Da liegt es auf Heu und auf Stroh - FALTER.natur #38

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 10.12.2021

Auf Twitter bin ich auf dieses Video meiner Kollegin Gerlinde Pölsler gestoßen. Man sieht darauf einen Bauern aus Niederösterreich, dessen Schweine im Freien im Stroh und Dreck wühlen. Die Tiere schauen dabei sehr glücklich aus. Pölsler filmte keinen Bio-Bauernhof, sondern einen konventionellen. Aber einen sehr unkonventionellen konventionellen. Denn das durchschnittliche österreichische Schnitzerl auf unserem Teller lebte einst als Schwein auf Vollspaltenböden, und nicht unter freiem Himmel auf Stroh.

Hinter dem sperrigen Begriff Vollspaltenboden verbirgt sich nichts anderes als "legale Tierquälerei", wie Amtstierarzt Rudolf Winkelmayer im Frühling Florian Klenk in einem Interviewt erklärte. Warum? Dazu muss man ein wenig über Schweine wissen: Diese Tiere sind sehr klug und tun nichts lieber als zu wühlen, herumzuschnüffeln und Essen zu finden. Mit ihrem Rüssel können sie extrem gut riechen, noch besser als Hunde. Zugleich sind Schweine sehr reinlich, hassen also Gestank.

"Wenn man aber in einen Stall mit Vollspaltenböden geht, schießt einem dieser ätzende Ammoniakgeruch in die Nase, es ist kaum auszuhalten. Um zu empfinden, was ein Schwein empfindet, müssten Sie sich jetzt auf den Vollspaltenböden niederknien und Ihr Gesicht einmal auf die Höhe von zehn Zentimetern über den Spalten bewegen, dann würden Sie das wahre Ausmaß mitbekommen, in welchen grauslichen Gasen diese Tiere zu atmen gezwungen sind", erzählte Winkelmayer. Dazu kommt: Auf Vollspaltenböden gibt es nichts zu wühlen. Den Viechern ist also ständig fad, sie werden aggressiv und beißen einander. Die Hölle.

"Der gravierendste Unterschied ist, dass es heraußen null Kannibalismus gibt", erklärt der Bauer aus Niederösterreich in Pölslers Video, während die Schweine auf dem Stroh herumwuseln und interessiert seine Hand beschnüffeln. Was er so locker dahinsagt, liegt mir schwerer im Magen als das durchschnittliche österreichische Schnitzerl. Es heißt nämlich nichts anderes als: Wir zwingen Lebewesen in der gängigen Praxis in eine Situation, in der sich diese selbst zerfleischen. Dieser Wahnsinn ist also der Normalfall, nicht die Ausnahme. Um die Verstümmelung durch die Tiere zu verhindern, haben Schweinebauern eine Lösung gefunden. Sie schneiden den Ferkeln die Schwänze ab, verstümmeln sie also schon vorsorglich.

Mehrfach hat der Falter recherchiert, unter welch brutalen Bedingungen Schweine in Österreich gehalten werden, Gerlinde Pölsler etwa hier und hier, Florian Klenk in einer Covergeschichte im Frühling hier. Was die KollegInnen in diesen Geschichten ebenso berichtet haben: Die Bauern und Bäuerinnen stehen unter einem enormen Druck. Fleisch ist in den vergangenen Jahrzehnten von einer Delikatesse zur Ramschware verkommen. Die Gewinne machen die Diskonter, den Preis zahlen die Tiere.

Gestern behandelte der Gesundheitsausschuss im Parlament das Tierschutzvolksbegehren, das mehr als 400.000 Menschen unterzeichnet haben. Nächste Woche wird es im Nationalrat verhandelt. Die gute Nachricht lautet: Es wird Verbesserungen geben. In einem Entschließungsantrag forderten die Abgeordneten der türkisgrünen Koalition gemeinsam mit den Neos unter anderem "ein Ende von Vollspaltenbuchten in der Schweinehaltung bei Neu- und Umbauten und das Verbot des Exports von Schlacht- und Mastrindern in Drittstaaten", wie der Pressedienst des Parlaments festhält.

Die schlechte Nachricht lautet: Es ist bei weitem kein Durchbruch. Denn ein komplettes Verbot des Vollspaltenbodens kommt noch immer nicht. Die "legale Tierquälerei" bleibt. "Ab 2023 muss nämlich bei Neu- und Umbauten lediglich ein Teilbereich des Buchtenbodens mit einem etwas geringeren Prozentsatz von Spalten versehen sein", stellt der Verein gegen Tierfabriken fest, "Unterm Strich wird sich für die Schweine damit gar nichts ändern, sie werden an denselben Krankheiten leiden und sich weiterhin Ohren und Schwänze abbeißen." Eva Rosenberg, Direktorin von Vier Pfoten, sagt: "Es ist einfach eine Riesenenttäuschung, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern soll, obwohl auch die Bevölkerung Vollspaltenböden ablehnt."

Was spricht eigentlich dagegen, die Tiere draußen auf Stroh zu halten, wie der Schweinebauer aus Niederösterreich? Wieviel teurer wäre das denn? "Mehrkosten: 20%. Mehr an Lebensqualität: unendlich", schreibt Pölsler auf Twitter. Ein Fünftel mehr fürs Fleisch? Ist das denn noch für alle leistbar? Man kann es auch anders formulieren: Wenn man jedes fünfte Mal aufs normale österreichische Schnitzerl verzichtet, und sich stattdessen ein Erdäpfelgrösti machen würde, hätten sowohl Menschen als auch Schweine ein besseres Leben.

Wenn Sie nun auf den Geschmack gekommen sind: Im kommenden Falter wird Gerlinde Pölsler mehr über das Leben der Schweine erzählen.

Benedikt Narodoslawsky

Seit dem Zapfenstreich von Angela Merkel geht mir Nina Hagens DDR-Hit "Du hast den Farbfilm vergessen" nicht mehr aus dem Ohr, den sich die deutsche Kanzlerin zu ihrem Abschied gewünscht hat. Was ist noch von der Ära Merkel geblieben, die diese Woche nach 18 Jahren endete? Bernd Ulrich hat in der Wochenzeitung Die Zeit im Sommer einen fabelhaften Essay darüber geschrieben, der vor wenigen Tagen mit dem "Deutschen Reporter:innen-Preis" ausgezeichnet wurde und den Sie hier lesen können. Ulrich porträtiert die Kanzlerin als guten Menschen, dessen Vermächtnis vom großen Versagen in der Klimapolitik überschattet wird. Ich glaube, Ulrich hat Recht: Wer als PolitikerIn im 21. Jahrhundert die Klimapolitik vergeigt, hat den Job nicht richtig gemacht - und riskiert damit seine/ihre glorreiche Erwähnung in den Geschichtsbüchern.

Robert Habeck kündigte indes bereits an, "Geschichte schreiben" zu wollen. Der soeben angelobte Grüne Vizekanzler führt mit den Agenden Wirtschaft und Klimaschutz ein starkes Ressort und will aus der sozialen eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft machen. Gute Idee. Dass die Übung aber wohl keine leichte wird, hat die FAZ hier zusammengefasst.

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Seit drei Monaten besetzen KlimaaktivistInnen die Baustelle der Stadtstraße in Wien. Nun macht die Stadt Ernst. Gestern hat die Polizei – auf Antrag der Stadt Wien als Grundeigentümerin – die Versammlung in einem der Protestcamps aufgelöst. Die AktivistInnen müssen das Camp nun rückbauen und räumen, was diese aber nicht machen werden, wie sie in diesem Video erklären. Ob die Stadt Wien die Baustelle zwangsräumen lässt, ist noch nicht klar. Mehr dazu lesen Sie in Soraya Pechtls heutigem Bericht im FALTER.morgen-Newsletter, den Sie hier kostenlos abonnieren können.

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Die Stadt Wien setzt diesen Schritt fast genau eine Woche nach Leonore Gewesslers Verkündung, das Lobau-Autobahnprojekt zu stoppen. Nach der Entscheidung der Grünen Klimaministerin ließen AktivistInnen die Sektkorken knallen – und die SPÖ Wien schäumte. Aber wie begründet Gewessler ihre umstrittene Entscheidung eigentlich inhaltlich? Darf sie rechtlich das Jahrzehnte alte Projekt überhaupt im Alleingang stoppen? Und wie sehen nun die Alternativen zum Lobau-Tunnel aus? Katharina Kropshofer, Soraya Pechtl und ich haben fünf zentrale Fragen zum Projektstopp im Politik-Ressort beantwortet.

Dass die KlimaaktivistInnen sich so gegen die Stadtstraße und für die Mobilitätswende einsetzen, liegt vor allem an einem: der Angst vor der Zukunft. Sie sind damit nicht alleine. Laut einer großen Umfrage sind in Österreich mehr als ein Drittel der 15- bis 35-Jährigen "sehr oder extrem besorgt wegen des Klimawandels". Bei manchen sei diese Angst "zeitweise so stark, dass sie deren Alltag deutlich beeinträchtigt", schreiben die zwei Psychotherapeuten Paolo Raile und Bernd Rieken in ihrem Buch "Eco Anxiety - die Angst vor dem Klimawandel". Sie erklären darin auch, was man gegen diese Angst tun kann: Drüber reden und selbst aktiv werden. Genau das versucht makingAchange, das Österreichs KlimaforscherInnen-Netzwerk CCCA ins Leben gerufen hat. Es hilft SchülerInnen dabei, sich selbst zu ermächtigen und etwas gegen die Klimakrise zu tun. Meinen Bericht über dieses ermutigende Bildungsprojekt in Zeiten der Klimaangst lesen Sie hier.

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Um Zukunftsängste durch den Verkehr geht es auch im Natur-Ressort. Dort hat die freie Autorin Eva Maria Bachinger einen Teichwirten im Waldviertel besucht, der um seine Existenz fürchtet. Der Grund: Salz, das die Streudienste im Winter ausbringen. Das macht zwar die Straßen sicherer, bedroht aber gleichzeitig Flora und Fauna – und eben auch das Leben in den Teichen. "Amphibien sowie Wirbellose wie Insekten, Kleinkrebse und Weichtiere gehen als erste Lebewesen in die Knie", erzählt Gewässerökologe Georg Wolfram in Bachingers Reportage. Ihren Text über Süßwasserfische, die nun im Salzwasser schwimmen, lesen Sie hier.

Über eine andere Gefahr für die Tierwelt schreibt Peter Iwaniewicz in seiner Tier-Kolumne, nämlich über impotente Männer. Diese verzehren gern Tier-Teile, von denen sie glauben, dass diese ihre sexuelle Kraft und Ausdauer steigern würden. "Flossen von Haifischen sind solche Organe, denen solche Eigenschaften - ohne jede Evidenz - zugeschrieben werden. Dafür werden nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO jedes Jahr die unfassbare Menge von etwa 72 Millionen Haifischen getötet", schreibt Iwaniewicz, "Diese Fangzahlen haben dazu geführt, dass über 70 von insgesamt 500 Arten von Haifischen bereits vom Aussterben bedroht sind." Iwaniewiczs Tierkolumne finden Sie hier. Falls Sie selbst etwas gegen das brutale Abschlachten von Haien tun wollen: Gerade sammelt eine entsprechende EU-Bürgerinitiative noch Unterschriften, die Initiative "Stop Finning - Stop the trade" können Sie hier unterschreiben.

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Wenn es Sie interessiert, wer die Jugendlichen sind, die gerade die Lobau-Autobahn verhinderten und nun um die Stadtstraße kämpfen, empfehle ich Ihnen "Inside Fridays for Future" vom Autor meines Vertrauens.

PS: Dass Sie ein Falter-Abo nicht nur bestellen, sondern auch verschenken können (Stichwort: Weihnachten), hab ich Ihnen glaube ich schon letztes Mal erzählt, deshalb lass ich's diesmal lieber.


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