sind Privatjets cool? Nein. Schädigen Sie das Klima? Ja. Haben sie Vorbildwirkung? Nein. Sollte man mit Privatjets fliegen? Nein. Können einflussreiche Menschen, die mit Privatjets fliegen, das Klima positiv beeinflussen? Ja.

Viel schlimmer, als mit dem Privatjet zu fliegen, ist schließlich, wenn einflussreiche Menschen gar nicht zur COP kommen. Das Fehlen des chinesischen Staatschefs Xi Jinping schwächt die globale Klimapolitik mehr als eine ganze Privatjetflotte. Dass bei einer COP im globalen Klimaschutz etwas weitergeht, lebt davon, dass wichtige Menschen mit vor Terminen überquellenden Kalendern einander treffen und miteinander verhandeln (und sich dabei auch der lauten Kritik aussetzen, die von der Straße in die Konferenzsäle dringt).

Weltklimakonferenzen sind wichtig. Entgegen landläufiger Meinung haben sie bereits einiges bewirkt. Die COP in Paris vor sechs Jahren bescherte uns einen wegweisenden Klimavertrag. Basis dafür war ein amerikanisch-chinesischer Schulterschluss und mir ist rückblickend völlig egal, ob sich der damalige US-Präsident Barack Obama höchstpersönlich hinter den Steuerknüppel der Air Force One klemmte und mutterseelenalleine nach Paris flog. Wichtig ist: Seither haben die Länder weltweit ihre Klimaschutzziele deutlich verbessert, auch wenn sie global gesehen noch bei Weitem nicht ausreichen. Die COP vor drei Jahren im polnischen Katowice hat der Zivilgesellschaft wiederum einen unglaublichen Schub gegeben (Stichwort: Fridays for Future und Extinction Rebellion). Die KlimaschützerInnen, die sich auf dieser COP vernetzt haben, veränderten schließlich die Politik. Gerade in Europa und in Österreich sind diese Folgen ganz konkret.

Es geht also nicht darum, ob die Weltelite im Privatjet zur COP fliegt, sondern darum, was dabei herauskommt. Uns hilft keine Appeasement-Politik, die mit dem Zug anreist. Wir brauchen eine geballte politische Kraft, die die Weichen stellt.

Wenn die Krone nun im Privatjet-Gate schreibt, "Österreichs Kanzler Alexander Schallenberg reiste übrigens per gewöhnlichem Linienflug an" und das dann wie eine Heldengeschichte klingt, läuft einiges schief. Von mir aus hätte Schallenberg auch mit einer privaten Mondrakete nach Glasgow fliegen können, wenn er dafür endlich ein wirksames Klimaschutzgesetz auf den Weg bringen und den CO2-Preis gemäß den wissenschaftlichen Empfehlungen angleichen würde.

Von Symbolpolitik hatten wir in den letzten 30 Jahren nämlich wirklich genug.

Benedikt Narodoslawsky

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Einer der zentralen Punkte, die gerade auf der COP verhandelt werden, ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Viele Länder, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind, können am wenigsten dafür. In der Regel gehören die Entwicklungsländer zu den stärksten Verlierern der Klimakrise. Der "Green Climate Fund" soll diese Ungerechtigkeit zum Teil ausgleichen. Reiche Staaten sollen ärmere jährlich mit 100 Milliarden Dollar unterstützen.

Kanzler Schallenberg pries in Glasgow Österreichs Rolle beim Green Climate Fund, weil die Republik ihren Beitrag auf 130 Millionen Euro vervierfachte. Der Beitrag sei "dramatisch zu niedrig und ohne wissenschaftliche Basis", urteilen WissenschaftlerInnen der Initiative "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz" in einer Stellungnahme. Zwar sei das Budget erhöht worden, aber von einem "erschreckend niedrigen Niveau aus".

Die Klimaaktivistin Vanessa Nakate aus Ungada, die das aktuelle Cover des Time-Magazine ziert, erklärt in diesem Interview, welche Verantwortung der Westen aus Sicht der Entwicklungsländer hat.

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Österreichs altes Klimaschutzgesetz hat seit Beginn des Jahres keine Wirkung mehr, der Entwurf des neuen liegt seit Monaten auf dem Tisch. Warum geht da so lange nichts weiter? Diese Frage warf Fridays for Future gemeinsam mit der Sprecherin des Klimavolksbegehrens, Katharina Rogenhofer, auf. Die sehenswerte Pressekonferenz, die ORF III übertragen hat, können Sie hier nachschauen. Politologe Reinhard Steurer erzählt darin, warum Österreich bislang fast all seine Klimaziele verfehlt hat und Juristin Michaela Krömer erklärt, welche Eckpunkte ein wirksames Klimaschutzgesetz beinhalten müsste.

Noch ein Hinweis: Aktivisten von Fridays for Future haben ein neues Tool erschaffen, um internationale und österreichische Klimadaten zu visualisieren. Das vielversprechende Projekt nennt sich Klimadashboard, hier finden Sie es.

VBV im Diskurs | Vom Reden ins Tun: KonsumentInnen und Nachhaltigkeit – zwischen Macht und Ohnmacht

Nachhaltigkeitsexpertin Gabriele Faber-Wiener diskutiert am DO den 11.11. zwischen 14:30-16:00 mit Ingolfur Blühdorn (Inst. F. Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit, WU Wien), Raphael Fink (VKI), Kathrin Hartmann (freie Journalistin), Ulrich Herzog (Gesundheitsministerium), Cornelia Diesenreiter (Unverschwendet GmbH) und Andreas Zakostelsky (VBV). Online und kostenlos!

Auf der COP werden zur Zeit sehr viele kleine technische Details verhandelt (einen guten Überblick liefert Global2000-Klimaexperte Johannes Wahlmüller in diesem Ö1-Interview). Ich habe in einem Text hingegen darüber geschrieben, worum es bei den Verhandlungen auf der Weltklimakonferenz COP26 im Großen geht. Nämlich um Krieg in Syrien und Mali, Hochwasserkatastrophen in Deutschland und den Niederlanden, Hunger auf Madagaskar, einem Hitze-Massensterben in Kanada und den USA, Migrationswellen und Islamismus in Somalia, und laut dem österreichischen Bundesheer, um eine der größten Sicherheitsbedrohung unseres Landes. Die Recherche lesen Sie in der aktuellen Ausgabe oder hier.

In der kommenden Ausgabe werden Sie im Natur-Ressort eine Reportage von unserer Korrespondentin Tessa Szyszkowitz aus Glasgow lesen.

Die wissenschaftliche Grundlage für die politischen Verhandlungen auf der Weltklimakonferenz ist der neue IPCC-Bericht, dessen erster Teil im Sommer veröffentlicht wurde. In dem Podcast-Projekt "Das Klima" kämpfen sich der Astronom und Science-Buster-Mitglied Florian Freistetter und die Meteorologin und Professorin für Wissenschaftskommunikation, Claudia Frick, durch den dicken wissenschaftlichen Bericht und übersetzen ihn für die Allgemeinheit.

Seit wenigen Tagen ist auch die dritte und letzte Folge der Falter-Podcast-Miniserie zur österreichischen Ökologiebewegung online. Sie rückt den Klimaaktivismus ins Zentrum, Sie finden sie hier.

Eine COP ist – wie im letzten Newsletter beschrieben – wie Weihnachten für die internationale Klimapolitik. Weltklimakonferenzen finden nur einmal im Jahr statt und das Klima bekommt in dieser Zeit sehr viel Aufmerksamkeit. Wenn Sie sich ärgern, dass dieser Newsletter anlässlich der COP in Glasgow monothematisch der Klimapolitik gewidmet war, entschuldige ich mich und verspreche Ihnen: Nächstes Mal wird er wieder bunter werden.

Wenn Sie ihn trotzdem wichtig und interessant gefunden haben, freue ich mich, wenn Sie ihn Leuten weiterleiten, die das alles interessieren könnte. Wenn Sie ihn auf Social Media teilen wollen: Auf www.falter.at/natur können Sie alle Ausgaben dieses Newsletters kostenlos nachlesen. Die aktuelle finden Sie dort ein paar Stunden nach dem Versand.


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