Dünger aus Traiskirchen für die Ukraine - FALTER.natur #56

Nina Horaczek
Versendet am 22.04.2022

Es war ein ganzer LKW-Zug mit 18 Tonnen Pflanzenstärkungsmittel im Bauch, der sich vor kurzem vom kleinen Städtchen Traiskirchen auf den Weg zu den ukrainischen Weizenfeldern machte. Initiiert wurde die Hilfsaktion vom niederösterreichischen Unternehmen Nourivit Technologies, das Pflanzenstärkungsmittel auf Basis von Mikroorganismen und Calcium-Ionen produziert. „Relativ rasch nach Kriegsbeginn kamen die ersten Meldungen von ukrainischen Düngemittelfabriken, die schließen mussten“, sagt Eva Harreither von Nourivit. „Wir wollten hier rasch Hilfe leisten, hatten aber keinen Vertriebspartner in der Ukraine.“ Weil aber jede Woche aus Traiskirchen Hilfslieferungen in die Ukraine geschickt werden, klopften die Nourivit-Chefs Eva und Wolfgang Harreither beim Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler an. Dieser stellte wiederum den Kontakt zur Volkshilfe her, die in der Ukraine seit über 25 Jahren mit einer eigenen Volkshilfe-Organisation vertreten ist. Seit Kriegsbeginn fährt die Volkshilfe alle zwei bis drei Tage mit einem Sattelzug in die Ukraine. Das Ziel sei, 1000 Tonnen Pflanzenstärkungsmittel als Hilfslieferung in das Kriegsland zu senden, sagt Volkshilfe-Chef Erich Fenninger: „Denn wenn die Landwirtschaft in der Ukraine, der Kornkammer der Welt, jetzt nicht ausreichend mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln unterstützt wird, dann hat das verheerende Folgen für die ganze Welt.“

Bereits seit voriger Woche sind die ukrainischen Bauern mit dem Frühjahrssaatgut auf ihre Felder gefahren. Seit 12. April sei die sogenannte „Aussaat der Sommerungen“ gestartet, erklärte der ukrainische Ministerpräsident Denis Shmygal vor wenigen Tagen in einem Interview.

Nur in der schwer umkämpften Region Luhansk habe man mit den Feldarbeiten nicht beginnen können. An anderen Orten seien die Felder als Teil der russischen Kriegsführung vermint worden und in anderen östlichen Regionen des Landes würden sich die Bauern aus Angst vor Feindbeschuss nur mit Stahlhelm und Schutzweste aufs Feld trauen.

Wegen ihrer wertvollen Schwarzerdeböden, die zu den besten Anbauflächen der Welt zählen, ist das ukrainische wie auch das russische Korn elementar für die Versorgung der Welt mit Nahrung. Meine Kollegin Gerlinde Pölsler hat erst kürzlich in einem Artikel analysiert, welche internationalen Auswirkungen der Krieg in der Ukraine auf die Ernährungssicherheit hat und auch, welche Gefahr durch den Ukrainekrieg für die Agrarwende hin zu mehr Bioproduktion entsteht.

Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass im Jahr 2022 möglicherweise ein Drittel der Ernten und landwirtschaftlichen Flächen der Ukraine nicht geerntet oder bewirtschaftet werden können. Zum einen fehlen wegen der vielen Zivilisten, die vor dem Krieg fliehen, aber auch aufgrund der von der russischen Armee durchgeführten Zwangsumsiedelungen sowie den Einberufungen von Männern zum ukrainischen Militär die Arbeitskräfte auf den Feldern. Es fehlt aber auch an Düngemitteln, an Treibstoff für die Traktoren und vielem mehr. „Und selbst wenn die Ernte eingefahren werden kann, bleibt noch das Transportproblem“, sagt Volkshilfe-Chef Fenninger. Denn bis zum Krieg wurde das Getreide zumeist verschifft. Diesen Weg hat die russische Armee mit ihrer Kriegsmarine versperrt und die Schieneninfrastruktur wurde zum Teil im Krieg zerstört.

Laut World Food Programm der Vereinten Nationen stecken in der Ukraine und Russland derzeit 13,5 Millionen Tonnen Weizen und 16 Millionen Tonnen Mais in den Silos fest. Zählt man die Vor-Kriegs-Produktion der beiden Staaten zusammen, so erzeugten die Ukraine und Russland zusammen etwa dreißig Prozent des Weizens auf der Welt. Der Ukraine fehlt es nun aufgrnd des Krieges an Transportmöglichkeiten, in Russland kam der Handel aufgrund der Sanktionen zum Erliegen.

Die Konsequenzen sind schon jetzt spürbar – vor allem in Ostafrika, wo zusätzlich auch noch mehrere Regenzeiten ausgefallen sind und die Ernte auf den Feldern verdorrte. Besonders betroffen sind Länder wie Somalia, Tschibutti, aber auch Kenia, das zuletzt etwa achtzig Prozent seines Weizens importierte. Auch in Ägypten, das mehr als die Hälfte seines Weizens importiert, kostet das Fladenbrot bereits doppelt so viel wie vor Kriegsbeginn. Mittlerweile hat die ägyptische Regierung einen Preisdeckel auf Brot eingeführt – zu groß ist die Angst vor Brotrevolten. Im Libanon fehlt das Mehl in den Geschäftsregalen und Tunesien hat die Mehlpackungen, die an die Bäckereien gehen, rationiert. Im Irak, im Sudan und in der Türkei gingen bereits Menschen wegen des teuren Brotes auf die Straßen.

Und die Situation wird sich gerade für die Ärmsten der Welt noch weiter verschärfen. Denn das World Food Programm bezog bis jetzt den Großteil seines Weizens aus der Ukraine.Wegen der steigenden Getreidepreise kündigte WFP-Direktor David Beasley kürzlich an, die Nahrung für die Hungernden der Welt massiv reduzieren zu müssen. So wird etwa die Unterstützung für acht Millionen hungernde Menschen im Kriegsland Jemen halbiert.

Der Sattelschlepper aus Traiskirchen mit seinen 18 Tonnen Pflanzenstärkung wird diese Probleme nicht lösen. Aber er ist ein Zeichen der Solidarität mit den Bäuerinnen und Bauern in der Ukraine. Und der Beginn eines neuen Netzwerkes zwischen Österreich und der Ukraine. „Gestern habe ich ein Mail bekommen, dass die Landwirte unsere Produkte bereits auf ihren Feldern aufbringen“, sagt Eva Harreither von Nourivit „und dass die landwirtschaftliche Universität vorort dieses Projekt wissenschaftlich begleiten wird“.

Nina Horaczek

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