Im Sumpf - FALTER.natur #44

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 28.01.2022

Wie gern würde ich mich mit Tieren so gut auskennen wie unser Falter-Experte Peter Iwaniewicz, aber leider bin ich das genaue Gegenteil von ihm. Ich erinnere mich daran, als ich einmal einen Vogelkundler für eine Geschichte übers Artensterben begleitete. Der Mann konnte nicht nur mit einem Blick erkennen, dass der Vogel, der über ihm vorüberzog, ein Turmfalke war, sondern bestimmte auch gleich das Geschlecht mit dazu. Er konnte auf Anhieb das Gezwitscher aus den Büschen einer Mönchsgrasmücke zuordnen und entdeckte eine Heidelerche, die für mich unsichtbar war. Ich kannte nicht mal die Namen dieser Vögel und dachte, ich müsse jetzt auch einmal etwas sagen. Als plötzlich vor uns ein bräunliches Tier die Böschung hinunterraste, rief ich schnell: "Ein Reh!" Wie der Vogelkundler trocken feststellte, war es aber kein Reh gewesen, sondern ein Schäferhund. Ich beschloss daraufhin, die Klappe zu halten, denn wer sich gescheiter macht, als er ist, kann am Ende dastehen wie ein begossener Bull Terrier.

Mit der "qualitativen Studie zur Wirtschafts- und Budgetpolitik" kann ich also wenig anfangen, die das Finanzministerium mit Ihrem und meinem Steuergeld bezahlt hat, um im Namen der Republik unter anderem abzufragen, mit welchem Tier die ÖsterreicherInnen Sebastian Kurz vergleichen. Dass die SteuerzahlerInnen die Umfrage von Sabine Beinschab fünf Jahre nach ihrer Bezahlung überhaupt erst einsehen können, ist der Hartnäckigkeit meines Kollegen Josef Redl zu verdanken (an dieser Stelle, danke Josef!). Die Befragten verglichen Sebastian Kurz damals jedenfalls mit einem Pfau (Begründung: "ist hinterfotzig, will alles übernehmen, geht über Leichen") und einem Delphin (Begründung: "ist schlau und gefährlich"). Die zoologischen Zuschreibungen für Pfauen (hinterfotzig) und Delphine (gefährlich) deuten zumindest darauf hin, dass es in der Bevölkerung mehr Tier-Laien wie mich gibt.

Gut, gut, denken Sie sich. Aber was hat die mutmaßliche verdeckte Parteienfinanzierung mit Ihrem und meinem Steuergeld jetzt mit Natur zu tun – außer diesen satirisch-anmutenden Tiervergleichen?

Mehr als Sie vielleicht meinen. Zumindest, wenn man der Primatenforscherin und Naturschutz-Ikone Jane Goodall glaubt. In ihrem neuen Buch "Das Buch der Hoffnung" nennt sie die Bekämpfung der Korruption eine zentrale Herausforderung, die wir zunächst meistern müssen, um das Artensterben und die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Goodall schreibt, wir müssten die "Korruption eliminieren, denn nur mit verantwortungsbewussten, ehrlichen Regierungen ist echte Zusammenarbeit möglich - und die benötigen wir, um uns den massiven sozialen Herausforderungen zu stellen und Fragen des Umweltschutzes zu beantworten."

Wie ehrlich meinte es die Politik in den letzten Jahren denn mit der Umwelt? Nehmen wir zum Beispiel die ökosoziale Steuerreform - das Herzstück der türkisgrünen Koalition, die sie als großen Wurf verkaufte und die der Nationalrat vergangene Woche beschlossen hat. Sie baut auf eine lächerlich niedrige, wirkungslose CO2-Bepreisung auf. Da hinterlässt es zumindest einen schalen Beigeschmack, wenn die größten Spender des einstigen Kanzlers ausgerechnet ein Motorrad-Industrieller und ein Baulöwe waren - also sehr reiche Unternehmer aus jenen Branchen, die einen hohen CO2-Preis jetzt nicht so extrem super finden würden. Oder dass es vom Finanzministerium ausgerechnet für einen Automobil-Investor einen steuerlichen Freundschaftsdienst gab. Oder dass die mit der fossilen Industrie und ÖVP gleichermaßen verbandelte Wirtschaftskammer öffentlich damit prahlte, "die Abschaffung des Dieselprivilegs wegverhandelt" zu haben.

Die Ära Kurz ist Geschichte, aber die vielen Skandale haben ihre Spuren hinterlassen. Österreich belegt im Corruption Perceptions Index (CPI) - dem internationalen Korruptionsranking - Platz 17. "Nach Punkten ist dies das schlechteste Ergebnis seit dem CPI 2014, die Tendenz zeigt eindeutig nach unten", schreibt Transparency International. Wenn die ÖVP wieder eine staatstragende, christlich-soziale Partei werden will, wäre sie gut beraten, für alle gut hörbar eine neue Ära einzuläuten. Ein ehrgeiziges Informationsfreiheitsgesetz und ein entschlossenes Klimaschutzgesetz wären ein guter, glaubwürdiger Anfang. Beides würde die Republik und den Naturschutz voranbringen. Und auf beide warten wir schon viel zu lange.

Bleiben Sie wachsam wie ein Reh!

Benedikt Narodoslawsky

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Krisen lassen sich besser verstehen, wenn es dafür die geeigneten Sprachbilder gibt. Ich habe lange nach einem gesucht, um die Krise des Biodiversitätsverlusts anschaulich zu beschreiben und habe vor wenigen Tagen gleich zwei tolle Metaphern dafür gefunden, die ich mit Ihnen teilen will, falls Sie sie mal zum Erklären brauchen. Die erste stammt aus Jane Goodalls neuem Buch: "In Gombe habe ich während der vielen Stunden im Regenwald gelernt, dass jedes Lebewesen eine Rolle spielt und wirklich alles miteinander verwoben ist, wie bei einem Teppich. Und jedes Mal, wenn eine Art ausstirbt, bekommt dieser Teppich ein Loch. Je mehr Löcher entstehen, desto schwächer ist das Ökosystem. An manchen Stellen ist dieser Teppich bereits so löchrig geworden, dass er fast zerfällt. Es ist höchste Zeit, ihn zu flicken."

Das zweite starke Bild liefert der Veterinärmediziner René Anour im aktuellen Falter. Anour ist Experte für neu entwickelte Medikamente und arbeitet in der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). Vor Kurzem hat er das Buch "Das Arche Noah Prinzip" veröffentlicht, in dem er über die Heilkräfte der Tiere schreibt. Im Gespräch mit Gerlinde Pölsler sagt er: "Die Artenvielfalt mit all den unglaublichen Anpassungen, die die Tiere entwickelt haben, ist wie eine riesige Schatzkiste. Wir fangen gerade erst an, diese zu verstehen. Wenn wir zuschauen, wie tausende Arten aussterben, ist es, als würden wir die Schatzkiste anzünden, ohne zu wissen, was drin ist."

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Wie Intransparenz und Korruption der Republik zugesetzt haben, hat der Jurist Oliver Scheiber in einem großen Essay für den Falter aufgeschrieben. Scheiber ist einer der MitinitiatorInnen des Antikorruptionsvolksbegehrens. Wenn Sie das Volksbegehren unterstützen wollen, notieren Sie sich am besten gleich den Termin: Die Eintragungsfrist läuft von 2. bis 9. Mai.

Dass Sebastian Kurz ein Pfau und Delphin wäre, wissen wir bereits. Aber welches Tier wäre die Inflation? "Ich sehe einen Hasen, der Haken schlägt", sagt Alexandra Schindlar, die das Projekt Verbraucherpreisindex in der Statistik Austria leitet. Nina Horaczek und Eva Konzett haben mit ihr über die Inflation gesprochen, die so hoch ist wie seit zehn Jahren nicht mehr und erklären in ihrer Analyse, was die Energiewende und die klimaschädlichen Energieträger Öl und Gas mit der Preissteigerung zu tun haben.

Und weil wir gerade beim Thema Einkaufen sind: Unser Tier-Experte Peter Iwaniewicz schreibt in seiner aktuellen Kolumne übers Hamstern.

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SportsfreundInnen, Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und Franz Hörl aufgepasst! Das mit den Olympischen Winterspielen wackelt. Wegen der Klimakrise kommen immer weniger Austragungsorte infrage. Ohne eine "drastische Verringerung der weltweiten Treibhausgasemissionen" wäre nur noch eine der bisherigen 21 Olympia-Städte in der Lage, "bis zum Ende dieses Jahrhunderts zuverlässig faire und sichere Bedingungen für Winterspiele zu bieten." Die zweifache Olympiastadt Innsbruck wäre schon ab Mitte des Jahrhunderts aus dem Rennen. Das zeigt eine internationale Studie, an der auch der Innsbrucker Tourismusforscher Robert Steiger beteiligt war.

Wenn die Klimakrise den Tourismusstandort Österreich bedroht, wirkt es umso absurder, dass der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) die Heliskiing-Saison weiter verlängert hat. Für alle, die Heliskiing nicht kennen: Das ist der ökologische Wahnsinn, bei dem sich Menschen, die sich's leisten können, mit dem Hubschrauber auf den Berg fliegen lassen, um dann im Tiefschnee runterzufahren. Der Grüne Koalitionspartner zürnt, die Vorarlberger Naturschutzorganisationen sind schwer verärgert. Franz Ströhle, Vorstand des Alpenschutzvereins für Vorarlberg, schreibt an die Natur-Newsletter-Redaktion: "Eine Modellregion und Vorbild für Umweltschutz und Nachhaltigkeit will das Land laut Tourismusstrategie 2030 sein? Wie abartig dieser Anspruch ist, zeigt sich daran, dass es in ganz Österreich sonst keine Zulassung für Heliskiing gibt. Schöne Reden und die Praxis klaffen hier weit auseinander."

Der letzte FALTER.natur-Newsletter drehte sich um die vom Menschen erfundenen Substanzen wie Plastik, die gerade die Welt aus dem Gleichgewicht bringen (über ein aktuelles Beispiel berichtet der britische Guardian hier). Eine Lösung des Problems lautet Kreislaufwirtschaft, in der wir Stoffe wiederverwenden und damit Müll vermeiden. Falls Sie sich mit dem Thema bereits beschäftigen: Das Umweltministerium hat einen Entwurf für die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie erarbeitet, den Sie noch bis Ende Jänner kommentieren können.

Falls Sie sich mit dem Thema mehr beschäftigen wollen: Das Reparaturnetzwerk Österreich Repa Net bietet laufend Webinare zur Kreislaufwirtschaft an.

Das Reh ist ein Schäferhund, Kurz ein Delphin und die Inflation ein Hase. Aber welches Tier wäre der Falter? Ich bin da ja der Falsche, um diese Frage zu beantworten, aber wahrscheinlich am ehesten ein Falter. Weil er so schön und interessant ist. Aber Sie können sich ja Ihre eigene Meinung bilden und ihn mal gratis hier testen, falls Sie's noch nicht getan haben. Das Test-Abo endet automatisch, kein Trick. Echt!


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