Leben wie am Plumpsklo - FALTER.natur #58

Gerlinde Pölsler
Versendet am 06.05.2022

Strengere Regeln für Tiertransporte und für das Anbinden von Rindern, das Ende sinnloser Kükentötungen und Verbesserungen für die Schweine: So haben Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und Tierschutzminister Johannes Rauch (Grüne) ihr neues Tierschutzpaket angepriesen. Wobei Rauch einräumte, dass das Paket nur ein erster Schritt sein könne: “Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen.” Damit hat er recht: Die meisten Neuerungen sind bloß geringfügig. Die Pläne für die Schweine sind sogar eine Hiobsbotschaft, und die ebenfalls präsentierte Herkunftskennzeichnung blieb halbherzig. Die wichtigsten Punkte: 

Tiertransporte bleiben lebensgefährlich 

Kälber müssen nun mindestens drei Wochen alt sein, bevor sie bis zu 19 Stunden transportiert werden dürfen. Bisher durften sie auch mit zwei Wochen schon quer durch Europa, meist nach Spanien, gekarrt werden. Doch auch mit drei Wochen sind sie viel zu jung. In den ersten vier bis fünf Wochen trinken Kälber bloß Milch. “Auf den Lkw können sie überhaupt nicht versorgt werden”, sagt Österreichs führender Tiertransport-Experte Alexander Rabitsch: Sie leiden sowohl Hunger als auch Durst, denn mit den Nippeln auf den Transportern kommen sie auch nicht zurecht. 

Während des Transports werden Kälber außerdem immer wieder neu zusammengewürfelt. So kommen sie mit vielen Erregern in Kontakt, denen ihr Immunsystem noch nichts entgegensetzen kann. Viele erkranken nach den Strapazen des Transports. Sogar wenn sie “nur” innerhalb Österreichs transportiert werden, sterben bis zu dreißig Prozent in den Tagen und Wochen danach, wie eine Tierärztin dem FALTER erzählt hat

Verboten wird immerhin der Export von Kälbern in den Nahen Osten und nach Nordafrika, wo sie bisher besonders qualvolle Tötungsmethoden ohne Betäubung erwarteten. 

Verboten wird auch der Export von Tieren in Drittstaaten zum Zweck der Schlachtung und der Mast, nur noch Zuchttiere dürfen in Drittstaaten. Aber sollte sich der Transfer im Jahr 2022 nicht auch mit dem Versand von Samenportionen machen lassen? 

Verbesserung für die ärmsten Rinder

Endlich wird das ganzjährige Anketten von Rindern verboten. Aber erst ab 2030, im AMA-Gütesiegel immerhin ab 2024. Bis zu 270 Tage im Jahr dürfen Rinder weiterhin angebunden werden.

Aus für Kükentöten “ohne vernünftigen Grund”

Das Ende des Tötens von Eintagsküken fordern Tierschützer seit Jahren. Bisher wurden in Österreich mehr als acht Millionen männliche Küken pro Jahr gleich nach dem Schlüpfen vergast (in anderen Ländern werden sie auch geschreddert). Die Buben der aufs Eierlegen spezialisierten Rassen eignen sich nämlich nicht zum Mästen, sie setzen zu wenig Fleisch an – also werden sie zu “Ausschuss”.

Nun wird immerhin das "sinnlose" Töten verboten. Einzige Ausnahme: Wenn die Küken als Futter für Tiere etwa in Zoos oder Greifvogelstationen dienen. 

73 Prozent der neun Millionen männlichen Legerassenküken wurden 2019 laut dem Geflügel-Branchenverband ZAG verfüttert. In Biobetrieben wurden die Hahnenküken zu Masthühnern (elf Prozent). Blieben bisher 16 Prozent, die, kaum geschlüpft, vergast wurden und in die Tierkörperverwertung wanderten. Die Branche hat sich nun verpflichtet, die Geschlechtsbestimmung schon im Ei auszubauen und vermehrt Zweinutzungsrassen einzusetzen.

Schweine leben weiter "wie am Plumpsklo"  

Eine reine Mogelpackung sind die angeblichen Verbesserungen für die Schweine. Weiterhin dürfen die kleinen Eber ohne Betäubung kastriert werden. Und während die Grünen von den Vollspaltenböden wegwollen ("Es darf nicht sein, dass Millionen Schweine auf Vollspaltenböden leiden", so Minister Rauch im März), ist mit der ÖVP da nichts zu machen. 

Wie verheerend für die Gesundheit das Leben auf den harten Böden ohne Einstreu und über den eigenen Exkrementen ist, zeigen vom Verein gegen Tierfabriken regelmäßig veröffentlichte Bilder aus Ställen in ganz Österreich. Erst kürzlich erschütterten Bilder aus einem Kärntner AMA-Gütesiegelbetrieb: Schweine mit riesigen eitrigen Abszessen, blutig-abgebissenen Schwänzen und entzündeten Augen. Die Liste dieser angeblichen "Einzelfälle" ist inzwischen elendslang, siehe auch hier (nochmals Kärnten) und hier (Niederösterreich) oder hier (Oberösterreich).

Laut Bundesregierung aber dürfen die Vollspaltenböden noch ewig bleiben, für bestehende Ställe sieht sie kein Ablaufdatum vor. Für neu und umgebaute Ställe sind die Vorschriften kaum besser: Demnach muss ein Teil des Stalls bloß weniger Spalten aufweisen. Einstreu ist nach wie vor nicht vorgesehen. Und pro Schwein gibt es nur geringfügig mehr Platz: heiße 0,8 Quadratmeter für ein 110-Kilo-Schwein. "In Wahrheit wird der Status quo zementiert", so die NGO Vier Pfoten. Wenn die Bauern nun in solche Ställe neu investieren, wird sich wieder jahrzehntelang nichts ändern. "Eine Sauerei" sei das, sagt die Wiener Tierschutzombudsfrau Eva Persy. "Das Leid der Millionen Schweine, die in Österreich ein Leben wie am Plumpsklo führen müssen, wird für die nächsten Generationen verankert." 

Halbherzige Herkunftskennzeichnung

Gemeinsam mit dem Tierschutzpaket hat die Regierung nach jahrelangem Ringen auch die Herkunftskennzeichnung präsentiert. Am Wochenende war Köstinger bereits im Alleingang damit an die Öffentlichkeit gegangen, der inhaltlich hauptzuständige Minister Rauch soll nicht informiert gewesen sein.

Lebensmittelverarbeiter müssen künftig die Herkunft der Primärzutaten Fleisch, Milch und Eier auf die Verpackung schreiben. Eine Primärzutat ist eine Zutat mit einem Anteil von mindestens 50 Prozent. Oder eine Zutat, die Verbraucher mit einem Lebensmittel verbinden, etwa die Eier in Eierbiskotten. 

Auch öffentliche Gemeinschaftsverpfleger müssen nun angeben, woher diese Zutaten kommen, etwa die Kantinen von Krankenhäusern, Kindergärten oder dem Bundesheer. Davon befreit bleibt die Gastronomie; Köstinger ist eben auch Ministerin für Tourismus. Dass die Verordnung so lange nicht fertig wurde, liegt auch an dem Tauziehen zwischen ÖVP und Grünen, die die Gastro immer dabeihaben wollten.

Indem Köstinger diese ausspart, fällt sie "ihren" Bauern in den Rücken, die sich seit Jahren die Kennzeichnung auch für die Gastronomie wünschen. Immerhin ist der Anteil von ausländischem Fleisch dort besonders hoch. Wenigstens die Jungen im ÖVP-Bauernbund trauen sich das klar auszusprechen. “Die Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie ist in Zukunft unausweichlich“, richteten die Jungbauern ihrer Ministerin aus. 

Ebenfalls außen vor gelassen hat die Koalition die Kennzeichnung der Haltungsbedingungen. Auch die wäre wichtig, denn: Puten und Hühner haben zwar in Österreich etwas mehr Platz als in anderen Ländern. Den konventionell gehaltenen Schweinen geht es hierzulande aber um keinen Deut besser als anderswo. 

Kommen Sie gut durch die Woche,

Gerlinde Pölsler

Tierwelt Herberstein

Das oststeirische Ausflugsziel beteiligt sich als wissenschaftlich geführter Zoo an 22 nationalen und internationalen Erhaltungszuchtprogrammen.

Bei diesen Programmen stellen Koordinatoren Paare bzw. Zuchtgruppen zusammen, um eine möglichst große genetische Vielfalt erhalten zu können.

Der erste Zuchterfolg im Jahr 2022: ein Faultier Baby

Zum Thema passt ein neuer Fleisch-Test von Greenpeace: Die NGO hat Fleisch aus österreichischen Supermärkten auf Krankheitserreger testen lassen, die gegen Antibiotika resistent sind. Das alarmierende Ergebnis: Auf mehr als jeder dritten Probe fanden sich solche Bakterien, die auch für uns Menschen gefährlich sind. Beim Schweinefleisch waren 4 von 14 Proben belastet, bei Putenfleisch waren es gar alle Proben. Auch von 16 Produkten mit dem AMA-Gütesiegel waren sechs Proben betroffen. Beim Menschen können solche resistenten Keime Infektionen hervorrufen, die nur noch schwer zu beherrschen sind und auch tödlich enden können.

Stärker als viele denken

Die PET-Flasche ist alles andere als eine „Flasche“! Warum? Weil sie nicht einfach so den Geist aufgibt bzw. wenn sie das tut, als recycelte Flasche wieder aufersteht.

Stabile Sache so eine PET-Flasche, oder?

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"As langat!" steht auf Protestschildern gegen die Tiroler "Gletscherehe", aus der ein riesiges Skigebiet in unberührter Gletscherlandschaft entstehen soll. Im ganzen Land haben sich Bürgerinitiativen formiert, um den Bodenverbrauch in ihrer Region zu stoppen - von der Kärntner "Rett' ma die Schütt" gegen den Bau eines Logistikzentrums in Villach bis zum steirischen "Wake up Gleisdorf". Pro Jahr verbraucht Österreich eine Fläche in der Größe von Eisenstadt. Die Gründe haben Benedikt Narodoslawsky und ich in der dieswöchigen Covergeschichte "Voll verbaut" beschrieben. Zum Beispiel, dass "man als Bürgermeister nicht mehr Herr der Lage ist", wie der Ortschef von Seiersberg-Pirka, Standort von Österreichs drittgrößtem Einkaufszentrum, erklärt.

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Ein Cityflitzer voller Vorteile: dank des effizienten Vollhybridsystems lässt sich rund 80% der Fahrzeit rein elektrisch zurücklegen, ganz ohne Steckdose. Das bedeutet: weniger Emissionen und geringere Benzinkosten! Beim Kauf bis 30.06.2022 schenkt Keusch Ihnen zusätzlich die ersten 5.000 km Sprit.

Wir wissen zwar prinzipiell, dass die Klimakrise existiert. Aber verstehen wir wirklich, was damit auf uns zukommt? Die deutsche Journalistin Sara Schurmann hat da ihre Zweifel. Sie habe es selbst lange nicht erfasst, schreibt sie in ihrem Buch "Klartext Klima!". Oft habe sie sich vorgestellt, wie sie als Pensionistin mit Kindern und Enkerln einen Radausflug machen werde. Jetzt weiß sie: Im August, wenn sie Geburtstag hat, wird es 2050 zu heiß dafür sein. Katharina Kropshofer hat das Buch vorgestellt.

Sonne & Stahl ist der neue Klima-Podcast von Erklär mir die Welt-Macher und Standard-Journalist Andreas Sator. Warum fährt in Münster die halbe Stadt mit dem Rad und in Wien nicht? Der Podcast für alle, die bei der Klimakrise Teil der Lösung sein möchten. Hier auf Spotify abonnieren. Zur Homepage. Auf Instagram liken.

Die Klimakrise beutelt Länder des globalen Südens schon jetzt besonders stark, ausbeuterische Wirtschaftsbeziehungen verschärfen die Situation zusätzlich: die Zunahme der industriellen Fischerei vor der Küste Senegals etwa, wasserintensive Monokulturen in Trockengebieten in Guatemala und die zunehmende Entwaldung in Kambodscha. Das hat eine Studie der Universität Bologna im Auftrag von Südwind herausgefunden. 

Vögel zählen für den guten Zweck ist am kommenden Wochenende wieder angesagt. BirdLife ruft Vogelfans auf, vom 14. bis 15. Mai 24 Stunden lang möglichst viele Vogelarten zu entdecken und zu zählen. Für jede erfasste Art spenden Sponsoren einen Geldbetrag für Vogel-Artenschutzprojekte. 


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