10 Prozent der Welt - FALTER.natur #57

Benedikt Narodoslawsky
Versendet am 29.04.2022

2015 reiste ich mit meiner Frau nach Indien, wir spazierten auch zum Taj Mahal, wie man das als Tourist halt so macht. Stärker als das imposante Bauwerk ist mir das Klima in Erinnerung geblieben. Wir waren schon frühmorgens unterwegs, weil es in der Mittagszeit unerträglich gewesen wäre. Schon in den Morgenstunden umhüllte uns dieses Gemisch aus Feuchtigkeit und Hitze, das sich anfühlte, als stapfte man durch ein überdimensionales Freiluftdampfbad. Das frische Gewand war nach wenigen Minuten klatschnass geworden. Wer draußen war, konnte der Belastung nicht entkommen. Die Temperatur setzte nicht nur uns zu. Auch unser indischer Guide hatte damit sichtlich zu kämpfen.

Ich erinnere mich an diesen Urlaub, weil gerade eine Hitzewelle über Indien rollt. Sie ist die schlimmste der letzten 100 Jahre. Schon der März war der heißeste seit Beginn der indischen Wetteraufzeichnungen vor 122 Jahren. Im April ist die Temperatur nun auf über 40 Grad gestiegen. Dabei heizt es den indischen Subkontinent normalerweise erst im Mai und Juni so richtig auf. Für Hunderte Millionen Menschen gilt eine Hitzewarnung. CNN berichtet, dass eine Milliarde Menschen - 10 Prozent der Weltbevölkerung - in diesen Tagen unter den hohen Temperaturen leiden.

Man kann sich diese Dimension nur schwer vorstellen. Wie die ARD berichtet, brennt seit Tagen eine große Mülldeponie in Neu-Delhi, über dem Norden der Stadt hängt nun eine giftige Wolke. Der Strom fällt immer wieder aus, weil die Netze der Hitze nicht standhalten – damit funktionieren auch Klimaanlagen nicht mehr. Die New York Times beschreibt, wie die Hitze große Teile der Weizenernte vernichtet hat und Menschen schlicht niederstreckt. Darüber hinaus erkranken Leute, weil sie Lebensmittel gegessen haben, die die Hitze verdorben hat. Und weil die Himalaya-Gletscher rasant schmelzen, steigt die Angst davor, dass die Gletscherseen überlaufen und Siedlungen überfluten könnten.

Am gefährlichsten aber bleibt die Hitze selbst. Sie geht auch in der Nacht nicht mehr weg. Der Mensch hält in der Regel seine Körpertemperatur konstant auf 37 Grad. Wird es draußen heißer, muss sich der Körper ordentlich anstrengen, um nicht zu überhitzen. Er beginnt zu schwitzen, damit das Wasser auf der Haut verdunstet und damit kühlt. Das Herz pumpt bei extremer Hitze zwei bis drei Mal so viel Blut wie sonst in die Hautgefäße der Arme und Beine, damit gibt der Mensch mehr Wärme ab und kühlt den Körper runter. Steigt die Luftfeuchtigkeit, verdunstet der Schweiß aber nicht mehr. Steigt die Temperatur weiter, gibt manches Herz auf.

"Die Hitze ist ein leiser Mörder, der leise Leute tötet", erzählte mir Umweltmediziner Hans-Peter Hutter für eine große Recherche über die Gesundheitsbelastung durch die Klimakrise, die auch längst in unseren Breitengraden zum Problem geworden ist, "die Opfergruppe hat keine Lobby und ist für die meisten unserer Gesellschaft unsichtbar." Wir erinnern uns an den italienischen Militärkonvoi, der zu Beginn der Corona-Pandemie die Leichen aus Bergamo abtransportierte. Aber wer hat noch das Gemüse-Lagerhaus in Rungis wenige Kilometer südlich von Paris im Gedächtnis, das die französischen Behörden kurzerhand beschlagnahmen mussten, um während der Hitzewelle 2003 die vielen zusätzlichen Leichen zu kühlen – weil alle Bestattungsunternehmen voll waren. Die Hitze raffte damals in wenigen Wochen 70.000 Menschen in Europa dahin. Allein in Frankreich waren es 15.000.

15.000 tote Franzosen. Ist das jetzt viel oder wenig? Zum Vergleich: Rechnet man alle Todesopfer von Terroranschlägen seit 1970 in Frankreich zusammen, kommt man auf 554. Wir sprechen also von einem Faktor, der in einem einzigen Sommer 27-mal tödlicher war als ein halbes Jahrhundert Terror.

Indem wir Kohle, Öl und Gas verbrennen, heizen wir den Planeten auf. Dadurch werden Hitzewellen häufiger und dauern länger an. Das heißt nicht nur Schweiß, es bedeutet auch, dass Babys früher zur Welt kommen, Menschen unter psychischem Stress leiden und dass ganze Landstriche unbewohnbar werden. Angesichts der Auswirkungen haben mehr als 200 Medizin-Fachjournale im Herbst vor der Weltklimakonferenz in Glasgow in einem gemeinsamen Vorwort eine Warnung veröffentlicht: "Die größte Bedrohung für die Gesundheit der Weltbevölkerung ist das anhaltende Versagen der führenden Politiker der Welt, den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 °C zu halten und die Natur wiederherzustellen." Dass ausgerechnet Indien bei der letzten Weltklimakonferenz Fortschritte in der Klimapolitik aufgrund von Kohle-Interessen verwässerte, verleiht dem Ganzen nun eine bittere Note.

Das Versagen der Politik trifft die Ärmsten der Welt am härtesten. "Was ist mit denjenigen, die nicht genug sauberes Wasser zu trinken haben, die keine Mittel haben, um ihre Häuser zu kühlen, oder die keine Arbeit haben, die es ihnen erlaubt, in ihren Häusern zu bleiben?", schreibt die indische Klimaforscherin Chandni Singh auf Twitter, die die sengende Hitze gerade selbst am eigenen Leib erfährt, aber reich genug ist, um sich eine Klimaanlage leisten zu können. "Es ist eine große Klima-Ungerechtigkeit, dass diejenigen, die die Hauptlast der aktuellen Hitzewelle zu tragen haben, so wenig zu dem Problem beigetragen haben."

Was in diesen Tagen am indischen Subkontinent passiert, führt uns die vielen Dimensionen der Klimakrise vor Augen - die ökologische, die gesundheitliche und die soziale. Der Tag, vor dem uns WissenschaftlerInnen vor 30 Jahren gewarnt haben, ist heute.

Benedikt Narodoslawsky

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Hiasl und ich ähneln uns zu 99 Prozent, aber größer als der Unterschied unserer DNA ist jener unserer Stellung vor dem Gesetz: Ich habe Grundrechte, Hiasl hat keine. Vor 15 Jahren hat meine Kollegin Nina Horaczek über den spektakulären "Hiasl-Prozess" berichtet. Der Verein gegen Tierfabriken hatte für einen Schimpansen namens Matthias Pan (Hiasl) einen Sachwalter beantragt und zog im Sachwalterverfahren bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Es ging um die Kernfrage, ob ein Schimpanse eine juristische Person ist oder nicht. Der EGMR ließ den Fall aus formalen Gründen abblitzen.

Eine juristische Person hat Rechte und kann sie einklagen. Eine Insolvenzmasse, die so lebendig ist wie ein Stein, ist zum Beispiel eine juristische Person. Ein Schimpanse, der fühlt und denkt, nicht. Einige Länder gehen einen anderen Weg als Österreich. Sie haben die Natur (Ecuador) oder wertvolle Ökosysteme (Neuseeland) zu juristischen Personen gemacht. Dort funktioniert der Naturschutz besonders gut – was in Zeiten des Artensterbens und der Erderhitzung keine schlechte Idee ist. Im aktuellen FALTER habe ich recherchiert, warum wir unser Rechtssystem der Klima- und Biodiversitätskrise anpassen sollten. Den Text lesen Sie hier.

Auf das Thema bin ich übrigens durch den Vortrag "Warum hat die Natur keine Rechte, eine GmbH aber schon?" aufmerksam geworden, den die Klimaanwältin Michaela Krömer vor einem Monat auf dem Symposion Dürnstein gehalten hat. Sie können ihn hier anschauen.

Tierwelt Herberstein

Das oststeirische Ausflugsziel beteiligt sich als wissenschaftlich geführter Zoo an 22 nationalen und internationalen Erhaltungszuchtprogrammen.

Bei diesen Programmen stellen Koordinatoren Paare bzw. Zuchtgruppen zusammen, um eine möglichst große genetische Vielfalt erhalten zu können.

Der erste Zuchterfolg im Jahr 2022: ein Faultier Baby

Chemikalien können uns unfruchtbar machen, unser Hormonsystem schädigen und Krebs verursachen. Am Montag veröffentlichte die EU-Kommission nun Pläne, wie sie Tausende der giftigsten Chemikalien verbieten will.

Das Europäische Umweltbüro (EEB), unter dessen Dach sich mehr als 170 europäische Organisationen versammeln, preist die Ankündigung als "größtes Verbot giftiger Chemikalien aller Zeiten" und spricht bereits von der "großen Entgiftung." Helmut Burtscher-Schaden, Chemie-Experte der Umwelt-NGO Global 2000, analysiert in einer Aussendung: "Europa könnte mit dieser Chemikalienstrategie zum weltweiten Vorbild für den Schutz von Mensch und Umwelt vor gefährlichen Chemikalien werden und eine große Nachfrage nach innovativen und sicheren Chemikalien schaffen." Hoch lebe die EU!

Sonne & Stahl ist der neue Klima-Podcast von Erklär mir die Welt-Macher und Standard-Journalist Andreas Sator. Warum fährt in Münster die halbe Stadt mit dem Rad und in Wien nicht? Der Podcast für alle, die bei der Klimakrise Teil der Lösung sein möchten. Hier auf Spotify abonnieren. Zur Homepage. Auf Instagram liken.

Wenn Sie den Natur-Newsletter schon länger lesen, kennen Sie das Konzept der Planetaren Grenzen bereits: Es beschreibt vereinfacht gesagt, wo der Mensch die Natur überall so stark verändert hat, sodass er damit seine eigene Lebensgrundlage gefährdet. Einige planetare Grenzen haben wir bereits überschritten. In einer neuen Studie hat ein Team aus WissenschaftlerInnen berechnet, dass wir uns nun auch beim Süßwasser in eine gefährliche Situation gebracht haben.

"Wir sind dabei, den Wasserkreislauf tiefgreifend zu verändern. Dies wirkt sich auf die Gesundheit des gesamten Planeten aus und macht ihn deutlich weniger widerstandsfähig gegen Schocks", warnt Lan Wang-Erlandsson, die Hauptautorin der Studie in dieser Meldung.

Heute startet die internationale City Nature Challenge, an der zwölf österreichische Städte und Regionen teilnehmen: Es geht darum, bis 2. Mai "wildlebende Tiere und wildwachsende Pflanzen, Pilze und Flechten zu beobachten und zu dokumentieren". Mitmachen können alle, Vorkenntnisse sind nicht nötig, ein Smartphone wäre gut, Begeisterung für die Natur auch. Alle Infos finden Sie hier.

Und weil hier auch einige JournalistInnen mitlesen: Das Netzwerk Klimajournalismus, in dem sich meine Kollegin Katharina Kropshofer federführend engagiert, hat eine Klimacharta veröffentlicht. Klimajournalismus trage "durch Aufklärung zu einem klaren ethischen und ökologischen Ziel bei: dem Erhalt der Lebensgrundlagen für alle Lebewesen auf diesem Planeten." Dass so viele tolle KollegInnen die Klimacharta bereits unterschrieben haben, macht mir Mut. Dass viele tolle KollegInnen die Klimacharta noch nicht unterschrieben haben, deutet für mich gleichzeitig darauf hin, dass die volle Dimension der Klimakrise von vielen JournalistInnen noch nicht verstanden wurde. Medienschaffende können die Klimacharta hier unterzeichnen.

Dingdingding, Achtung, Sie können jetzt Geld sparen! Falls Sie ein kaputtes Elektrogerät zu Hause haben und es gerne reparieren lassen wollen, können Sie sich ab sofort den "Reparaturbonus" holen. Damit fördert das Klimaschutzministerium Reparaturen mit bis zu 200 Euro. Das Geld stammt aus Mitteln der EU. Wie man den Bon beantragt, welcher Betrieb ihn annimmt, wie man ihn einlöst und Antworten auf viele weitere Fragen erfahren Sie hier. Wofür Sie das ersparte Geld wieder sinnvoll ausgeben können, sehen Sie hier.


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