Spritzmittel, Straßen und eine hochdekorierte Ratte - FALTER.natur #42

Gerlinde Pölsler
Versendet am 14.01.2022

Das Thema regt auf, allzu oft landet die Debatte sogar vor Gericht – und es fängt schon damit an, wie man es überhaupt nennt. "Pestizide" und "Gift" sagen die einen, "Pflanzenschutzmittel" die anderen. Auch der am Mittwoch in Wien und Berlin vorgestellte "Pestizid-Atlas" sorgte für heftigen Widerspruch seitens der Landwirtschaftskammer. Sie spricht von "Fake News" und macht die Umweltschützer nun gar für grassierende Verschwörungstheorien verantwortlich. Verfasst haben den Report die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) und Global 2000.


Seit 1990 ist der Pestizideinsatz laut dem Report weltweit um 80 Prozent gestiegen, in Regionen wie Südamerika sogar um über 140 Prozent. Mittel, die in Europa aus ökologischen oder gesundheitlichen Gründen verboten sind, exportieren (auch deutsche) Hersteller weiterhin in den globalen Süden: So kommen hoch bienengefährliche Insektizide wie Thiamethoxam nun eben in Kenia und Brasilien auf die Äcker. Und gerade in ärmeren Ländern würden viele Arbeiter mangels Schutzausrüstung Vergiftungsunfälle erleiden. So komme es jährlich weltweit zu rund 385 Millionen Pestizidvergiftungen.


Aber auch in der EU liege der Pestizideinsatz mit rund 480.000 Tonnen auf hohem Niveau: "Hier werden fast zwei Drittel der Menge an Pestiziden eingesetzt, die in ganz Südamerika verwendet werden, obgleich die EU lediglich ein Viertel der Fläche bewirtschaftet." In Österreich landeten im Jahr 2020 gut 13.000 Tonnen Pestizide auf den Feldern, das sind 3,5 Kilo pro Hektar Ackerland.


Das Problem daran: die Schäden für die biologische Vielfalt. Auf langjährig ökologisch bewirtschafteten Flächen, auf denen keine chemisch-synthetischen Pestizide eingesetzt werden, würden 17 Mal so viele unterschiedliche Pflanzen wachsen wie auf Flächen, die erst wenige Jahre zuvor auf ökologische Landwirtschaft umgestellt wurden. Dagmar Gordon, Leiterin des Pestizid-Reduktionsprogramms bei Global 2000: "Das Artensterben ist mittlerweile dramatisch und kann nur gestoppt werden, wenn der Einsatz von Ackergiften deutlich reduziert wird. Das gilt für Österreich genauso wie weltweit."


"Eine skurrile Mischung von Kraut und Rüben" sieht die Landwirtschaftskammer in den Aussagen von Global 2000. Umwelt-NGOs würden so zur verbreiteten Wissenschaftsfeindlichkeit beitragen: Weil ja Firmen, die zu Medikamenten forschen, oft auch zum "Pflanzenschutz" forschten. Wenn deren Aktivitäten ständig in ein schiefes Licht gerückt werden, "darf sich niemand wundern, wenn Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden fallen." 


"Pflanzenschutz ist primär Schutz der Pflanzen", erklärt die Kammer weiter, "und gerade angesichts der Klimaverschlechterung für die Versorgungssicherheit unserer Bevölkerung entscheidend." In Österreich sei der Einsatz der chemisch-synthetischen "Pflanzenschutzmittel" in den vergangenen Jahren um gut 22 Prozent gesunken. 


Dass Pestizide gerade mit der Klimakrise an Bedeutung gewonnen haben, ist nicht zu bestreiten – durch die steigenden Temperaturen dringen Schädlinge in neue Regionen vor und finden mit von Dürren und Hitzewellen geschwächten Pflanzen leichte Opfer. Da erscheint es noch schwieriger, auf Pestizide zu verzichten – schon gar, wenn den Bauern dann ganze Ernten ausfallen und sie zusehen müssen, wie die fehlenden Früchte stattdessen aus Ländern mit viel lascheren Regeln importiert werden. Gleichzeitig hängen Klimakrise und Artensterben eng zusammen – vielen Arten brechen einfach die Lebensräume weg. Der Griff zum Spritzmittel befeuert das Problem zusätzlich.


Ganz wichtig ist der Kammer auch eines: Dass Österreichs Lebensmittel für die Gesundheit der Konsumenten unbedenklich seien. Die Rede von "Pestizidvergiftungen" sei "geradezu geschäftsschädigend für unsere hart und nachhaltig arbeitenden Bauernfamilien." Hier redet man allerdings aneinander vorbei. Die Autoren sagen zwar, dass Pestizidrückstände in Lebensmitteln gesundheitsschädlich sein können, immerhin weichen die erlaubten Höchstwerte von Land zu Land stark voneinander ab. Bei den "Vergiftungen" beziehen sie sich jedoch vorwiegend auf Bauern und Arbeiterinnen, die mit den Spritzmitteln hantieren.


Die Kammer wendet weiters ein, alle Mittel und Wirkstoffe hätten strenge Zulassungsverfahren durchlaufen. Hier lässt sich einwenden, dass es eben daran beim umstrittenen Glyphosat fundierte Zweifel gibt: Forscher sehen bei dessen Zulassung wissenschaftliche Prinzipien arg verletzt. Prinzipiell bestreiten die Autorinnen des Pestizidatlas das jedoch nicht, geben aber zu bedenken, dass zwar jedes Mittel für sich und in seinen Auswirkungen auf einzelne Organismen geprüft wird – aber nicht die Summe der Wirkungen, die die Pestizidcocktails auf ganze Ökosysteme auslöst: Gibt es weniger Insekten, finden Vögel und andere Tiere, die sich von Insekten ernähren, weniger Futter. Weniger Insekten können außerdem weniger Pflanzen bestäuben. Insgesamt leidet mit dem Schwund von Kleinlebewesen der gesamte Boden und damit unsere Lebensgrundlage.


Umweltschützer und (konventionelle) Bauernvertreter sind hier also sehr weit voneinander entfernt. Auch der Verein "Land schafft Leben", gegründet vom Biobauern Hannes Royer, warnte davor, die konventionelle und die Biolandwirtschaft "gegeneinander auszuspielen". Global 2000 hat nun die Kammer zum Gespräch eingeladen. 


Die Pestizidmengen drücken wollen aber längst nicht nur Umwelt-NGOs. Mit ihrem "Green Deal" will auch die EU-Kommission deren Einsatz bis 2030 auf die Hälfte verringern. Wie das gehen soll, ist bisher aber völlig unbeantwortet, sowohl auf europäischer als auch auf den nationalen Ebenen. 

Gerlinde Pölsler

Downloaden können Sie den Pestizidatlas hier. In limitierter Auflage ist er auch als Druckwerk erhältlich und kann kostenfrei bei GLOBAL 2000 bestellt werden.

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Eine Umweltaktivistin ziert das Cover des dieswöchigen Falter: Die 21-jährige Lena Schilling, die mit MitstreiterInnen seit mehr als vier Monaten die Baustelle der Stadtstraße besetzt. In der Nacht vor Silvester brannte der Holzturm im Protestcamp an der Hirschstettner Straße ab, die Polizei geht von Brandstiftung aus. Dass die Jugendlichen zu der Zeit – es war gegen zwei Uhr nachts – gerade nicht oben im Turm schliefen, war Zufall. Ansonsten "wären sie tot", sagt Schilling. Benedikt Narodoslawsky hat die in ihrem jungen Alter bereits erstaunlich erfahrene Klima- und Flüchtlingsaktivistin hier porträtiert.

Ein hochdekorierter Held ist diese Woche verstorben: Die Ratte Magawa, die in Kambodscha 225.000 Quadratmeter Land kontrollierte und dabei mehr als hundert Landminen und andere Explosivkörper aufspürte. Ratten sind dabei viel schneller als mit Metalldetektoren ausgestattete menschliche Minensucher. Und der Job ist für sie ungefährlich: Sie sind viel zu leicht, um die Sprengkörper zu aktivieren. Magawa war sogar Träger eines Ordens: 2020 zeichnete die britische Tierärzteorganisation People's Dispensary for Sick Animals ihn mit der Tapferkeitsmedaille für Tiere aus. In diesem Bericht des Standard können Sie Magawa bei der Arbeit zusehen.

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„Uns verbinden dieselben Heraus­forderungen, weil wir auf derselben Erde leben. Deshalb braucht es Zusammenarbeit.“ (Kaffeebauer Charles Kahitison)

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Noch einmal Landwirtschaft: Kurz vor Weihnachten haben ÖVP und Grüne sich auf die neuen Agrarförderregeln für Österreich geeinigt. Über zwei Punkte haben ÖVP und Grüne bis zuletzt gestritten: die Bio-Förderungen und die Umverteilung von größeren zu kleineren Bauernhöfen. Meinen Kommentar dazu finden Sie hier.

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Das MuseumsQuartier eröffnet am Donnerstag (20.01.) seine Ausstellung "Nutztier" (Haupthof, bis 28.02.). Diese macht Fakten zur industriellen Tierhaltung anhand der Architektur des MQ sichtbar. Beispielsweise wird mithilfe des Wasserbeckens gezeigt, wie viel Wasser nötig ist, um eineinhalb Kilo Rindfleisch zu produzieren. Gestaltet hat die Ausstellung Raffael Strasser, dessen zugehöriges Buch kürzlich erschienen ist. Zeitgleich mit der Ausstellung geht auch seine Webseite online.

Im Buch ist zum Beispiel zu sehen, wie viele Tiere allein in Österreich geschlachtet werden, während Sie sich zwei Minuten die Zähne putzen: rund 19 Schweine, drei Rinder und 345 Hühner. Andere Grafiken zeigen Entwicklungen im Zeitverlauf, eine listet für jeden Teil eines österreichischen Mastschweins auf, an welche Länder diese verkauft werden (Rüssel: Ungarn, Hongkong, China). Das Buch enthält auch Interviews mit Forschern wie Kurt Schmidinger und Tierrechtsaktivisten. Es ist übrigens exakt so groß wie der Platz, der einem Masthuhn laut EU-Mindeststandard zusteht.

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