Historische Rede - FALTER.natur #54

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 08.04.2022

Am Montag stellte der Weltklimarat seinen neuen Bericht zum Thema Klimaschutz vor. Anlässlich dessen hielt UN-Generalsekretär António Guterres eine Rede, die ich für historisch halte (hier der verschriftlichte Originaltext auf Englisch, hier die Simultanübersetzung auf Deutsch). Sie ist schon alleine wegen ihrer Schärfe gegenüber den Staaten, die die Klimapolitik versemmeln, bemerkenswert. Vor allem, weil Guterres sie als UN-Generalsekretär ja auch vertritt.

Weil ich noch keine adäquate schriftliche Version auf Deutsch gefunden habe, habe ich sie mithilfe des Übersetzungsprogramms Deepl.com übersetzt, kontrolliert, redigiert und - soweit ich das überblicke - exklusiv für Sie festgehalten. Ich übergebe nun an den Chefdiplomaten der Welt, der sich angesichts der ernsten Lage an keine diplomatischen Floskeln mehr hält.

***

Die Geschworenen haben ein Urteil gefällt: Und es ist vernichtend. Der neue Bericht des Weltklimarats (IPCC) ist eine Litanei der gebrochenen Klimaversprechen. Er ist eine Akte der Schande. Er katalogisiert die leeren Versprechen, die uns auf den Weg in eine unbewohnbare Welt führt. Wir befinden uns auf der Überholspur zur Klimakatastrophe: Große Städte unter Wasser. Noch nie dagewesene Hitzewellen. Schreckliche Stürme. Weitverbreitete Wasserknappheit. Das Aussterben von einer Million Pflanzen- und Tierarten.

Dies ist keine Fiktion oder Übertreibung. Die Wissenschaft sagt uns, dass dies das Ergebnis unserer derzeitigen Energiepolitik sein wird. Wir steuern auf eine globale Erwärmung zu, die mehr als doppelt so hoch ist wie die 1,5-Grad-Grenze, die in Paris vereinbart wurde. Einige Regierungschefs und Wirtschaftsgrößen sagen das eine – aber tun das Gegenteil. Kurz gesagt: Sie lügen. Die Folgen werden katastrophal sein. Wir befinden uns in einem Klimanotstand. KlimawissenschaftlerInnen warnen, dass wir bereits gefährlich nahe an Kipppunkten stehen, die zu kaskadenartigen und unumkehrbaren Klimaauswirkungen führen könnten. Doch jene Regierungen und Unternehmen, die hohe Emissionen verursachen, stellen sich nicht nur blind, sondern heizen das Feuer noch weiter an.

Aufgrund ihrer Eigeninteressen und ihrer historischen Investitionen in fossile Brennstoffe ersticken sie unseren Planeten, auch wenn billigere, erneuerbare Lösungen grüne Arbeitsplätze, Energiesicherheit und eine größere Preisstabilität bieten. Wir haben die letzte Weltklimakonferenz in Glasgow mit einem naiven Optimismus verlassen, der auf neuen Versprechen und Verpflichtungen beruht hat. Aber das Hauptproblem - die enorme, wachsende Emissionslücke - wurde so gut wie ignoriert. Die Wissenschaft ist eindeutig: Um das in Paris vereinbarte 1,5-Grad-Limit in Reichweite zu halten, müssen wir die globalen Emissionen in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent senken. Die derzeitigen Klimazusagen würden jedoch einen Anstieg der Emissionen um 14 Prozent bedeuten.

Die meisten großen VerschmutzerInnen tun nicht einmal genug, um selbst diese unzureichenden Versprechen zu erfüllen. KlimaaktivistInnen werden manchmal als gefährliche Radikale dargestellt. Doch die wirklich gefährlichen Radikalen sind die Länder, die die Produktion fossiler Brennstoffe vorantreiben. Investitionen in neue Infrastrukturen für fossile Brennstoffe sind moralischer und wirtschaftlicher Wahnsinn. Solche Investitionen werden schon bald verloren sein - ein Schandfleck in der Landschaft und Gift für Anlageportfolios. Aber so muss es nicht sein.

Der IPCC-Bericht konzentriert sich auf den Klimaschutz, also darauf, wie man klimaschädliche Gase drosselt. Er zeigt in jedem Sektor tragfähige, wirtschaftlich seriöse Optionen auf, die es ermöglichen, das 1,5-Grad-Ziel am Leben zu halten. Wir müssen vor allem die Energiewende dreimal so schnell vorantreiben. Das heißt, wir müssen Investitionen und Förderungen von fossilen Brennstoffen in erneuerbare Energien umleiten. Und zwar jetzt! In den meisten Fällen sind erneuerbare Energien ohnehin bereits viel billiger.

Das bedeutet: Regierungen müssen die Finanzierung der Kohle beenden - zuhause und im Ausland. Industrieländer, multilaterale Entwicklungsbanken, private Finanzinstitute und Unternehmen müssen fürs Klima Koalitionen schließen und die großen Schwellenländer bei der Umstellung unterstützen. Wir müssen Wälder und Ökosysteme schützen, weil sie das Klima wirksam schützen. Wir müssen die Methanemissionen schnell senken. Und wir müssen die Zusagen umsetzen, die in Paris und Glasgow gemacht wurden. Führungspersönlichkeiten müssen führen. Aber jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen. Wir stehen in der Schuld junger Menschen, der Zivilgesellschaft und indigener Gemeinschaften, die Alarm geschlagen und die Politiker zur Verantwortung gezogen haben. Wir müssen auf ihrer Arbeit aufbauen, um eine Graswurzelbewegung zu gründen, die nicht ignoriert werden kann.

Wenn Sie in einer Großstadt oder am Land leben; wenn Sie in den Aktienmarkt investieren; wenn Ihnen die Gerechtigkeit und die Zukunft unserer Kinder am Herzen liegt, wende ich mich direkt an Sie: Fordern Sie, dass erneuerbare Energien jetzt kommen - schnell und im großen Stil! Fordern Sie ein Ende der Kohleverstromung! Fordern Sie die Abschaffung aller Subventionen für fossile Brennstoffe! Der IPCC-Bericht erscheint in einer Zeit weltweiter Turbulenzen. Die Ungleichheit hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Die Erholung von der COVID-19-Pandemie zeigt das auf skandalöse Weise auf. Die Inflation steigt, und der Krieg in der Ukraine lässt die Lebensmittel- und Energiepreise in die Höhe schnellen. Doch wenn man nun die Produktion fossiler Brennstoffe weiter ausbaut, wird sich die Lage nur noch verschlimmern.

Die Entscheidungen, die die Länder jetzt treffen, besiegeln, ob wir das 1,5-Grad-Ziel schaffen – oder scheitern. Eine Umstellung auf erneuerbare Energien wird unseren kaputten globalen Energiemix wieder in Ordnung bringen. Sie wird Millionen Menschen, die heute unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, Hoffnung geben. Klimaversprechen und -pläne müssen in die Tat umgesetzt werden. Und zwar jetzt! Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, unseren Planeten zu verbrennen - und in die reichlich vorhandenen erneuerbaren Energien um uns herum zu investieren.

______

Kommen Sie gut durch den Tag!

Benedikt Narodoslawsky

Die umweltfreundliche Kreditkarte

Beim Einkaufen nebenbei Bäume pflanzen? Die A1 Priceless Planet Mastercard macht’s möglich. In der Handy-App haben Sie außerdem Ihren CO2-Fußabdruck immer im Blick.

Einfach online bestellen: www.a1mastercard.at

Wenn Sie in Ihrem eigenen Leben einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen, hatte Klimaforscherin Diana Ürge-Vorsatz bei der Präsentation des IPCC-Berichts einen Tipp: "Auf der individuellen Ebene ist der größte Beitrag, den man leisten kann, wenn man geht, mit dem Rad fährt oder elektrifizierte Verkehrsmittel nützt." (= Autofahrten und Flüge vermeiden.) Was sich laut Weltklimarat ebenfalls spürbar auswirkt: Mehr Gemüse statt Fleisch essen, Material wiederverwenden/recyclen, auf Erneuerbare Energien umsteigen und die Wohnung nicht zu stark aufheizen/runterkühlen.

Eine neue Studie fasst außerdem zusammen, wie man mit sechs Änderungen zu einem klimafreundlichen Lebensstil kommt. Einer der Tipps: "Nehmen Sie mindestens eine Veränderung in Ihrem Leben vor, um das System zu verändern, zum Beispiel den Wechsel zu Ökostrom, die Isolierung Ihres Hauses oder den Wechsel des Anbieters zur Pensionsvorsorge." Wie die Veränderung am besten gelingt, hat mir Umweltpsychologin Isabella Uhl-Hädicke vor Kurzem hier verraten. Ein Tipp von ihr: Nicht alles auf einmal ändern, sondern sich auf eine Sache konzentrieren. Das macht Mut und schützt vor Frust.

Ich persönlich halte den politischen Hebel für den größten. Wenn Sie sich heute noch unkompliziert einbringen wollen: Die Umwelt-NGO Global 2000 fordert den schnellen Umstieg von Gas und Öl hin zu erneuerbaren Energien und hat dazu eine Online-Petition gestartet, die sich an Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) richtet. Sie können sie hier unterzeichnen.

Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit sind auch am Spielbrett ein enorm spannendes Thema. Mit „DKT – Das klimaneutrale Talent“ präsentiert Piatnik jetzt einen echten Spieleklassiker für die ganze Familie. Ziel ist es, Österreich klimaneutral werden zu lassen. Dazu braucht es Risikobereitschaft, etwas Glück und gute Zusammenarbeit, um sämtliche fossile Kraftwerke verschwinden zu lassen. Wer ist am Ende wohl der wahre Klimaheld?

Alle im Spiel verwendeten Komponenten wurden aus biologisch abbaubaren Materialien erzeugt!

Dass nur einen Tag nach dem Erscheinen des IPCC-Berichts das zweite Klimaprotestcamp der Wiener Stadtstraße geräumt wurde, verleiht Guterres' Aussage über die "wirklich gefährlichen Radikalen" eine besonders bittere heimische Note. Der kostenlose FALTER.morgen-Newsletter hat groß über die Räumung berichtet und ist heute der Frage nachgegangen, ob es zu Polizeigewalt gekommen ist.

Warum die Klimakrise auch ein mediales Versagen ist, durfte ich angesichts des IPCC-Berichts und der Klimaprotest-Räumung für den Fernsehsender Puls 24 kommentieren. Im aktuellen FALTER habe ich die Eckpunkte des veröffentlichten IPCC-Berichts übrigens hier zusammengefasst.

Der Kabarettist Florian Scheuba hat für seine FALTER-Radioserie "Scheuba fragt nach..." mit der Sprecherin des Klimavolksbegehrens, Katharina Rogenhofer, ein ebenso unterhaltsames wie informatives Gespräch über die heimische Klimapolitik geführt. Sie können den FALTER-Podcast hier anhören.

Auf dem Symposion Dürnstein habe ich Ende März die Doyenne der österreichischen Klimawissenschaft, Helga Kromp-Kolb, gefragt, wie es sich angefühlt hat, Jahrzehnte vor der Klimakrise zu warnen - ohne dass sich etwas bewegt hat. Das Gespräch über Angst und Hoffnung ging heute online, Sie finden den Falter-Podcast hier.

Und wenn Sie sich lieber etwas anschauen wollen: Meine Kollegin Gerlinde Pölsler hat vor Kurzem eine spannende Podiumsdiskussion geleitet, in der es um die Frage ging, wie grün und gerecht die Landwirtschaft in Zukunft sein wird. Sie können sich die Diskussion hier ansehen.

Der neue OMV-Chef Alfred Stern reißt gerade das Steuer auf dem größten heimischen Industrietanker herum. Stern will den fossilen Öl- und Gaskonzern zu einem Unternehmen umbauen, das sich auf nachhaltige Kraftstoffe, Chemikalien und Materialien spezialisiert und auf Kreislaufwirtschaft setzt. Wenn das ernst gemeint ist, ist das eine sehr, sehr gute Nachricht.

Aber geht der Wandel in Zeiten der Klimakrise schnell genug? Und wie bewertet er die bisherige Strategie des Konzerns, die Österreich in die russische Abhängigkeit getrieben hat? Das haben meine Kollegin Eva Konzett und ich CEO Stern in einem großen Interview gefragt. Der OMV-Chef ließ darin auch Sympathien für die Energiewende durchklingen: "Wir müssen uns genau überlegen, ob wir Investitionen in die Diversifizierung unserer Gasquellen machen oder ob wir das Geld in eine Umstellung investieren – in Geothermie, also Erdwärme, oder in andere Erneuerbare. Je schneller wir das machen können, desto schneller werden wir den Gasbedarf zurückfahren können. Und desto weniger werden wir in die Diversifizierung investieren müssen." Das ganze Gespräch lesen Sie hier.

Die Verpflegungslösung mit Verantwortung

Die Verpflegungslösung mit Verantwortung: Die Menü-Manufaktur kocht für Schulen, Kindergärten, Horte, Heime und Unternehmen. Dabei achten wir besonders auf unseren ökologischen Fußabdruck: natürliche Zubereitung, regionale Zutaten, innovative Verpackungslösungen, nachhaltige Transportsysteme und ausgezeichnete Umweltmaßnahmen: www.menue-manufakturen.at

"Wir haben mit dem Schimpansen mehr Gene gemeinsam als der Schimpanse mit dem Orang-Utan. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen", sagt der Wiener Kognitionsforscher Ludwig Huber im Gespräch mit Gerlinde Pölsler. Huber hat mit "Das rationale Tier" gerade ein faszinierendes Buch über die Intelligenz der Tiere vorgelegt. Im Interview erzählt Huber, wie kluge Schweine ihre Artgenossen überlisten, wie Geradschnabelkrähen Werkzeuge herstellen und wie Campbell-Meerkatzen miteinander kommunizieren.

Dazu passend stellt Peter Iwaniewicz in seiner Tierkolumne die Frage, wann ein Lebewesen eigentlich ein Lebewesen ist und was einen Saugroboter von einem Haustier unterscheidet.

Falls Sie noch auf der Suche nach einem Ostergeschenk sind: Kirstin Breitenfellner hat im FALTER vier neue Kindersachbücher rezensiert, die den Kleinen ein Stück Natur näherbringen: Es geht um das Leben der Bienen, den Wald, das Ökosystem Wiese und die Entstehung unserer Erde.

Falls Sie sich selbst mit einem Buch belohnen wollen und irgendetwas mit Wien zu tun haben: Der Falter Verlag hat vor Kurzem das Buch "Botanische Spaziergänge - 11 Routen durch die Welt der Wiener Pflanzen und ihre Geschichte" von Cristina-Estera Klein, Birgit Lahner und Silvia Ungersböck herausgebracht. Mehr über die Spaziergänge erfahren Sie im FALTER.morgen.

Wo Sie den besten Schoko-Osterhasen herbekommen, erfahren Sie übrigens im großen Osterhasen-Check von Südwind und Global 2000. Wie große Marken KonsumentInnen mit dem Osterschmäh ein Ei legen wollen, hat Foodwatch hier aufgedeckt. Und warum Ferrero gerade die Überraschungseier zurückruft, lesen Sie hier. Ach was: Ich verrat's Ihnen gleich: wegen Salmonellengefahr.


Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: falter.at/abo
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier abonnieren.
Weitere Ausgaben:
Alle FALTER.natur-Ausgaben finden Sie in der Übersicht.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe 6 Monate FALTER um 3,20 € pro Woche
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!